Das Bauerhaus und sein Hausrat (Hartmann 1921) Bäuerliche Wohnkultur II

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel
Bauernhaus und sein Hausrat (Hartmann 1921)
Seite 27 - 31


Bäuerliche Wohnkultur im Gebiet des Stadtkreises Herne und Umgebung.

Die Giebel unserer Bauernhäuser zeigen die Eigentümlichkeit, dass sie fast sämtlich um Pfannenbreite mit ihrer Spitze über die Hausschwelle hinausragen. Diese Erscheinung ist keineswegs, wie verschiedene Fachautoritäten angenommen haben, ein Zeichen von Baufälligkeit, vielmehr ist die Konstruktion absichtlich so gewählt, um so einen Wetterschutz für die Dielenwand zu schaffen. Auch viele Bauern sind, wie sich feststellen ließ, dieser Ansicht. In anderen Gegenden, wie z.B. Aschendorf i./Fürstentum Lippe, ergab sich, dass man dort aus gleichem Grunde das Giebeldreieck vielfach vorgekragt und die Auskragung alsdann durch Konsolen gestützt hat, wodurch ein überaus reizender Anblick geschaffen wurde. Bei uns wurde diese Ausführung in einem einzigen Falle angetroffen. Es handelte sich hierbei um ein Haus in Hofstede aus dem Jahre 1601. Die zu beiden Seiten der Deele stehenden Eichenständer weichen in ihrer Anordnung von jenen des echten Sachsenhauses insoweit ab, als sie beiderseits mit der Innenkante der Futterkrippen fluchten, somit ungleiche Entfernung von den Außenlängsseiten haben, da die auf beiden Seiten der Deele liegenden Viehställe wechselnde Tiefen zeigen. Der größere Abstand ist auf jener Seite, wo die Pferdeställe untergebracht sind.

Die "facks" haben wie beim echten Sachsenhause durchweg rechteckige Form mit verschiedenen Breiten. Das Wohnfack ist in vielen Fällen etwa doppelt oder dreimal so groß wie die "facks" der Wirtschaftszone. Die Anzahl der "facks" richtet sich nach der Größe des Bauerngutes. Merkmale, die darauf hinweisen, dass die Wohnzone später hinzugekommen ist, ließen sich nicht feststellen. Es muss vielmehr angenommen werden, dass die Wohnräume beim Bau des Wirtschaftsflügels mit errichtet wurden. Das gleiche gilt von der zwischen der Küche und der Wirtschaftsdiele befindlichen Scherwand. Die Dreiteilung des an dem hinteren Giebel liegenden Wohnfacks scheint auf einer Anpassung an den Oekonomietrakt zu beruhen.

Die Pferdeställe liegen, vom Eingang des Deelentores ausgenommen, häufig auf der rechten Seite, während das Rindvieh auf der linken Seite der Deele untergebracht ist. Das Vieh ist wie beim Sachsenhause mit den Köpfen der Diele zugewandt. Die Futtertröge bestanden ursprünglich aus Holz, heute sind sie teils aus Stein, teils aus Holz hergestellt. Die Wandfläche zwischen diesen Trögen und dem Hillenbalken, die ursprünglich offen war, ist heute in den weitaus meisten Fällen bei den Kühen durch Klappen geschlossen und bei den Pferdeställen durch Raufen, welche nach der Deele zu verbreitert sind und dicht über dem Futtertrog eine kleine Klappe aufweisen; im Inneren dagegen sind Raufenstäbe angebracht. Zur Entlüftung der Stallungen sind kleine Holzläden angeordnet.

Die Deele ist in den meisten Fällen doppelt so breit wie die seitlichen Stallungen und weicht daher in dieser Anordnung von dem Urtyp ab, der das Verhältnis 1 : 4 hat. Die über den Ställen liegenden Emporen werden bei uns "Hillen" genannt, die beim echten Sachsenhause abgeschrägt sind, hier aber einen rechteckigen Querschnitt aufweisen. Zum Besteigen dieser Hillen dient meistens eine Leiter. Wo in den Hillen Knechtekammern eingerichtet sind, hat man vielfach auch schmale Treppen angebracht. Die in dieser Weise ausgebauten Hillen sind nach der Deele zu geschlossen, im Gegensatz zu jenen Abteilen, die zur Aufspeicherung von Futter und Streu dienen und die nach der Deele zu offen sind. Die Höhe der Hillen ist auf beiden Abseiten gleich. Schlafkojen, wie sie im echten Sachsenhause angebracht waren, von denen aus man Wirtschaft und Vieh überwachen konnte, treffen wir bei unseren Bauten nicht. Die Viehstände sind in unserer Gegend teils offen, teils geschlossen; wo letzteres der Fall ist, haben wir es mit einer Abweichung vom Sachsentyp zu tun. Den Zugang zum Dachboden vermittelt in den meisten Fällen eine steile Treppe, die in der Deele zwischen Ständerflucht und Scherwand angeordnet ist.[1] Vom Toreingang aus gesehen, umfasst bei den größeren Bauernhäusern das letzte "fack" auf der rechten Seite in vielen Fällen eine Waschküche, wie in ähnlicher Weise auch beim Sachsenhause, wo daher das "flett" auf einer Seite in das Seitenschiff übergreift.

