Kolpingverein Herne-Zentral und die Wallfahrten nach Neviges

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.
Die Auferstehungstation
Die Auferstehungstation auf dem
Marienberg in Neviges am 10.10.2023
🗿
Errichtet1928
Die Karte wird geladen …


Die Wallfahrt nach Neviges gehörte seit den 1920er Jahren über längere Zeit zum religiösen Vereinsleben des katholischen Gesellenvereins beziehungsweise der späteren Kolpingsfamilie Herne-Zentral. Besondere Bedeutung erhielt die Verbindung durch die Stiftung einer monumentalen Figurengruppe zur Darstellung der Auferstehung Jesu auf dem Marienberg in Neviges. Der Herner Gesellenverein beteiligte sich ab 1924 finanziell an der damals im Aufbau befindlichen Wallfahrtsanlage und stiftete die Auferstehungsstation, die 1928 vollendet beziehungsweise aufgestellt wurde.[1]

Wallfahrtsort Neviges

Neviges, heute ein Stadtteil von Velbert, entwickelte sich seit dem späten 17. Jahrhundert zu einem bedeutenden katholischen Wallfahrtsort. Ausgangspunkt war ein Kupferstich der Maria Immaculata, der 1680 nach Hardenberg gebracht wurde. Der Überlieferung zufolge hatte ein Franziskaner beim Gebet den Wunsch vernommen, das Bild möge „nach dem Hardenberg“ gebracht werden. 1681 setzte der regelmäßige Wallfahrtsbetrieb ein.[2]

Die zunehmende Bedeutung der Wallfahrt führte zu einer Erweiterung der Andachtsstätten. Neben dem 1888 eingerichteten Kreuzberg entstand ab 1913 auf der gegenüberliegenden Talseite der Marienberg. Die parkartig gestaltete Anlage wurde in mehreren Bauabschnitten bis 1936 ausgebaut. Entlang eines Prozessionsweges entstanden 15 Stationen mit Darstellungen der freudenreichen, schmerzhaften und glorreichen Rosenkranzgeheimnisse. Die Stationen wurden vielfach durch Pilgergruppen und Vereine gestiftet.[3]

Zu den bedeutendsten Figurengruppen des Marienberges gehört die Darstellung der Auferstehung Christi. Ihre Stiftungsinschrift verweist auf den Herner Gesellenverein als Stifter. Damit ist eine unmittelbare Verbindung zwischen dem katholischen Vereinsleben in Herne und der Gestaltung des Nevigeser Wallfahrtsgeländes überliefert.[4]

Die erste Wallfahrt des Herner Gesellenvereins 1924

Der katholische Gesellenverein Herne war am 7. April 1889 in der Pfarrgemeinde St. Bonifatius gegründet worden. Aus seinen Reihen entwickelte sich später die Kolpingsfamilie Herne-Zentral.[5]

Am 10. August 1924 unternahmen 50 Mitglieder des Vereins eine Wallfahrt nach Neviges. Dabei spielte auch der gemeinsame Empfang der Heiligen Kommunion eine Rolle. Die Wallfahrt hinterließ offenbar einen nachhaltigen Eindruck, denn die Teilnehmer beschlossen, sie künftig jährlich am zweiten Sonntag im August zu wiederholen.[6]

Die Verbindung mit Neviges ging jedoch über die persönliche Wallfahrt hinaus. Der Gesellenverein entschloss sich, die Errichtung einer Station auf dem damals neu entstehenden Marienberg finanziell zu unterstützen.

Inschrift Auferstehungstation auf dem Marienberg in Neviges am 12.09.2024

Stiftung der Auferstehungsstation

Bereits 1924 begann der Herner Gesellenverein mit Zahlungen an das Kloster beziehungsweise die Wallfahrtsstätte Neviges. Innerhalb eines halben Jahres waren nach den Vereinsunterlagen rund 600 Mark für das Vorhaben aufgebracht worden. Im Kassenbuch lassen sich zwischen September 1924 und 1925 mehrere Zahlungen für die Stiftung nachweisen. Weitere Zahlungen für die Station erfolgten 1927. Insgesamt beliefen sich die im Zusammenhang mit Neviges verzeichneten Ausgaben auf mehr als 1.700 Mark.[7]

Die von den Hernern gestiftete Station stellt die Auferstehung Jesu am Ostermorgen dar. Die Figurengruppe besteht aus Christus, einem Engel und drei römischen beziehungsweise als Grabwächter dargestellten Soldaten. Christus erhebt sich über dem symbolisch dargestellten Grab, während die drei Wächter unterschiedlich auf das Geschehen reagieren.

