Allerhl. Dreifaltigkeit (Wanne)
Die Allerheiligste Dreifaltigkeits-Kirche war eine katholische Gemeindekirche in Wanne und liegt an der Helmholtzstraße. Bis zum 31. Dezember 2017 war sie Gemeindekirche der Allerhl. Dreifaltigkeits-Gemeinde im Pastoralverbund Wanne des Dekanates Emschertal im Erzbistum Paderborn. Heute gehört sie zur Katholische Kirchengemeinde Pfarrei St.Christophorus Wanne-Eickel.
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Nach umfangreichen Diskussionen und dem abschließenden Beschluss des Pfarrgemeinderates und des Kirchenvorstands zur Neu-Ausrichtung der Immobilien der St. Christophorus Gemeinde, wird die Allerhl. Dreifaltigkeitskirche und das dazu gehörige Gemeindezentrum am 24. November 2023 (zum 1. Advent) außer Dienst gestellt. Am 2. Mai 2026 erfolgte ihre Profanierung durch die Verlesung einer zweckgebundenen Urkunde durch Weihbischof Holtkotte. Als Zeichen des Übergangs wurde eine Marienfigur zur Pfarrkirche St. Laurentius überführt.
Baubeschreibung
Die Kirche Allerheilige Dreifaltigkeit in Herne-Wanne ist ein prägnantes Beispiel für den katholischen Kirchenbau der Nachkriegsmoderne im Ruhrgebiet. Das 1958 fertiggestellte Bauwerk von Aloys Dietrich spiegelt die architektonischen und gesellschaftlichen Umbrüche dieser Zeit wider.
1. Architektur und Stil: "Moderate Moderne"
Der Entwurf von Aloys Dietrich lässt sich als eine Form der gemäßigten Moderne einordnen. Er bricht zwar mit dem Historismus des 19. Jahrhunderts, bewahrt aber traditionelle sakrale Formen.
- Materialität: Die Verwendung von rotem Backstein ist typisch für das Ruhrgebiet und die Architektur der 1950er Jahre. Er verleiht dem massigen Baukörper eine bodenständige, fast schützende Anmutung.
- Baukörper: Das Kirchenschiff ist als klassische Hallenkirche mit Satteldach konzipiert. Der wuchtige, seitlich versetzte Glockenturm (Campanile-Typus) ist klar vom Hauptschiff abgesetzt, was ein typisches Merkmal der Nachkriegsarchitektur ist, um vertikale Akzente im Stadtbild zu setzen.
- Fassadengestaltung:
- Die Fensterrose: Das auffälligste Merkmal an der Westfassade ist das große Rundfenster (Rosette) mit Betonmaßwerk. Es ist eine moderne Interpretation gotischer Vorbilder, wirkt hier jedoch durch die geometrische Strenge sehr zeitgemäß.
- Lisenen und Lichtbänder: An den Längsseiten erkennt man hohe, schmale Fensterbänder, die durch Betonpfeiler (Lisenen) gegliedert sind. Dies sorgt im Inneren für eine rhythmische Lichtführung, die für die Liturgie der damaligen Zeit (kurz vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil) zentral war.
2. Der Architekt: Aloys Dietrich (1902–1975)
Aloys Dietrich war ein bedeutender Kirchenbaumeister des Erzbistums Paderborn. Seine Entwürfe zeichnen sich oft durch eine Verbindung von Funktionalität und symbolischer Monumentalität aus. Er gehörte zu einer Generation von Architekten, die nach dem Zweiten Weltkrieg die enorme Aufgabe hatten, zerstörte Kirchen zu ersetzen oder in den wachsenden Bergarbeitersiedlungen neue Zentren zu schaffen. Sein Stil ist sachlich, verzichtet auf überflüssiges Dekor und betont die Struktur des Gebäudes selbst.
3. Kontext: Wiederaufbau und Identität im Ruhrgebiet
Der Bau der Kirche im Jahr 1958 fällt in die Blütezeit der Montanindustrie.
- Sozialer Anker: In den 1950er Jahren wuchs die Bevölkerung in Herne und Wanne-Eickel durch die Zechen (wie z.B. Zeche Shamrock oder Zeche Königsgrube) stark an. Die Kirche diente als Identifikationspunkt und religiöses Zentrum für die zugezogenen Arbeiterfamilien.
- Sakraler Raum im Wandel: Die Architektur steht an der Schwelle: Sie bietet noch den monumentalen Rahmen für die traditionelle Messe, bereitet aber durch die Klarheit und Weite des Raumes bereits die liturgischen Reformen der 1960er Jahre vor, die die Gemeinschaft der Gläubigen stärker betonen sollten.
Fazit
Die Dreifaltigkeitskirche ist ein "ehrlicher" Backsteinbau. Sie kombiniert die Schwere und Beständigkeit des Materials mit der Leichtigkeit moderner Lichtgestaltung. In einer Region, die damals von Ruß und Industrie geprägt war, setzte dieser Bau einen ästhetisch anspruchsvollen, aber nahbaren Akzent.
