Mitmach-Weinberg im Gysenberg und historischer Weinbau in Herne

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.

Der Mitmach-Weinberg im Gysenberg in der Stadt Herne ist ein seit 2023 bestehendes bürgerschaftliches Projekt, das Umweltbildung, soziale Teilhabe und die historische Einordnung des Weinbaus im Emscherraum miteinander verbindet.

Mitmach-Weinberg Gysenberg
SodingenGysenberg
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Erbaut2023
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StadtbezirkOrtsteil


Mitmach-Weinberg Gysenberg (Gegenwart)

Der Weinberg wurde 2023 auf einer städtischen Fläche im Revierpark Gysenberg angelegt. Gepflanzt wurden rund 500 Rebstöcke der pilzwiderstandsfähigen Sorte Cabernet Cortis. Träger des Projekts sind die Stadt Herne, die Emschergenossenschaft sowie die wewole STIFTUNG. Die Pflege erfolgt im Rahmen eines partizipativen Konzepts durch Bürgerinnen und Bürger unter fachlicher Anleitung.

Das Projekt ist zugleich als Modellfläche für klimaangepassten Weinbau im urban-industriellen Raum des Ruhrgebiets konzipiert.

Historische Einordnung des Weinbaus in Herne

Die Frage nach historischem Weinbau im Gebiet der heutigen Stadt Herne ist quellenkritisch zu betrachten und wird in der Forschung überwiegend indirekt erschlossen. Direkte Nachweise großflächiger Weinproduktion liegen bislang nicht vor, jedoch existieren Hinweise aus mittelalterlichen Abgabenregistern sowie aus der historischen Flurüberlieferung.

Eine zentrale Quelle stellt die Interpretation von Abgaben im Umfeld des Klosters Werden dar. In einem Abgabenverzeichnis (Urbar) wird unter anderem ein sogenannter „Denar für Wein“ erwähnt. In der Forschung wird diskutiert, ob es sich hierbei um einen Ersatz für tatsächlich gelieferte Naturalabgaben (Wein) oder um eine Geldleistung zum Zweck des Weinkaufs handelt.[1]

Für die Interpretation als Naturalersatz spricht der parallele Nachweis eindeutig ersetzter Naturalabgaben, etwa beim „Denar für ein Huhn“, der als Ablösung einer Sachleistung gilt. Daraus wird in der historischen Forschung teilweise geschlossen, dass auch der „Denar für Wein“ auf tatsächlichen Weinbau in der Region hinweisen könnte.[2]

Diese Deutung ist jedoch nicht zwingend, da ebenso die Möglichkeit besteht, dass es sich um zweckgebundene Geldabgaben für den Erwerb von Wein, vermutlich über zentrale Handelsplätze wie Köln, handelte.[3]

Ausbreitung des mittelalterlichen Weinbaus

Die Möglichkeit regionalen Weinbaus wird durch die allgemeine Ausbreitung des Weinbaus im mittelalterlichen Mitteleuropa gestützt. Dieser erreichte im 10. bis 12. Jahrhundert auch nördliche Regionen wie Sachsen, Thüringen, Pommern und Schleswig-Holstein. Erst im Zuge der klimatischen Verschlechterung der „Kleinen Eiszeit“ sowie der Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges kam es zu einem weitgehenden Rückgang dieser nördlichen Anbaugebiete.

Vor diesem Hintergrund erscheint es nicht ausgeschlossen, dass auch im Raum Herne im Hochmittelalter Weinbau betrieben wurde.

Toponymische Hinweise (Flurnamen)

Ergänzend werden Flurnamen des 19. Jahrhunderts als indirekte Hinweise herangezogen. In Katasterunterlagen von 1826 finden sich im Bereich Börnig mehrere Bezeichnungen wie „im Weinberge“, „auf dem Weinberge“ und „vorm Weinberge“.

Diese Flurbezeichnungen beziehen sich auf topographisch geeignete Hanglagen, unter anderem an Geländerücken zwischen Castroper Straße und Mont-Cenis-Straße sowie im Bereich der heutigen Kirchstraße.

Ganz genau erfahrbar ist die Gewannbezeichnung "Im Weinberge". Sie liegt exakt zwischen Josef-Prenger-Straße und Ringstraße Hausnummer 91-97. Noch heute ist die Steigung des Hanges erlebbar.

Leo Reiners schreibt dazu weiter in seinem vierten Teil zu Haranni: "Aber noch ein weiteres ist in diesem Zusammenhang wichtig. Wir haben schon auf den „Denar für Wein“ hingewiesen und gezeigt, dass dieser tatsächlich anstelle früher gelieferten Weins gegeben wurde. Ja, wir haben sogar nachgewiesen, dass es in Herne Weinberge wirklich gegeben hat. Der eine lag da, wo jetzt das Börniger Krankenhaus steht. Die dortige Flur heißt noch auf der Katasterkarte von 1826 „im Weinberge“ und ist der Südostabhang der Flur „auf dem Berge“. Nun gehörte aber der ganze Grundstückskomplex „im Weinberge“ mit dem anschließenden Abhang der Flur „auf dem Berge“ und dem danebenliegenden „Knabenacker“ dem Bauer Sontag in Börnig bzw. v. Romberg zu Bladenhorst. Daraus muss man rückschließen, dass wir tatsächlich hier den zum Hülsengut gehörigen Weinberg haben, der an das Kloster Werden Wein lieferte bzw. später den „Denar für Wein" zahlte."[4]

Da Flurnamen in der Regel eine lange Traditionskontinuität aufweisen, werden sie in der historischen Forschung als sekundärer Hinweis auf frühere Nutzung interpretiert.

Landwirtschaftlicher Kontext

Der mittelalterliche Agrarraum war durch eine Mischung aus Natural- und Geldwirtschaft geprägt. Neben möglichen Weinabgaben sind auch Braumalzabgaben überliefert, die sowohl aus Gerste als auch aus Hafer bestehen konnten und zur Bierherstellung dienten. Bier hatte im Alltagsleben eine deutlich größere Bedeutung als Wein.

Zudem sind Frondienste (opus) sowie deren schrittweise Ablösung durch Geldzahlungen dokumentiert. Ergänzend blieb der sogenannte Heerschilling als Wehrabgabe für nicht dienstpflichtige Personen bestehen.

Bewertung

Die Gesamtheit der Hinweise – insbesondere Abgabeninterpretationen, Flurnamen und die allgemeine Ausbreitung des Weinbaus im mittelalterlichen Europa – lässt einen Weinbau im Raum Herne als möglich erscheinen, ohne dass derzeit ein eindeutiger archäologischer oder schriftlicher Nachweis erbracht ist.

Der Mitmach-Weinberg im Gysenberg nimmt diese historische Hypothese auf und überführt sie in ein zeitgenössisches Bildungs-, Umwelt- und Beteiligungsprojekt.

Literatur

  • Stadt Herne: Projektunterlagen Mitmach-Weinberg Gysenberg
  • Emschergenossenschaft: Bürgerweinberge im Ruhrgebiet
  • Katasterkarten von 1826 (Börnig)

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Quellen

  1. Vgl. Haranni im Werdener Heberegister (Reiners 1935), Teil III: Weinabgaben und Interpretation der Geldleistungen.
  2. Ebenda.
  3. Ebenda.
  4. Haranni im Werdener Heberegister (Reiners 1935) IV