Die Gestaltung folgt damit der biblischen Überlieferung des Matthäusevangeliums:

„Und siehe, es geschah ein gewaltiges Erdbeben; denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat an das Grab, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.“[8]

Als ausführender Künstler wird Heinrich Pauly (1884–1970) aus Düsseldorf genannt. Nach Angaben des Neviges-Kenners Gerhard Haun konnte das Modell der Station bei der Herner Wallfahrt im August 1925 besichtigt werden.[9]

Die Stiftung ist auch deshalb bemerkenswert, weil der Marienberg zu dieser Zeit erst schrittweise ausgebaut wurde. Der Herner Gesellenverein gehörte damit zu den Pilgergruppen und Vereinen, die durch finanzielle Beiträge unmittelbar zur Ausstattung der neuen Wallfahrtsstätte beitrugen.[10]

Die jährlichen Wallfahrten in den 1920er Jahren

Protokoll der Generalversammlung vom 18. Januar 1925 für das Jahr 1924 (Auszug)

Nach der ersten Wallfahrt 1924 wurde die jährliche Wiederholung beschlossen. Bereits 1925 zeigte sich jedoch, dass die Beteiligung hinter den Erwartungen der Vereinsleitung zurückblieb. Im Protokoll der Vereinsversammlung vom 14. August 1925 wurde die geringe Teilnahme ausdrücklich bedauert. Zugleich wurde eine erneute Sammlung zugunsten der Stiftung in Neviges angeregt.[11]

Auch in den folgenden Jahren setzte sich diese Entwicklung fort. Für 1926 wurde festgestellt, dass die Zahl der Teilnehmer nicht dem Verhältnis zur Mitgliederzahl entsprach. 1927 nahmen lediglich 18 Personen an der Vereinswallfahrt teil, was etwa zehn Prozent der damaligen Mitgliederzahl entsprach. Auch die Beteiligung am gemeinsamen Kommunionempfang wurde als unzureichend bezeichnet.[12]

Für 1928 vermerkt das Vereinsprotokoll lediglich eine „sehr geringe“ Beteiligung. 1929 nahmen 25 Mitglieder teil. Zum Vergleich: An den allgemeinen Vereinsversammlungen beteiligten sich gewöhnlich zwischen 30 und 40, gelegentlich bis zu 60 Mitglieder.[13]

Als Ursache des Rückgangs lassen sich die Quellen nicht eindeutig bestimmen. In den Vereinsprotokollen der Mitte der 1920er Jahre wird jedoch wiederholt die zunehmende Arbeitslosigkeit und die schwierige wirtschaftliche Lage thematisiert. Auch bei anderen Vereinsveranstaltungen spielten die Kosten eine Rolle. So wurde 1926 wegen der finanziellen Belastung ein Ausflugsziel in der näheren Umgebung gewählt.[14]

Eine Auseinandersetzung mit den Franziskanern in Neviges oder eine Unzufriedenheit mit der Gestaltung der Stiftung ist dagegen quellenmäßig nicht belegt. Entsprechende Erklärungen sind daher als Vermutungen zu behandeln.

Wallfahrten während und nach dem Zweiten Weltkrieg

Für die 1930er Jahre sind die Vereinsunterlagen hinsichtlich der Neviges-Wallfahrten weniger ausführlich. Die überlieferten Quellen bestätigen jedoch, dass die Verbindung des Vereins mit dem Wallfahrtsort fortbestand.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Wallfahrt wieder ausdrücklich in das Vereinsprogramm aufgenommen. In der Vorstandssitzung vom 15. Mai 1946 wurde eine Wallfahrt für den 7. Juli festgelegt. Der Verein bemühte sich um einen Sonderwagen der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahn. Die Straßenbahnverbindung führte über Hattingen, Nierenhof und Langenberg nach Neviges.[15]

Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der unmittelbaren Nachkriegszeit waren weiterhin spürbar. Nach der Wallfahrt 1946 entstand ein Fehlbetrag, den der Präses aus einer Sonderkasse ausglich.[16]

Für 1947 wurde neben Neviges auch eine Wallfahrt nach Werl erwogen. Aus den vorliegenden Vereinsunterlagen lässt sich nicht eindeutig feststellen, ob beide Wallfahrten durchgeführt wurden. 1948 wurde eine Neviges-Wallfahrt erneut fest eingeplant. Als Verkehrsmittel waren nun ein Omnibus oder ein Lastkraftwagen vorgesehen.[17]

Die Wallfahrten standen damit auch im Zeichen der Erfahrungen von Krieg, Zerstörung und Nachkriegszeit. Der Besuch eines religiösen Gnadenortes bot den Teilnehmern einen Rahmen für Gebet, Erinnerung und gemeinschaftliches religiöses Erleben.

