Stanisław Mikołajczyk (1901–1966): Politiker und bedeutender Ruhrpolen-Sohn aus Herne

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel
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Stanisław Mikołajczyk
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Geboren am: 18. Juli 1901
Geboren in: Herne-Holsterhausen
Gestorben am: 13. Dezember 1966
Gestorben in: Washington D.C.
Beruf: Politiker
Letzte Änderung: 21.02.2026
Geändert von: Thorsten Schmidt


Stanisław Mikołajczyk (geboren am 18. Juli 1901 in Holsterhausen, gestorben am 13. Dezember 1966 in Washington DC USA) war ein Polnischer Politiker und Ministerpräsidenten der polnischen Exilregierung (Juli 1943 bis November 1944) in London und bis 1947 stellv. Ministerpräsident in Warschau.

Frühes Leben in Herne

Stanisław (deutsch: Stanislaus) Mikołajczyk wurde am 18. Juli 1901 in Holsterhausen, Provinz Westfalen, geboren – einem Ortsteil des damaligen Amtes Eickel, der heute zu Herne (Nordrhein-Westfalen) gehört. Seine Eltern, polnische Migranten aus der preußischen Provinz Posen, waren wie viele andere Ruhrpolen auf der Suche nach Arbeit im damals boomenden Bergbau- und Industriegebiet in die Region gezogen. [1]

Die Familie war im Umfeld der Zechen im Raum Herne/Eickel ansässig. Dokumente aus dem Standesamt Eickel, heute im Stadtarchiv Herne, belegen, dass sein Vater Stanisław Kostka Mikołajczyk, ein Bauernsohn aus dem Kreis Krotoschin in Großpolen, und seine Frau Sophia in Holsterhausen Arbeit suchten und hier lebten, bevor sie 1908 nach Polen zurückkehrten, als Stanisław noch ein Kind war. [2]

Bildung, Jugend und Rückkehr nach Polen

Mikołajczyk verbrachte also seine frühe Kindheit in Holsterhausen/Herne; 1908 kehrte die Familie jedoch nach Polen in die Region um Posen zurück. Dort wuchs er auf, besuchte landwirtschaftliche Kurse und nahm an der polnischen Unabhängigkeitsbewegung teil. [3]

porta-polonica.de Stanisław Mikołajczyk



Der vergessene Sohn Holsterhausens: Stanislaw Mikolajczyk

Vom Bergarbeitersohn zum polnischen Ministerpräsidenten

In den verwinkelten Straßen von Holsterhausen, einem Stadtteil des einstigen Wanne-Eickel; heute ein Teil von Herne, gibt es kaum noch jemand, der sich an Stanislaw Mikolajczyk erinnert. Dabei begann die ungewöhnliche Karriere dieses Mannes, der später zu einem der bedeutendsten Politiker Polens im 20. Jahrhundert avancierte, genau hier, in einem bescheidenen Haus an der heutigen Beckumer Straße. Es ist eine Geschichte von Träumen, von Kampf, von Exil und schließlich von Vergessen - bis Wolfgang Viehweger, ein passionierter Heimatforscher, Mikolajczyks Lebensweg in seinem Buch »Sie kamen als Fremde ...: Zur Geschichte der polnischen Migration im Ruhrgebiet« (2002 erschienen) akribisch nachzeichnete und damit Licht in das Dunkel um diesen außergewöhnlichen Mann brachte.

Die Geschichte von Stanislaw Mikolajczyk beginnt im Jahr 1901. Sein Vater, ein Pole aus der Gegend von Posen, hatte sich, wie viele seiner Landsleute im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, auf den Weg ins Ruhrgebiet gemacht. Die Industrialisierung zog Tausende von Arbeitskräften an. Die prosperierenden Zechen des Reviers boten Lohn und Brot. Mikolajczyk senior fand Arbeit auf der Zeche »Julia« in Herne, einem der damals größten und wichtigsten Bergwerke der Region. Die Familie ließ sich in Holsterhausen nieder, wo sie eine kleine Wohnung bezog. Die Beckumer Straße, damals noch nicht so benannt, war Teil eines sich rasch entwickelnden Arbeiterviertels, in dem Menschen aus allen Ecken Europas zusammenkamen, um am wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands teilzuhaben.

