Orgelgeschichte der St.-Bonifatius-Kirche in Herne

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.

Die Geschichte der Orgeln der katholischen Pfarrkirche St. Bonifatius in Herne spiegelt die Entwicklung des deutschen Orgelbaus über mehr als 140 Jahre wider. Von einem kleinen Gebrauchtinstrument des 19. Jahrhunderts über die bedeutenden Neubauten der Orgelbauerfamilie Breil und der Firma Kemper bis hin zur heutigen, mehrfach umgebauten und restaurierten Großorgel dokumentiert sie technische, musikalische und liturgische Veränderungen sowie die Auswirkungen von Krieg, Wiederaufbau und Kirchenneubau.

Orgelgeschichte der St.-Bonifatius-Kirche in Herne
HerneMitte
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Die ersten Orgeln (bis 1903)

Die erste Orgel der Gemeinde war ein kleines Gebrauchtinstrument, das vom katholischen Gesellenverein Soest erworben wurde. Es stand zunächst in der St.-Joseph-Kapelle an der Von-der-Heydt-Straße und wurde anschließend bis September 1881 in der neu erbauten Bonifatiuskirche genutzt. Ihr Standort befand sich bis 1930 mittig auf der Orgelempore.

1881 erhielt die Kirche eine neue Orgel, die vermutlich von der Orgelbaufirma Wilhelm Küper in Bochum-Linden gefertigt wurde. Dieses Instrument wurde später an die neu gegründete Herz-Jesu-Gemeinde abgegeben.

Die ältesten erhaltenen Akten zur Orgel stammen vom 7. Juli 1897. Darin bot der Dorstener Orgelbauer Franz Breil (1865–1929) die Reinigung und Stimmung des bestehenden Instruments an. Aus dem beigefügten Kostenvoranschlag geht hervor, dass die damalige Orgel bereits über zwei Manuale und Pedal verfügte.

Der Breil-Neubau von 1903

Um die Jahrhundertwende entstand der Wunsch nach einem größeren Instrument. Franz Breil legte 1900 und 1902 entsprechende Kostenvoranschläge vor. Das Bischöfliche Generalvikariat genehmigte das Projekt am 24. Mai 1902.

Der Werkvertrag wurde am 20. Oktober 1902 geschlossen. Vorgesehen war eine Orgel mit 34 klingenden Registern.

Am 14. und 15. Oktober 1903 erfolgte die Abnahme durch Pastor Spanke aus Herford. Sein Urteil lautete:

„Herr Fr. Breil hat sich durch Lieferung dieser Orgel als Meister gezeigt, den sein Werk lobt.“

Erweiterung und Elektrifizierung 1929/30

Nach rund drei Jahrzehnten wurde die Orgel grundlegend umgebaut:

  • Erweiterung von 34 auf 50 Register
  • Einbau elektrischer Trakturen
  • Verlegung von der Mitte auf die rechte Seite der Empore
  • Neubau des Gehäuses
  • fahrbarer freistehender Spieltisch

Die Kosten beliefen sich auf 23.860 Reichsmark.

Die Arbeiten begannen 1929. Bereits in der Christnacht 1929 erklang das Instrument erstmals und wurde erneut als Meisterwerk gefeiert.

Zerstörung im Zweiten Weltkrieg

Durch Luftangriffe im Jahr 1942 erlitt die Orgel schwere Brand- und Wasserschäden. Nach mehreren Begutachtungen stellte Franz Breil fest, dass ein Großteil des Instruments unbrauchbar geworden war.

Lediglich etwa 16 Register konnten teilweise gerettet werden. Aus diesen Resten entstand eine provisorische „Teilorgel“.

Um weitere Kriegsschäden zu vermeiden, wurde das Instrument 1943 ausgelagert. Nach mehreren Transportproblemen gelangte es schließlich nach Störmede. Dort wurde die Orgel jedoch durch einquartierte Jugendliche erheblich beschädigt und teilweise geplündert.

Neubeginn nach 1945

Die Kemper Orgel bei der Einweihung.
Eine Zeichnung von Hermann Gesing

Nach Kriegsende bemühte sich die Gemeinde um die Rückführung und Wiederherstellung der Orgel. Franz Breil hielt die Schäden jedoch für so gravierend, dass ein Neubau sinnvoll erschien.

1946 entschloss sich die Gemeinde schließlich, den Auftrag nicht mehr an Breil, sondern an die Lübecker Orgelbaufirma Kemper & Sohn zu vergeben. Damit endete die fast fünfzigjährige Zusammenarbeit mit der Familie Breil.

Die Kemper-Orgel (1948/49)

Planung

Maßgeblich beteiligt war der Organist und Kantor August Dahlhoff. Die neue Orgel sollte 56 Register umfassen und moderne klangliche Konzepte mit norddeutscher Barocktradition verbinden.

Ein Teil der noch verwendbaren Bauteile der alten Breil-Orgel wurde nach Lübeck transportiert und in den Neubau integriert.

Fertigstellung

Die ersten Teile wurden im November 1948 angeliefert. Zu Weihnachten 1948 erklang die Orgel erstmals, wenn auch noch unvollständig.

Am 30. Januar 1949 wurde das Instrument feierlich eingeweiht.

Die Orgel verfügte über:

  • 56 Register
  • 3 Manuale
  • Rückpositiv
  • 4604 Pfeifen
  • fahrbaren Spieltisch
  • elektrische Traktur

Zeitgenössische Berichte bezeichneten sie als die größte und modernste Orgel Hernes.

Bedeutung in den 1950er und 1960er Jahren

Die neue Kemper-Orgel entwickelte sich rasch zu einem bedeutenden Konzertinstrument.

