Grabstätte Tiemann (Alter Friedhof Eickel)

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.
Denkmalplakette NRW
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Das Grabmal der Familie Heinrich Tiemann ist eine repräsentative Familiengrabstätte mit einer lebensgroßen bronzenen Trauerfigur. Kennzeichnend ist die Verbindung einer streng geometrisch aufgebauten Grabarchitektur aus dunklem Naturstein mit einer naturalistisch gestalteten Bronzeplastik. Die Darstellung einer trauernden Frau bildet den künstlerischen Mittelpunkt der Anlage.

Das Grabmal gehört zu jener Form repräsentativer Sepulkralkunst, bei der die Erinnerung an eine Familie nicht allein durch eine Inschrift, sondern durch die Verbindung von Architektur, Plastik und symbolischer Bildsprache zum Ausdruck gebracht wird.

Beschreibung

Die Grabstätte wird durch eine monumentale Wand- und Sockelanlage aus dunklem, poliert wirkendem Naturstein geprägt. Die architektonische Gestaltung ist aus klaren, rechteckigen Flächen aufgebaut. Die Rückwand bildet dabei einen geschlossenen Hintergrund für die davor aufgestellte beziehungsweise in die Anlage einbezogene Figur.

Auf dem vorderen Sockel befindet sich in deutlich hervorgehobenen Buchstaben die Inschrift:

FAMILIE HEINRICH TIEMANN

Die dunkle Steinarchitektur bildet einen starken farblichen und materiellen Gegensatz zu der hellgrün patinierten Bronze der Figur.

Trauerfigur

Das Zentrum des Grabmals bildet die annähernd lebensgroße Darstellung einer sitzenden Frau. Sie trägt ein langes, den Körper weitgehend bedeckendes Gewand. Der Kopf ist nach vorn geneigt und gesenkt. Die Körperhaltung vermittelt den Eindruck tiefer Trauer, Erschöpfung und innerer Sammlung.

Der linke Arm liegt seitlich auf der steinernen Rückwand auf. Der Arm fällt nahezu kraftlos nach unten, während die Hand entspannt herabhängt. Auch die rechte Körperseite ist von einer gelösten, nach unten gerichteten Haltung geprägt.

Besonders auffällig ist der Blumen- beziehungsweise Rosenstrauß, den die Frau an der rechten Seite hält. Die Rosen sind plastisch ausgearbeitet und mit Blättern verbunden. Das florale Motiv stellt eine Verbindung zwischen der menschlichen Trauer und der Natur her.

Das Haar der Frau ist zu einer aufwendig modellierten Frisur zusammengefasst. Einzelne Haarsträhnen fallen über die Stirn und an der Seite des Gesichts herab. Das gesenkte Gesicht verstärkt die zurückgenommene und melancholische Wirkung der Darstellung.

Gewand und Plastizität

Eine besondere Bedeutung besitzt die Modellierung des Gewandes. Zahlreiche tief ausgearbeitete Falten folgen dem Körper und bilden einen fließenden Übergang vom Oberkörper über die Beine bis zum Boden. Das Gewand vermittelt dadurch den Eindruck von Schwere und Bewegung zugleich.

Die Modellierung der Hände, Füße, Gesichtszüge und Haare ist naturalistisch ausgeführt. Gleichzeitig ist die Figur nicht als Porträt einer bestimmten Person, sondern als allegorische Verkörperung der Trauer zu verstehen.

Die heute grünliche Oberfläche der Figur ist die charakteristische Patina einer Bronzeplastik. Die Patinierung steht in einem deutlichen Gegensatz zum dunklen Stein und hebt die Figur optisch aus der Grabarchitektur hervor.

Stil und kunsthistorische Einordnung

Das Grabmal verbindet Elemente des späten Historismus mit Formen, die dem Jugendstil nahestehen. Eine eindeutige Zuordnung zu nur einer Stilrichtung ist deshalb nicht ohne Weiteres möglich.

Die architektonische Anlage folgt zunächst einer ausgesprochen geometrischen und repräsentativen Formensprache. Die großen rechteckigen Steinflächen und der klar gegliederte Sockel besitzen eine strenge, monumentale Wirkung. Diese Gestaltung steht in der Tradition repräsentativer Grabarchitektur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Demgegenüber besitzt die Bronzeplastik eine deutlich weichere und organischere Formensprache. Besonders die fließenden Gewandfalten, die geschwungene Körperhaltung und die Rosen weisen auf die dekorativen Tendenzen des Jugendstils hin.

Die Figur bleibt allerdings stark dem naturalistischen Figurenideal verpflichtet. Anatomie, Gesicht, Hände, Haare und Gewand sind detailliert und wirklichkeitsnah modelliert. Damit unterscheidet sich die Plastik von stärker abstrahierten Jugendstilwerken.