Doch das Leben im Ruhrgebiet war für die polnischen Migranten nicht immer einfach. Sie wurden oft als »Fremde« betrachtet, was nicht selten zu Spannungen führte. Wolfgang Viehweger beschreibt in seinem Buch die ambivalente Situation der polnischen Einwanderer: Einerseits waren sie dringend benötigte Arbeitskräfte. Andererseits blieben sie Bürger zweiter Klasse, die sich zwischen ihrer alten Heimat und der neuen Umgebung hin und her gerissen fühlten. Diese Zerrissenheit spiegelt sich auch im Leben von Stanislaw Mikolajczyk wider.

Bereits im Alter von zehn Jahren, 1911, kehrte die Familie Mikolajczyk überraschend nach Polen zurück. Die Gründe dafür bleiben im Dunkeln, aber es ist anzunehmen, dass die Sehnsucht nach der Heimat und die politischen Spannungen im Deutschen Kaiserreich eine Rolle spielten. Die Polen im Ruhrgebiet lebten in einer Art »nationaler Diaspora«. Sie pflegten ihre Traditionen, sprachen Polnisch und unterhielten enge Verbindungen in die alte Heimat. Dennoch waren sie tief in das wirtschaftliche Gefüge des Ruhrgebiets integriert. Für Stanislaw, der seine frühesten Jahre in Holsterhausen verbracht hatte, muss der Abschied schwer gewesen sein. Er ließ hinter sich, was für viele Migranten die »zweite Heimat« bedeutete: Die Straßen, die Zechen und die Menschen, mit denen sein Vater gearbeitet hatte.

Zurück in Polen, wuchs Stanislaw Mikolajczyk auf dem elterlichen Hof auf, besuchte die Schule und begann danach eine Lehre in einer Zuckerrübenfabrik. Es war eine unruhige Zeit: Europa stand am Rande großer Umwälzungen. Der Erste Weltkrieg war gerade vorüber, und die junge Zweite Polnische Republik kämpfte um ihre Existenz. Der polnisch-sowjetische Krieg 1919/1920 brachte das Land an den Rand des Abgrunds. Der junge Mikolajczyk, der trotz seiner Herkunft aus dem Ruhrgebiet tief mit polnischer Kultur und nationalem Bewusstsein verwurzelt war, schloss sich einer patriotischen Organisation an. Als der Krieg ausbrach, griff er zur Waffe und kämpfte in der Nähe von Warschau, wo er verwundet wurde.

Diese Erfahrung prägte ihn nachhaltig. Mikolajczyk kehrte zum Hof seiner Eltern zurück. Doch der Friede währte nicht lange. Er begann, sich politisch zu engagieren und trat 1921 der Polnischen Bauernpartei (PSL - Polskie Stronnictwo Ludowe) bei. Die Bauernpartei vertrat die Interessen der ländlichen Bevölkerung, die unter den Folgen des Krieges und der wirtschaftlichen Instabilität litt. Mikolajczyk, mit seinem kämpferischen Geist und seiner rhetorischen Begabung, stieg rasch auf. Im zarten Alter von Anfang zwanzig wurde er als jüngster Abgeordneter des Landes, in das polnische Parlament, den Sejm, gewählt. Die folgenden Jahre waren geprägt von Mikolajczyks unaufhaltsamem Aufstieg. Er wurde zu einer Schlüsselfigur der PSL und setzte sich vehement für Agrarreformen, soziale Gerechtigkeit und Demokratie ein. 1937 schließlich übernahm er den Vorsitz der Bauernpartei, die sich immer stärker gegen die autoritären Tendenzen in Polen stellte. Als am 1. September 1939 die deutschen Truppen in Polen einfielen und der Zweite Weltkrieg begann, befand sich Mikolajczyk auf dem Höhepunkt seiner politischen Laufbahn.