Neviges und die Entwicklung der Wallfahrt

Die Geschichte der Herner Wallfahrten ist vor dem Hintergrund der allgemeinen Entwicklung Neviges' zu sehen. Der Wallfahrtsort erlebte insbesondere im frühen 20. Jahrhundert einen starken Zustrom von Pilgern aus dem Rheinland, dem Münsterland und dem Ruhrgebiet. Die Eisenbahnanbindung erleichterte die Anreise aus dem Ruhrgebiet erheblich.[18]

Für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg werden rund 100.000 Pilger im Jahr 1913 angegeben. Während des Ersten Weltkrieges gingen die Zahlen zurück. Einen besonders starken Einbruch brachte die Ruhrbesetzung: 1923 wurden lediglich 5.340 Pilger gezählt. Danach setzte eine deutliche Erholung ein. Für 1929 werden 75.000 und für 1931 bereits 159.000 Wallfahrer genannt. 1935 wurde mit rund 340.000 Pilgern ein Höchststand erreicht. Während des Zweiten Weltkrieges brachen die Zahlen infolge der Reisebeschränkungen erneut stark ein.[19]

Nach 1945 setzte erneut eine starke Erholung ein. 1946 wurden etwa 130.000 Wallfahrer gezählt, 1951 bereits 280.000. Im Marianischen Jahr 1954 wurden rund 300.000 Pilger registriert.[20]

Die Bedeutung Neviges' für die katholische Bevölkerung des Ruhrgebietes erklärt auch, weshalb der Ort für den Herner Gesellenverein über Jahrzehnte ein regelmäßiges Ziel blieb.

Die Auferstehungsstation als Zeugnis der Herner Vereinsgeschichte

Die von Herner Kolpingmitgliedern gestiftete Auferstehungsstation ist nicht nur Bestandteil der Wallfahrtsanlage in Neviges, sondern zugleich ein erhaltenes Zeugnis der religiösen Vereinsgeschichte Herne-Zentrals. Die Stiftung zeigt, dass der Verein in den 1920er Jahren nicht lediglich als Teilnehmer an Wallfahrten auftrat, sondern sich auch materiell an der Gestaltung eines überregional bedeutenden katholischen Wallfahrtsortes beteiligte.

Die Station gehört zum historischen Bestand des Marienberges, der seit 2001 unter Denkmalschutz steht. Die Gesamtanlage wurde zwischen 1913 und 1936 geschaffen; die Stationen des Rosenkranzweges wurden teilweise durch einzelne Pilgergruppen und Vereine gestiftet.[21]

Damit besitzt die Figurengruppe auch einen unmittelbaren Bezug zur Geschichte der katholischen Laienbewegung in Herne. Sie dokumentiert eine Phase, in der religiöse Vereine ihre Gemeinschaft nicht nur durch Versammlungen und Gottesdienste, sondern auch durch gemeinsame Wallfahrten und Stiftungen sichtbar machten.

Neue Wallfahrt im Jahr 2028

Die historische Verbindung zwischen der Kolpingsfamilie Herne-Zentral und Neviges soll auch in der Gegenwart wieder aufgegriffen werden. Die Kolpingsfamilie plant für das Jahr 2028 eine erneute Wallfahrt nach Neviges. Damit würde die seit den 1920er Jahren belegte Verbindung des Herner Kolpingvereins mit dem Wallfahrtsort nach längerer Unterbrechung wieder ausdrücklich aufgenommen.[22]

Die geplante Wallfahrt knüpft damit zugleich an die historische Stiftung der Auferstehungsstation auf dem Marienberg und an die Wallfahrten der Herner Gesellen in den 1920er bis 1940er Jahren an.

