Der Halbe Hahn

Anarchie in der Freisenstraße

Wolfgang Berke

Herrje, der Halbe! Welch großartiger Irrtum. Auf beiden Seiten. Die zunehmende Drogenproblematik machte 1971 einigen Sozialarbeitern erhebliche Sorgen. Bevor die Welle auch nach Wanne-Eickel schwappte, wollte man gerüstet sein. Sie bereiteten die Gründung eines Drogenvereins vor, der mit einer offenen Anlauf- und Beratungsstelle präventiv tätig werden sollte. Dieses Vorhaben rief natürlich auch eine große Zahl Jugendlicher auf den Plan, die es für ausreichend hielt, harte Drogen aus Wanne fernzuhalten, ansonsten aber die Anlaufstelle am liebsten als selbstverwaltetes Jugendzentrum sah.

Flugs traten Dutzende von ihnen im Mai 1972 dem Verein bei und bestimmten nach heftigen Auseinandersetzungen mit den eher konservativen Mitgliedern des Vereins die grobe Marschrichtung. Im Oktober 1972 wurde die Drogenberatung eröffnet, in einer ehemaligen Kneipe an der Freisenstraße, die Zum Halben Hahn hieß. Der bescheuerte Name wurde beibehalten und auf das Adjektiv reduziert: der Halbe. Die Fassade war psychedelisch-poppig bemalt, und wir fühlten uns fast wie im Paradiso in Amsterdam.

Im Halben gab es Live-Musik, aromatisierten Tee, Brühwürstchen und Dosensuppen. Wer mal eben irgendwo rausgeflogen war, konnte hier ein, zwei Nächte pennen, Alkohol und zumindest die harten Drogen blieben außen vor. Naja, gelegentlich ist man gegenüber auch mal ein Bier trinken gegangen. Die Sozialarbeiter waren nur ehrenamtlich und sporadisch anwesend, in der Freisenstraße machte sich fröhliche und ziemlich ungefährliche Anarchie breit, die nur gelegentlich durch Schlägertrupps aus der Auguststraße (heute Ulmenstraße) ein wenig getrübt wurde.

Allerdings hatten einige Offizielle sich das Ganze so nicht vorgestellt. Nach einem Dreivierteljahr wurde der Laden dichtgemacht. Vorübergehend, wegen Renovierungsarbeiten. Frisch gestrichen, mit erweiterten Räumen und nunmehr drei hauptamtlichen Sozialarbeitern ging es im August 1973 in die zweite Runde. Mit zweifelhaftem Erfolg. Ein großes Drogenproblem gab es damals in Wanne-Eickel nicht, dafür aber ein kleines. Ein „Seminar“ in Breckerfeld mit mehr als 50 Teilnehmern geriet durch massiven Einsatz von Alkohol und weichen Narkotika derart aus den Fugen, dass massenhaft Hausverbote ausgesprochen wurden.

In Wanne-Eickel drehten die Politiker dem Halben einfach den Geldhahn zu. So bewilligte man für 1974 noch nicht einmal ein Drittel des benötigten Etats. Der Drogenverein löste sich unter heftigstem Protest auf, der Mietvertrag für die Freisenstraße 15 wurde gekündigt. Im Juni 1974 hatte Wanne-Eickel einen Treff weniger.


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