Innenraum
Der Innenraum der Kirche Allerheilige Dreifaltigkeit in Herne-Wanne ist ein eindrucksvolles Beispiel für die sakrale Atmosphäre der späten 1950er Jahre. Die Architektur von Aloys Dietrich und die künstlerische Ausstattung durch Jupp Gesing bilden hier eine harmonische Einheit.
1. Raumwirkung und Architektur
Der Blick vom Altarraum zurück in das Langhaus offenbart eine klare, fast strenge Gliederung:
- Hallenkirche: Der Raum ist weit und offen gestaltet. Die flache, dunkel gehaltene Holzdecke mit ihren massiven Querbalken verleiht dem Kirchenraum eine gewisse Schwere, die jedoch durch die hohen weißen Wandflächen ausgeglichen wird.
- Lichtführung: Die hohen, schmalen Obergadenfenster lassen das Licht von oben einfallen, was den Raum nach oben hin weitet. Unterhalb der Emporen ist der Raum eher dunkel gehalten, was den Fokus auf das Licht im oberen Bereich und im Altarraum lenkt.
- Farbe: Die rötlichen Pfeiler und Akzente korrespondieren mit dem roten Backstein der Außenfassade und schaffen eine warme, erdige Atmosphäre.
2. Die Glasmalerei von Jupp Gesing (1958)
Die Fenster von Jupp Gesing sind das Herzstück der künstlerischen Ausstattung. Sie folgen einer theologischen Programmatik, die typisch für die Nachkriegszeit ist – eine Mischung aus abstrakten Flächen und christlicher Symbolik.
- Die Westrosette: Über der Orgelempore dominiert die Rundfenster-Rosette. In ihrem Zentrum leuchtet das Rot des Heiligen Geistes (Flammen), umgeben von blau-goldenen Motiven, welche die Dreifaltigkeit und die himmlische Herrlichkeit symbolisieren. Sie wirkt wie ein strahlendes Auge im Westen des Baus.
- Die Langhausfenster: Diese sind als hohe Rechteckfenster gestaltet. Gesing nutzt hier eine kleinteilige, fast mosaikartige Bleiverglasung in Blau-, Grün- und Gelbtönen. In diese abstrakte Struktur sind klare christliche Symbole eingebettet, die auf den Bildern erkennbar sind:
- Das Schiff: Symbol für die Kirche, die durch die Zeit steuert.
- Der Anker: Zeichen der Hoffnung und der Festigkeit im Glauben.
- Kelch und Hostie / Weintrauben: Symbole für die Eucharistie.
- Buch mit Alpha und Omega: Hinweis auf Christus als Anfang und Ende.
- Stil: Gesings Stil ist geprägt von der "Lichtarchitektur" der 50er Jahre. Das Glas ist nicht mehr rein illustrativ wie im Historismus, sondern dient dazu, den Raum in ein mystisches, farbiges Licht zu tauchen, das sich je nach Sonnenstand auf den weißen Wänden bricht (schön zu sehen im Bild des Altarraums).
3. Der Altarraum und die Ausstattung
Der Bereich um den Altar wirkt konzentriert und modern:
- Das Altarkreuz: Ein schlichtes Holzkreuz mit einem bronzenen Korpus dominiert die Stirnwand. Die Schattenwirkung an der Wand, die durch die seitlichen Fenster und die künstliche Beleuchtung entsteht, verleiht dem Kruzifix eine fast schwebende Präsenz.
- Materialität: Die Verwendung von Bronze für den Ambo (Lesepult) und die Leuchter ist charakteristisch für die Zeit. Die Formen sind schlank und vertikal orientiert, was die Höhe des Raumes unterstreicht.
- Die Wandgestaltung: Die bewusst schlicht gehaltenen, hell verputzten Wände dienen als Projektionsfläche für das farbige Licht der Gesing-Fenster, wodurch der Raum selbst zum Teil des Kunstwerks wird.
Fazit der Innenraums
Der Innenraum der Allerheiligen Dreifaltigkeit ist ein Ort der Ruhe und Ordnung. Während die Architektur von Aloys Dietrich den schützenden Rahmen bietet, sorgt die Glasmalerei von Jupp Gesing für die spirituelle Belebung. Die Fenster fungieren als "leuchtende Wände", die den harten Beton und Stein der Nachkriegsmoderne transzendieren und eine Brücke zwischen der harten Realität der Industriestadt draußen und der sakralen Sphäre drinnen schlagen.
Video
Kirchenpanorama
Das Erzbistum Paderborn stellt auf seiner Homepage Panoramen der Kirche zur Verfügung. https://panorama.erzbistum-paderborn.de
Geistliche (Auswahl)
- 1976-2015: Karl-Heinz Pötter , Pfarrer, Dechant & Domkapitular a.D.
Weblinks
- Offizielle Gemeindeseite
- Stiftung Forschungsstelle Glasmalerei des 20. Jh. e.V. mit Bildern der Kirche
Lesen Sie auch
- Artikel (← Links)
- Allerhl. Dreifaltigkeit (Weiterleitungsseite) (← Links)