Literatur und Quellen

  • Haun, Gerhard: Die Wallfahrt nach Neviges. Wuppertal 1981.
  • Kolpingfamilie Herne-Zentral: 75 Jahre Kolping in Herne. Festschrift zum 75-jährigen Bestehen. Herne 1964.
  • Kolpingfamilie Herne-Zentral: 100 Jahre Kolping in Herne. Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum. Herne 1989.
  • Kolpingfamilie Herne-Zentral: Vereinsprotokolle und Kassenbuch, insbesondere 1924–1929 und 1946–1948.
  • Schug, Sascha: „Suchst du Ewiges, fahr' nach Neviges. Die Errichtung der Auferstehungsstation auf dem Marienberg in Neviges ab 1924 durch den Kolpingverein Herne-Zentral und seine Wallfahrten dorthin bis zur Verkündigung des Mariendogmas 1950“, in: Der Bote, Nr. 27/2024 und Nr. 28/2025.
  • Wallfahrt Neviges: Der Marienberg.

Lesen Sie auch

Einzelnachweise

  1. ↑ Sascha Schug: „Suchst du Ewiges, fahr' nach Neviges. Die Errichtung der Auferstehungsstation auf dem Marienberg in Neviges ab 1924 durch den Kolpingverein Herne-Zentral und seine Wallfahrten dorthin bis zur Verkündigung des Mariendogmas 1950“, in: Der Bote, Nr. 27/2024 und Nr. 28/2025, Historischer Verein Herne/Wanne-Eickel e. V.
  2. ↑ Gerhard Haun: Die Wallfahrt nach Neviges, Wuppertal 1981, S. 52 ff.
  3. ↑ Wallfahrt Neviges: Der Marienberg, online unter wallfahrt-neviges.de, abgerufen am 1. Oktober 2026.
  4. ↑ Sascha Schug: „Suchst du Ewiges, fahr' nach Neviges“, in: Der Bote, Nr. 27/2024.
  5. ↑ Kolpingfamilie Herne-Zentral: 100 Jahre Kolping in Herne. Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum, Herne 1989.
  6. ↑ Protokoll der Generalversammlung der Kolpingfamilie Herne-Zentral vom 18. Januar 1925; vgl. Sascha Schug: „Suchst du Ewiges, fahr' nach Neviges“, in: Der Bote, Nr. 28/2025.
  7. ↑ Kolpingfamilie Herne-Zentral: Kassenbuch 1909–1932, S. 128–132, 135, 153 und 155; Protokoll der Generalversammlung vom 18. Januar 1925.
  8. ↑ Mt 28,2–6.
  9. ↑ Mündliche Auskunft Gerhard Haun, 17. September 2024; vgl. Sascha Schug: „Suchst du Ewiges, fahr' nach Neviges“, in: Der Bote, Nr. 28/2025.
  10. ↑ Wallfahrt Neviges: Der Marienberg, wie oben.
  11. ↑ Protokoll der wöchentlichen Vereinsversammlung der Kolpingfamilie Herne-Zentral vom 14. August 1925.
  12. ↑ Protokoll der Generalversammlung vom 20. Januar 1927; Protokoll der Generalversammlung vom 20. Januar 1928.
  13. ↑ Protokolle der Generalversammlungen und Vereinsversammlungen der Kolpingfamilie Herne-Zentral 1928 und 1929.
  14. ↑ Protokoll der wöchentlichen Vereinsversammlung der Kolpingfamilie Herne-Zentral vom 29. April 1926.
  15. ↑ Protokoll der Vorstandssitzung der Kolpingfamilie Herne-Zentral vom 15. Mai 1946; vgl. die Angaben zur historischen Straßenbahnverbindung nach Neviges.
  16. ↑ Protokoll der Vorstandssitzung der Kolpingfamilie Herne-Zentral vom 27. Juli 1946.
  17. ↑ Protokolle der Vorstandssitzungen der Kolpingfamilie Herne-Zentral vom 7. März 1947 und 24. Mai 1948.
  18. ↑ Gerhard Haun: Die Wallfahrt nach Neviges, Wuppertal 1981, S. 52–55 und 64 f.
  19. ↑ Gerhard Haun: Die Wallfahrt nach Neviges, Wuppertal 1981, S. 52–55 und 64 f.
  20. ↑ Gerhard Haun: Die Wallfahrt nach Neviges, Wuppertal 1981, S. 64 f.
  21. ↑ Wallfahrt Neviges: Der Marienberg, abgerufen am 1. Oktober 2026.
  22. ↑ Kolpingsfamilie Herne-Zentral, aktuelle Veranstaltungsplanung; die für 2028 veröffentlichte Terminübersicht der Kolpingsfamilie weist Veranstaltungen für das Jahr 2028 aus. https://kolping-herne.de/veranstaltungen/?pno=3