Aus der Geschichte des Schützenwesens - Hausemann 1938

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.
Herner Schützenkette 1833 bis 1938 (Seit 2016 verschollen)

Textquelle: Herner Anzeiger vom 2. Juli 1938.[1]

Friedrich Hausemann

Aus der Geschichte des Schützenwesens

In all den vergangenen Jahrhunderten haben die Bewohner des Emscherlandes nur ein kärgliches Brot im Kampf mit den Widerwärtigkeiten der Natur dem Boden abringen können. Regelmäßig trat im Frühjahr und Herbst die stürmische Emscher über ihre Ufer und vernichtete Saat und Ernte. Dazu kam noch zu vielen Zeiten die Willkürherrschaft derer von Strünkede. So ging hier ein stilles, kampferprobtes Volk seinen gezeichneten Weg.

Aber zweimal im Jahr erwachte das Volk an der Emscher in übermäßiger Lebenslust, um den Alltag zu vergessen in der Schützenfreude. Aus den engen, mit Rasenplaggen bedeckten Hütten eilte man hinaus, um sich des Lebens zu freuen. Letzten Grund zu dieser Freude bildeten aber auch die unerschöpflichen Jagdgründe. So wurde denn die Jagd zu einer Lieblingsbeschäftigung und die Pflege des Schießsports mit größtem Fleiß betrieben. Nur einige Beispiel seien angeführt, dass das Emscherland als Paradies aller Wildarten galt. So hat der Büchsenmacher Externest noch Hirsche vor der Haustür erlegt. Der Pfarrer Schmitz von Oer erzählt in seiner Chronik, dass Hertener städtische Jäger an einem Tage des Jahres 1770 im Bruch 20 Hirsche erlegt hätten.

Noch 1797 klagten die Bauern über die Wolfsplage, rotteten sich zusammen, um sie zu vernichten. Die Wolfsgruben bei Flaesheim sind noch die letzten lebendigen Zeugen für diese Tatsache.

Wundert es uns da, dass der dulle Jobst von Strünkede als der „Herr der Embscher", wie er sich stolz nannte, jeden mit dem Tode drohte, den er beim Jagen im Bruch antraf. Was nützte da den Recklinghäusern der Widerspruch. Selbst, als die Ältesten unter ihnen mit gestabten Fingern Eide leisten konnten, dass ihre Vorfahren schon das freie Jagdrecht gekannt hätten, kümmerte er sich nicht darum.

Nirgendwo im Vaterlande hat der Schützenname Hubertus einen eherneren Klang als im Emscherland besessen. Bildnisse, Bildstöcke in den Wäldern, verfallene Standbilder erinnern an ihn. So das Standbild des Jägers Hubertus vor den Toren der Stadt Recklinghausen und ein Bildstock in den Bladenhorster Waldungen. Zahlreiche Schützenvereine an allen Orten des Bruchs führen seinen Namen. Alle im Bereiche der Emscherburgen wohnenden hand= und Spannpflichtigen Bauern mußten an den Tagen der großen Hubertusjagden dem Herrn Dienste leisten.

Über dem Schützengut ruht seit altersher der Gedanke der Freude. Gefeiert wurde zur „Hohenmaienzeit“, jener glückhaften Zeit, da die Natur den Menschen zwingt, den Alltag zu vergessen. Immer wuchs auch mit zunehmendem Wohlstand die Volkslust in jenen Tagen. Äußerlich zeigte es sich auch in dem erhöhten Schaugepränge der Schützen. So legten sich die Olfener Schützen die traditionellen hohen Pelzmützen zu. Die kleine Stadt Horn besitzt noch 16 Riesenschwerter und Kettenhemden. Begnügte man sich an dem festlichen Königstisch mit den münsterländischen Zinnkannen, dann legte man sich später silberne Pokale zu. So hat der Schützenverein Detmold zwei wertvolle Stücke Augsburger Arbeit aus dem 17. Jahrhundert.

