Stadtkernentwicklung von Alt-Herne in den 1970er und 1980er Jahren
Die Stadtkernentwicklung von Alt-Herne in den 1970er und 1980er Jahren zählt zu den bedeutendsten städtebaulichen Umgestaltungen in der Geschichte der Stadt Herne. Sie markiert den Übergang von einer durch Bergbau und Gründerzeit geprägten Innenstadt zu einem modernen Dienstleistungs-, Verwaltungs- und Einkaufszentrum. Die Maßnahmen umfassten die Sanierung alter Wohnquartiere, die Neuordnung des Verkehrs, die Schaffung einer Fußgängerzone, den Bau moderner Wohn- und Geschäftshäuser sowie die Errichtung neuer öffentlicher Räume.
-
Stadtzentrum, 1976, aus: Dokumentation zur Stadtkernentwicklung, Herbst 1976. Interessant auf dem Bild aus dem Jahr 1976 ist, dass die Bahnunterführung an der neugeschaffenen Umgehungsstraße Westring noch den Namen „Möllertunnel“ trägt.
-
Stadtzentrum, um 1960
Historische Ausgangslage
Herne gehörte zu den wenigen Städten des Ruhrgebiets, deren Innenstadt den Zweiten Weltkrieg vergleichsweise unbeschadet überstand. Während zahlreiche Nachbarstädte erhebliche Kriegsschäden erlitten, blieben die Geschäfts- und Verwaltungsgebäude entlang der Bahnhofstraße weitgehend erhalten. Die meisten Schäden beschränkten sich auf zerstörte Dächer und Fensterscheiben.
In den ersten Nachkriegsjahren verlieh dieser Umstand Herne eine besondere Stellung innerhalb des Ruhrgebiets. Amerikanische und britische Soldaten bezeichneten die Stadt in Anlehnung an den Film Die goldene Stadt als „the golden town“. Die Bahnhofstraße entwickelte sich zu einer der wichtigsten Einkaufsstraßen der Region und wurde in Anspielung auf die Düsseldorfer Königsallee häufig als „Herner Kö“ oder sogar als „Kö des Ruhrgebiets“ bezeichnet.
Mit dem Wiederaufbau der Nachbarstädte verlor Herne diese Sonderstellung jedoch zunehmend. Gleichzeitig traten die strukturellen Schwächen der Innenstadt immer deutlicher hervor. Viele Gebäude stammten aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und entsprachen nicht mehr den Anforderungen moderner Wohn- und Geschäftsverhältnisse. Hinterhofbebauungen, fehlende Grünflächen, unzureichende Parkmöglichkeiten und eine zunehmende Verkehrsbelastung erschwerten die weitere Entwicklung des Stadtkerns.
Beginn der Stadterneuerung
Vor diesem Hintergrund beschloss die Stadt Herne Ende der 1960er Jahre umfassende Maßnahmen zur Stadtkernsanierung. Anders als bei zahlreichen Großprojekten in anderen Städten sollte die Erneuerung ohne Enteignungen erfolgen. Die Umsetzung beruhte auf freiwilligen Vereinbarungen mit den Eigentümern sowie auf den Instrumenten der Städtebauförderung des Landes Nordrhein-Westfalen und des Bundes.
Die planerische Federführung lag unter anderem beim Stadtplaner Manfred Ley, der die Herner Stadtkernentwicklung später als eine „Freiluftakademie für Stadterneuerung“ bezeichnete. Ziel war es, die gewachsene Innenstadt zu modernisieren, ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu erhalten und zugleich die Wohnqualität nachhaltig zu verbessern.
Städtebauliche Leitbilder der 1970er Jahre
Die Herner Innenstadtplanung orientierte sich an den städtebaulichen Leitbildern ihrer Zeit. Im Mittelpunkt standen die funktionale Gliederung der Stadt, die Trennung von Fußgänger- und Fahrzeugverkehr sowie die Schaffung moderner Einkaufs- und Aufenthaltsbereiche.
Die wichtigsten Ziele waren:
- die Stärkung des Einzelhandels,
- die Modernisierung des Wohnungsbestandes,
- die Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur,
- die Schaffung attraktiver öffentlicher Räume,
- die Anpassung der Innenstadt an die Anforderungen einer automobilen Gesellschaft.
