Eugen Utsch (1884-1933) Kaufmann
Eugen Franz Carl Anton Utsch (* 28. April 1884 in Trier; † 19. Juli 1933 in Herne) war ein Kaufmann, staatlicher Lotterieeinnehmer und ehemaliger Hauptmann. In Herne war er insbesondere durch seine militärische Laufbahn und sein Engagement im Kriegervereinswesen bekannt. Er war Vorsitzender des Kriegervereins Herne-Bahnhof und wurde 1928 in der örtlichen Presse als Nachkomme des „Jägers aus Kurpfalz“ vorgestellt.[1]
Leben und Familie
Eugen Utsch wurde am 28. April 1884 in Trier als Sohn des Försters Franz Anton Utsch (1836–1902) und dessen Ehefrau Maria Lewig (1847–1914) geboren. Sein Vater hatte Maria Lewig am 1. Juni 1871 geheiratet. Beide Eltern starben in Bonn.

1912 machte er sich in Herne als Fachhändler für Zigaretten und Zigarren und als Lotterieeinnehmer im 1911 erbauten Haus Bahnhofstraße 97 selbstständig. Später gesellte sich ein Reisebüro mit Schwerpunkt "Auswanderung" hinzu.

Am 3. Januar 1913 heiratete Eugen Utsch Anna Auguste Wichmann, genannt Elpermann, die am 21. Juni 1892 in Telgte geboren wurde und am 8. Januar 1988 in Waldshut starb.
Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor.
Friedrich Wilhelm Utsch wurde am 25. Oktober 1919 in Herne geboren. Er promovierte zum Dr. jur. und war als Rechtsanwalt tätig. Er starb am 18. Februar 2011 in Emmendingen. Friedrich Wilhelm Utsch war 1957–1975 Bürgermeister von Waldshut-Thiengen.
Der jüngere Sohn Gebhard Utsch wurde am 27. Januar 1923 in Herne geboren. Er arbeitete als Kaufmann und Hotelier und starb am 28. Januar 2015 in Bad Bergzabern.
Eugen Utsch wohnte zuletzt in der Manteuffelstraße 7 in Herne.
Militärischer Werdegang
Während des Ersten Weltkriegs diente Utsch als Offizier. Die zeitgenössischen Berichte des Herner Anzeigers dokumentieren seine Beförderungen und Auszeichnungen.
Am 18. September 1914 veröffentlichte die Zeitung einen Feldpostgruß Utschs. Er berichtete darin von seinem Einsatz beim Bahnschutz und von Gefechten mit Ausfalltruppen aus dem Raum Antwerpen. In seinem Schreiben erwähnte er auch, dass sein Bataillon ein Dorf in Brand gesetzt habe, aus dem zuvor auf die Soldaten geschossen worden sei.[2]
Am 3. November 1914 meldete der Herner Anzeiger seine Beförderung zum Oberleutnant. Der Bericht hob hervor, dass Utsch als Leutnant und Kompanieführer am Sturm auf Antwerpen teilgenommen hatte.[3]
Im Juli 1917 wurde Utsch mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet. Die Verleihung erfolgte nach dem Zeitungsbericht während der Kämpfe bei Kowel und Luck. Im August desselben Jahres meldete die Zeitung eine weitere Auszeichnung: Utsch, inzwischen Hauptmann und Bataillonsführer, erhielt das österreichische Verdienstkreuz III. Klasse mit der Kriegsdekoration. Der Bericht nennt außerdem das Eiserne Kreuz I. und II. Klasse sowie den Bayerischen Verdienstorden mit Schwertern.[4][5]
Nach dem Krieg führte Utsch den Rang eines Hauptmanns außer Dienst. Neben seiner zivilen Tätigkeit blieb er den militärischen Traditionsverbänden verbunden.

So leitete er als Nachfolger Jean Vogels seit 1926 den Verbündete Krieger- und Landwehr-Verein Bahnhof.
Der Nachkomme des „Jägers aus Kurpfalz“
Eine besondere Erwähnung fand Eugen Utsch im Herner Anzeiger vom 3. Oktober 1928. Anlass war eine für den 7. Oktober angekündigte Aufführung der Volksoperette „Der Jäger aus Kurpfalz“ durch den Herner Orchesterverein.
Der Zeitungsbericht stellte einen Bezug zwischen dem bekannten Volkslied „Ein Jäger aus Kurpfalz“ und der Familie Utsch her. Eugen Utsch war nachweislich ein Nachkomme Friedrich Wilhelm Utschs (1732–1795) gewesen, der als Erbförster im Dienst des Mainzer Kurfürsten gestanden. Der Bericht verwies auf ein Familienbuch, das Utsch der Redaktion zur Einsicht überlassen hatte und das die Abstammung seiner Familie bis in die Anfänge des 17. Jahrhunderts zurückverfolgt haben soll.[6] Utsch war ein UrUrenkel des Jägers.