Unter anderem konzertierten:

Auch wurden einige Orgelwerke hier Uraufgeführt. "Passacaglia und Fuge" in D-Moll von Franz Lehner als erste zum Jahreswechsel 1948/49.

Mehrere Rundfunkübertragungen des NWDR machten die Orgel weit über Herne hinaus bekannt.

1961 erhielt die Orgel einen neuen Spieltisch der Firma Feith.

Umsetzung in die neue Kirche (1973–1975)

Mit dem Bau der neuen Bonifatiuskirche entschied sich die Gemeinde gegen einen Neubau und für die Übernahme der Kemper-Orgel.

Die Firma Westfälischer Orgelbau Anton Feith, Inhaber Siegfried Sauer[1] - damals noch in Paderborn - bekam 1973 den Auftrag zur Umsetzung. Dabei wurden:

  • die gesamte Klangsubstanz erhalten,
  • technische Anlagen erneuert,
  • das Instrument überarbeitet,
  • ein neues Orgelgehäuse geschaffen.

Am 11. Mai 1975 wurde die umgesetzte Orgel eingeweiht.

Renovierungen 1994–1996

In den Jahren 1994 bis 1996 erfolgte eine umfangreiche Restaurierung:

  • neuer Spieltisch
  • klangliche Überarbeitung
  • Ergänzung und Austausch mehrerer Register
  • Modernisierung der technischen Anlagen

1999 wurden nach einem Diebstahl 101 Orgelpfeifen ersetzt.

2003 folgten Verbesserungen an der Windanlage.

Generalsanierung 2014

Im Zuge der Innensanierung der Kirche wurde auch die Orgel umfassend restauriert.

Die Arbeiten führte die Orgelbaufirma Orgelbau Burkhard Klimke gemeinsam mit Dekanatsorganist Markus Breker durch.

Schwerpunkte waren:

  • Generalreinigung
  • Nachintonation
  • klangliche Ausbalancierung
  • technische Überholung

Heute wird die Orgel klanglich als „neo-barock“ charakterisiert.

Aktuelle Disposition (Stand nach der letzten Überarbeitung)

Pedal: Chorpositiv
(I. Manual)
Hauptwerk
(II. Manual)
Schwellwerk
(III. Manual)
Oberwerk:
(IV. Manual)
1. Prinzipalbass 16′ 1. Gedackt 8′ 1. Pommer (Bordun) 16′ 1. Stillgedackt 16′ 1. Flöten- (Harfen-) prinzipal 8′
2. Subbass 16′ 2. Prinzipal 4′ 2. Prinzipal 8′ 2. Holzflöte 8′ 2. Quintade 8′
3. Quintbass 10 2/3′ 3. Rohrflöte 4′ 3. Gemshorn 8′ 3. Weidenpfeife 8′ 3. Ital. Prinzipal 4′
4. Oktavbass 8′ 4. Waldflöte 2′ 4. Viola da Gamba 8′ 4. Schwebung 8′ 4. Zartflöte 4′
5. Gedacktbass 4′ 5. Quinte 1 1/3′ 5. Oktave 4′ 5. Sing. Prinzipal 4′ 5. Gemshorn 2′
6. Choralbass 4′ 6. Sesquialtera 2f. 2/3′ 6. Doppelflöte 4′ 6. Traversflöte 4′ 6. Terz(oberton)ian 3f.
7. Gedackt 4′ 7. Scharf 4f. 7. Quinte 2 2/3′ 7. Nasat 2 2/3′ 7. Zymbel 3f ¼′
8. Nachthorn 2′ 8. Krummhorn 8′ 8. Oktave 2′ 8. Schwiegel 2′ 8. Rankett 16′
9. Mixtur 6f 2 2/3′ Koppeln 9. Cornett 5f. 8′ 9. Terz 1 3/5′ 9. Oboe 8′
10. Bomarde 32′ 10. Mixtur 8f. 10. Oktave 1′
11. Posaune 16′ 11. Scharf 4f. 11. Ober-(Glocken-)ton 2f 8*9′
12. Trompete 8′ 12. Trompete 8′ 12. Mixtur 5f.
13. Schalmey 4′ 13. Trompete 16′ 13. Trompete harm. 8′
Koppeln 14. Zink 4′
Tremulant

Organisten

Langjähriger Organisten waren Karl Brockhoff (1866-1943), August Dahlhoff (1918-n.1997) und aktuell Dekanantskirchenmusiker Markus Breker.

Bedeutung

Die Orgel von St. Bonifatius gehört zu den bedeutendsten historischen Nachkriegsorgeln im Ruhrgebiet. Ihr heutiger Bestand vereint Elemente aus mehreren Bauphasen:

  • Breil-Orgel (1903)
  • Erweiterung von 1929/30
  • Kemper-Neubau (1948/49)
  • Feith-Sauer-Umbau (1975)
  • Restaurierungen von 1994–1996 und 2014

Damit stellt sie ein außergewöhnliches Zeugnis deutscher Orgelbaugeschichte des 20. Jahrhunderts dar.

Literatur

Diese Informationen (auch teilweise), dieser Artikel bzw. dieses Bild wird vom Pfarrarchiv der katholischen St. Dionysius Pfarrgemeinde in Herne für das Wiki der Herner Stadtgeschichte zur Verfügung gestellt und unterliegt dem Urheberrecht. Bei einer Verwendung dieser Abbildung und/oder dieses Textes - auch als Zitat - außerhalb des Wikis der Herner Stadtgeschichte ist die Genehmigung beim Pfarrbüro bzw. Pfarrarchiv einzuholen.
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Quellen

  1. Heute "Orgelbau Sauer & Heinemann" in Höxter.