Dabei sollten sowohl die Innenstadt als Handelsstandort als auch ihre Funktion als Wohn- und Verwaltungszentrum gesichert werden.
Verkehrliche Neuordnung
Ein wesentlicher Bestandteil der Stadtkernentwicklung war die Neuordnung des Verkehrs. Seit den 1960er Jahren hatte die zunehmende Motorisierung zu erheblichen Belastungen im Innenstadtbereich geführt. Die Bahnhofstraße war zugleich Hauptverkehrsachse als B51 und wichtigste Einkaufsstraße der Stadt.
Zur Entlastung des Zentrums wurde 1970 der Westring eröffnet. Die neue Umgehungsstraße sollte den Durchgangsverkehr aus der Innenstadt herausführen und bessere Voraussetzungen für eine Umgestaltung des Stadtkerns schaffen.
Parallel dazu entstanden neue Parkflächen und Parkhäuser. Die Verkehrsplanung zielte darauf ab, den Individualverkehr an den Rand des Geschäftsbereichs zu verlagern und den eigentlichen Stadtkern stärker den Fußgängern zu überlassen.
Die Fußgängerzone Bahnhofstraße
Das sichtbarste Ergebnis dieser Entwicklung war die Umgestaltung der Bahnhofstraße zur Fußgängerzone. Nach umfangreichen Bauarbeiten wurde die neue Fußgängerzone am 30. September 1976 offiziell eingeweiht.
Die Bahnhofstraße entwickelte sich damit endgültig zur zentralen Einkaufs- und Flaniermeile Hernes. Moderne Pflasterungen, Sitzgelegenheiten, Bepflanzungen und neue Beleuchtungskonzepte sollten die Aufenthaltsqualität erhöhen und den Einzelhandel stärken.
Die Schaffung der Fußgängerzone entsprach einem bundesweiten Trend der 1970er Jahre. In Herne wurde sie jedoch besonders konsequent umgesetzt und bildete fortan das Rückgrat der Innenstadtentwicklung.
Das City-Center Herne
Ein weiterer Meilenstein war die Errichtung des City-Centers Herne. Das 1973 eröffnete Einkaufszentrum galt als eines der modernsten Handelsprojekte seiner Zeit und wurde als erstes vollständig überdachtes zweigeschossiges Einkaufszentrum Deutschlands beworben.
Das City-Center ergänzte die bestehende Geschäftsstruktur der Bahnhofstraße und sollte die Wettbewerbsfähigkeit der Herner Innenstadt gegenüber neu entstehenden Einkaufsstandorten in der Region sichern. Die Kombination aus traditioneller Geschäftsstraße und modernem Einkaufszentrum entsprach den Vorstellungen einer zukunftsorientierten Innenstadtentwicklung.
Wohnungsbau und Hochhausprojekte

Neben dem Einzelhandel spielte die Modernisierung des Wohnungsbestandes eine zentrale Rolle. Zahlreiche Altbauten wurden saniert, modernisiert oder durch Neubauten ersetzt. Ziel war die Verbesserung der Wohnverhältnisse in den dicht bebauten Innenstadtquartieren.
Besonders sichtbar wurden diese Veränderungen durch den Bau der beiden Wohntürme an der heutigen Straße „An der Kreuzkirche“. Die zwischen 1975 und 1976 errichteten Hochhäuser galten als Symbol des modernen Herne.
Die lokale Presse sprach seinerzeit von einem „turmhohen Superhaus“, das die bisherigen Dimensionen des Herner Stadtbildes sprenge. Die Hochhäuser verdeutlichten den Anspruch der Stadt, moderne Wohnformen auch im Zentrum anzubieten und die Innenstadt als Wohnstandort zu erhalten.
Berliner Platz und neue Stadträume
Der Berliner Platz entwickelte sich während der Stadterneuerung zunehmend zum zentralen öffentlichen Raum der Innenstadt. Als wichtiger Verkehrsknotenpunkt und Veranstaltungsort erhielt er eine neue städtebauliche Bedeutung.
