Brauerei Hülsmann in Eickel - Ihre Geschichte

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel

Die Brauerei Hülsmann in Eickel, heute Stadtteil von Herne, zählte über Jahrhunderte zu den prägenden Wirtschafts- und Identifikationsorten der Region. Als eine der ältesten Familienbrauereien im Emscher-Ruhr-Raum entwickelte sie sich von einer bäuerlichen Hausbrauerei zu einer industriellen Großbrauerei und schließlich zu einem bedeutenden Erinnerungsort der Stadtgeschichte.

Exportbierbrauerei Hülsmann
Bildinfo: Stahlkocher 2007
Adresse: Eickeler Markt 1
Stadtbezirk: Eickel
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Letzte Änderung: 20.02.2026
Geändert von: Andreas Janik


Frühzeit des Brauwesens in Eickel (16.–17. Jahrhundert)

Während im benachbarten Bochum bereits 1321 urkundlich Altbier gebraut wurde, finden sich für Eickel erste Hinweise auf Brautätigkeiten im 16. Jahrhundert. Die Türkensteuerliste des Märkischen Amtes Bochum von 1542 sowie das Feuerstättenverzeichnis von 1664 nennen unter anderem Markmann, Mummenhoff und Bönninghausen (Stimmbeck) als Besitzer von Braukesseln. Markmann wurde 1664 mit 17 Stübern besteuert.

Die Braukessel befanden sich auf bäuerlichen Höfen. Gebraut wurde ausschließlich für den Eigenbedarf – als kräftiger Trunk für Sommer und Erntezeit. Gewerbliche Produktion war in der dünn besiedelten, wirtschaftlich schwachen Region zunächst nicht möglich.

Der Markmann’sche Kotten (17.–18. Jahrhundert)

Der Kotten um 1925
Der Kotten um 1925

Der Markmann’sche Kotten mit Braustätte lag am Eingang der Zwiebelgasse in Eickel. Die erste urkundliche Erwähnung datiert auf 1692. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts hier gebraut wurde.

Im August 1789 vergrößerte Johann Heinrich Markmann den Betrieb und stellte erstmals einen Knecht als Brauburschen ein. Das Bier wurde mit Pferd und Wagen ausgeliefert. Da das ursprüngliche Kötterhaus zu klein geworden war, wurde es abgerissen und durch ein Fachwerkhaus ersetzt, das bis zu seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg als Wohn- und Bürogebäude diente.

Das Bier fand inzwischen Absatz über Eickel hinaus:

Übergang an die Familie Hülsmann (1852)

Nach dem Tod von Georg Heinrich Diedrich Markmann, dem letzten männlichen Namensträger, heiratete dessen Witwe Luise am 27. September 1852 Heinrich Hülsmann, Besitzer einer Brennerei und Likörfabrik. Die Brauerei wurde in Heinrich Hülsmann umbenannt.

Das Anwesen umfasste zu dieser Zeit:

  • Brauerei
  • Gastwirtschaft
  • Bäckerei
  • Spezereihandlung
  • Landwirtschaft

Seit 1769 tagte bei Hülsmann die Martinis-Bruderschaft, wie aus Aufzeichnungen von Pfarrer Beckmann hervorgeht – ein Zeichen für die zentrale soziale Bedeutung der Wirtschaft.

Industrialisierung und Aufstieg zur Großbrauerei (1869–1914)

Heinrich Hülsmann erkannte früh die Chancen der Industrialisierung. 1869 errichtete er mit Hilfe einer Sparkassen-Hypothek von 8.000 Talern ein massives Brauhaus mit Dampfkochung – die erste Dampfbierbrauerei Westfalens.

Nach dem Krieg 1870/71 setzte ein wirtschaftlicher Aufschwung ein:

  • 80.000 Hektoliter Jahresausstoß
  • 1900: 100.000 Hektoliter, 70 Mitarbeiter

Zwischen 1908 und 1915 erfolgte ein umfassender maschinentechnischer Ausbau. 1920 wurde eine neue Flaschenfüllanlage installiert, die 50.000 Flaschen täglich abfüllen konnte. Die Produktionskapazität stieg auf 120.000 Hektoliter jährlich – Hülsmann gehörte nun zu den Großbrauereien.

Am 11. April 1902 wurde die "Exportbierbrauerei Heinr. Hülsmann" erstmals ins Handelsregister (HRA 87) eingetragen.

Das viergeschossige Turmhaus mit vertikal gegliederter Ziegelfassade – entworfen vom Architekten Robert Lohse – wurde zum prägenden Wahrzeichen des Eickeler Marktplatzes.

Weltkriege und Zerstörung (1914–1945)

Während der Erste Weltkrieg die Brauerei weitgehend unbeschadet ließ, trafen im Zweiten Weltkrieg 65 Sprengbomben das Werksgelände. Das 125 Jahre alte Stammhaus wurde zerstört. Insgesamt wurden 70 Prozent der Gebäude, Maschinen, Eisfabriken, Fuhrwerke und Materialien vernichtet.

Wiederaufbau und Wirtschaftswunder (1945–1962)

Die Rohstoffknappheit erschwerte den Neubeginn. Vollbier konnte zunächst nicht gebraut werden. Erst am 15. September 1948 wurde nach vierjähriger Pause wieder ein Schwachbier gebraut. In vier Jahren wurden rund sechs Millionen Liter Dünnbier im „Kohlenpott“ konsumiert.

Werner Hülsmann leitete den Wiederaufbau mit wirtschaftlichem Geschick. Unterstützt wurde er von Braumeister Josef Baptist Niedermaier aus München.

