Fleischer-Gesellenverein „Brüderschaft“ Herne


Der Fleischer-Gesellenverein „Brüderschaft“ gehörte im frühen 20. Jahrhundert zu den handwerklichen Berufsvereinen in Herne. Er verband die berufliche Interessenvertretung und fachliche Weiterbildung mit dem geselligen Vereinsleben der im Fleischerhandwerk tätigen Gesellen und Meister. Besonders deutlich tritt diese Verbindung während eines im Januar 1931 veranstalteten vierwöchigen Fortbildungskurses hervor, der mit einer öffentlichen Ausstellung der handwerklichen Arbeiten im Hotel Schlenkhoff abgeschlossen wurde.
Ein wichtiges Sachzeugnis der Vereinsgeschichte ist eine erhaltene Vereinsfahne mit der Jahreszahl 1899. Sie dokumentiert die damalige Selbstauffassung des Vereins und verbindet die Berufsbezeichnung der Fleischergesellen mit den traditionellen Symbolen des Fleischerhandwerks.
Geschichte
Gründung und frühe Jahre
Die überlieferte Vereinsfahne trägt die Jahreszahl 1899. Damit ist für den Fleischer-Gesellenverein in Herne spätestens für dieses Jahr eine organisierte Vereinsgemeinschaft nachgewiesen. Ob 1899 tatsächlich das Gründungsjahr war oder ob die Jahreszahl beispielsweise auf die Stiftung beziehungsweise Anschaffung der Fahne verweist, lässt sich nach dem gegenwärtig bekannten Quellenstand nicht abschließend entscheiden. Die Fahne ist daher als wichtiger zeitgenössischer Beleg, nicht aber ohne weitere archivalische Belege als sicherer Gründungsnachweis zu werten.
Die Bezeichnung „Brüderschaft“ verweist auf eine im Handwerk verbreitete Tradition. Berufsbezogene Gesellenvereinigungen verstanden sich nicht ausschließlich als wirtschaftliche Interessenvertretungen, sondern auch als soziale Gemeinschaften. Der Begriff knüpfte an ältere Formen handwerklicher Gesellen- und Bruderschaftsorganisationen an. Vergleichbare Fleischergesellenvereine bestanden in zahlreichen deutschen Städten.
Für Herne ist die Entwicklung vor dem Ersten Weltkrieg noch nicht ausreichend dokumentiert. Die erhaltene Fahne zeigt jedoch, dass der Verein bereits um die Jahrhundertwende über ein repräsentatives Vereinszeichen verfügte. Die Anschaffung einer solchen Fahne war mit erheblichem finanziellen und organisatorischen Aufwand verbunden und hatte für die Selbstdarstellung eines Vereins eine besondere Bedeutung.
Vereinsleben und berufliche Weiterbildung
Die Tätigkeit des Vereins beschränkte sich nicht auf gesellige Veranstaltungen. Eine zentrale Bedeutung hatte die fachliche Ausbildung. Dies wird besonders durch einen im Januar 1931 veranstalteten Fortbildungskursus deutlich.
Die Herner Volkszeitung berichtete am 24. Januar 1931, dass der Fleischergesellenverein „Brüderschaft“ unter dem Protektorat der Herner Fleischerinnung einen freiwilligen vierwöchigen Fortbildungskursus durchführte. Geleitet wurde der Kurs von einem Fachlehrer aus Werden. Veranstaltungsort war das Lokal Bernicken am Gertrudenplatz, wo den Teilnehmern zugleich eine Wurstküche mit den erforderlichen Nebenräumen zur Verfügung stand.[1]
Bemerkenswert ist die Zusammensetzung der Teilnehmer. Nach dem Zeitungsbericht nahmen 34 Meister und Gesellen sowie acht Damen an dem Kursus teil. Der Kursus verband damit offenbar einen Kreis von Personen aus dem unmittelbaren beruflichen Umfeld des Fleischerhandwerks und beschränkte sich nicht auf eine rein formale Unterweisung von Gesellen.[2]
Ziel war eine theoretische und praktische Fortbildung in den verschiedenen Bereichen des Fleischerberufs. Damit reagierte der Verein auf die zunehmenden fachlichen Anforderungen an das moderne Fleischerhandwerk. Die praktische Ausbildung bezog sich nicht allein auf die Herstellung von Wurstwaren, sondern auch auf deren Präsentation und die zeitgemäße Gestaltung von Fleischereierzeugnissen.
