SchachtZeichen 2010 in Herne - Erlebnis der Bergbauhistorie

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel

Die Aktion „SchachtZeichen“ gehörte zu den bedeutendsten Kunst- und Erinnerungsprojekten der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010. Zwischen dem 22. und 30. Mai 2010 erhoben sich über dem gesamten Ruhrgebiet große gelbe Heliumballone über ehemaligen Zechen- und Schachtstandorten. Die Ballone markierten Orte, an denen über Jahrzehnte und teilweise mehr als ein Jahrhundert hinweg Bergbau betrieben wurde. Ziel der Aktion war es, die vielfach aus dem Stadtbild verschwundenen Standorte des Steinkohlenbergbaus wieder sichtbar zu machen und damit die industrielle Vergangenheit des Ruhrgebiets ins öffentliche Bewusstsein zurückzuholen.

Blick vom Tippelsberg zur Emscher. Bild: Arnoldius 23. Mai 2010. [1]
Bild: Arnoldius 23. Mai 2010. [2]

Für die Stadt Herne besaß die Aktion eine besondere Bedeutung. Kaum eine andere Stadt des Ruhrgebiets wurde derart stark durch den Bergbau geprägt. Herne und Wanne-Eickel entwickelten sich im 19. und 20. Jahrhundert von ländlich geprägten Gemeinden zu industriellen Zentren des Ruhrbergbaus. Zahlreiche Zechenanlagen, Fördertürme, Kokereien und Bergarbeitersiedlungen bestimmten über Generationen hinweg das Stadtbild und das soziale Leben.

Die Aktion SchachtZeichen verband in Herne Kunst, Erinnerungskultur und Stadtgeschichte miteinander. Sie machte sichtbar, wie stark die Gegenwart der Stadt bis heute von ihrer bergbaulichen Vergangenheit geprägt ist.

Geschichte der Aktion SchachtZeichen

Entstehung des Projekts

Die Idee zu SchachtZeichen stammte von Volker Bandelow, dem Leiter des RUHR.2010-Kulturbüros in Gelsenkirchen. Ziel war es, eine „soziale Skulptur“ zu schaffen, die die Geschichte des Bergbaus sowie den tiefgreifenden Strukturwandel im Ruhrgebiet sichtbar macht.

Im Mittelpunkt stand die Erkenntnis, dass viele ehemalige Zechenstandorte im Alltag kaum noch wahrnehmbar waren. Fördertürme waren verschwunden, Schächte verfüllt und frühere Industrieflächen zu Gewerbegebieten, Parks, Wohnanlagen oder Einkaufszentren umgestaltet worden. Während ältere Generationen die Standorte noch aus eigener Erinnerung kannten, waren sie jüngeren Bewohnern häufig nicht mehr bewusst.

Die Aktion sollte daher nicht nur an den Bergbau erinnern, sondern auch Diskussionen über Herkunft, Wandel und Identität der Region anstoßen.

Durchführung im Ruhrgebiet

Zwischen dem 22. und 30. Mai 2010 wurden im gesamten Ruhrgebiet insgesamt 311 Standorte markiert. Über jedem Standort schwebte ein gelber Heliumballon in bis zu 80 Metern Höhe. Die Ballone besaßen einen Durchmesser von rund 3,70 Metern und waren an langen Bannern befestigt.

Die weithin sichtbaren Ballone bildeten zusammen eine riesige Kunstinstallation über dem Ruhrgebiet. Besonders eindrucksvoll war die Sicht von Halden oder erhöhten Punkten aus, von denen mehrere Ballone gleichzeitig sichtbar waren.

An zahlreichen Standorten organisierten Vereine, Initiativen und Kommunen zusätzliche Veranstaltungen, Ausstellungen, Führungen oder Feste. Dadurch wurde SchachtZeichen nicht nur zu einer Kunstaktion, sondern zu einem regionalen Gemeinschaftsprojekt.

SchachtZeichen in Herne

Bedeutung des Bergbaus für Herne

Herne gehörte über Jahrzehnte zu den wichtigsten Bergbaustädten des Ruhrgebiets. Die Entwicklung der Stadt war eng mit dem Abbau von Steinkohle verbunden. Zechen wie Shamrock, Pluto, Constantin, Friedrich der Große, Mont-Cenis oder Teutoburgia prägten die wirtschaftliche, soziale und städtebauliche Entwicklung nachhaltig.

Mit der Stilllegung der Zechen ab den 1960er Jahren begann ein tiefgreifender Strukturwandel. Zahlreiche Anlagen verschwanden vollständig aus dem Stadtbild. Andere Standorte wurden umgenutzt oder blieben lediglich durch einzelne Relikte erkennbar.

SchachtZeichen machte diese oft verborgenen Orte erneut sichtbar.

