Großangriff der Alliierten Streitkräfte November 1944

Der 6. November 1944 war einer der schwärzesten Tage in der Geschichte Hernes. Bei einem schweren alliierten Luftangriff auf den nördlichen Stadtbereich, insbesondere auf Horsthausen, wurde die Kaue der Zeche Friedrich der Große auf der Schachtanlage 3/4 getroffen und vollständig zerstört. Mehr als 120 Menschen, darunter Bergleute, Kriegsgefangene und ausländische Zwangsarbeiter, verloren dabei ihr Leben. Auch zahlreiche Gebäude im Umfeld wurden beschädigt oder zerstört. In Wanne-Eickel gingen ebenfalls bedeutende Gebäude und Einrichtungen verloren. Das Kurhotel mit dem angeschlossenen Sol- und Thermalbad wurde vollständig zerstört, die katholische Kirche St. Barbara schwer beschädigt.
Der Angriff war Teil der zunehmenden alliierten Luftoffensive gegen das Ruhrgebiet, dessen Bergbau- und Industrieanlagen für die deutsche Kriegswirtschaft von zentraler Bedeutung waren.
Die ersten Luftangriffe auf Herne

Bereits im Juni 1940 erreichte der Luftkrieg das Ruhrgebiet und damit auch Herne. In der Nacht vom 2. auf den 3. Juni 1940 flogen britische Bomber den ersten dokumentierten Angriff auf die Stadt. Neun Sprengbomben verursachten zunächst nur geringe Sachschäden. Beim folgenden Angriff vom 17. auf den 18. Juni kamen zwei Menschen ums Leben. Als vorrangige Ziele galten die Industrieanlagen des Reviers.[1]
In den folgenden Jahren nahm die Intensität der Angriffe stetig zu. Besonders die zweite Jahreshälfte 1944 und die ersten Monate des Jahres 1945 brachten eine erhebliche Verschärfung des Luftkrieges.
Herne und das benachbarte Wanne-Eickel waren aufgrund ihrer Zechen, Kokereien, Eisenbahnverbindungen und industriellen Produktionsstätten besonders gefährdet. Die Treibstoffwerke in Eickel, die Mannesmann-Röhrenwerke und die zahlreichen Bergwerksanlagen gehörten zu den kriegswirtschaftlich wichtigen Einrichtungen der Region.
Der 6. November 1944
Im November 1944 verstärkten die alliierten Luftstreitkräfte ihre Angriffe auf das Ruhrgebiet. Am 6. November wurde insbesondere Gelsenkirchen von einem schweren britischen Tagesangriff getroffen. Auch Herne wurde an diesem Tag schwer bombardiert. Der Schwerpunkt der örtlichen Zerstörungen lag in Horsthausen und seiner Umgebung.
Die Katastrophe auf der Zeche Friedrich der Große 3/4

