Westfälische Transport-Actien-Gesellschaft – Niederlassung Wanne-Eickel
Die Westfälische Transport-Actien-Gesellschaft (WTAG) unterhielt im Osthafen von Wanne-Eickel eine bedeutende Niederlassung mit einem großen Lager- und Umschlagbetrieb. Das Unternehmen verband am Rhein-Herne-Kanal die Funktionen von Binnenschifffahrt, Spedition, Güterumschlag und Lagerhaltung. Das weithin sichtbare Lagerhaus prägte das Bild des Osthafens über Jahrzehnte. Wegen seiner Bedeutung für die Versorgung der Region mit Lebens- und Futtermitteln sowie zahlreichen Industrie- und Handelsgütern wurde der Osthafen in einer zeitgenössischen Darstellung als „Vorratskammer des Emscher-Lippelandes“ bezeichnet.

Entstehung
Mit dem Bau des Rhein-Herne-Kanals und der Anlage des Wanne-Eickeler Hafens entstand im nordöstlichen Stadtgebiet ein Hafenbereich, der sich vom großen Kohlenumschlag der übrigen Wanne-Eickeler Häfen unterschied. Der Osthafen war insbesondere für den Umschlag von Werkgütern, Lebens- und Genussmitteln sowie Industriematerial vorgesehen.
Die WTAG errichtete hier ein großes Lagerhaus, das bereits 1914 fertiggestellt war. Damit gehörte die Gesellschaft zu den frühen Unternehmen, die die neuen Möglichkeiten des Rhein-Herne-Kanals für einen kombinierten Wasser-, Lager- und Landverkehr nutzten. Das Unternehmen selber wurde bereits am 28. November 1897 ins Handelsregister eingetragen.
Bereits 1915 wurde das WTAG-Lagerhaus in zeitgenössischen Berichten als bedeutende Anlage des neu eröffneten Hafens erwähnt.

Das Lagerhaus
Das Gebäude war als kompakter, mehrgeschossiger Klinkerbau errichtet und von außen deutlich kleiner, als seine tatsächliche Lagerkapazität vermuten ließ. Die zeitgenössische Beschreibung hebt deshalb ausdrücklich die besonders rationelle Raumausnutzung hervor.
Insgesamt standen etwa 8.000 Quadratmeter Lagerfläche zur Verfügung. Das Gebäude verfügte über
- Kellerräume,
- eine große Lagerhalle im Erdgeschoss,
- zwei weitere Geschosse mit Lagerräumen,
- ein anschließendes eingeschossiges Durchgangslager,
- Büroräume der WTAG,
- Räume der Hafenzollstelle und
- eine Auslands-Fleischbeschaustelle.
Die gesamte Anlage konnte etwa 6.500 Tonnen Lebensmittel aufnehmen.
Die Lagerung war nicht auf Lebensmittel beschränkt. Eingelagert wurden unter anderem Getreide und Futtermittel, Mehl, Zucker, Rosinen, Nüsse, Eisen, Rotguss- und Metallschrott, Speck und Sämereien. Das Lagerhaus diente damit als universelles Handels- und Vorratslager für Güter unterschiedlichster Art.
Bilder 2015
- 2015
Schutz vor Bergschäden und Grundwasser
Die Errichtung des Gebäudes stellte aufgrund der örtlichen Verhältnisse eine besondere technische Herausforderung dar. Das Gelände lag im Bereich des früheren Emscherlaufes. Wo später das Hafenbecken und die Hafenanlagen entstanden, hatte sich zuvor die mäandrierende Emscher durch Weideflächen bewegt.
Bei der Anlage des Hafens wurde der alte Flusslauf verfüllt. Für das schwere Lagerhaus musste deshalb zunächst ein ausreichend tragfähiger und gegen Grundwasser geschützter Baugrund geschaffen werden.
Das Gebäude erhielt massive Betonfundamente zum Schutz vor Bergschäden. Zusätzlich wurde der Bau gegen eindringendes Grundwasser gesichert. Nach der zeitgenössischen Beschreibung stand der gesamte Bau auf einer dicken Bleiplatte. Dadurch konnten besonders trockene Kellerräume geschaffen werden, die für die Lagerung empfindlicher Waren geeignet waren.
