Fleischer-Innung Herne - Castrop-Rauxel 1889-2022


Die Fleischer-Innung Herne gehörte über mehr als 130 Jahre zu den traditionsreichen Berufsorganisationen des Herner Handwerks. Ihre Wurzeln reichen in das Jahr 1889 zurück. Damit entstand die Innung in einer Zeit, in der sich Herne infolge von Bergbau, Bevölkerungswachstum und Industrialisierung innerhalb weniger Jahrzehnte von einer ländlich geprägten Gemeinde zu einer Industriestadt entwickelte.
Die Innung vertrat die Interessen der selbstständigen Fleischermeister und Fleischereibetriebe, förderte die berufliche Ausbildung und diente als organisatorischer Zusammenschluss des örtlichen Fleischerhandwerks. Eine besonders eindrucksvolle Sachüberlieferung ist die erhaltene Innungsfahne von 1889, die heute zum Bestand der historischen Handwerksfahnen gehört. Die Existenz der Innung für dieses Gründungsjahr wird auch durch die Nordrhein-Westfälische Bibliographie und der überlieferten Festschrift zum 100-jährigen Bestehen bestätigt. [1]
Gründung im Jahr 1889
Das Jahr 1889 ist auf der historischen Fahne ausdrücklich angegeben. Die Fahne ist damit nicht nur ein dekoratives Vereinsobjekt, sondern ein wichtiges Sachzeugnis für die Geschichte des Herner Fleischerhandwerks.
Die Gründung fällt in die Hochphase der Entstehung moderner Handwerksorganisationen im Deutschen Reich. Für die Fleischer bedeutete die Organisation in einer Innung unter anderem eine gemeinsame Interessenvertretung gegenüber Behörden, die Regelung handwerklicher Angelegenheiten sowie die Pflege von Ausbildung und Berufsstand.
Für Herne hatte diese Entwicklung eine besondere Bedeutung. Mit dem starken Bevölkerungswachstum stieg auch der Bedarf an Nahrungsmitteln und damit an handwerklich erzeugten Fleisch- und Wurstwaren. Die Fleischer gehörten zu den wichtigen Versorgungsgewerben der wachsenden Stadt.
Die historische Innungsfahne
Die erhaltene Fahne trägt auf der Vorderseite in großen goldfarbenen Buchstaben die Aufschrift:
- „FLEISCHER INNUNG HERNE 1889“
Das Fahnentuch ist in einem dunklen Weinrot gehalten und mit goldfarbenen Ornamenten, einer umlaufenden Bordüre und goldenen Fransen eingefasst. mittig das traditionelle Motiv des Agnus Dei (Gotteslamm) mit einer Siegesfahne auf einer Wiese, umkränzt von einem gold gestickten Lorbeerkranz.
In den oberen und unteren Ecken befinden sich kleine Wappen- beziehungsweise Emblemfelder. Besonders auffällig ist oben links ein weißes Pferd auf rotem Grund, das an das westfälische Wappenmotiv des Westfalenrosses erinnern soll. Unten befindet sich das alt Herner Stadtwappen. Die heraldischen Darstellungen verweisen damit zugleich auf die regionale Einbindung des Herner Handwerks.
Die Rückseite der Fahne ist wesentlich heller gestaltet. Auf dem goldgelben Tuch befindet sich ein großes, naturalistisch gemaltes Rinderhaupt. Dahinter sind zwei Fleischerbeile gekreuzt. Lorbeer- beziehungsweise Zweige und ein blaues Band ergänzen die Darstellung. Über dem Motiv steht:
- „FLEISCHER INNUNG“
und darunter:
- „HERNE“
Die Darstellung des Rinderkopfes mit den beiden Beilen ist eine ausgesprochen unmittelbare bildliche Darstellung des Fleischerhandwerks.
Eine Fahne als Selbstverständnis des Handwerks
Die Fahne vermittelt sehr deutlich das Selbstverständnis einer historischen Handwerksinnung. Sie vereint mehrere Ebenen:
- Beruf: Rinderkopf und Fleischerbeile verweisen unmittelbar auf das Fleischerhandwerk.
- Standesbewusstsein: Die aufwendig bestickte und bemalte Fahne dokumentiert den Stolz der Handwerker auf ihren Berufsstand.
- Gemeinschaft: Eine Innungsfahne wurde bei Versammlungen, Festzügen und besonderen Anlässen mitgeführt.
- Regionalität: Herner und westfälische Wappenmotive stellen den Berufsstand in einen örtlichen und regionalen Zusammenhang.