Das folgenschwerste Ereignis des Tages spielte sich auf der Schachtanlage 3/4 der Zeche Friedrich der Große ab.
Die Waschkaue des Bergwerks wurde von Bomben getroffen und vollständig zerstört. Da sich der Angriff zur Mittagszeit ereignete, hielten sich zahlreiche Menschen im Bereich der Anlage auf. Mehr als 120 Personen kamen ums Leben. Unter den Opfern befanden sich Bergleute der Zeche, aber auch Kriegsgefangene und ausländische Zwangsarbeiter, die im Bergbau eingesetzt waren.
Die Katastrophe traf die Belegschaft und ihre Familien schwer. Die Toten wurden auf dem Herner Südfriedhof an der Wiescherstraße beigesetzt. Dort befindet sich ein eigenes Gräberfeld für die zivilen Opfer des Luftkrieges. Nach Angaben des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge liegen dort insgesamt 237 Luftkriegsopfer. Unter ihnen befinden sich auch die 130 Menschen, die beim Angriff vom 6. November 1944 ums Leben kamen.[2]
Eine besondere Erinnerung an das Unglück bewahrte der damalige 14-jährige Elektrikerlehrling Fritz Bödefeld. Er überlebte den Angriff, während sein Vater zu den Todesopfern gehörte. Seine Erinnerungen wurden später vom Heimatforscher Friedhelm Wessel aufgegriffen und dokumentiert.[3]
Das zerstörte Mosaikfenster der Kaue
Mit der Zerstörung der Kaue ging auch ein bedeutendes künstlerisches Ausstattungsstück verloren. Das große Mosaikfenster zeigte den Namensgeber der Zeche Friedrich der Große. Es wurde bei dem Bombenangriff zerstört und ging unwiederbringlich verloren.
Der Verlust dieses Fensters war neben den menschlichen Opfern auch ein erheblicher kulturgeschichtlicher Schaden. Mit ihm verschwand ein Zeugnis der künstlerischen Gestaltung und Selbstdarstellung des Bergwerks.
Schäden im Horsthauser Feldherrenviertel
Die Bombardierung beschränkte sich nicht auf das Zechengelände. Auch das benachbarte sogenannte Feldherrenviertel erlitt erhebliche Schäden.
An der Ecke Ludwigstraße/Lützowstraße geriet der sogenannte Möllersche Saal in Brand und wurde zerstört. Mit dem Gebäude ging zugleich das gesamte Archiv des dort untergebrachten Bergmannsunterstützungsvereins Herne-Nord verloren.
Damit vernichtete der Angriff nicht nur Wohn- und Gebäudesubstanz, sondern auch einen Teil der örtlichen Sozial- und Vereinsgeschichte. Die Unterlagen des Unterstützungsvereins hätten heute möglicherweise wichtige Einblicke in die Geschichte der Herner Bergmannsfamilien und der bergmännischen Selbsthilfe ermöglicht.
Der Angriff am Vortag
Bereits am 5. November 1944 waren Horsthausen und die beiden Zechenanlagen der Friedrich der Große Ziel alliierter Bomberverbände gewesen.
Durch die vorherigen Angriffe waren Schienenanlagen und Waggons beschädigt beziehungsweise zerstört worden. Die Zechenleitung musste deshalb rund 17.000 Tonnen Koks an der Langforthstraße aufhalden.
Bei einem weiteren Bombenangriff geriet diese Koksmenge durch Brandbomben in Brand. Die Halde brannte anschließend rund zehn Tage lang und erhellte nachts weithin sichtbar den Stadtteil Horsthausen.
Die Ereignisse vom 5. und 6. November zeigen, wie stark die Zechenanlagen und ihre unmittelbare Umgebung innerhalb weniger Tage durch die Luftangriffe in Mitleidenschaft gezogen wurden.
Weitere Zerstörungen in Herne
Nicht nur die Industrieanlagen und Wohngebäude wurden getroffen. Auch kirchliche und öffentliche Bauten erlitten Schäden.
Vor dem Hauptportal der Herz-Jesu-Kirche ging eine Luftmine nieder. Die gewaltige Druckwirkung riss die in einem gotischen Spitzbogen auslaufende Rosette aus der Mauer. Das prachtvolle Fenster wurde unwiederbringlich zerstört.
Die Beschädigung der Kirche verdeutlicht, dass die Auswirkungen des Luftkrieges weit über die eigentlichen Industrieziele hinausgingen. Auch bedeutende kirchliche Bauwerke und ihre künstlerische Ausstattung wurden Opfer der Bombardierungen.
Wanne-Eickel im November 1944

Auch Wanne-Eickel erlebte im November 1944 mehrere schwere Luftangriffe. Insbesondere die Angriffe vom 9. und 19. November richteten sich gegen die kriegswichtigen Industrie- und Treibstoffanlagen der Stadt.