Die Ausstellung im Hotel Schlenkhoff 1931
Als Abschluss des vierwöchigen Kurses war eine Ausstellung vorgesehen. Sie fand am 31. Januar und 1. Februar 1931 im Hotel Schlenkhoff statt.[3]
Die Ausstellung sollte die während des Kurses gefertigten Arbeiten einer größeren Öffentlichkeit vorstellen. Das angekündigte Programm vermittelt einen ungewöhnlich anschaulichen Einblick in die damalige fachliche Ausbildung im Fleischerhandwerk. Gezeigt werden sollten unter anderem:
- verschiedene Wurstsorten,
- Talgarbeiten,
- Braten,
- Rouladen,
- Pasteten,
- Dekorationen,
- Garnierungen,
- ein gedeckter Tisch der Neuzeit.
Damit wurde das Fleischerhandwerk nicht nur als Tätigkeit der Schlachtung und Fleischverarbeitung dargestellt. Vielmehr präsentierte sich der Beruf als handwerkliche Kunst, bei der Herstellung, Gestaltung und Verkauf miteinander verbunden waren.
Die Ausstellung war zugleich Teil einer zeitgenössischen Aufwertung des Handwerks. Bei der Eröffnung wurde darauf hingewiesen, dass sie als Auftakt für die vom 15. bis 22. Februar 1931 vorgesehene Deutsche Handwerkerwoche verstanden werden sollte.[4]
Die Eröffnung fand unter reger Beteiligung statt. Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden der „Brüderschaft“, Herrn Pins, und den Obermeister der Herner Fleischerinnung, Hülswitt, sprach der Bezirksvertreter des Fleischerverbandes, Multhaupt. Er bezeichnete die Ausstellung als Auftakt zur bevorstehenden Deutschen Handwerkerwoche und eröffnete sie mit dem Wahlspruch „Gott segne das ehrbare Handwerk“.[5]
Der zeitgenössische Bericht hob besonders die handwerkliche Qualität der ausgestellten Erzeugnisse hervor. Die Ausstellung sollte damit nicht nur den Fachleuten, sondern auch der allgemeinen Öffentlichkeit die Leistungsfähigkeit des Fleischerhandwerks vor Augen führen.[6]
Die Vereinsfahne von 1899
Die erhaltene Fahne gehört zu den aussagekräftigsten Sachzeugnissen des Herner Fleischer-Gesellenvereins. Sie besteht aus zwei unterschiedlich gestalteten Seiten und zeigt eine für handwerkliche Vereinsfahnen des späten 19. Jahrhunderts charakteristische Verbindung von Schrift, Berufssymbolik, Ornament und heraldisch anmutender Gestaltung.

Vorderseite
Die Vorderseite ist in hellem, cremefarbenem Grundton gehalten. Im oberen Bereich steht in großer historisierender Schrift:
„Fleischer Gesellen Verein“
Darunter befindet sich das zentrale Vereinszeichen. Es zeigt einen stilisierten roten Rinderkopf mit Hörnern. Hinter beziehungsweise unter dem Kopf sind zwei gekreuzte Fleischerbeile beziehungsweise Schlachtwerkzeuge angeordnet. Das Motiv verbindet damit unmittelbar das Tier, das Ausgangspunkt des Fleischerhandwerks ist, mit den Werkzeugen des Berufes.
