Seuchenhaus - Herne
Das städtische Seuchenhaus war eine spezialisierte medizinische Einrichtung zur Isolierung und Behandlung von hochansteckenden Patienten (insbesondere Pocken- und Cholerakranken) in der Gemeinde bzw. Stadt Herne. Das erste feste Seuchenhaus wurde 1893 an der Altenhöfenerstraße errichtet und später als katholisches Waisenhaus umgenutzt.
Geschichte
Vorgeschichte und Pockenepidemie (ca. 1880)
Anfang der 1880er Jahre kam es in Herne zu einem Ausbruch der Pocken, die vermutlich aus England eingeschleppt worden waren, da dort zu dieser Zeit kein Impfzwang bestand. Die Krankheit breitete sich rasch im Stadtgebiet aus und forderte mehrere Todesopfer.
Da es in Herne zu diesem Zeitpunkt noch keine Hospitäler gab – und bestehende Krankenhäuser hochinfektiöse Pockenkranke zum Schutz anderer Patienten in der Regel nicht aufgenommen hätten –, ordnete die Polizei strenge Quarantänemaßnahmen an. Den Bewohnern von Häusern, in denen Infizierte oder Verdachtsfälle lebten, wurde das Verlassen der Gebäude untersagt. Trotz anfänglichen Unmuts in der Bevölkerung erwies sich diese Maßnahme als wirksam und die Epidemie konnte eingedämmt werden.
1938 berichtete die Lokalpresse von einen kleinen Episode. "Ein alter Handwerksmeister, in dessen Familien auch die besagte Krankheit hauste, hob das vorgeschriebene Haustürschild mit der Aufschrift: „Hier sind die Pocken!“ zu einem eigenartigen Zwecke für fernere Zeiten auf. Er hatte nämlich oftmals den Gerichtsvollzieher zu erwarten. Kam nun wieder die Zeit, wo der „gefürchtete“. Gesetzesbote die Pfändung vornehmen wollte, dann nagelte unser Meister eilig das betreffende Schild an die Haustür und erreichte, dass er den angekündigten Besuch nicht zu empfangen brauchte. Das Mittel verlor aber mit der Zeit seine Zugkraft."[1]
Planung und Bau des ersten Seuchenhauses
Die daraufhin von der Stadtverwaltung vorgeschlagene Errichtung eines permanenten Seuchenhauses stieß zunächst auf politischen und gesellschaftlichen Widerstand. Erst angesichts einer drohenden Cholera-Epidemie wurde auf dem Ackerland der städtischen Armenanstalt an der Wiescherstraße provisorisch eine Holzbaracke errichtet.
Die Suche nach einem geeigneten Baugrundstück für ein festes Gebäude gestaltete sich schwierig, da Anwohner aus Angst vor Infektionen vehement gegen ein Seuchenhaus in ihrer Nachbarschaft protestierten. Erst im Jahr 1893 konnte das Seuchenhaus an der Altenhöfener Straße - jetzt Düngelstraße - fertiggestellt werden. Es war mit einer modernen, für die damalige Zeit hochentwickelten Entseuchungsanlage ausgestattet.
Die damals noch eigenständige Gemeinde bzw. das Amt Baukau erwarb 1894 ebenfalls ein abgelegenes Grundstück für ein Seuchenhaus, das Vorhaben wurde dort jedoch letztlich nie realisiert.
Nutzung und Verkauf (1912)
In den Jahren seines Bestehens wurde das Seuchenhaus nur zweimal genutzt – in beiden Fällen handelte es sich um Pockenpatienten. Über den ersten genesenen Patienten ist überliefert, dass er kurz nach seiner Entlassung außerhalb von Herne durch einen Genickbruch tödlich verunglückte.
Da das Gebäude anfangs isoliert stand, im Zuge der Stadtentwicklung jedoch zunehmend von Wohnbebauung und der neuen katholischen Kirche (Herz Jesu) umgeben wurde, entschloss sich die Stadtgemeinde im Jahr 1912 zum Verkauf. Von der Stadt Herne wurde das alte Seuchenhaus an der damals neuen Düngelstraße und aus Privathand zwei weitere insgesamt 11340 qm große Grundstücke für 26.000 Mark erworben, umgebaut und am 25. Februar 1912 für 14 Waisenkinder und drei Schwestern des Vinzentinerinnen Ordens in Betrieb genommen. 1963 wurden die Resten des Seuchenhauses abgetragen. Für die weitere Geschichte des Objektes siehe: St. Antonius Waisenhaus.
Das zweite Seuchenhaus

Als Ersatz für das verkaufte Gebäude errichtete die Stadt Herne kurz darauf ein neues Seuchenhaus auf dem Gelände hinter der Armenanstalt, auf dem zuvor die provisorische Holzbaracke gestanden hatte. Es lag in den Liegenschaften Sehrbruchskamp 52-54 und wurde vor 1980 abgerissen.
Dank dieser hygienischen Einrichtung und dem zweckmäßigen Bauten an der Wiescherstraße, war die Stadt Herne von Seuchen größeren Umfanges bewahrt geblieben.
Mit dem Ausbau der Krankenhäuser, moderner Versorgungsmöglichkeiten und verbesserten Standards verlor das Seuchenhaus seine Aufgabe. Moderne "Seuchen" und Epidemien werden nicht mehr in festen Seuchenhäusern, sondern in temporäre Maßnahmen behandelt.
Einzelnachweise