Zur Schützentradition gehört auch das Festzelt. Mit dem Eintreffen der Majestäten, die von den Offizieren in feierlichem Zeremoniell zum Thron geleitet wurden, begann das Zelt Fest. Stets hing die Stimmung des Schützenvolkes von dem wohlwollenden Regiment des Königs ab. In unserem Herner Schützenkönig Wilhelm I. haben die Schützen des Unterkreises jenen Herrscher gefunden, den sein Volk liebt und achtet. Vom ersten Tage an haben alle seine Absicht erkannt, einen Schuss rheinischen Blutes in das Herner Schützenfest zu mischen - ein guter Gedanke. Bei dieser Gelegenheit sei auch noch erwähnt, dass der Vater unseres Schützenkönigs Wilhelm I. sogar dreimal in der Kölner Gegend das Zepter eines Schützenkönigs zur Freude seiner Untertanen zu führen verstand.

Was sang und spielte man im vorigen Jahrhundert an solchen Festtagen?

Mit dem alten Rheinländer:
Siehste wohl, da kimmt er,
lange Schritte nimmt er,
siehste wohl, da kimmt er schon,
der verliebte Schwiegersohn...

wurde der Tanz eröffnet.

Sehr gepflegt wurde der Gemeinschaftsgesang, doch kannte man in der weinseligsten Stimmung nur wehmütige Lieder. Immer ertönte das Lied: „Napoleon, du Schustergeselle", und mit besonderer Begeisterung sang man die Strophe:

„Ach hättest du doch nicht an Rußland gedacht
Und hättest mit Preußen den Frieden gemacht,
Dann wärest du ja Kaiser geblieben
Und hättest den allerhöchsten Thron...“ [2]

Niemals fehlte das Lied: „Bei Sedan auf der Höhe“.[3]

Wurden die Schützen gar zu übermütig, fehlte es nicht an ironisierenden Zurechtweisungen. So muß es auch bei den Amtsschützen der Herner Bauerschaft vor undenklichen Zeiten zu Ausschreitungen gekommen sein, die wohl zu nachstehendem ironischen Schützensang Veranlassung waren:

In Hiärne waß äin Schützenball,
Dä ganze Verein wöhn fieftirn Mann.
ümmer langsam voran, immer langsam voran,
Dat dä Hiärner Schützenzog auk bie blieben kann.

Un van dä ganzen fieftirn Mann
kummandeern allaine 14 Mann.
ümmer langsam voran usw.

Dä Vuorgelstang waß witt gekälkt,
Dat was van dä Hiärner Burttermiärlk.
Ummer langsam voran usw.

Dä Vuorgell waß äin Kappesstrunk,
Unn wä ne runner schait, dat was dä graute Hallunk.
Ummer langsam voran usw.

Dä Krönungssaal dat was'n Fiärkelstall,
Dat was da Fier vam Hiärner Schützenball.
Ummer langsam voran usw.
[4]

Getrunken wurde nicht das Dünnebier, ein selbstgebrautes Bier, sondern das gute Starkbier. In vorgerückter Stunde hörte man zwei alte Thekengesänge, so das „Musefallenlied“ und das Lied „vom Gruoff­schmied", beginnend:

„Ain Gruoffschmied sat füör siene Dür,
si dat, sie dürt, sie do,
Und schmöken sien Piep Tobak dofüör,
si dat, si dürt, si do.“[5]

Friedrich Hausemann.

Siehe auch

Quelle

  1. https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21216742
  2. https://www.lwl.org/medienarchiv_web/liederblaetter?id=184252
  3. https://www.volksliederarchiv.de/bei-sedan-auf-den-hoehen/
  4. Redaktionelle Übersetzung:
    In Herne war ein Schützenball,
    Der ganze Verein zählte fünfzehn Mann.
    Immer langsam voran, immer langsam voran
    Damit der Herner Schützenzug auch mithalten kann.

    Und von den ganzen fünfzehn Mann
    Kommandieren alleine 14 Mann.
    Immer langsam voran usw.

    Die Vogelstange war weiß gekalkt,
    Das war von der Herner Buttermilch.
    Immer langsam voran usw.
    Der Vogel war ein Kohlstrunk (Kappesstrunk),
    Und wer ihn herunterschoss, das war der große Halunke.
    Immer langsam voran usw.

    Der Krönungssaal, das war ein Ferkelstall,
    Das war die Feier vom Herner Schützenball.
    Immer langsam voran usw.
  5. https://www.lwl.org/medienarchiv_web/detailansicht?id=175752