Das Wappenmotiv wird von einer ornamental gestalteten Umrahmung eingefasst. Oberhalb des Wappens befindet sich eine kronenartige Bekrönung. Seitlich wachsen stilisierte Eichenblätter und Eichenlaubornamente empor. Die Eiche war in der Vereinsikonographie des Kaiserreichs ein häufig verwendetes Sinnbild für Stärke, Dauer und Beständigkeit. Ein Spruchband mit den Worten: "Sich regen bringt Segen" vollendet die Komposition.
Unterhalb des zentralen Motivs befindet sich ein Schriftband beziehungsweise ein Schild mit der Jahreszahl 1899. Am unteren Rand steht nochmals deutlich Herne. Die Kombination aus Vereinsbezeichnung, Jahreszahl und Ortsangabe macht die Fahne eindeutig als repräsentatives Zeichen des Herner Vereins kenntlich.
Die Gestaltung ist deutlich von der handwerklichen Vereins- und Fahnenkunst des späten 19. Jahrhunderts geprägt. Besonders charakteristisch sind die symmetrische Ornamentik, die geschwungenen Schriftzüge, die floralen Elemente und die zentrale, wappenähnliche Darstellung.
Rückseite

Die Rückseite unterscheidet sich in ihrer Farbigkeit und Gestaltung deutlich von der Vorderseite. Sie besitzt einen kräftig roten Grund und ist ebenfalls reich ornamentiert. Die umlaufende Beschriftung nimmt einen großen Teil der Fläche ein.
- Transkription der Inschriften
- Oben
- „Eintracht und Liebe im schönem Verein“
- Unten
- „erhalt’ dem Leben den Jugendschein“
Der Sinnspruch ist entlehnt der letzten Zeilen des Gedichts: "Die vier Weltalter" von Friedrich Schiller: "Gesang und Liebe in schönem Verein, Sie erhalten dem Leben den Jugendschein."[7]
Im Mittelpunkt steht ein brüderschaftliches Symbol. Zu erkennen innerhalb eines dunklen, wappenartigen Feldes zwei Händeschutelnde bzw. Festhaltende Hände. Darüber befindet sich eine Bekrönung in Form eines Bienenkorbes als Symbol des Fleißes. Das zentrale Motiv wird von Blattwerk, Ranken und ornamental ausgeführten Bändern umgeben.
An den vier Eckbereichen befinden sich kleine runde Medaillons mit weiteren Werkzeugdarstellungen. Dadurch wird die gesamte Fahnenfläche konsequent auf die handwerkliche Identität des Vereins bezogen.
Die rote Grundfarbe erzeugt zusammen mit den goldfarbenen, grünen und dunklen Ornamenten einen besonders repräsentativen Eindruck. Gleichzeitig zeigt der heute stark beschädigte Zustand die empfindliche Materialität der historischen Fahne. Zahlreiche Risse, Fehlstellen, Abschürfungen und Abplatzungen haben die ursprüngliche Bemalung beeinträchtigt. Dennoch sind wesentliche Teile der Gestaltung und der Beschriftung erhalten geblieben.
Symbolik
Die Bildsprache der Fahne ist eindeutig berufsbezogen. Der Rinderkopf, die Fleischerbeile beziehungsweise Schlachtwerkzeuge und die weiteren Geräte verweisen unmittelbar auf das Fleischerhandwerk. Die Fahne diente damit nicht nur als Vereinszeichen, sondern machte den beruflichen Charakter der Gemeinschaft auch im öffentlichen Raum sichtbar.
Die Verwendung von Wappenformen, Eichenlaub, Kronenornamenten und historisierender Schrift entsprach der Vereinsästhetik des späten Kaiserreichs. Der Verein präsentierte sich damit als traditionsbewusste und zugleich selbstständige handwerkliche Gemeinschaft.
Besonders aufschlussreich ist die Verbindung zwischen der alten Fahne und dem 1931 dokumentierten Vereinsleben. Während die Fahne die gemeinschaftliche und berufsständische Identität der Fleischergesellen sichtbar macht, zeigen die Fortbildungskurse und die Ausstellung von 1931 die praktische Seite dieser Gemeinschaft: Pflege und Weitergabe handwerklicher Kenntnisse sowie die öffentliche Darstellung der Leistungsfähigkeit des Gewerbes.