Die Herner Standorte

Zeche Pluto

Zu den markantesten Herner Standorten der Aktion gehörte die ehemalige Zeche Pluto in Wanne-Eickel.

Die Zeche Pluto entwickelte sich seit dem 19. Jahrhundert zu einer der bedeutenden Schachtanlagen der Region. Besonders das erhaltene Fördergerüst des Schachtes Wilhelm blieb als sichtbares Wahrzeichen erhalten.

Während der Aktion SchachtZeichen schwebte der gelbe Ballon über dem ehemaligen Zechengelände und stellte eine symbolische Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart her. Der Standort machte besonders deutlich, wie SchachtZeichen funktionierte: Wo früher Fördertürme den Himmel dominierten, erschien nun erneut ein weithin sichtbares Zeichen.

Die Aktion führte vielen Besuchern vor Augen, dass die Geschichte der Zeche Pluto trotz des Strukturwandels weiterhin im Stadtbild präsent blieb.

Zeche Teutoburgia

Auch die ehemalige Zeche Teutoburgia im Holthauser Bruch gehörte zu den bedeutenden Standorten.

Die Zeche war insbesondere durch ihre Werkssiedlung bekannt, die bis heute als eines der wichtigsten Zeugnisse der Gartenstadtbewegung im Ruhrgebiet gilt. Obwohl die eigentlichen Schachtanlagen weitgehend verschwunden waren, erinnerte der Ballon über dem Standort an die historische Bedeutung des Bergwerks.

Gerade in Sodingen zeigte sich die Verbindung von Industriegeschichte und Alltagsleben besonders deutlich. Viele Bewohner identifizierten sich weiterhin stark mit der Geschichte der Zeche.

Die SchachtZeichen-Aktion verstärkte dieses lokale Geschichtsbewusstsein zusätzlich.

Zeche Shamrock

Die Zeche Shamrock gehörte zu den ältesten und bedeutendsten Zechenanlagen Hernes.

Im Umfeld des ehemaligen Zechengeländes hatten sich im Laufe der Jahrzehnte Verwaltungsgebäude, Wohngebiete und Verkehrsflächen entwickelt. Große Teile der ursprünglichen Industrieanlagen waren verschwunden.

Durch das SchachtZeichen wurde der historische Standort für kurze Zeit wieder deutlich wahrnehmbar. Besonders ältere Einwohner verbanden persönliche Erinnerungen mit der Zeche, während jüngere Besucher erstmals auf die frühere Bedeutung des Standortes aufmerksam wurden.

Zeche Friedrich der Große

Die ehemalige Zeche Friedrich der Große stellte einen weiteren wichtigen Bezugspunkt der Herner Bergbaugeschichte dar.

Die Zeche gehörte einst zu den wichtigsten Arbeitgebern der Region und verfügte über weitläufige Schachtanlagen. Nach dem Niedergang des Bergbaus wurden große Teile der Flächen umgestaltet.

Das SchachtZeichen über dem ehemaligen Zechengelände erinnerte an die industrielle Vergangenheit des Stadtteils und machte sichtbar, wie stark sich die Umgebung seit der Zeit des aktiven Bergbaus verändert hatte.

Weitere ehemalige Schachtstandorte

Neben den großen und bekannten Anlagen standen auch kleinere oder weniger bekannte Schachtstandorte im Fokus der Aktion. Gerade diese Orte verdeutlichten den eigentlichen Charakter von SchachtZeichen.

Viele ehemalige Schächte waren im Alltag vollständig unsichtbar geworden. Häufig befanden sich dort inzwischen:

  • Wohngebiete
  • Gewerbeflächen
  • Grünanlagen
  • Verkehrsflächen
  • öffentliche Einrichtungen

Durch die Ballone wurde sichtbar, dass unter diesen modernen Nutzungen einst Schächte, Förderanlagen und Grubenfelder lagen. == Die Gestaltung der SchachtZeichen ==

Die gelben Ballone

Das zentrale Symbol der Aktion waren die großen gelben Heliumballone.

Die Farbe Gelb wurde bewusst gewählt. Sie besaß eine hohe Fernwirkung und hob sich deutlich vom Himmel und von der urbanen Umgebung ab. Die Ballone waren so gestaltet, dass sie aus großer Entfernung sichtbar blieben.

Jeder Ballon war über ein Seilsystem mit einem Anhänger am Boden verbunden. Die Ballone mussten ständig überwacht werden und konnten bei schlechtem Wetter abgesenkt werden.

Die Ballone wirkten wie moderne Landmarken. Sie ersetzten symbolisch die früheren Fördertürme, die einst die Silhouette Hernes geprägt hatten.

Die nächtliche Beleuchtung

An mehreren Abenden wurden die Ballone zusätzlich beleuchtet.

