Trauernde Frau - Südfriedhof Herne
Die Trauernde Frau war eine auf dem Südfriedhof in Herne aufgestellte Grabmalplastik des Bildhauers Fidel Binz (1850–1920). Bei der Figur handelte es sich nach ihrer Gestaltung und dem Vergleich mit erhaltenen Exemplaren sehr wahrscheinlich um eine um 1900 entstandene Galvanoplastik. Das Werk stellte eine sitzende, in Trauer versunkene junge Frau dar und gehörte damit zu jener um die Jahrhundertwende verbreiteten Friedhofskunst, die Trauer und Erinnerung nicht durch eine dramatische Szene, sondern durch eine ruhige, in sich gekehrte menschliche Gestalt ausdrückte.



Die Plastik stand auf einem monumentalen, dunkel gehaltenen Steinsockel innerhalb des parkartig gestalteten Südfriedhofs prominent am Vorplatz der Trauerhalle. Im August 2026 wurde die Figur von ihrem Standort entfernt und gestohlen. Zurück blieb lediglich der Sockel mit den Spuren der Befestigung.
Beschreibung
Die Figur zeigte eine junge Frau in einem langen, über den Körper fallenden Gewand. Sie saß seitlich auf dem oberen Bereich des Grabmalsockels, wobei die Beine nach vorn herabhingen. Der Oberkörper war leicht nach vorn geneigt; die Arme lagen beziehungsweise ruhten auf den Knien. Der Kopf war gesenkt und der Blick nach unten gerichtet.
Die Haltung vermittelt eine ausgeprägte innere Sammlung. Die Figur vermeidet jede pathetische Geste. Statt einer Darstellung des Todes selbst wird der Zustand der Trauer verkörpert. Das lange, stark gefaltete Gewand verstärkte dabei die geschlossene, nach innen gerichtete Wirkung der Plastik.
Charakteristisch war außerdem die Verbindung zwischen der menschlichen Figur und dem architektonisch gestalteten Grabmal. Die Frau war nicht als freistehende Skulptur konzipiert, sondern als Bestandteil eines monumentalen Grabmals. Der dunkle Steinsockel bildete dabei einen deutlichen Gegensatz zu der ursprünglich metallisch wirkenden Figur.
Künstler und kunsthistorischer Zusammenhang
Die Plastik wird dem Bildhauer Fidel Binz (1850–1920) zugeschrieben. Binz wurde am 22. November 1850 in Mahlberg in der Ortenau geboren und studierte ab 1868 an der Akademie der Bildenden Künste München. Später unterhielt er in Karlsruhe eine Werkstatt für Grabmalkunst und Bauplastik. Zu seinem Wirkungskreis gehörten insbesondere Entwürfe für Grabmäler und plastische Arbeiten für Friedhöfe.[1]
Eine besondere Bedeutung erlangten seine Modelle für Galvanoplastiken, die von der Württembergischen Metallwarenfabrik (WMF) in Geislingen an der Steige hergestellt und in mehreren Exemplaren verbreitet wurden. Dadurch konnten künstlerisch anspruchsvolle Grabmalfiguren auch außerhalb der großen Kunstzentren auf Friedhöfen aufgestellt werden.[2]
Ein nahezu identisches Motiv ist unter der Bezeichnung Trauernde Frau auf dem Südfriedhof in Kiel erhalten. Dort wird die Figur auf etwa 1906 datiert und als Galvanoplastik beschrieben. Die dortige Figur zeigt ebenfalls eine sitzende junge Frau in langem, faltenreichem Gewand mit nach vorn herabhängenden Beinen und gesenktem Kopf.