Das Fleischerhandwerk im Wandel
Der Fortbildungskursus von 1931 lässt zugleich erkennen, wie sich die Anforderungen des Fleischerhandwerks in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verändert hatten. Neben der eigentlichen Herstellung von Fleisch- und Wurstwaren gewannen Präsentation, Dekoration und zeitgemäße Warenpräsentation an Bedeutung.
Die angekündigte Darstellung eines gedeckten Tisches der Neuzeit zeigt beispielsweise, dass die Ausbildung auch Fragen der Warenpräsentation und des zeitgemäßen Auftretens gegenüber dem Kunden einbezog. Rouladen, Pasteten, Braten und Garnierungen verlangten neben handwerklicher Fertigkeit auch gestalterisches Können.
Die Ausstellung im Hotel Schlenkhoff kann deshalb als Beispiel für die damalige Verbindung von Berufsbildung, Handwerkswerbung und Vereinsleben verstanden werden. Sie machte die Leistungen der Herner Fleischer einer größeren Öffentlichkeit zugänglich und stellte zugleich den beruflichen Anspruch der „Brüderschaft“ heraus.
Bedeutung für die Herner Stadtgeschichte
Der Fleischer-Gesellenverein „Brüderschaft“ ist ein Beispiel für die Vielzahl beruflicher Vereinigungen, die das gesellschaftliche Leben des industriell wachsenden Herne im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert prägten. Neben den großen Arbeiterorganisationen, politischen Vereinen und konfessionellen Verbänden bestanden zahlreiche kleinere Berufs- und Gesellenvereine, in denen sich Handwerker ihres jeweiligen Gewerbes zusammenschlossen.
Gerade die erhaltene Fahne besitzt dabei einen hohen Quellenwert. Sie dokumentiert nicht nur den Namen und die örtliche Zuordnung des Vereins, sondern vermittelt zugleich Vorstellungen von Berufsehre, handwerklicher Identität und Gemeinschaft, wie sie um 1900 in Vereinszeichen zum Ausdruck gebracht wurden.
Die Zeitungsberichte von 1931 ergänzen dieses Sachzeugnis um eine zweite Ebene: Sie zeigen den Verein mehr als drei Jahrzehnte nach der auf der Fahne angegebenen Jahreszahl als weiterhin aktiven Zusammenschluss, der sich der beruflichen Fortbildung widmete und mit der Ausstellung im Hotel Schlenkhoff öffentlich in Erscheinung trat.
Quellen und Literatur
- Herner Volkszeitung, 24. Januar 1931, Fortbildungskursus für Fleischergesellen.
- Herner Volkszeitung, 3. Februar 1931, Bericht über die Ausstellung des Fleischergesellenvereins „Brüderschaft“ im Hotel Schlenkhoff.
- Historischer Verein Herne/Wanne-Eickel e. V., erhaltene Vereinsfahne des Fleischer-Gesellenvereins Herne, datiert 1899.
Verwandte Artikel
Einzelnachweise
- ↑ Herner Volkszeitung, 24. Januar 1931, „Fortbildungskursus für Fleischergesellen“.
- ↑ Herner Volkszeitung, 24. Januar 1931, „Fortbildungskursus für Fleischergesellen“.
- ↑ Herner Volkszeitung, 24. Januar 1931, „Fortbildungskursus für Fleischergesellen“.
- ↑ Herner Volkszeitung, 3. Februar 1931, Bericht über die Ausstellung des Fleischergesellenvereins „Brüderschaft“ im Hotel Schlenkhoff.
- ↑ Herner Volkszeitung, 3. Februar 1931.
- ↑ Herner Volkszeitung, 3. Februar 1931.
- ↑ https://projekt-gutenberg.org/authors/friedrich-schiller/books/gedichte/chapter/52/
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