Doch der Krieg zerstörte alles. Mikolajczyk floh vor den Nationalsozialisten, schlug sich über Ungarn, Jugoslawien, Italien nach Frankreich durch, wo er sich der »Polnischen Exilregierung« anschloss. Diese Regierung, die sich in Paris konstituiert hatte, beanspruchte für sich, die legitime Vertretung Polens zu sein, solange das Land von Deutschland und der Sowjetunion besetzt war. Mikolajczyk übernahm wichtige Ämter: Er wurde stellvertretender Ministerpräsident und Innenminister. Als der damalige Ministerpräsident General Władysław Sikorski 1943 bei einem Flugzeugabsturz in Gibraltar ums Leben kam, trat Mikolajczyk dessen Nachfolge an; für ein Jahr, aber mit großer Wirkung.

Seine wichtigste Aufgabe war es, die Interessen Polens gegenüber den Alliierten zu vertreten. Insbesondere gegenüber der Sowjetunion, die längst ihre eigenen Pläne für Osteuropa verfolgte. Mikolajczyk kämpfte für ein freies, unabhängiges Polen. Doch die Weichen waren längst anders gestellt. Auf der Teheraner Konferenz (1943) und der Konferenz von Jalta (1945) wurde das Schicksal Polens besiegelt: Das Land fiel in die sowjetische Einflusssphäre.

Nach Kriegsende, 1945, kehrte Mikolajczyk nach Polen zurück. Er hoffte, eine demokratische Entwicklung seines Landes mitgestalten zu können. Erneut übernahm er den Vorsitz der Bauernpartei und wurde stellvertretender Ministerpräsident sowie Landwirtschaftsminister in der neuen Regierung. Doch die Illusion währte nicht lange. Stalinisierung und kommunistische Machtübernahme setzten dem ein jähes Ende. 1947 sah Mikolajczyk keine andere Wahl, als Polen abermals zu verlassen. Der Stalinismus blühte auf, und er wusste, dass er als Vertreter der demokratischen Opposition zum Tode verurteilt war.

Diesmal führte sein Weg nach Washington, D.C., in die Hauptstadt der neuen Weltmacht USA. Mikolajczyk fand Zuflucht und eine neue Aufgabe: Er wurde zum Präsidenten der Internationalen Bauernunion gewählt, einer Organisation, die sich weltweit für die Rechte von Bauern und ländlichen Gemeinschaften einsetzte. In den Vereinigten Staaten lebte er im Exil. Er beobachtete die Entwicklungen in seiner Heimat mit Sorge und schrieb seine Memoiren »The Rape of Poland - The Pattern of Soviet Aggression« (Der Raub von Polen: Das Muster der sowjetischen Aggression. 1948), in denen er die sowjetische Okkupation Polens anprangerte. Stanislaw Mikolajczyk starb 1966, im Alter von 65 Jahren, in Washington. Sein Tod war ein stiller, weit entfernt von der Heimat, für die er so viel gekämpft hatte. Doch sein letzter Weg führte ihn zurück nach Polen. Erst Jahre nach seinem Tod, 1981, wurde er in Posen, der Stadt seiner Väter, unter großer Anteilnahme der Bevölkerung beigesetzt.

Wolfgang Viehweger gebührt das Verdienst, Stanislaw Mikolajczyks bewegtes Leben wieder ans Licht geholt zu haben. In seinem Buch »Sie kamen als Fremde...« schildert Viehweger nicht nur Mikolajczyks Werdegang, sondern bettet ihn in die umfassende Geschichte der polnischen Migration ins Ruhrgebiet ein. Er zeigt auf, wie tief die Spuren dieser Migration in die deutsche Geschichte reichen. Wie Menschen, wie Mikolajczyk, zwischen den Kulturen standen. Wie sie Identität formten und wie sie schließlich zu Akteuren der Geschichte wurden.

