Aus der Geschichte der Bahnhofstraße X

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel

Von Leo Reiners

Aus der Geschichte der Bahnhofstraße

X.

Vom Hause Krein bis zum Hause Hinkefent (heute Württembergische Metallwaren) gab es lange Zeit eine große Lücke, in die man die nach Heinrich Rensinghoff gt. Schlenkhoff benannte Heinrichstraße gelegt hat. Diese Lücke spielte eine Rolle in den Kanalbauplänen. Wie Oberbürgermeister Schaefer berichtet, war bei den Planungen für den Kanal vom Rhein zur Ems, dessen erster Teil von Herne bzw. Dortmund nach der unteren Ems (d.i. der Dortmund-Ems-Kanal) durch Beschluss des Abgeordnetenhauses vom 10. Juni 1886 genehmigt wurde, auch eine Linie ins Auge gefasst, die von Horsthausen aus durch Herne bis in die Nähe von Bochum führen sollte. Dabei war beabsichtigt, „die Bahnhofstraße zwischen Heinrich- und Schaeferstraße, die beiden damals noch nicht bestanden, zu durchqueren und den Kanal bei Shamrock 1/2 nach Süden zu schwenken“. Die auf diesem Teil der Bahnhofstraße bestehende Lücke wird wohl deshalb in Aussicht genommen worden sein, weil auch auf der gegenüberliegenden Seite zwischen Schluckebier und Salomon (Eisenstein) kein Haus stand. Wäre dieser Plan ausgeführt worden, würde Herne-Mitte und nicht zuletzt das jetzige Behördenviertel ein erheblich anderes Gesicht erhalten haben.

Bahnhofstraße 52

Das die östliche Lücke begrenzende Haus Hinkefent (Bahnhofstraße 52) gehörte ursprünglich dem Kaufmann Louis Lauten. Dieser kaufte das als Acker und Garten benutzte Grundstück im Jahre 1874 von den Geschwistern Rensinghoff gt. Schlenkhoff und bebaute es mit einem kleinen Wohnhause. Im Jahre 1897/98 wurde es abgebrochen und durch den jetzigen großen Bau ersetzt, als dessen Eigentümer 1898 der Kürschner Hugo Hinkefent eingetragen wurde. Anstelle des Kürschnergeschäftes befindet sich heute das der Württembergischen Metallwarenfabrik in dem Hause, das auch jetzt noch der Witwe Hugo Hinkefent gehört.

Im Jahre 1877 folgte nach einer Lücke als nächstes Haus das Haus

Schaeferstraße 1 / Bahnhofstraße 50 - a, b und c,

Bild: Gerd Biedermann 2015

das vor dem Bestehen dieser Straße (die zuerst Oststraße hieß) hinter der Bauflucht der Bahnhofstraße lag. Noch heute ist es vorhanden und liegt hinter dem Eckbau verborgen. Das Grundstück, das erheblich größer war als der Hofraum des Hauses Schaeferstraße 1 und heute mit dem Hause Lückhoff anfängt, hatte Heinrich Rensinghoff gt. Schlenkhoff gehört und war 1872 auf seine Witwe Lisette Alwine geb. Weusthoff, übergegangen, die in zweiter Ehe den Fabrikanten Albert Sickel heiratete. (Dieser begründete die Kesselfabrik und Eisengießerei, die später von Albring erworben wurde und heute Maschinenfabrik Beien ist.)

Auf den Namen der Witwe Rensinghoff gt. Schlenkhoff bzw. des Fabrikanten Sickel stand auch das „Wohnhaus mit Stall“ (Schaeferstraße 1), das hier errichtet wurde. Als die Firma Sickel in Konkurs ging, wurde auch das Wohnhaus versteigert und 1890 von der Firma Gebr. Röchling u. Klingenberg in Ruhrort ersteigert. Diese verkaufte es 1885 an den Kaufmann Heinrich Köllermann aus Herdecke (Ruhr), der auf der Franz-Seldte-Straße eine Brennerei erbaute, die seit 1905 Julius Meimberg gehört. Köllermann hat auf dem Grundstück noch die Häuser Bahnhofstraße 50 (Eckhaus), 50a, 50b und 50c erbaut. Im Jahre 1905 erwarb der Kaufmann Wilhelm Hömberg die Häuser Schaeferstraße 1, Bahnhofstraße 50 und Bahnhofstraße 50a, während die Witwe und die Geschwister Köllermann die Häuser 50b und 50c behielten. Durch Umbau und Neubau im Jahre 1906 wurde aus dem Hömbergschen Hause der heutige Eckbau, der Köllermannsche Bau wurde das jetzige Haus Bahnhofstraße 50b (Lückhoff).