1962 verstarb Werner Hülsmann. Alleinerbin wurde Maria Ursula Hülsmann geb. Grundmann. Zu dieser Zeit beschäftigte die Brauerei:

  • 1 Braumeister
  • 1 Brauführer
  • 86 Mitarbeiter
  • 12 Lastwagen für den Vertrieb

Produziert wurden u. a. Pils, Export, Ultra-Bock, Nährborn, Pils-Luxus, Urtyp und Schwarzbier sowie Bluna und Afri-Cola.

Strukturwandel und Niedergang (1964–1989)

Am 1. Juli 1964 wurde die Einzelfirma in eine Gesellschaft "Hülmann-Bräu" umgewandelt. Alleiniger Gesellschafter blieb Maria Ursula Hülkmann. 1974 traten mehrere Kommanditisten in die Gesellschaft ein. auch der Brauereidirektor Hermann Müller und der Braumeister Günter Trautmann. Trotz zwischenzeitlicher Stabilisierung setzte ein langsamer Niedergang ein. Gaststätten wurden verkauft, um Verluste auszugleichen. 1983 starb Maria Ursula Hülsmann, die erben Standfuß aus St. Augustin hielten nur noch eine kleine Summe im Unternehmen.

1988 beschäftigte die Brauerei noch 40 Mitarbeiter. Eine neue Beteiligungsgesellschaft (Pfeifer-Nowak / Vogt bzw. Czornyj/Czornyj-Dudka aus NL) sollte Rettung bringen – doch am 15. September 1989 übernahm Vergleichsverwalter Dr. Wulf Joneleit die Geschäfte. In der Tageskasse befanden sich lediglich 1.400 Mark. Amm 22. September 1989 wurde die Gesellschaft aufgelöst.

Am 19. Mai 1998 wurde die Hülsmann-Bräu GmbH bzw. die Exportbierbrauerei Heinr. Hülsmann GmbH & Ko KG" (HRA 1040) von Amts wegen gelöscht. Die Tore der Brauerei hatten sich bereits Ende 1989 endgültig geschlossen.

Abriss und Neubeginn (1992–1997)

Im Januar 1992 begann der Abriss durch das Unternehmen Mensing aus Billerbeck. Lediglich Sud- und Treberhaus blieben erhalten. Das über 13.000 Quadratmeter große Gelände wurde weitgehend neu gestaltet.

Am 7. Februar 1997 wurde das denkmalgerecht umgebaute Sud- und Treberhaus als Bürgerzentrum Eickel eröffnet. Das 8,85-Millionen-Mark-Projekt wurde maßgeblich gefördert durch das Land NRW und die Internationale Bauausstellung Emscher Park.

Heute umfasst das Gelände:

  • Ein Bürgerzentrum
  • Gaststätte (seit 5. Februar 1997), verschiedene Pächter.
  • Wohnbebauung mit 120 Einheiten

Die historischen Sudkessel dienen als technisches Denkmal.

Die Hülsmann-Kneipenlandschaft

Bis zum Zweiten Weltkrieg existierten rund 19 Kneipen rund um den Eickeler Markt – doppelt so viele wie entlang der Hauptstraße von Wanne bis Crange. Namen wie „Meistertrunk“, „Domschänke“, „Alt-Eickel“ oder „Zum wilden Mann“ sind bis heute im Stadtbild präsent.

Die Brauerei war Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Junggesellenrunden unternahmen regelmäßige „Bierreisen“ durch die Gaststätten – stets nur ein Glas pro Lokal, doch am Ende schwankte man dennoch deutlich.

Markenrechte und Wiederbelebung (1998–2010)

1998 erwarb Hans Joachim Schweiger die Marken- und Logorechte der Brauerei mit dem Ziel einer Wiederauflage. Das Vorhaben wurde nicht umgesetzt; seit dem 1. April 2008 waren die Rechte wieder frei.
Ende November 2010 erfolgte die Wiedergeburt der Marke mit dem „Hülsmann-Festtagsbier“, einem untergärigen Exportbier in 0,33-Liter-Flaschen.

Bedeutung für Eickel

Die Brauerei Hülsmann war über Jahrhunderte Wirtschaftsbetrieb, sozialer Treffpunkt, Identifikationssymbol und architektonisches Wahrzeichen. Das erhaltene Sud- und Treberhaus bildet heute einen zentralen Erinnerungsort an die industrielle und gesellschaftliche Geschichte Eickels.

Viele Bürger, die im Schatten des Brauereiturms aufgewachsen sind, verbinden bis heute persönliche Geschichten mit dem Namen Hülsmann – ein Stück gelebter Stadtgeschichte.

Quellen

  • Daniels, Johannes: Geschichte der Ev. Kirchengemeinde Eickel, S. 228 ff.
  • Hegler, Gustav: Eickel-Wanne einst und jetzt, S. 157 ff.
  • Der Emscherbrücher, 1/1969, S. 31 ff.
  • Wanne-Eickeler General Anzeiger, 17. Juni 1925
  • WAZ vom 11.03.1989; 16.09.1989; 14.01.1992; 10.08.1996
  • Lührig, Heinrich: Geschichte vor Ort – Die Hülsmann Story, DVD, 2004
  • Interviews mit Dieter Hülsmann (2004) und Albert Kittlaus (2010)
  • Ausstellung: Ein Bier – von hier, 27. Mai 2004
  • Sammlung Heinrich Lührig
  • www.huelsmann-bier.de

Weblinks

Siehe auch

Einzelnachweise