Die Gestaltung kann daher als Verbindung von

  • repräsentativer Grabarchitektur des Historismus,
  • naturalistischer Sepulkralplastik und
  • floralen und geschwungenen Gestaltungselementen des Jugendstils

beschrieben werden.

Symbolik

Die zentrale Bildidee des Grabmals ist die Trauer.

Die gesenkte Haltung des Kopfes, der nach vorn geneigte Körper und die herabhängenden Arme vermitteln keine dramatische oder pathetische Geste. Vielmehr erscheint die Trauer als Zustand der inneren Erschöpfung und des stillen Gedenkens.

Die Rosen ergänzen diese Aussage. In der Sepulkralkunst gehören Blumen zu den häufig verwendeten Symbolen für Liebe, Erinnerung, Vergänglichkeit und Tod. Ihre Einbindung in das Gewand beziehungsweise in die Handhaltung der Figur verbindet die menschliche Trauer mit dem Motiv der Vergänglichkeit.

Die Figur übernimmt damit zugleich eine allegorische Funktion: Nicht die verstorbene Person selbst wird dargestellt, sondern die durch ihren Tod hervorgerufene Trauer.

Architektur und Plastik

Eine besondere Qualität des Grabmals liegt in der engen Verbindung von Architektur und Skulptur.

Die schwarze Steinwand bildet keinen bloßen Hintergrund für die Plastik. Sie schafft vielmehr einen architektonischen Rahmen, der die Figur geradezu bühnenartig hervorhebt. Die rechteckigen Flächen der Grabwand stehen im bewussten Gegensatz zu den organischen Formen des menschlichen Körpers, des Gewandes und der Blumen.

Durch diese Gegenüberstellung entsteht eine klare Hierarchie:

Element Gestaltung Wirkung
Grabwand geometrisch, dunkel, geschlossen Monumentalität und Dauer
Sockel klar gegliedert, massiv Standfestigkeit und Repräsentation
Bronzeplastik naturalistisch und organisch Trauer und menschliche Emotion
Gewand weich fließende Falten Bewegung und Schwere
Rosen florale, naturalistische Gestaltung Erinnerung, Liebe und Vergänglichkeit
Inschrift deutlich hervorgehobene Großbuchstaben Benennung und familiäres Gedenken

Damit folgt das Grabmal einem für repräsentative Familiengrabstätten charakteristischen Prinzip: Architektur symbolisiert Dauer, während die Plastik die menschliche und emotionale Dimension des Todes verkörpert.

Erhaltungszustand

Die Bronzeplastik weist eine ausgeprägte grünliche Patinierung auf. An verschiedenen Stellen sind Veränderungen der Oberfläche beziehungsweise Verwitterungsspuren erkennbar. Auch am Gewand und an den Blumen zeigen sich altersbedingte Spuren.

Die dunklen Natursteinflächen besitzen eine überwiegend geschlossene, polierte Wirkung. Die Anlage wird durch eine gärtnerische Einfassung mit niedrigen Gehölzen und Bodendeckern in die Gestaltung des Friedhofs einbezogen.

Die Bepflanzung übernimmt dabei eine zusätzliche gestalterische Funktion: Sie vermittelt zwischen dem streng architektonischen Grabmal und der umgebenden Friedhofslandschaft.

Bedeutung

Das Grabmal ist ein Beispiel für die repräsentative Gestaltung von Familiengrabstätten, bei denen die Erinnerung an eine Familie mit einer eigenständigen künstlerischen Aussage verbunden wurde.

Besonders bemerkenswert ist die Verbindung von monumentaler Grabarchitektur und freier figürlicher Plastik. Die trauernde Frau verleiht der ansonsten streng geometrischen Anlage eine menschliche und emotionale Dimension.

Kunsthistorisch interessant ist insbesondere die Verbindung von naturalistischer Bildhauerei mit floralen und geschwungenen Elementen, die in die Formensprache des Jugendstils weisen. Das Grabmal dokumentiert damit den Wandel der europäischen Sepulkralkunst vom repräsentativen Historismus zu einer stärker individuell und emotional geprägten Gestaltung.

Künstler und Entstehungszeit

Bei der Skulptur auf dem Grabmal Tiemann handelt es sich um das Motiv der „Trauernden“ (oft auch als „Die Trauer“ oder „Klagende Muse“ bezeichnet). Es ist eines der am weitesten verbreiteten Serienmotive der deutschen Friedhofskunst aus der Zeit des Historismus und Jugendstils (ca. 1890 bis 1920). [1] [2]

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Einzelnachweise

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