Das Begräbnis im Zeichen nationaler und nationalsozialistischer Inszenierung
Der plötzliche Tod Eugen Utschs am 19. Juli 1933 fiel in die frühe Phase der nationalsozialistischen Diktatur. Adolf Hitler war seit knapp sechs Monaten Reichskanzler; die Ausschaltung politischer Gegner und die Gleichschaltung staatlicher und gesellschaftlicher Organisationen waren bereits in vollem Gange.[7]
Utsch war erst am 1. Mai 1933 der NSDAP beigetreten. Zwischen seinem Eintritt und seinem Tod lagen somit nur knapp drei Monate. Die kurze Dauer der Mitgliedschaft ist für die historische Bewertung wesentlich: Aus ihr allein lassen sich weder die Intensität seiner politischen Überzeugungen noch seine Beteiligung an nationalsozialistischen Aktivitäten ableiten.
Der Bericht des Herner Anzeigers vom 21. Juli 1933 über die Trauerfeier zeigt allerdings, wie eng die öffentliche Ehrung des Verstorbenen mit dem nationalistischen und nationalsozialistischen Organisationsmilieu verbunden war. Das Begräbnis war weit mehr als eine private Abschiednahme. Uniformierte Verbände, Fahnen mit Trauerflor, Gewehrformationen, militärische Kommandos und eine dreifache Gewehrsalve verliehen dem Trauerzug einen ausgeprägt militärischen Charakter.
Bereits vor dem Wohnhaus in der Manteuffelstraße standen vaterländische Verbände bereit. Beim Heraustragen des Sarges präsentierte eine Gewehrgruppe. Der Sarg war mit Helm und Degen sowie einem Eichenkranz geschmückt. Die zahlreichen Orden und Auszeichnungen des Verstorbenen wurden auf einem Samtkissen vorangetragen. Fünf Musikkapellen begleiteten den Trauerzug, der durch die beiderseits von Menschen besetzte Bahnhofstraße führte.
Diese Formen der Ehrung knüpften an die Tradition des wilhelminischen Kaiserreichs und der nach dem Ersten Weltkrieg fortbestehenden Kriegervereine an. Zugleich verliehen sie dem Verstorbenen öffentlich den Rang eines nationalen und militärischen Vorbildes. Der Trauerzug stellte Disziplin, Kameradschaft, Opferbereitschaft und militärische Ehre sichtbar zur Schau.
Die Präsenz der NSDAP, SA und SS
Besondere Aufmerksamkeit verdient die im Zeitungsbericht ausdrücklich aufgeführte Teilnahme der Kreisleitung der NSDAP, eines SA-Sturmbanns, der SA-Reserve, einer SS-Formation und der örtlichen Stahlhelm-Organisation. Die nationalsozialistischen Verbände traten dabei nicht isoliert auf, sondern reihten sich in einen großen Zug ein, an dem auch traditionelle Kriegervereine, der Deutsche Offiziersbund, die Polizei, der Turnklub Herne und der Männergesangverein 1862 beteiligt waren.
Gerade diese Verbindung ist historisch aufschlussreich. Die NSDAP und ihre Formationen präsentierten sich im öffentlichen Raum gemeinsam mit etablierten bürgerlichen, militärischen und nationalistischen Organisationen. Dadurch erschienen die nationalsozialistischen Verbände als Teil einer vermeintlich geschlossenen nationalen Gemeinschaft. Die Grenzen zwischen älterem Nationalismus, militärischer Traditionspflege und dem neuen Herrschaftsanspruch der NSDAP wurden in der öffentlichen Darstellung weniger deutlich.
Die Gleichschaltungspolitik des Jahres 1933 zielte darauf, die gesellschaftliche Vielfalt der Weimarer Republik durch eine zunehmend nationalsozialistisch geprägte Ordnung zu ersetzen. Die Inszenierung geschlossener Formationen, Uniformen und Fahnen gehörte zu den Mitteln, mit denen Einheit und Disziplin demonstriert werden sollten.[8] Das Begräbnis Utschs lässt sich vor diesem Hintergrund als ein öffentliches Ereignis verstehen, bei dem nationalsozialistische Organisationen gemeinsam mit den traditionellen nationalen Verbänden Präsenz zeigten.
Ob die Feier ausdrücklich von der NSDAP als Propagandaveranstaltung geplant oder gesteuert wurde, ist anhand des vorliegenden Zeitungsberichts nicht nachzuweisen. Belegt ist jedoch, dass die Partei und ihre Gliederungen sichtbar an der Trauerfeier teilnahmen. Die politische Wirkung einer solchen Veranstaltung konnte über die persönliche Würdigung des Toten hinausreichen: Sie machte die organisatorische Stärke und die öffentliche Präsenz der nationalsozialistischen Bewegung in Herne sichtbar.
Die kurze NSDAP-Mitgliedschaft und ihre Grenzen