Dadurch entstanden besonders eindrucksvolle Bilder über dem Ruhrgebiet. Die leuchtenden Zeichen erinnerten aus der Ferne an industrielle Leuchttürme oder an die nächtliche Präsenz früherer Industrieanlagen.

In Herne entstanden dadurch vielfach fotografierte Ansichten, die die Verbindung von Erinnerungskultur und moderner Kunstinstallation eindrucksvoll verdeutlichten.

Beteiligung der Bevölkerung

Ehrenamt und lokale Initiativen

Ein wesentlicher Bestandteil von SchachtZeichen war die Beteiligung zahlreicher Ehrenamtlicher.

Auch in Herne engagierten sich Vereine, Bürgerinitiativen, Geschichtsgruppen und Einzelpersonen für die Betreuung der Standorte. Die Ballone mussten rund um die Uhr überwacht werden. Zudem organisierten viele Beteiligte Informationsveranstaltungen, Gespräche oder kleine kulturelle Programme.

Dadurch entstand eine enge Verbindung zwischen der Kunstaktion und der lokalen Erinnerungskultur.

Zeitzeugen und Erinnerungen

Die Aktion führte an vielen Standorten zu spontanen Gesprächen über die Geschichte des Bergbaus.

Ehemalige Bergleute berichteten von ihrer Arbeit unter Tage, Anwohner erinnerten sich an Fördertürme, Zechengeräusche oder den Wandel der Stadtteile. Für viele Besucher wurde SchachtZeichen dadurch zu einer persönlichen Erinnerungserfahrung.

Besonders in Herne, wo zahlreiche Familien unmittelbar mit dem Bergbau verbunden waren, besaß die Aktion eine hohe emotionale Wirkung.

Wetterprobleme und organisatorische Herausforderungen

Die Durchführung der Aktion war technisch aufwendig.

Die Ballone mussten regelmäßig kontrolliert werden. Wind und Wetter stellten die Organisatoren vor erhebliche Herausforderungen. Zeitweise mussten Ballone eingeholt werden, da starke Böen die Sicherheit gefährdeten.

Auch in Herne war die Betreuung der Ballone mit erheblichem Aufwand verbunden. Dennoch wurde die Aktion insgesamt als großer Erfolg wahrgenommen.

Die Wetterprobleme zeigten zugleich, wie komplex und ambitioniert die Kunstinstallation tatsächlich war. == Wirkung und Bedeutung für Herne ==

Sichtbarmachung des Strukturwandels

SchachtZeichen machte deutlich, wie stark sich Herne seit dem Ende des Bergbaus verändert hatte.

Die Ballone zeigten Orte, deren industrielle Vergangenheit vielfach nicht mehr erkennbar war. Dadurch entstand ein neues Bewusstsein für den Wandel der Stadtlandschaft.

Die Aktion verband Vergangenheit und Gegenwart miteinander:

  • ehemalige Industrieflächen
  • neue Wohn- und Gewerbegebiete
  • erhaltene Denkmäler
  • verschwundene Schächte

wurden als Teile einer gemeinsamen Stadtgeschichte sichtbar.

Erinnerungskultur

Die Aktion leistete einen wichtigen Beitrag zur Erinnerungskultur in Herne.

Sie zeigte, dass Industriegeschichte nicht allein aus Gebäuden oder technischen Denkmälern besteht, sondern auch aus kollektiven Erinnerungen, sozialen Erfahrungen und lokalen Identitäten.


Quellen und Literatur

Bücher und Dokumentationen

  • Bandelow, Volker (Hrsg.): SchachtZeichen. Eine Kulturaktion im Ruhrgebiet. Klartext Verlag, Essen 2011.
  • Borsdorf, Ulrich / Grütter, Heinrich Theodor (Hrsg.): Industriekultur im Ruhrgebiet. Klartext Verlag, Essen.
  • Ganser, Karl: Wandel ohne Wachstum. Die Geschichte der Internationalen Bauausstellung Emscher Park. Klartext Verlag, Essen.
  • Regionalverband Ruhr (Hrsg.): Route der Industriekultur – Ruhrgebiet. Essen.
  • Stadt Herne (Hrsg.): Veröffentlichungen zur Bergbaugeschichte Hernes und Wanne-Eickels.

Zeitungen und Presseberichte

  • Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ), Ausgaben Mai/Juni 2010.
  • Ruhr Nachrichten, Berichte zur Kulturhauptstadt RUHR.2010.

Archive und Institutionen

  • Stadtarchiv Herne.
  • Emschertal-Museum Herne.
  • LWL-Industriemuseum.
  • Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur.
  • RAG Aktiengesellschaft – historische Bergbaudokumentation.

Onlinequellen

  • RUHR.2010 – Kulturhauptstadt Europas
  • Route der Industriekultur
  • Stadt Herne – Stadtgeschichte
  • LWL-Industriemuseum
  • Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur


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Quellen