Im Jahre 1877 war das nächste Haus das Haus

Bahnhofstraße 64,

in dem sich heute das Uhren und Goldwarengeschäft von H. W. Schlenkhoff befindet. Es ist auch schon vor 1870 dagewesen. Der Schreinermeister Karl Dietz hat das Grundstück aus der Ackerflur „Im Süttwinkel“ im Jahre 1867 von dem Landwirt Heinrich Rensinghoff gt. Schlenkhoff für 200 Taler gekauft und mit einem Wohnhause bebaut. Es war aber bald so belastet, dass es 1876 zur Versteigerung kam. Dabei gelangte es an einen der Gläubiger, den Kaufmann Gustav Kopka aus Herford, der des 1877 an den Bergmann Friedrich Wilhelm Schmalenbach in Herne verkaufte. Von diesem erwarb es 1898 der Lederhändler Franz Bock, dessen Witwe es noch heute besitzt. Das alte Haus ist von Bock 1898, 1901, 1910 und 1914 durch anbauten und Umbauten vergrößert und verändert und in die jetzige Gestalt gebracht worden. Im Kern ist es aber noch das Haus des alten Dietz.

Eine sehr bedeutsame Geschichte hat das Nachbarhaus Bahnhofstraße 42 (früher Ruthenbeck, heute Geschäft Werth). Es ist nämlich als

Rektoratschule (Bahnhofstraße 42)

erbaut worden. Über deren Entstehung und erste Entwicklung berichtet einer der Mitbegründer, Pfarrer Dransfeld, folgendes:

"Schon lange war in Herne das Bedürfnis nach einer höheren Lehranstalt vorhanden. Zahlrieche Zechen- und Bahnbeamte sowie Glieder des Bürger- und Kaufmannsstandes, die ihren Kindern etwas mehr als elementare Bildung geben lassen wollten, aber teils nicht die Mittel besaßen, teils sie nicht so früh aus ihrer unmittelbaren Aufsicht entfernt zu sehen wünschten, hatten seit Jahren sich um eine solche Anstalt bemüht, jedoch bis dahin das Ziel nicht erreichen können. Da taten sich im Sommer 1868 sechs Eingesessene zusammen und verpflichteten sich, einem zu berufenden Lehrer auf fünf Jahre ein Gehalt von 500 Tlr. Aus eigenen Mitteln zu garantieren, in der Überzeugung, dass, wenn die höhere Schule einmal eröffnet sei, sie bei dem vorhandenen Bedürfnisse auch genug Kraft zu ihrer Erhaltung haben werden. (Die Namen der Gründer und ersten Kuratoren der Anstalt sind: Pfarrer Dransfeld[Anm. 1], Kaufmann Louis Langerfeld, Schmiedemeister Sassenhoff, Landwirt Schulte-Berge und Schulte-Grüter zu Berge, Landwirt Kampmann zu Holsterhausen.) Darauf wurde als Rektor Herr Hermann Seeger, ein alter, bewährter Schulmann, der schon 33 Jahre in Mülheim (Ruhr) teils als Konrektor an der höheren Bürgerschule, teils als Vorsteher der höheren Schule der Landgemeinde daselbst gewirkt hatte, berufen und durch ihn die hiesige Rektoratschule am 12. Oktober 1868 mit 18 Schülern eröffnet.
Die Schülerzahl stieg im Wintersemester 1868/69 auf 26 und im Sommerhalbjahr 1869 auf 28. (Der schon bejahrte Rektor Seeger hat scheinbar später nicht mehr die rechte Zucht an seiner Anstalt aufrechterhalten können, denn der spätere Lehrer Peters hat erzählt, dass er öfter die Obertertianer – die Schule ging zuerst nur bis Quarta einschließlich, dann bis Obertertia – morgens aus der benachbarten Wirtschaft Rolofs geholt habe. d.V.)
Der Unterricht wurde anfangs in einem damals noch leer stehenden Schulzimmer des kleinen Elementar-Schulhauses (heute Veuhoff am Alten Markt d.V.) gehalten, später eine Zeitlang in einem Hintergebäude des Hauses des Herrn Sassenhoff. Zur Beschaffung eines eigenen Schulhauses bildete sich im Jahre 1869 ein Actienverein, der durch Zeichnung von unverzinslichen Actien zu je 10 Taler die Summe von ca. 2700 Taler aufbrachte und mit Aufnahme einer Hypothekenschuld von 1600 Talern das jetzige Rektoratschul-Gebäude mit Lehrerwohnung an der östlichen Seite der Chaussee zwischen den Häusern von Roloff (heute Westfalenschänke D.V.) und C. Dietz (Wie gezeigt, Uhrmacher Schlenkhoff D. V.) erbaute. Bereits im Herbste 1869 konnte das Gebäude bezogen werden.[Anm. 2]
Da die Schülerzahl um diese Zeit auf 32 und im Sommer-Semester 1870 auf 40 stieg, so zeigte sich die Notwendigkeit der Errichtung einer zweiten Klasse. Als Lehrer für dieselbe wurde der cand. Theol. Julius Adolf Hundhausen von Deutz gewonnen, welcher sein Amt am 1. September 1870 antrat. Im Winter-Semester 1870/71 betrug die Schülerzahl 43, im Sommer 1871 aber nur 38. Dieselbe Zahl war im Winterhalbjahr 1871/72 vorhanden, sank dann aber im Sommer 1872 auf 18, so dass die zweite Klasse wieder eingehen und der zweite Lehrer entlassen werden musste.
Bereits in den Jahren 1870/71 hatte die Kommunal-Gemeinde Herne in richtiger Würdigung der Wichtigkeit und Notwendigkeit einer solchen Schule das jährliche Defizit auf die Kommunalkasse angewiesen, seit dem Jahre 1873 aber hat sie auf Antrag des Kuratoriums die ganze Anstalt als Gemeinde-Anstalt übernommen.[Anm. 3]
Dadurch bekam dieselbe einen sicheren Halt und neue Kräftigung; denn nun wurde es nicht allein möglich, die zweite Klasse wieder zu errichten, sondern das Gehalt für den zweiten Lehrer so zu bemessen, dass eine tüchtige Kraft dauernd gewonnen werden konnte. – Nachdem im Winterhalbjahre 1872/73 die Zahl der Schüler wieder 20, im Sommerhalbjahre 1873 19 betrug, wurde im Oktober 1873 Herr Jörgens, früher Lehrer an der höheren Stadtschule in Altenkirchen, als zweiter Lehrer berufen. Nachdem dieser nach einem halben Jahre einen Rufe als Lehrer an der höheren Töchterschule in Dortmund gefolgt war, trat an seine Stelle am 18. Mai 1874 der Schulamtskandidat Hermann Kemna, Zögling des Gymnasiums zu Dortmund und des Seminars zu Soest. – Im Winterhalbjahr 1873/74 betrug die Schülerzahl 39, im Sommer 1874 38, Im Wintersemester 1874/75 41. Unter diesen befinden sich 9 Mädchen, welche täglich fünf, Mittwochs und Samstags vier Stunden mit den Knaben gemeinschaftlich in wissenschaftlichen Fächern, an vier Tagen jedoch je zwei Stunden in Handarbeiten privatim unterrichtet werden. Letzter Unterricht besteht seit Herbst 173 und wird von Fräulein Emma Seeger erteilt.“[1]

So weit wollen wir Dransfeld sprechen lassen. Was zunächst die Mädchen anbelangt, so wurde 1893 eine besondere höhere Mädchenschule gegründet, die ein eigenes Gebäude an der Franz-Selbte-Straße mit vorerst zwei Klassensälen (heute nach erheblichen in den Jahren 1899, 1907 und 1926 vorgenommenen Erweiterungen und Umbauten Realgymnasium) erhielt, in die am 14. November 1893 35 Mädchen von der Rektoratschule übersiedelten. Der mittlerweile als Nachfolger Seegers zum Leiter der Rektoratschule aufgestiegene Kemna (er hatte eine Tochter Seegers geheiratete und lebt heute noch, über 80 Jahre alt, in Hamm) übernahm auch das Rektorat über die Mädchenschule. Auch Kuratorium und Lehrkörper waren beiden Anstalten zunächst gemeinsam. (Als zweiter Lehrer arbeitete an der Rektoratschule ab 1877 der Mittelschullehrer Peters und als dritter ab 1881 Lehrer Lohrmann, die später – der letzte bis 1925 – noch an der Oberrealschule amtierten. Peters starb 1926, Lohrmann lebt noch heute in Herne im Ruhestande.) Kemna ist bis zum 1. Oktober 1912 Leiter der Mädchenschule geblieben, während die Leitung der Rektoratschule, als sie im Jahre 1901 zu einer Realschule mit Progymnasium erhoben wurde, von Oberlehrer Dr. Wirtz aus Elberfeld übernommen wurde. 1907 wurde die zur Realschule aufgestiegene Rektoratschule Oberrealschule; 1911, nachdem der progymnasiale Zweig abgebaut worden war, wurde ein besonderes Progymnasium neu aufgebaut, das 1920 Gymnasium wurde und sich gut entwickelte, bis 1931 beide höheren Knabenschulen (Oberrealschule und Gymnasium) zum Besten eines Realgymnasiums dem Abbau überantwortet wurden.