Viehwegers Werk ist mehr als eine Biografie. Es ist ein Zeitgemälde, das die oft übersehene Geschichte der polnischen Arbeitsmigranten im Ruhrgebiet erzählt - Menschen, die kamen, arbeiteten, kämpften und träumten. Mikolajczyks Geschichte ist ein Beispiel dafür, dass Heimat nicht nur ein geografischer Ort ist, sondern ein Zustand der Seele. Geboren im Ruhrgebiet, verwurzelt in Polen und gestorben im Exil, blieb er immer ein Kind zweier Welten - und gerade deshalb ein großer Pole. Heute erinnert in Holsterhausen fast nichts mehr an Stanislaw Mikolajczyk. Sein Geburtshaus an der Beckumer Straße existiert nicht mehr, die Zeche »Julia« ist Geschichte. Doch in den Archiven, in Büchern wie dem von Wolfgang Viehweger, lebt er weiter. Ein Mann, der die turbulenten Geschicke des 20. Jahrhunderts am eigenen Leib erfuhr und der uns heute mahnt, die Geschichten hinter den Namen nicht zu vergessen. Mikolajczyk ist ein Symbol für die unzähligen, namenlosen Migranten, die das Ruhrgebiet und Europa prägten - und deren Schicksale darauf warten, entdeckt zu werden.

Thorsten Schmidt
Der Bote, Ausgabe 2025-29

Friedhelm Wessel [4]


Bergmannssohn wird Regierungschef

Sein Vater arbeitete ein paar Jahre auf der Herner Zeche „Julia“, doch die Wohnung der Bergmannsfamilie befand sich in einem Haus an der heutigen Beckumer Straße im Wanne-Eickeler Stadtteil Holsterhausen. Die Eltern von Stanislaw Mikolajczyk, der 1901 geboren wurde, stammten aus der Gegend von Posen. Bereits 1911 kehrten die Mikolajczyks jedoch wieder in ihre alte Heimat zurück.

Nach dem Schulbesuch ist Stanislaw, der einmal als Politiker Karriere machten sollte, zunächst in einer Zuckerrüberrübenfabrtik tätig. In dieser unruhigen Zeit schließt sich der junge Mann, der im Ruhrgebiet geboren wurde, einer patriotischen Organisation an. Als der polnisch-sowjetische Krieg 1919/1920 ausbricht, greift er zur Waffe und wird in der Nähe von Warschau verwundet. Er kehrt zu seinen Eltern zurück, die mittlerweile einen Hof bewirtschaften. 1921 tritt Stanislaw Mikolajzcyk der polnischen Bauernpartei bei. Zwölf Jahre gehört er als jüngster Abgeordneter Polens dem Parlament an. 1937 übernimmt der ehemalige Bergarbeitersohn die Führung der Bauernpartei. Als zwei Jahre später deutsche Truppen in Polen einmarschieren, verlässt der inzwischen 38jährige seine Heimat und schlägt sich über Ungarn, Jugoslawien, Italien bis nach Frankreich durch. Hier wird er sofort zum Mitglied der polnischen Exilregierung. In der Regierung übernimmt er die Ämter des stellvertretenden Minsterpräsidenten und des Innenministers. Als der damailige Ministerpräsident Sikorski bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kommt, tritt Mikolajczyk für ein Jahr die Nachfolge an.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrt Mikolajczyk jedoch wieder nach Polen zurück und wird zunächst Vorsitzender der Bauernpartei und danach stellvertretender Ministerpräsident und Landwirtschaftsminister. Aber 1947 blüht in Polen der Stalinismus wieder auf, da emigriert Mikolajczyk nach Washington, wo er zum Präsidenten der Internationalen Bauernunion gewählt wird. 1966 stirbt der gebürtige Holsterhausener in der amerikanischen Regierungshauptstadt, doch erst Jahre später wird er in der Heimat seiner Eltern, in Posen unter großer Anteilnahme der Bevölkerung beigesetzt. [5]

Weblinks

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Quellen

  1. „Stanisław Mikołajczyk zählt zu den berühmtesten Ruhrpolen … geboren am 18. Juli 1901 in Holsterhausen (heute Herne)“, Porta-Polonica
  2. „aus Dokumenten des Standesamts Eickel und Kirchenbüchern … Mikołajczyk in Eickel/Holsterhausen“, Porta-Polonica
  3. „Kurze Biografie … geboren in Holsterhausen in einer Familie polnischer Emigranten“, iNFOPEDIA
  4. Dieser Text wurde von Friedhelm Wessel zur Verfügung gestellt. Der Text darf nicht ohne Genehmigung verändert oder weitergegeben werden.
  5. Ein Artikel von Friedhelm Wessel