- Tradition: Das Gründungsjahr 1889 macht die historische Kontinuität der Organisation sichtbar.
Gerade für die Geschichte des Handwerks sind solche Fahnen deshalb besonders wertvoll. Schriftliche Unterlagen informieren über Satzungen, Mitglieder oder Beschlüsse; die Fahne vermittelt dagegen unmittelbar die symbolische Kultur und das Selbstbild einer Handwerkerorganisation.
Fleischerhandwerk und Gesellenvereine
Bei der Betrachtung der historischen Objekte ist allerdings zwischen der Fleischer-Innung und den verschiedenen Fleischer- beziehungsweise Metzger-Gesellenvereinen zu unterscheiden.
In der Sammlung historischer Handwerksfahnen des Historischen Vereins Herne/Wanne-Eickel wird neben der Fahne der Fleischer-Innung Herne von 1889 beispielsweise auch ein Fleischergesellen-Verein Herne, gegründet 1899, genannt. Daneben existierten entsprechende Gesellenvereine in den Nachbarstädten.

Ein besonders interessantes Vergleichsstück ist der auf dem ersten Bild dokumentierte Satz von Fleischer- bzw. Metzgerbeilen. Auf den Metallteilen ist die Beschriftung
- „Metzger Gesellenverein Castrop-Rauxel 1926“
zu erkennen. Diese Beile gehören somit nicht zur 1889 gegründeten Fleischer-Innung Herne, sind aber ein wertvolles Vergleichsobjekt aus dem regionalen Fleischerhandwerk. Sie zeigen, wie stark die Berufs- und Gesellenvereinigungen ihre Zugehörigkeit durch eigene Symbole, Geräte und Beschriftungen sichtbar machten.
Die Innung im 20. Jahrhundert
Die Fleischer-Innung überdauerte die tiefgreifenden politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen des 20. Jahrhunderts. Für das Jahr 1989 ist eine Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der Fleischer-Innung Herne nachgewiesen. [2] Damit lässt sich die institutionelle Kontinuität von 1889 bis mindestens 1989 eindeutig belegen.
Die Festschrift ist unter dem Titel:
- H. Bendzko
- 100 Jahre Fleischer-Innung Herne 1889–1989, Herne 1989
bibliographisch nachgewiesen. [3]
Gerade diese Festschrift dürfte für eine weitergehende Geschichte der Innung eine zentrale Quelle darstellen. Sie könnte unter anderem Aufschluss über die Vorstände, Mitgliederentwicklung, Lehrlingsausbildung, wirtschaftliche Entwicklung des Fleischerhandwerks und die Veränderungen des Berufsbildes geben.
Die Innung nach der kommunalen Neuordnung
Ein Blick auf die Entwicklung der Handwerksorganisationen nach der kommunalen Gebietsreform zeigt, dass die Fleischer-Innung Herne auch über den engeren Stadtraum hinaus organisatorisch eingebunden war.
Eine amtliche Übersicht des Landes Nordrhein-Westfalen von 2001 führt die Fleischer-Innung Herne mit Sitz in Herne und einem Innungsbezirk, der Herne und Castrop-Rauxel in den Grenzen vom 31. Dezember 1974 umfasste. Gleichzeitig wird dort eine eigenständige Fleischer-Innung Wanne-Eickel aufgeführt, deren Sitz damals in Gelsenkirchen angegeben wird. [4] Damit ist eine wichtige Besonderheit der regionalen Handwerksgeschichte dokumentiert: Die Grenzen der Innungen entsprachen nicht automatisch den politischen Stadtgrenzen.
Die letzten Jahre
Die Geschichte der Fleischer-Innung Herne endete erst im 21. Jahrhundert.
Nach einer offiziellen Bekanntmachung der Kreishandwerkerschaft Ruhr beschlossen die Mitglieder in ihrer Innungsversammlung am 20. Dezember 2022 einstimmig die Auflösung der Fleischer-Innung Herne. Zu Liquidatoren wurden der damalige Obermeister Detlef Holz und Rüdiger Sprick bestellt. [5]
Die Kreishandwerkerschaft Ruhr veröffentlichte die Liquidation anschließend als offizielle Bekanntmachung.
Damit endete nach rund 133 Jahren die eigenständige institutionelle Geschichte der Fleischer-Innung Herne.