Die Gestaltung orientierte sich an den Vorstellungen der 1970er Jahre mit großzügigen Freiflächen, klaren Sichtachsen und einer funktionalen Gliederung des öffentlichen Raums. Der Platz verband die Einkaufsbereiche, Verwaltungsgebäude und Verkehrsanlagen miteinander und wurde zu einem wichtigen Identifikationspunkt der Innenstadt.
Auch weitere Plätze und Straßenräume wurden neu gestaltet. Grünflächen, Sitzbereiche und moderne Stadtmöblierung sollten die Aufenthaltsqualität erhöhen und dem Stadtkern ein zeitgemäßes Erscheinungsbild verleihen.
So wurde der Verweilplatz ermöglicht und die St. Bonifatius Kirche als neuer städtebaulicher Platz geschaffen.
Stadtsanierung und Denkmalpflege
Die umfassenden Sanierungsmaßnahmen führten zu einer deutlichen Verbesserung der Infrastruktur und Wohnqualität. Gleichzeitig gingen jedoch zahlreiche ältere Gebäude verloren, die das historische Stadtbild des Vorkriegs-Herne geprägt hatten.
Diese Entwicklung entsprach einem bundesweiten Trend der 1970er Jahre. Während zunächst Abriss und Neubau im Vordergrund standen, setzte sich in den 1980er Jahren zunehmend die Erkenntnis durch, dass historische Bausubstanz einen wichtigen Beitrag zur Identität einer Stadt leisten kann.
Auch in Herne gewann die Denkmalpflege nun stärker an Bedeutung. Statt großflächiger Neubauprojekte rückten Fassadensanierungen, Bestandspflege und die behutsame Erneuerung vorhandener Gebäude stärker in den Mittelpunkt.
Entwicklung in den 1980er Jahren
In den 1980er Jahren verlagerte sich der Schwerpunkt der Stadtentwicklung von grundlegenden Strukturveränderungen hin zur qualitativen Verbesserung des vorhandenen Stadtraumes. Die wichtigsten Verkehrs- und Sanierungsmaßnahmen waren inzwischen abgeschlossen.
Die Stadt konzentrierte sich nun verstärkt auf die Pflege der öffentlichen Räume, die Modernisierung bestehender Gebäude und die Anpassung der Innenstadt an die wirtschaftlichen Veränderungen des Strukturwandels. Der Rückgang des Bergbaus und die zunehmende Bedeutung des Dienstleistungssektors beeinflussten dabei die weitere Entwicklung des Stadtkerns.
Historische Bewertung
Die Stadtkernentwicklung der 1970er und 1980er Jahre prägte das Erscheinungsbild von Alt-Herne nachhaltig. Viele der damals geschaffenen Strukturen – die Fußgängerzone, das City-Center, die Verkehrsführung sowie zahlreiche Neubauten – bestimmen bis heute das Bild der Innenstadt.
Aus heutiger Sicht wird die Entwicklung differenziert bewertet. Einerseits gelang es, die Innenstadt an die Anforderungen der Nachkriegszeit anzupassen und ihre Funktion als Handels- und Verwaltungszentrum zu sichern. Andererseits gingen historische Gebäude und gewachsene Stadtstrukturen verloren, deren städtebaulicher Wert erst später stärker erkannt wurde.
Unbestritten ist jedoch die Bedeutung dieser Jahrzehnte für die moderne Stadtgeschichte Hernes. Die Stadtkernentwicklung stellte einen der größten kommunalen Eingriffe in die bauliche Struktur Alt-Hernes seit dem Beginn der Industrialisierung dar und bildet bis heute die Grundlage für die weitere Entwicklung der Innenstadt.
Literatur
- Stadt Herne: Sanierungsmaßnahmen Alt-Herne.
- Stadt Herne: Stadtentwicklungspläne 1970–1985.
- Zeitgenössische Berichterstattung der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung und der lokalen Tagespresse.
Weblinks
http://www.ruhrgebiet-regionalkunde.de/html/vertiefungsseiten/herne.php.html Regionalkunde Ruhrgebiet; Vertiefung: Herne