Auch die statische Belastbarkeit war außergewöhnlich. Die Lagerflächen waren für einen Lastendruck von etwa 2,5 Tonnen je Quadratmeter ausgelegt.
Die Konstruktion zeigt, dass beim Bau sowohl die besonderen Bedingungen des durch den Bergbau beeinflussten Untergrundes als auch die hohen Anforderungen eines modernen Lagerbetriebes berücksichtigt wurden.
Lagerung und Warenumschlag
Die Lagerhaltung erfolgte nach einem streng organisierten System. Die Lagerräume waren in einzelne Felder gegliedert. Für die eingelagerten Waren wurde eine genaue Lagerkartei geführt.
Sack- und Kistenwaren wurden so gestapelt, dass die vorhandenen Mengen jederzeit kontrolliert werden konnten. Unterschiedliche Waren mussten aufgrund ihrer Beschaffenheit getrennt und unter geeigneten klimatischen Bedingungen gelagert werden.
Besondere Bedeutung hatte die Temperaturführung. Im Sommer konnten beispielsweise Mehlsäcke nicht so hoch gestapelt werden wie im Winter. Hohe Räume, geeignete Belüftung und die blau gestrichenen Fenster, die einen Teil der ultravioletten Strahlung zurückhielten, sollten eine übermäßige Erwärmung verhindern.
Auch der Brandschutz spielte angesichts der großen Warenmengen eine wichtige Rolle.
Getreideumschlag
Eine besondere technische Einrichtung der WTAG war die Anlage für die Annahme, Einlagerung und Ausgabe von losem Getreide.
Das mit Binnenschiffen angelieferte Getreide wurde mit einem großen Greifer aus den Laderäumen der Schiffe gehoben. Der Greifer entleerte die Ladung zunächst in einen Trichter. Von dort gelangte das Getreide in eine Empfangswaage.
Die Waage war auf den schnellen Umschlag großer Mengen ausgelegt. Bei leichteren Getreidearten wie Gerste, Hafer oder Sonnenblumenkernen wurden jeweils etwa 200 Kilogramm gewogen; bei schwereren Getreidearten wie Mais, Roggen, Weizen oder Dari betrug die registrierte Menge jeweils etwa 250 Kilogramm.
Von der Waage gelangte das Getreide über ein im Keller angeordnetes Förderband zu einem Becherwerk. Dieses transportierte das Getreide nach oben in einen über das Dach hinausragenden hölzernen Turm.
Dort befand sich die Verteilungsanlage. Über ein System von Rohren wurde das Getreide gezielt in die im zweiten Obergeschoss gelegenen Getreidelager verteilt. Ein drehbares Auslaufrohr ermöglichte es, die jeweils gewünschte Lagerzelle anzusteuern.
Das System erlaubte damit eine mechanisierte und rationelle Einlagerung des Getreides ohne den sonst notwendigen manuellen Transport der schweren Säcke.
Auslagerung
Auch die Auslagerung erfolgte weitgehend mechanisiert. Das Getreide wurde über Transportrohre aus den Lagerbereichen zur Waage geführt. Dort konnte die gewünschte Abgabemenge eingestellt werden.
Anschließend wurde die Ware kontrolliert nachgewogen und über die Verladerampe an die Abholer ausgegeben.
Für die Verladung auf Landfahrzeuge standen auf beiden Seiten des großen Verladeraumes Güteraufzüge mit jeweils 1.000 Kilogramm Tragfähigkeit zur Verfügung. Zusätzlich erleichterten vier Sackrutschen den Abtransport.
Eine Besonderheit war die im Betrieb vorhandene Haferquetsche. Kunden konnten den abgeholten Hafer gegen eine geringe Gebühr zwischen schweren Stahlwalzen quetschen lassen, um ihn als Pferdefutter aufzubereiten.
Hafenumschlag
Für den Umschlag am Osthafen verfügte die WTAG über zwei elektrisch betriebene Portalkräne. Jeder Kran besaß eine Hebekraft von etwa fünf Tonnen.
Die Kräne liefen auf Schienen und konnten entlang des Kais bewegt werden. Damit konnten die Schiffe unmittelbar an der Wasserfront be- und entladen werden.
Die Waren erreichten das Lagerhaus vielfach auf den eigenen Lastkähnen der WTAG. Deren Fahrten waren nach einem festen Fahrplan organisiert und standen teilweise in zeitlichem Zusammenhang mit der Ankunft großer Seeschiffe und deren Entladung.
