Der Büchsenmacher im Emscherbruch (Brandt 1936)

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.

Textquelle: Herner Zeitung vom 30. Dezember 1936. [1]

Der Büchsenmacher im Emscherbruch

Bei ihm ließen die Herner Bauern ihre Büchsen reparieren

Schießtüchtige Bäuerinnen

H. A. R. Herne, 30. Dezember [1936]

Bis vor wenigen Jahrzehnten besaß jeder unserer heimischen Bauern und sonstigen Dorfbewohner eine Flinte. Es waren die Vorderlader, bei denen also die Ladung vorn in den Lauf hineingesteckt wurde. Obwohl diese Dinger schwer zu hantieren waren und auch nicht so genau schossen, waren sie weit verbreitet. Man kann nach ziemlich genauen Schätzungen sagen, daß im alten Dorfe Herne jeder Hofbesitzer wenigstens eine dieser „Donnerbüchsen" im Hause hatte. Daneben besaß man auch meist mehrere Pistolen, ebenfalls Vorderlader. Es wird berichtet, daß sogar die Bauersfrauen mit solchen Flinten und Pistolen umgehen konnten und hin und wieder Zielübungen und Scharfschießen vorgenommen wurden.

Von einem Hof, der noch jetzt in Herne besteht, wird erzählt, daß die drei Töchter mit diesen Büchsen genau so gut umgehen konnten, wie etwa mit den Haushaltungsgeräten. In einer Zeit, als die Mutter schon längst gestorben war und der Vater alt und gebrechlich war, wurde eines Nachts in den Hof eingebrochen. Eine der Töchter hörte im Halbschlaf verdächtiges Schlürfen im Hause; es hörte sich so an, als wenn jemand vorsichtig Schritt vor Schritt setzte und dabei die Füße über den Boden schob, um etwa zu verhüten, irgend etwas umzuwerfen. Die lauschende Tochter weckte ihre jüngere Schwester, die mit ihr auf einem Zimmer schlief. Beide holten leise aus der Truhe ihre großen Pistolen und schlichen sich auf den Flur des Hauses. Hier horchten sie angestrengt nach unten und richtig, jemand befand sich im Hause. Die beiden Mädchen waren so mutig, daß sie nicht etwa den Vater, die Knechte oder die andere Schwester weckten, sondern allein schlichen sie nach unten.

Perkussion Vorderlader

Hier trafen sie in einem Nebenraum der Küche einen Mann! Die Überraschung war gewiß auf beiden Seiten groß, aber die beiden Mädchen waren die Überlegenen, denn sie drohten mit Erschießen. Offenbar kannte der Einbrecher die schießtüchtigen Mädchen, denn er rührte sich nicht.

Auch nicht, als die eine der beiden Schwestern die Knechte heranholte. Man nahm anscheinend früher derartige Vorkommnisse nicht allzu tragisch und so bekam der Einbrecher seine Keile und wurde von den handfesten Knechten vom Hof gejagt. Man kann sich denken, daß die Tat der Mädchen schnell bekannt wurde. Aber sonderlich Aufhebens wurde nicht davon gemacht, denn jedes andere Mädchen hätte es nicht viel anders gemacht. Sie vertrauten eben auf ihre Pistolen. Von einem weiblichen älteren Nachkommen eines alten Herner Bauerngeschlechtes ist noch heute bekannt, daß er mit einem uralten Trommelrevolver das etwas abgelegene Haus bewachte.

Berichtet wird auch, daß verschiedentlich beim Abbruch alter Fachwerkhäuser in Herne unter den Fußböden oder vermauert alte Vorderlader gefunden worden sind. Wie kamen nun unsere Altherner an die Flinten und Pistolen? In Herne selbst konnte man keine erwerben. Wohl aber in Bochum, Recklinghausen und Dortmund. Es waren meist ausländische Fabrikate, besonders französische. An den uns überkommenen Pistolen ist noch häufig der Stempel französischer Waffenfabriken eingedruckt. Ebenfalls englische Flinten und Pistolen kommen vor. In den genannten Ortschaften saßen auch Büchsenmacher. Hauptsächlich verrichteten sie Reparaturen oder änderten veraltete „Schießprügel" um.

Von 1833 an wurde es aber anders, denn in diesem Jahre siedelte sich der Büchsenmacher und Zimmermann Externest im Emscherbruche an. Dieser Mann war überhaupt der einzige und erste Siedler im Emscherbruch.

