Stanislaw Mikolajczyk
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Stanislaw Mikolajczyk (geboren 18. Juli 1901 in Herne, gestorben 13. Dezember 1966 in Washington) Er war Ministerpräsident der polnischen Exilregierung während des Zweiten Weltkriegs und Vizepremier Polens nach Kriegsende. Im Exil war Präsidenten der Internationalen Bauernunion in Washington.
Der vergessene Sohn Holsterhausens: Stanislaw Mikolajczyk
Vom Bergarbeitersohn zum polnischen Ministerpräsidenten
In den verwinkelten Straßen von Holsterhausen, einem Stadtteil des einstigen Wanne-Eickel; heute ein Teil von Herne, gibt es kaum noch jemand, der sich an Stanislaw Mikolajczyk erinnert. Dabei begann die ungewöhnliche Karriere dieses Mannes, der später zu einem der bedeutendsten Politiker Polens im 20. Jahrhundert avancierte, genau hier, in einem bescheidenen Haus an der heutigen Beckumer Straße. Es ist eine Geschichte von Träumen, von Kampf, von Exil und schließlich von Vergessen - bis Wolfgang Viehweger, ein passionierter Heimatforscher, Mikolajczyks Lebensweg in seinem Buch »Sie kamen als Fremde ...: Zur Geschichte der polnischen Migration im Ruhrgebiet« (2002 erschienen) akribisch nachzeichnete und damit Licht in das Dunkel um diesen außergewöhnlichen Mann brachte.
Die Geschichte von Stanislaw Mikolajczyk beginnt im Jahr 1901. Sein Vater, ein Pole aus der Gegend von Posen, hatte sich, wie viele seiner Landsleute im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, auf den Weg ins Ruhrgebiet gemacht. Die Industrialisierung zog Tausende von Arbeitskräften an. Die prosperierenden Zechen des Reviers boten Lohn und Brot. Mikolajczyk senior fand Arbeit auf der Zeche »Julia« in Herne, einem der damals größten und wichtigsten Bergwerke der Region. Die Familie ließ sich in Holsterhausen nieder, wo sie eine kleine Wohnung bezog. Die Beckumer Straße, damals noch nicht so benannt, war Teil eines sich rasch entwickelnden Arbeiterviertels, in dem Menschen aus allen Ecken Europas zusammenkamen, um am wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands teilzuhaben.
Doch das Leben im Ruhrgebiet war für die polnischen Migranten nicht immer einfach. Sie wurden oft als »Fremde« betrachtet, was nicht selten zu Spannungen führte. Wolfgang Viehweger beschreibt in seinem Buch die ambivalente Situation der polnischen Einwanderer: Einerseits waren sie dringend benötigte Arbeitskräfte. Andererseits blieben sie Bürger zweiter Klasse, die sich zwischen ihrer alten Heimat und der neuen Umgebung hin und her gerissen fühlten. Diese Zerrissenheit spiegelt sich auch im Leben von Stanislaw Mikolajczyk wider.
Bereits im Alter von zehn Jahren, 1911, kehrte die Familie Mikolajczyk überraschend nach Polen zurück. Die Gründe dafür bleiben im Dunkeln, aber es ist anzunehmen, dass die Sehnsucht nach der Heimat und die politischen Spannungen im Deutschen Kaiserreich eine Rolle spielten. Die Polen im Ruhrgebiet lebten in einer Art »nationaler Diaspora«. Sie pflegten ihre Traditionen, sprachen Polnisch und unterhielten enge Verbindungen in die alte Heimat. Dennoch waren sie tief in das wirtschaftliche Gefüge des Ruhrgebiets integriert. Für Stanislaw, der seine frühesten Jahre in Holsterhausen verbracht hatte, muss der Abschied schwer gewesen sein. Er ließ hinter sich, was für viele Migranten die »zweite Heimat« bedeutete: Die Straßen, die Zechen und die Menschen, mit denen sein Vater gearbeitet hatte.
Zurück in Polen, wuchs Stanislaw Mikolajczyk auf dem elterlichen Hof auf, besuchte die Schule und begann danach eine Lehre in einer Zuckerrübenfabrik. Es war eine unruhige Zeit: Europa stand am Rande großer Umwälzungen. Der Erste Weltkrieg war gerade vorüber, und die junge Zweite Polnische Republik kämpfte um ihre Existenz. Der polnisch-sowjetische Krieg 1919/1920 brachte das Land an den Rand des Abgrunds. Der junge Mikolajczyk, der trotz seiner Herkunft aus dem Ruhrgebiet tief mit polnischer Kultur und nationalem Bewusstsein verwurzelt war, schloss sich einer patriotischen Organisation an. Als der Krieg ausbrach, griff er zur Waffe und kämpfte in der Nähe von Warschau, wo er verwundet wurde.
Diese Erfahrung prägte ihn nachhaltig. Mikolajczyk kehrte zum Hof seiner Eltern zurück. Doch der Friede währte nicht lange. Er begann, sich politisch zu engagieren und trat 1921 der Polnischen Bauernpartei (PSL - Polskie Stronnictwo Ludowe) bei. Die Bauernpartei vertrat die Interessen der ländlichen Bevölkerung, die unter den Folgen des Krieges und der wirtschaftlichen Instabilität litt. Mikolajczyk, mit seinem kämpferischen Geist und seiner rhetorischen Begabung, stieg rasch auf. Im zarten Alter von Anfang zwanzig wurde er als jüngster Abgeordneter des Landes, in das polnische Parlament, den Sejm, gewählt. Die folgenden Jahre waren geprägt von Mikolajczyks unaufhaltsamem Aufstieg. Er wurde zu einer Schlüsselfigur der PSL und setzte sich vehement für Agrarreformen, soziale Gerechtigkeit und Demokratie ein. 1937 schließlich übernahm er den Vorsitz der Bauernpartei, die sich immer stärker gegen die autoritären Tendenzen in Polen stellte. Als am 1. September 1939 die deutschen Truppen in Polen einfielen und der Zweite Weltkrieg begann, befand sich Mikolajczyk auf dem Höhepunkt seiner politischen Laufbahn.