Am 9. November 1944 griffen 256 Lancaster-Bomber und 21 Mosquito-Flugzeuge der britischen Royal Air Force die Treibstoffwerke in Wanne-Eickel an. Aufgrund der schwierigen Wetter- und Sichtverhältnisse konnte die Zielmarkierung nicht wie vorgesehen erfolgen. Der zuständige Master Bomber wies die Besatzungen deshalb an, auch bebaute Gebiete zu bombardieren.[4]
Am 19. November folgte ein weiterer schwerer Angriff.
Die beiden Angriffe gehören zu den schwersten Luftangriffen auf Wanne-Eickel während des Zweiten Weltkrieges. Die Gesamtzahl der zivilen Bombenopfer der Stadt belief sich bis zum Kriegsende auf 1.074.[2]
Zerstörung des Kurhotels und des Sol- und Thermalbades
Zu den besonders schweren Verlusten gehörte die vollständige Zerstörung des Kurhotels mit dem angeschlossenen Sol- und Thermalbad.
Mit der Zerstörung verlor Wanne-Eickel eine bedeutende Einrichtung seines Kur- und Badebetriebs. Das Gebäudeensemble war Teil der örtlichen Geschichte des Gesundheits- und Erholungswesens.
Schäden an St. Barbara in Röhlinghausen
Auch die katholische Kirche St. Barbara in Röhlinghausen wurde durch die Bombardierungen schwer beschädigt. Der Verlust beziehungsweise die Beschädigung kirchlicher Gebäude gehörte zu den bleibenden Folgen des Luftkrieges für das bauliche und kulturelle Erscheinungsbild Wanne-Eickels.
Die letzten Monate des Krieges
Die Luftangriffe setzten sich bis in das Frühjahr 1945 fort. Für Herne werden insgesamt 64 Luftangriffe mit 419 Todesopfern angegeben. Wanne-Eickel verzeichnete 92 Angriffe und 1.074 zivile Bombentote. Zusammengenommen ergeben sich damit 156 registrierte Luftangriffe auf beide Städte.[1][2]
Ein besonders schwerer Angriff auf Herne erfolgte im März 1945. Dabei griffen 195 Lancaster-Bomber und 32 Mosquito-Flugzeuge die Stadt an. Zu den Zielen gehörten unter anderem die Benzolbetriebe.
Anfang April 1945 rückten amerikanische Truppen in Herne ein. Die Zechenanlagen waren zu diesem Zeitpunkt weiterhin von erheblicher Bedeutung für die Versorgung der Bevölkerung und die wirtschaftliche Zukunft der Region.
Am 12. April 1945 wurde die Förderung auf den Anlagen der Zeche Friedrich der Große wieder aufgenommen. Mehrere Bergleute hatten sich zuvor dem nationalsozialistischen Zerstörungsbefehl widersetzt und damit verhindert, dass die Anlagen vor dem Einmarsch der alliierten Truppen vollständig zerstört wurden.
Gedenken an die Opfer
Auf dem Südfriedhof an der Wiescherstraße erinnert ein Ehrenfriedhof an die zivilen Opfer des Luftkrieges.
Im November 1967 wurde dort ein Mahnmal des Dortmunder Bildhauers Herbert Volwahsen enthüllt. Die 3,50 Meter hohe Bronzeskulptur wurde am 19. November durch Oberbürgermeister Robert Brauner eingeweiht. Sie stellt einen Menschen dar, der durch Gewalt zu Boden geworfen wurde und sich anschließend wieder aufrichtet. Der erhobene Arm symbolisiert Hoffnung und Überwindung.[2]
Das Denkmal erinnert an die Opfer der Luftangriffe und darüber hinaus an die Menschen, die durch Krieg und nationalsozialistische Gewaltherrschaft ihr Leben verloren.
Literatur und Quellen
- Stadt Herne: Herne 1933–1945. Stadtgeschichtlicher Führer, Adhoc Verlag.
- Friedhelm Wessel: Erinnerungen und Berichte zum Grubenunglück vom 6. November 1944 auf der Zeche Friedrich der Große.
- Manfred Hildebrandt: „…bey den spätesten Nachkommen in beständig gutem Andenken zu erhalten…“ – Denkmäler in Herne und Wanne-Eickel. In: Der Emscherbrücher, Band 14 (2008/09), S. 57–77.
- Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge: Kriegsgräberstätte Herne-Südfriedhof Wiescherstraße.
- WAZ: „Ein schwarzer Tag für Herne-Horsthausen“.
Verwandte Artikel
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 Stadt Herne: Stadtgeschichte, Abschnitt 1940–1945, [1].
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge: Kriegsgräberstätte Herne-Südfriedhof Wiescherstraße.
- ↑ Friedhelm Wessel: Bericht über das Grubenunglück vom 6. November 1944 auf der Zeche Friedrich der Große. Vgl. auch die Berichterstattung der WAZ: „Ein schwarzer Tag für Herne-Horsthausen“.
- ↑ Operationsbericht der Royal Air Force zum Angriff auf die Treibstoffwerke Wanne-Eickel am 9. November 1944. Vgl. die überlieferten Einsatzangaben der RAF.
