Masurenaufruf – Anwerbung für den Steinkohlebergbau in Herne und Wanne-Eickel

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel

Masurenaufruf – Anwerbung für den Steinkohlebergbau in Herne und Wanne-Eickel

Der Masurenaufruf bezeichnet eine im Jahr 1908 veröffentlichte Werbe- und Rekrutierungsaktion zur Anwerbung von Arbeitskräften aus Masuren (Ostpreußen) für den Steinkohlebergbau im Ruhrgebiet. Der Aufruf steht exemplarisch für die gezielte Arbeitsmigration im Zuge der Hochindustrialisierung und ist auch für die Bergbauentwicklung im Raum Herne und Wanne-Eickel von Bedeutung.

Historischer Hintergrund

Mit dem starken Wachstum des Steinkohlebergbaus im Ruhrgebiet seit den 1870er Jahren entstand ein erheblicher Arbeitskräftebedarf. Die einheimische Bevölkerung konnte diesen Bedarf nicht mehr decken. Bergwerksgesellschaften warben daher gezielt Arbeitskräfte aus den östlichen Provinzen Preußens an, insbesondere aus Posen, Westpreußen und Masuren.

Diese Zuwanderer wurden später unter dem Sammelbegriff „Ruhrpolen“ bekannt.[1]

Masuren war eine überwiegend evangelische, polnischsprachige Bevölkerungsgruppe im südlichen Ostpreußen. Wirtschaftliche Not, Landknappheit und fehlende Erwerbsmöglichkeiten führten seit dem späten 19. Jahrhundert zu verstärkter Abwanderung in die westdeutschen Industriegebiete.[2]

Der Masurenaufruf von 1908

Der sogenannte Masurenaufruf (siehe Masurenaufruf) erschien am 8. August 1908 in der „Bergarbeiter-Zeitung“. Er warb für die Ansiedlung masurischer Familien in einer neu errichteten Bergarbeiterkolonie der Zeche „Victor“ bei Rauxel im nördlichen Ruhrgebiet.

Der Aufruf versprach:

  • geräumige Wohnungen mit mehreren Zimmern
  • Stallungen und Gärten zur Selbstversorgung
  • günstige Mieten
  • Unterstützung bei Umzug und Transport
  • freie Entscheidung über die Dauer des Aufenthalts

Der Text ist überliefert in der Sammlung des LWL-Medienzentrums.[3]

Einordnung in die Migration ins Ruhrgebiet

Der Masurenaufruf war Teil einer umfassenden Binnenwanderung in das Ruhrgebiet. Zwischen 1871 und 1914 wuchs die Bevölkerung der Region explosionsartig. Hunderttausende Arbeitskräfte aus den preußischen Ostprovinzen siedelten sich in Bergbaustädten an.

Eine wissenschaftliche Einordnung der Migration im nördlichen Ruhrgebiet bietet die Dokumentation „Aufbruch im nördlichen Ruhrgebiet 1870–1914“.[4]

Bedeutung für Herne und Wanne-Eickel

Auch in Herne und Wanne-Eickel war die Zuwanderung aus den östlichen Provinzen spürbar. Zahlreiche Zechen – unter anderem in Horsthausen, Röhlinghausen und Unser Fritz – beschäftigten Arbeitskräfte mit masurischem oder polnischem Hintergrund.

Die Zuwanderer prägten das soziale und kulturelle Leben, gründeten Vereine, Kirchengemeinden und unterstützten die gewerkschaftliche Organisation im Bergbau. Die Migration war damit ein wesentlicher Faktor der Stadtentwicklung beider Kommunen im Kaiserreich.

Literatur

  • LWL-Medienzentrum für Westfalen: „Zeitungsartikel Masurenaufruf (1908)“.
  • Wikipedia: „Ruhrpolen“.
  • Wikipedia: „Masuren“.
  • Bildungspartner NRW: „Aufbruch im nördlichen Ruhrgebiet 1870–1914“.
  • Josef Reding / Karl-Heinz Kirchhoff / Heinrich Husmann: Links der Lippe, rechts der Ruhr. Gelsenkirchen 1969.
  1. Wikipedia: „Ruhrpolen“, https://de.wikipedia.org/wiki/Ruhrpolen (abgerufen am 23.02.2026).
  2. Wikipedia: „Masuren“, https://de.wikipedia.org/wiki/Masuren (abgerufen am 23.02.2026).
  3. LWL-Medienzentrum für Westfalen: „Zeitungsartikel Masurenaufruf (1908)“, https://eduwestfalen.lwl.org/lernressource/zeitungsartikel-masurenaufruf/ (abgerufen am 23.02.2026).
  4. Bildungspartner NRW: „Aufbruch im nördlichen Ruhrgebiet 1870–1914“, https://www.bildungspartner.schulministerium.nrw.de/media/bildungspartnerschaften/archiv/Aufbruch_im_noerdlichen_Ruhrgebiet_1870_-1914.pdf (abgerufen am 23.02.2026).