Die alte Rektoratschule hatte keinen Spielplatz. Daher tummelten sich die Schüler und Schülerinnen auf der Bahnhofstraße und später vor der Bonifatiuskirche, als sie noch keine Turmpartie hatte. Als die Schülerzahl auf 90 angewachsen war, entschloss man sich auf Drängen Amtmann Schaefers zu einem Neubau, der Schule an der Schulstraße, in der sich heute die Berufsschule befindet. (Vor ihr befand sich das Gymnasium in diesem Gebäude, das später in die evangelische Schule an der Schulstraße übersiedelte.) Im Jahre 1903 wurde die neue Oberrealschule an die Hermann-Löns-Straße (jetzt Oberlyzeum) bezogen.

Und was geschah mit der alten Rektoratschule an der Bahnhofstraße? Sie wurde am 2. März 1887 an den Barbier (später Zahntechniker) Johann Anton Pfänder verkauft. Dieser hatte bis dahin das Haus Wilhelmstraße 4 gehabt (heute Kerkhoff). Die Verkaufsverhandlungen wurden am 2.3.1887 vor dem Notar Duesberg in Bochum aufgenommen. Die politische Gemeinde Herne vertraten dabei Amtmann Schaefer und Gemeindevorsteher Friedrich Cremer. Verkauft wurden die Gebäude (es war ein zweistöckiges Doppelhaus; das nördliche war die Lehrerwohnung, das südliche die Schule. Jedes hatte einen besonderen Eingang mit Treppe, die aber nebeneinander lagen, so dass die Treppen in eine verbunden waren), doch wurden ausgeschlossen „die Schulbänke, Wandtafeln und Öfen mit Zubehör, sowie der Anteil des Rektors Kemna an den Wasserleitungsanlagen“ (Herne hatte 1881 Wasserleitungen bekommen). Dass damals die Schule erheblich von Bergschäden betroffen war, geht aus den weiteren Bestimmungen hervor. Danach verpflichtet sich die Verkäuferin, bis zur Übergabe, die spätestens am 1. November erfolgen sollte, das mit verkauftem Schulgebäude ausreichend zu verankern. Außerdem übereignete die Verkäuferin dem Ankäufer „alle ihre Ansprüche, welche ihr gegen die Bergwerksgesellschaft Hibernia und Shamrock in Herne aus der durch deren Bergbau entstandenen und bis zur Auflassung noch entstehenden Schäden zustehen, zur eigenen Geltendmachung“. Der Kaufpreis betrug 18 000 M. Davon bezahlte Pfaender 3300 M. mit einem Sparkassenbuch der Sparkasse Bochum, 13800 M. lieh er von der Sparkasse der Ämter Herne und Bochum. Das Haus hat dann durch Um-, An- und aufbau manche Veränderung erfahren. Im Jahre 1899 verkaufte Pfaender das Haus für 30 000 M. an den Kaufmann Friedr. Wilh. Ruthenbeck. Von diesem ging es 1927 auf die Karstadt AG. In Hamburg über, die es noch heute besitzt. [2]

Anmerkungen

  1. Schaefer hebt mit besonderer Anerkennung hervor, dass Dransfeld Geldopfer brachte, trotzdem er kinderlos und daher nicht direkt an der Schule interessiert war.
  2. Von dem sonderbaren Aktien-Verein berichtet Schaefer noch, der ihn so recht bezeichnend für die damaligen Verhältnisse im Kohlenrevier nennt, das Hauptabnehmer der 270 Stück Wertpapiere die Zeche Shamrock und die Belgische (jetzt Harpener) Gesellschaft gewesen seien.
  3. Die damals – offenbar zur äußeren Dokumentierung dieser Umwandlung der Anstalt von einer Privat- zur öffentlichen Gemeindeschule – eingeführte Bezeichnung „Bürgerschule“ blieb, wie Schaefer bemerkt, auf dem Papier stehen. Man sprach und schrieb nur von der „Rektoratschule“. Das Schulgeld schwankte je nach der Steuerstufe der Eltern für Kind und Jahr zwischen 12 und 24 Talern.

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Quelle

  1. Dransfeld 1875 S. 60 f.
  2. Leo Reiners 25. Januar 1936 Herner Anzeiger