Damit war die Wanne-Eickeler Niederlassung unmittelbar in die überregionalen Wassertransportwege eingebunden.
Landseitiger Verkehr
Mindestens ebenso wichtig wie der Schiffsumschlag war der Verkehr auf der Landseite.
An der großen Laderampe herrschte während der Arbeitszeit ein ständiger Wechsel. Lastkraftwagen und Fuhrwerke von Lebensmittel- und Futtermittelgroßhandlungen, Getreidemühlen und anderen Unternehmen fuhren vor, wurden beladen und machten anschließend Platz für die nächsten Fahrzeuge.
Die WTAG erfüllte damit eine klassische Drehscheibenfunktion zwischen Schiff, Lager und Landverkehr.
Die Bedeutung des Standortes reichte weit über Wanne-Eickel hinaus. Zum Kundenkreis gehörten Unternehmen aus dem Vest Recklinghausen sowie aus Herne, Gelsenkirchen, Bochum, Hattingen, Witten und bis nach Essen-Borbeck.
Zoll und Einfuhrwaren
Eine besondere Bedeutung besaß die am Lagerhaus angesiedelte Hafenzollstelle.
In zwei zollamtlichen Lagerräumen wurden Importwaren gelagert. Dazu gehörten insbesondere
- Tabak,
- Wein,
- Gewürze,
- Tee und
- weitere ausländische Waren.
Die dort gelagerten Waren erreichten teilweise einen erheblichen Zollwert. Zeitgenössisch (1933) wird von 100.000 Mark und mehr berichtet.
Zur Zollabfertigung gehörte außerdem eine Fleischbeschaustelle für Auslandsfleisch. Hier wurden insbesondere amerikanischer Speck und holländisches Schmalz kontrolliert.
Die Verbindung von Lagerhaus, Hafen, Spedition und Zoll machte den Osthafen damit zu einem wichtigen Eingangstor für Importwaren in das nördliche Ruhrgebiet und das angrenzende Emscher-Lippe-Gebiet.
Freilager
Neben dem überdachten Lagerhaus verfügte die WTAG über ein etwa 4.000 Quadratmeter großes Freilager für Massengüter.
Dort wurden insbesondere
- Kohlen,
- Erze,
- Grubenholz,
- Eisenröhren,
- Baustoffe
- und ähnliche Güter
gelagert. Damit ergänzte das Freilager die geschlossenen Lagerflächen und ermöglichte auch die Zwischenlagerung größerer Mengen witterungsunempfindlicher Massengüter.
Erweiterung
Mit dem wachsenden Güterverkehr stieß das historische Lagerhaus schließlich an seine Kapazitätsgrenzen.
Im Jahr 1930 wurde deshalb am rechten Flügel eine zusätzliche eingeschossige Lagerhalle errichtet. Dadurch vergrößerte sich die Lagerfläche um etwa 1.000 Quadratmeter.
Die nicht unterkellerte Halle diente vor allem als Durchgangslager für Güter mit kurzer Lagerzeit und konnte rund 1.500 Tonnen aufnehmen. Auch auf der Landseite verfügte sie über eine durchgehende Laderampe.
Die Erweiterung dokumentiert die weiterhin vorhandene Bedeutung des Standortes auch Jahrzehnte nach dem Bau des ursprünglichen Lagerhauses.
Wirtschaftliche Bedeutung
Die Dimensionen des Lagerbetriebes lassen die wirtschaftliche Bedeutung des WTAG-Standortes erkennen. In den Hallen lagerten je nach Warenanfall zeitweise Güter im Gesamtwert von etwa 1,5 bis 2 Millionen Mark.
Der Betrieb war damit weit mehr als ein örtliches Lagerunternehmen. Die Niederlassung versorgte einen großen Teil des regionalen Handels mit Lebensmitteln, Futtermitteln und industriellen Rohstoffen und war zugleich Umschlagplatz für überregional gehandelte und importierte Waren.
Der Osthafen übernahm dadurch eine Funktion, die über den klassischen Kohlenumschlag der Wanne-Eickeler Häfen deutlich hinausging.
Verkehrliche Probleme
Der wachsende Erfolg des Lager- und Umschlagbetriebes brachte allerdings auch Probleme mit sich. Die Zufahrts- und Abfuhrwege zum Osthafen waren bereits in der zeitgenössischen Darstellung den gestiegenen Verkehrsanforderungen nicht mehr vollständig gewachsen.