Seit germanischer Zeit wurde das Emscherbruch als Siedlungsgebiet gemieden, es war Markenland, gehörte also verschiedenen Bauernschaften. Der westlichste Teil gehörte nach Resse (Resser Mark), der mittlere Teil nach Herten (Hertener Mark), ein schmalerer Streifen gehörte der Bauerschaft Hochlar bei Recklinghausen (Hochlar=Mark) und der östlichste Streifen Recklinghausen.

Der erste Siedler im Emscherbruch und überhaupt der erste Einwohner im jetzigen Hochlarmark war also der Zimmermann und Büchsenmacher Externest. Er legte auch von der jetzigen Hauptstraße Herne-Recklinghausen [Bochumer Straße/Herner Straße] den ersten Weg nach Westen, nach dem heutigen Hochlarmark an. Man erzählt sich von diesem Zimmermann, dass er gern trank. Wenn er nun in der Dunkelheit nach Hause ging, mußte er aufpassen, daß er den Weg von der jetzigen Hauptstraße (früher auch nur ein breiter Weg) zu seinem Kotten fand und nicht etwa zu weit ging. In diesem Falle konnte er in der Emscher landen. Um nun ja nicht den Weg zu verpassen, soll er vor seinen Ausgängen an einen Baum, der gerade dort stand, wo der Weg abzweigte, einen großen Strohwisch angebunden haben. So war es ihm ohne weiteres möglich, den Weg zu finden. So erzählt man noch heute in Hochlarmark.

Nachdem der Weg, der früher Cranger Weg genannt wurde, ausgebaut war, fanden sich weitere Siedler in Hochlarmark ein, so Sonntag, Wiedelmann, Drewermann, Stein, Klüsener, Dörnemann und Buschmann. Der Kotten Externest besteht noch heute und sogar das kleine Gebäude, welches die Büchsenmacherwerkstatt enthielt, ist noch vorhanden. Der Büchsenmacher Externest scheint aus Herne zu stammen, denn hier ist ein Zimmermannsgeschlecht Externest bekannt. An verschiedenen älteren Fachwerkbauten liest man noch heute den Namen des Zimmermannes Externest, so in Horsthausen am Hause Ludwigstraße 82 „K. G. Externest“(1807) und an dem Hause Wiescherstr. 73: Georg Externest (1804).

Obwohl der Büchsenmacher im Emscherbruch wohnte, also ziemlich abgelegen, hatte er doch seine Kundschaft. Auch die Herner Bauern kamen zu ihm Externest verstand sein Handwerk ausgezeichnet und manche Flinte, die nicht mehr losgehen wollte, hat er tadellos in Stand gesetzt. Erst vor wenigen Jahrzehnten ist die Werkstatt ausgeräumt worden, und das wertvolle Handwerkszeug wurde vertan und ging verloren. Bei Externest konnte man auch sämtliche Zubehörteile haben, sowie die Flintensteine, die den zündenden Funken abgaben. Obwohl die Zündhütchen schon etwa 1818 erfunden wurden und allmählich die Steine verdrängten, dauerte es bei uns Jahrzehnte, bis der Flintenstein restlos verschwand.

Das wäre, was sich von einem heimischen Büchsenmacher erzählen läßt. Das Büchsenmacherhandwerk gehört zu denjenigen Handwerken, die restlos verschwunden sind.

Historisch/Genealogische Anmerkungen:

Bei diesem Buchsenmacher handelte es sich um den Landwirt und Büchsenmacher Georg Heinrich Externest und das Haus mit der Hausbezeichnung "Hochlarmark 25". Geboren wurde Externest am 25. Dezember 1826 in Horsthausen/Strünkede als Sohn der in Hochlarmark verstorbenen Eheleute Ackerer Konrad Externest und Elisabeth Frackmann gen. Gräken. Verheiratet war er seit 17. Mai 1857 (in Eickel) mit Anna Catharina Elisabeth geb. Stöckmann (1831-1900) (Eltern: Georg Heinrich St. und Anna Maria Wilhelms aus Bickern). Er starb am 18. November 1902 in Hochlarmark.

In der Gelsenkirchener Zeitung vom 4. Mai 1937 wurde ein weiterer Artikel über den Büchsenmacher Externest veröffentlicht. Leicht abgewandelt auf Gelsenkirchener Geschichte getrimmt. Lag der Hof im Herner Artikel in Herne, so war er nun in der nähe des Schlosses Grimberg gelegen und die Geschichte fand im Januar 1877 statt. Und Externest war der Gelsenkirchener Büchsenmacher. Sogar sein Sohn und Enkel - und er hatte nachgewiesener weise keinen - waren "die" Büchsenmacher des Adels wie der Bauern. [2]

Siehe auch

Quelle