Oberhalb dieser Waschküche liegt gewöhnlich die Mägdekammer. Im südlichen Teile der ehemaligen Mark, dem Sauerlande, kommt es vielfach vor, dass die gute Stube neben dem Deelentor liegt und auf dieser Abseite durch weitere Kammern mit dem eigentlichen Wohntrakt verbunden ist, wie in ähnlicher Weise bei dem Kötterhaustyp IV a. Auf diese Weise konnten manche Räume an Handwerker und am Gewerbetreibende der dort bodenständigen Industrie vermietet werden.

Die Kelleranlage besteht in vielen Fällen aus einem einzigen Raum, der sich neben der Küche befindet, wo er mit seinem unbefestigten Fußboden einige Stufen unter dem Hausfußboden, mit seiner Decke in halber Höhe des Erdgeschosses liegt. Die Decke, eine Balkendecke, ist vielfach mit Lehmstakung ausgefüllt. Die über diesem Keller liegende Stube wurde zur Aufkammer. Je nach Umfang und Deckenhöhe machte man sie zur Vorrats- oder zur Schlafstube; in jedem Falle wurde der Raum durch eine Treppe zugänglich gemacht.

Die Erhöhung der Aufkammer gab Anregung zur Errichtung eines zweiten Stockwerkes. Wo der Grundwasserzustand es zuließ, hat man das eine oder andere Wohnzimmer regelrecht unterkellert.

Kellergruben, die außerhalb des Hauses angelegt und mit einem Satteldach ohne Seitenwände überdeckt sind, wie sie das ursprüngliche besessen hat und hie und da auch noch heute aufweist, wurden in unserm Gebiet nirgendwo ermittelt. Die Küchen haben in der Außenlängswand einen direkten Ausgang ins Freie, wie ihn das "flett" des echten Sachsenhauses auf beiden Längsseiten besaß. Über der Verbindungstür zwischen Küche und Deele ist eine Laterne eingefügt, die sowohl die Küche, als auch die Deele belichtet.[2] Das Einfahrtstor der Deele ist bei einigen Typen um ein "fack" zurückverlegt, wodurch vor dem Eingang ein Vorplatz entsteht, den man bei uns "Vüarschüpsel" oder "Vorschauer", in anderen Gegenden des altsächsischen Stammlandes "Utlucht" nennt. Die Türen der Pferdeställe münden auf die Diele, wohingegen die Kuhställe einen direkten Ausgang im Dielengiebel neben dem Eckstiel besitzen. Der Backofen liegt in allen Fällen außerhalb des Hauses, in einem besonderen Gebäude. [3] Die Backofengebäude sind insofern merkwürdig, als sie keinen Kamin besitzen. Der Rauch sammelt sich im Dachgebälk und zieht von dort durch die Dachziegel ins Freie.

Die Backöfen sind fast überall in einer gewissen Entfernung vom Hause errichtet. In einer im Jahre 1784 für das nördliche Randgebiet von Recklinghausen erlassenen "Feuerordnung" heißt es: "die Backöfen und Torfschuppen sollen so wenig auf dem flachen Lande als in den Städten und Dörfern auswendig nahe an die Häuser gebaut werden, sondern wenigstens 20 Schritte davon entfernt werden".

Das Äußere der Fachwerkhäuser ist in den Farben Schwarz-Weiss gehalten, wobei die Lehmfüllungen geweißt, die Ständer und das Bretterwerk mit Ausnahme der Giebelverschaltung schwarz gestrichen und die Fenster wieder weiß herausgehoben sind. Die in Balkenhöhe beginnende Giebelverschalung ist in Naturfarbe belassen. Die vielfach seitlich des Deelentorgiebels dicht beim Kuhstalle angelegten Düngergruben sind in der Sohle etwa ½ m vertieft und in den Rändern sanft ansteigend. Ihre Orientierung ist im Allgemeinen ähnlich wie beim alten Sachsenhaus d.h. willkürlich, im Gegensatz zu dem fränkischen Gehöft, bei welchem der Düngerhaufen fast stets die Mitte des Hofes einnimmt. Häuserverlegungen waren früher bei uns keineswegs selten. Ich stellte fest, dass manche Häuser von ihrem ursprünglichen Standort verlegt worden sind, und zwar aus Gründen wirtschaftlicher Art. Es erinnert dieses Verfahren an die Zeit des halbsässigen Germanen, in der die in der agrarischen Bodenkultur zu Tage tretenden Mängel solche Verschiebungen oft notwendig machte. So hatte also Grundrissplanung und Aufbau bei unseren Bauernhaustypen manches mit dem echten Sachsenhause gemein. Abweichungen erklären sich aus der Art des landwirtschaftlichen Betriebes, des Klimas und der Bodenverhältnisse.


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Quelle

  1. S. Anlage Blatt X.
  2. S. Anlage X.
  3. S. Anlagen Blatt LVI/1 und XXXIII/3