Doch der Krieg zerstörte alles. Mikolajczyk floh vor den Nationalsozialisten, schlug sich über Ungarn, Jugoslawien, Italien nach Frankreich durch, wo er sich der »Polnischen Exilregierung« anschloss. Diese Regierung, die sich in Paris konstituiert hatte, beanspruchte für sich, die legitime Vertretung Polens zu sein, solange das Land von Deutschland und der Sowjetunion besetzt war. Mikolajczyk übernahm wichtige Ämter: Er wurde stellvertretender Ministerpräsident und Innenminister. Als der damalige Ministerpräsident General Władysław Sikorski 1943 bei einem Flugzeugabsturz in Gibraltar ums Leben kam, trat Mikolajczyk dessen Nachfolge an; für ein Jahr, aber mit großer Wirkung.
Seine wichtigste Aufgabe war es, die Interessen Polens gegenüber den Alliierten zu vertreten. Insbesondere gegenüber der Sowjetunion, die längst ihre eigenen Pläne für Osteuropa verfolgte. Mikolajczyk kämpfte für ein freies, unabhängiges Polen. Doch die Weichen waren längst anders gestellt. Auf der Teheraner Konferenz (1943) und der Konferenz von Jalta (1945) wurde das Schicksal Polens besiegelt: Das Land fiel in die sowjetische Einflusssphäre.
Nach Kriegsende, 1945, kehrte Mikolajczyk nach Polen zurück. Er hoffte, eine demokratische Entwicklung seines Landes mitgestalten zu können. Erneut übernahm er den Vorsitz der Bauernpartei und wurde stellvertretender Ministerpräsident sowie Landwirtschaftsminister in der neuen Regierung. Doch die Illusion währte nicht lange. Stalinisierung und kommunistische Machtübernahme setzten dem ein jähes Ende. 1947 sah Mikolajczyk keine andere Wahl, als Polen abermals zu verlassen. Der Stalinismus blühte auf, und er wusste, dass er als Vertreter der demokratischen Opposition zum Tode verurteilt war.
Diesmal führte sein Weg nach Washington, D.C., in die Hauptstadt der neuen Weltmacht USA. Mikolajczyk fand Zuflucht und eine neue Aufgabe: Er wurde zum Präsidenten der Internationalen Bauernunion gewählt, einer Organisation, die sich weltweit für die Rechte von Bauern und ländlichen Gemeinschaften einsetzte. In den Vereinigten Staaten lebte er im Exil. Er beobachtete die Entwicklungen in seiner Heimat mit Sorge und schrieb seine Memoiren »The Rape of Poland - The Pattern of Soviet Aggression« (Der Raub von Polen: Das Muster der sowjetischen Aggression. 1948), in denen er die sowjetische Okkupation Polens anprangerte. Stanislaw Mikolajczyk starb 1966, im Alter von 65 Jahren, in Washington. Sein Tod war ein stiller, weit entfernt von der Heimat, für die er so viel gekämpft hatte. Doch sein letzter Weg führte ihn zurück nach Polen. Erst Jahre nach seinem Tod, 1981, wurde er in Posen, der Stadt seiner Väter, unter großer Anteilnahme der Bevölkerung beigesetzt.
Wolfgang Viehweger gebührt das Verdienst, Stanislaw Mikolajczyks bewegtes Leben wieder ans Licht geholt zu haben. In seinem Buch »Sie kamen als Fremde...« schildert Viehweger nicht nur Mikolajczyks Werdegang, sondern bettet ihn in die umfassende Geschichte der polnischen Migration ins Ruhrgebiet ein. Er zeigt auf, wie tief die Spuren dieser Migration in die deutsche Geschichte reichen. Wie Menschen, wie Mikolajczyk, zwischen den Kulturen standen. Wie sie Identität formten und wie sie schließlich zu Akteuren der Geschichte wurden.
Viehwegers Werk ist mehr als eine Biografie. Es ist ein Zeitgemälde, das die oft übersehene Geschichte der polnischen Arbeitsmigranten im Ruhrgebiet erzählt - Menschen, die kamen, arbeiteten, kämpften und träumten. Mikolajczyks Geschichte ist ein Beispiel dafür, dass Heimat nicht nur ein geografischer Ort ist, sondern ein Zustand der Seele. Geboren im Ruhrgebiet, verwurzelt in Polen und gestorben im Exil, blieb er immer ein Kind zweier Welten - und gerade deshalb ein großer Pole. Heute erinnert in Holsterhausen fast nichts mehr an Stanislaw Mikolajczyk. Sein Geburtshaus an der Beckumer Straße existiert nicht mehr, die Zeche »Julia« ist Geschichte. Doch in den Archiven, in Büchern wie dem von Wolfgang Viehweger, lebt er weiter. Ein Mann, der die turbulenten Geschicke des 20. Jahrhunderts am eigenen Leib erfuhr und der uns heute mahnt, die Geschichten hinter den Namen nicht zu vergessen. Mikolajczyk ist ein Symbol für die unzähligen, namenlosen Migranten, die das Ruhrgebiet und Europa prägten - und deren Schicksale darauf warten, entdeckt zu werden.
Thorsten Schmidt
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