Das Ende der Innung steht im Zusammenhang mit der langfristigen Veränderung des Fleischerhandwerks: Die Zahl selbstständiger Fleischereibetriebe ist gegenüber der Zeit der Gründung erheblich zurückgegangen, während sich Betriebsstrukturen, Lebensmittelhandel, industrielle Produktion und Anforderungen an Ausbildung und Vermarktung grundlegend verändert haben.
Bedeutung für die Stadtgeschichte
Die Geschichte der Fleischer-Innung ist zugleich ein Teil der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Hernes. Fleischereien waren über Generationen Bestandteil der lokalen Nahversorgung. Hinter ihnen standen Familienbetriebe, Meister, Gesellen und Lehrlinge sowie ein umfangreiches Netz von Zulieferern und Kunden. Die erhaltene Fahne macht diese Geschichte besonders anschaulich. Sie zeigt, dass die Fleischermeister ihren Zusammenschluss nicht lediglich als berufliche Interessenvertretung verstanden, sondern als Handwerksgemeinschaft mit eigener Tradition, Symbolik und öffentlichem Auftreten.
Zusammen mit den erhaltenen Fahnen und Geräten anderer Handwerksorganisationen ergibt sich ein bemerkenswertes Bild der historischen Handwerkskultur in Herne und den Nachbarstädten.
Die Sammlung historischer Handwerksfahnen dokumentiert unter anderem die Fleischer-Innung Herne von 1889, den Fleischergesellen-Verein Herne von 1899 sowie zahlreiche weitere Herner und Wanne-Eickeler Innungen und Gesellenvereine. [6]
Die historischen Fahnen als Erinnerungsstücke
Die beiden Seiten der Fahne sind für die heutige Erinnerungskultur besonders interessant. Während die Vorderseite mit dem stilisierten Wild, den Beilen und der dunklen Farbgebung einen eher repräsentativen Charakter besitzt, zeigt die Rückseite mit dem Rinderkopf, den gekreuzten Beilen und dem Schriftzug „Fleischer-Innung Herne 1889“ unmittelbar den Beruf.
Die Fahne ist damit zugleich Handwerkszeug im übertragenen Sinne und Erinnerungsobjekt. Sie erzählt von einer Zeit, in der Innungen nicht nur Verwaltungs- und Berufsorganisationen waren, sondern auch einen wichtigen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens der Stadt darstellten.
Heute ist die Fahne deshalb ein bedeutendes Sachzeugnis der Herner Handwerksgeschichte.
Quellen
- H. Bendzko: 100 Jahre Fleischer-Innung Herne 1889–1989, Herne 1989. Nachweis im Stadtarchiv Herne, Bestand 715, A 12. Deutsche Digitale Bibliothek
- Stadtarchiv Herne, Bestand 715 „Innungen und Verbände“, A 12, Fleischer-Innung Herne; enthält zwei Exemplare der Festschrift zum 100-jährigen Bestehen. Deutsche Digitale Bibliothek
- Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Nordrhein-Westfalen, 2001, Übersicht der Innungen im Bereich Herne/Castrop-Rauxel/Wanne-Eickel. Recht.NRW
- Kreishandwerkerschaft Ruhr, Bekanntmachung der Liquidation der Fleischer-Innung Herne; Beschluss zur Auflösung vom 20. Dezember 2022. Kreis Handwerkerschaft Ruhr
- Zeitungsportal NRW (zeit.punkt NRW), Portal für digitalisierte historische Zeitungen Nordrhein-Westfalens. Zeitpunkt NRW
Verwandte Artikel
Einzelnachweise
| Dieser Artikel, diese genealogische oder textliche Zusammenstellung bzw. dieses Bild wird von Andreas Janik (ehem. Johann-Conrad) für das Wiki der Herner Stadtgeschichte zur Verfügung gestellt und unterliegt dem Urheberrecht. Bei einer Verwendung dieser Abbildung und/oder dieses Textes - auch als Zitat - außerhalb des Wikis der Herner Stadtgeschichte ist die Genehmigung beim Autor einzuholen. |
ⓘ Hinweis:



Dieser Artikel / dieses Bild wurde unter Nutzung von KI-generierten Inhalten erstellt und anschließend redaktionell geprüft.
Die automatisierte Erstellung diente als Grundlage und wurde von menschlichen Bearbeiterinnen inhaltlich und sprachlich überarbeitet, um Richtigkeit und Verständlichkeit sicherzustellen.
KI-generierte Bilder stellen eine Interpretation dar und basieren auf überprüfbaren Vorlagen sowie den Angaben der Erstellerinnen.