Weitere Exemplare beziehungsweise Varianten des von Binz entworfenen Motivkreises befinden sich auf historischen Friedhöfen in Hamburg. Auch dort wird auf die Herstellung als WMF-Galvanoplastik in höherer Auflage hingewiesen.[3]
Die Plastik auf dem Südfriedhof Herne
Der Südfriedhof gehört zu den bedeutenden historischen Friedhofsanlagen der Stadt Herne. Er wurde 1905 angelegt und entwickelte sich zu einem weitläufigen Parkfriedhof mit umfangreichem Baumbestand, Alleen, Wiesenflächen und zahlreichen historischen Grabmalen.[4]
Die Aufstellung der Binz-Plastik fügte sich in die für die Zeit nach 1906 charakteristische Verbindung von Grabarchitektur und figürlicher Kunst ein. Die Figur war dabei nicht lediglich dekorativer Schmuck, sondern übernahm eine inhaltliche Funktion: Die trauernde Frau verkörperte den Schmerz der Hinterbliebenen und stellte damit eine bildliche Verbindung zwischen dem Grabmal und dem menschlichen Gedenken her.
Die Herner Ausführung bestand aus einem hohen, dunkel wirkenden Steinsockel mit profilierter Gestaltung. Über einer abgestuften Basis erhob sich ein nahezu rechteckiger Grabmalblock. Den oberen Abschluss bildete eine kräftige, vorspringende Abdeckung. Auf diesem architektonischen Körper saß die metallische Figur.
Die erhaltenen Fotografien zeigen, dass die Figur zuletzt eine grünliche Patina aufwies. Diese Farbwirkung ist für historische Kupfer- beziehungsweise kupferhaltige Galvanoplastiken charakteristisch und entstand durch die natürliche Veränderung der Metalloberfläche.
Diebstahl 2026
Zwischen dem 8. oder 9. August 2026 wurde die Plastik vom Südfriedhof entwendet. Bei einer späteren Aufnahme war die Figur vollständig verschwunden. Erhalten blieb lediglich der Steinsockel.
Besonders deutlich sind auf den nach dem Diebstahl entstandenen Fotografien die Spuren an der Oberseite des Sockels zu erkennen. Dort befinden sich Reste der früheren Befestigung sowie ein deutlich erkennbares Befestigungsloch. Auch auf der Oberfläche sind Abrieb- und Bruchspuren vorhanden. Daraus lässt sich schließen, dass die Figur nicht einfach von ihrem Standort weggetragen wurde, sondern von ihrer Befestigung beziehungsweise ihrem Sockel gelöst werden musste.
Der Diebstahl ist nicht nur als Verlust eines einzelnen Grabmalschmucks zu betrachten. Mit der Figur ging ein kunsthistorisches Zeugnis der Friedhofskultur des frühen 20. Jahrhunderts verloren. Gerade bei Galvanoplastiken kommt hinzu, dass die einzelnen Exemplare zwar seriell hergestellt wurden, ihre jeweilige Aufstellung auf einem bestimmten Grabmal jedoch Teil der örtlichen Friedhofs- und Familiengeschichte ist.
Ob die Herner Figur tatsächlich ein originaler Binz-Entwurf beziehungsweise ein von der WMF ausgeführtes Serienexemplar war, sollte weiter untersucht werden.
Kunsthistorische Bedeutung
Die Figur steht beispielhaft für eine Entwicklung der europäischen Grabmalkunst des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. An die Stelle älterer, überwiegend christlich-symbolischer Grabmalzeichen traten zunehmend allegorische und menschliche Darstellungen von Trauer, Erinnerung und Vergänglichkeit.
Die Trauernde Frau gehört zu diesem Formenkreis. Ihre Wirkung entsteht weniger durch religiöse Attribute als durch Haltung, Körperhaltung und Gesichtsausdruck. Das gesenkte Haupt, die geschlossene Körperhaltung und das schwere Gewand vermitteln Stille und persönliche Trauer.
Die Verbreitung vergleichbarer Galvanoplastiken zeigt zugleich die zunehmende Industrialisierung der Grabmalkunst. Durch das Verfahren der Galvanoplastik konnten plastische Modelle in Metall vervielfältigt werden. Die Arbeiten wurden damit für einen größeren Kreis von Auftraggebern verfügbar, ohne dass jedes Exemplar vollständig neu modelliert werden musste.