Eugen Utsch war zum Zeitpunkt seines Todes erst seit dem 1. Mai 1933 Mitglied der NSDAP (Mitgl. Nr. 3194869). Er starb am 19. Juli desselben Jahres, also nach rund 79 Tagen Parteimitgliedschaft. Es wäre deshalb nicht gerechtfertigt, ihn allein aufgrund der Teilnahme nationalsozialistischer Organisationen an seiner Beerdigung als langjährigen Nationalsozialisten oder als Funktionär der Partei zu charakterisieren.
Ebenso wenig darf die kurze Mitgliedschaft verharmlost werden. Der Beitritt erfolgte nicht vor, sondern nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und nach dem Beginn der systematischen Zerschlagung der demokratischen Ordnung. Utsch trat der Partei in einer Zeit bei, in der die nationalsozialistische Herrschaft bereits mit staatlichen Machtmitteln, politischer Gewalt und der Verfolgung von Gegnern durchgesetzt wurde.[9]
Seine militärische Vergangenheit, seine führende Stellung im Kriegervereinswesen und die Ausrichtung der Trauerfeier zeigen jedoch, dass er in einem national geprägten gesellschaftlichen Umfeld verankert war, in dem die nationalsozialistischen Organisationen 1933 öffentlich auftraten.
Die historische Einordnung muss daher zwei Ebenen unterscheiden: Utschs persönliche politische Haltung lässt sich aus den bislang bekannten Quellen nur begrenzt rekonstruieren. Die öffentliche Darstellung seines Todes dagegen dokumentiert deutlich, wie traditionelle militärische Ehrvorstellungen und die Präsenz der NSDAP, SA und SS in Herne miteinander verbunden wurden.
Quellenkritische Bewertung
Der Bericht des Herner Anzeigers ist eine wichtige zeitgenössische Quelle für Ablauf, Teilnehmer und Symbolik der Trauerfeier. Er ist zugleich eine journalistische Darstellung und kein neutraler Nachweis für die politische Haltung jedes einzelnen Teilnehmers. Die Bezeichnung des Verstorbenen als verdienter Kamerad und die ausführliche Schilderung der militärischen Ehrungen geben die Perspektive der damaligen nationalen Gedenkkultur wieder.[10]
Quellen
- Herner Anzeiger, 18. September 1914: Feldpostgruß von Eugen Utsch.
- Herner Anzeiger, 3. November 1914: Beförderung zum Oberleutnant.
- Herner Anzeiger, 6. Juli 1917: Verleihung des Eisernen Kreuzes I. Klasse.
- Herner Anzeiger, 16. August 1917: Verleihung des österreichischen Verdienstkreuzes III. Klasse mit der Kriegsdekoration.
- Herner Anzeiger, 3. Oktober 1928: Ankündigung der Operette „Der Jäger aus der Pfalz“ und Hinweis auf die Abstam
Verwandte Artikel
- Aus der Geschichte der Bahnhofstraße VI (← Links)
- Verbündete Krieger- und Landwehr-Verein Bahnhof (← Links)
Quellen
- ↑ Herner Anzeiger, 3. Oktober 1928.
- ↑ Herner Anzeiger, 18. September 1914.
- ↑ Herner Anzeiger, 3. November 1914.
- ↑ Herner Anzeiger, 6. Juli 1917.
- ↑ Herner Anzeiger, 16. August 1917.
- ↑ Herner Anzeiger, 3. Oktober 1928.
- ↑ Deutsches Historisches Museum: LeMO, „Die Gleichschaltung 1933“.
- ↑ Deutsches Historisches Museum: LeMO, „Die Gleichschaltung 1933“; Bundeszentrale für politische Bildung: „Ausbau des Führerstaates“.
- ↑ Bundeszentrale für politische Bildung: „Ausnahmerecht, Gewalt und Selbstgleichschaltung. Die ‚Machtergreifung‘ der NSDAP 1933“, 20. Januar 2023.
- ↑ Herner Anzeiger, 28./29. Jahrgang, Nr. 169, 21. Juli 1933, Bericht über die Trauerfeier für Hauptmann a. D. Eugen Utsch.