Insbesondere wurde der Ausbau eines zweiten, kürzeren Zufahrtsweges gefordert. Die Verbesserung der Verkehrsanbindung wurde als Voraussetzung dafür angesehen, den Hafen für die zunehmenden Anforderungen des Güterverkehrs leistungsfähig zu halten.
Am 11. Februar 1974 wurde die Gesellschaft aus dem Handelsregister gelöscht.
Das ehemalige WTAG-Gelände
Das historische WTAG-Lagerhaus gehört heute nicht mehr zum Erscheinungsbild des Osthafens. Der Osthafen selbst blieb jedoch als Hafen- und Industriestandort erhalten und wird heute von der Wanne-Herner Eisenbahn und Hafen GmbH betrieben.
Das Gebäude wurde nach 2015 abgetragen und heute (2026) befindet sich dort der Standort Herne des Schrottgroßhandel Wilhelm Bötzel GmbH & Co. KG im Bereich der Hafenstraße 5-13
Die Geschichte des WTAG-Standortes ist damit Teil der Entwicklung Wanne-Eickels vom Bergbau- und Industriestandort zu einem bedeutenden Verkehrs- und Logistikstandort am Rhein-Herne-Kanal.
Archive
- Stadtarchiv Herne - Best. 319 / Verträge Wanne-Eickel, Nr. C 33
- Vertrag zwischen dem Preußischen Staat (Regierung Arnsberg) und der Stadt Wanne-Eickel - Laufzeit 02.10.1929, 14.10.1929
- Kostenlose Überlassung des Aufenthaltsraumes im Lagerhaus der Westfälischen-Transport AG in Wanne-Eickel am Osthafen
- Vertrag zwischen dem Preußischen Staat (Regierung Arnsberg) und der Stadt Wanne-Eickel - Laufzeit 02.10.1929, 14.10.1929
- Stadtarchiv Herne - Best. 319 / Verträge Wanne-Eickel, Nr. G 31
- Vertrag zwischen dem Preuß. Staat und der Stadt Wanne-Eickel Laufzeit 01.08.1929, 07.08.1929
- betr. Vornahmen der bei der Auslandsfleischbeschaustelle Wanne-Eickel, Zollabfertigungstelle am Osthafen erforderkichen Untersuchungen auf Trichinen durch das Trichinenschauamt der Stadt Wanne-Eickel
- Vertrag zwischen dem Preuß. Staat und der Stadt Wanne-Eickel Laufzeit 01.08.1929, 07.08.1929
Quellen
- Zeitschrift für Binnenschiffahrt, Heft 11/12, 1915: „Der Hafen Wanne am Rhein-Herne-Kanal“, S. 60.
- Die Vorratskammer des Emscher-Lippelandes, Westfälische Landeszeitung 7. März 1934. online auf Zeitpunkt.nrw
- Pehl, UdoWir transportieren alle Güter! Aus der Geschichte der WTAG "Westfälischen Transport-Actien-Gesellschaft":in Heimat Dortmund Dortmund; 1999; Nr. 01-08; S. 28-30
- Georg Eggenstein, Herbert Niewerth, Arnulf Siebeneicker (Hrsg.): 100 Jahre Rhein-Herne-Kanal. Die Wasserstraße mitten durchs Revier, Klartext Verlag, Essen 2014, S. 96–99.
- Zeitschrift für Binnenschiffahrt, 1937, Werbeanzeige der Westfälischen Transport-Aktien-Gesellschaft.
- Geschäftsberichte der Westfälischen Transport-Actien-Gesellschaft.
- Geschäftsbericht der Rhenus-WTAG Aktiengesellschaft, Dortmund, 1976–1983.
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Quellen
| Dieser Artikel, diese genealogische oder textliche Zusammenstellung bzw. dieses Bild wird von Andreas Janik (ehem. Johann-Conrad) für das Wiki der Herner Stadtgeschichte zur Verfügung gestellt und unterliegt dem Urheberrecht. Bei einer Verwendung dieser Abbildung und/oder dieses Textes - auch als Zitat - außerhalb des Wikis der Herner Stadtgeschichte ist die Genehmigung beim Autor einzuholen. |
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