Für die Geschichte des Südfriedhofs ist die Figur deshalb von besonderem Interesse. Sie verband die repräsentative Grabarchitektur mit einem überregional verbreiteten Werk der Friedhofskunst und dokumentierte zugleich die Bestattungskultur des bürgerlichen Zeitalters.
Erhaltungszustand und Verlust
Vor ihrem Verschwinden wies die Figur eine deutlich sichtbare grünliche Patina auf. Die fotografische Dokumentation unmittelbar vor beziehungsweise nach dem Verlust zeigt außerdem Verwitterungs- und Verschmutzungsspuren.
Der Steinsockel blieb nach dem Diebstahl erhalten. Damit ist zumindest ein wesentlicher Teil der ehemaligen Grabmalanlage weiterhin vorhanden. Die erhaltenen Fotografien besitzen daher einen besonderen dokumentarischen Wert für eine mögliche spätere Rekonstruktion beziehungsweise für die kunsthistorische Identifizierung des gestohlenen Exemplars.
Eine Wiederbeschaffung oder Rekonstruktion sollte sich nicht allein am äußeren Erscheinungsbild orientieren. Vor einer möglichen Wiederherstellung wären insbesondere die ursprüngliche Befestigung, das genaue Metall, die Abmessungen, die Herkunft des Exemplars sowie seine Beziehung zur ursprünglichen Grabstätte zu klären.
Dokumentation des Verlustes
Die nach dem Diebstahl angefertigten Fotografien dokumentieren den Zustand des Sockels und die vorhandenen Befestigungsspuren. Sie sollten zusammen mit älteren Aufnahmen der Plastik dauerhaft archiviert werden.
Für die kunsthistorische Dokumentation des Südfriedhofs ist insbesondere die Gegenüberstellung von Aufnahmen vor und nach dem Verlust von Bedeutung. Sie macht nicht nur den Verlust selbst sichtbar, sondern ermöglicht auch eine spätere Identifizierung des Werkes, falls die Plastik wieder aufgefunden werden sollte.
Literatur und Quellen
- Stadt Herne: Informationen zum Südfriedhof.
- Stadt Herne: Friedhofsplan Südfriedhof.
- Herne. Der Friedhofswegweiser. Mammut, Leipzig 2012.
- Heinrich Knöll (Hrsg.): Herne i. W. (= Deutschlands Städtebau). 2. Auflage, DARI-Verlag, Berlin-Halensee 1928.
- Fidel Binz. Biografische und werkbezogene Angaben, unter anderem zur Werkstatt für Grabmalkunst und Bauplastik sowie zu den für WMF geschaffenen Galvanoplastiken.
- Kunst@SH: Fidel Binz: Trauernde Frau; Dokumentation des vergleichbaren Exemplars auf dem Kieler Südfriedhof.
- Kunst@SH: Fidel Binz: Grabmal Hoff.
- Kunst@SH: Fidel Binz: Grabmal Eckhoff.
- Eigene fotografische Dokumentation des Südfriedhofs, Herne, 2026.
Einzelnachweise
- ↑ Fidel Binz, biografische Angaben nach der Übersicht der Werke und der Matrikel der Akademie der Bildenden Künste München.
- ↑ Zu Fidel Binz und seinen für die WMF geschaffenen Modellen siehe die Zusammenstellung zu Fidel Binz sowie die kunsthistorische Dokumentation vergleichbarer Grabmalplastiken.
- ↑ Fidel Binz: Grabmal Hoff, Kunst@SH; Fidel Binz: Grabmal Eckhoff, Kunst@SH.
- ↑ Stadt Herne, Fachbereich Stadtgrün, Friedhöfe; zur historischen Entwicklung und Gestaltung des Südfriedhofs siehe auch den Friedhofsplan der Stadt Herne.
