Grabdenkmal der Familie Wittkamp (Südfriedhof)
Das Grabdenkmal der Familie Wittkamp auf dem Südfriedhof ist ein hervorragendes Beispiel für die sepulkrale Architektur der frühen Moderne, speziell des Übergangs vom späten Jugendstil zum Art Déco (ca. 1910er bis 1930er Jahre).
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Die Medizinerfamilie Wittkamp gehört zu den bedeutenden Persönlichkeiten der jungen Stadt Herne. Über zwei Generationen als Knappschafts- und Hausärzte waren sie ein Bindeglied zwischen der Arbeiterschaft und dem neuen Bürgertum.
Ihre Wohnstätte hatten sie im Haus Schaeferstraße 4.
Form und Aufbau
Das Denkmal ist als dreiteilige Anlage konzipiert, was an ein Triptychon oder eine Ädikula erinnert.
- Zentrales Element: Die Mitte wird durch eine massive, turmartige Stele dominiert. Besonders auffällig ist der obere Abschluss: Ein Giebel in Tempelform, der jedoch durch horizontale Abstufungen modernisiert wurde. Darunter befinden sich vertikale Durchbrüche (Schlitze), die dem schweren Stein eine gewisse Leichtigkeit und Tiefe verleihen.
- Seitenflügel: Die beiden niedrigeren Seitenwangen flankieren das Mittelteil und schaffen eine monumentale Breite. Der linke Flügel schließt mit einem markanten, erhabenen Kreuz ab, das als einziges explizit christliches Symbol fungiert.
- Architektonik: Das gesamte Grabmal folgt einer strengen Symmetrie und Tektonik. Es wirkt weniger wie eine Skulptur, sondern eher wie ein architektonisches Bauwerk im Miniaturformat.
Beispiel des Übergang zum Reformstil
Um 1914 war die Zeit der verschnörkelten, floralen Jugendstil-Gräber (mit Engeln und Rosenranken) vorbei. Man strebte nach dem sogenannten Reformstil:
- Sachlichkeit: Die Form sollte "ehrlich" und "architektonisch" sein.
- Monumentalität: Trotz der schlichten Linien wirkt das Grabmal durch die wuchtigen Blöcke sehr mächtig. Das war ein Ausdruck des Zeitgeistes im Kaiserreich kurz vor und zu Beginn des Ersten Weltkriegs – man wollte Stärke und Unbeugsamkeit zeigen.
Bezug zum Ersten Weltkrieg
Die Datierung 1914/15 ist im Kontext der Inschrift auf dem linken Flügel besonders tragisch. Dort ist zu lesen:
"Dr. jur. Ludwig Wittkamp, Oberleutnant u. Kompagnieführer [...] gefallen 15. Mai 1915."
Das Denkmal ist also ein Kriegergrab innerhalb einer Familiengrabstätte.
Stilistische Strenge als Trauerform: Die fast militärische Disziplin der Form (die geraden Linien, der Verzicht auf "weiche" Ornamente) spiegelt die heroische Opferbereitschaft wider, die man in den ersten Kriegsjahren architektonisch darstellen wollte.
Das Kreuz: Das schlichte, hervorgehobene Balkenkreuz links ist typisch für die Kennzeichnung von Gefallenen in dieser Zeit.
Material und Technik
In diesen Jahren wurde der Einsatz von poliertem schwarzen Granit perfektioniert. Die maschinelle Bearbeitung erlaubte diese extrem exakten Kanten und die spiegelglatten Flächen, die im starken Kontrast zu den handgehauenen, rauen Sandsteingräbern früherer Epochen standen. Es war die "moderne" Art, Ewigkeit zu symbolisieren.
Architektonische Parallelen
Das Design erinnert stark an die Entwürfe von Architekten wie Peter Behrens oder Wilhelm Kreis (Architekt des Herner Rathauses), die zu dieser Zeit die "neue Monumentalität" prägten. Die Treppenform am oberen Abschluss (das abgestufte Dach) ist ein Vorläufer dessen, was wir heute als Art Déco bezeichnen würden, war damals aber schlicht die modernste Form des Neoklassizismus.
Belegung (Nach Bestattung)
Antonia Wittkamp, geb. Rump (* 10.10.1843 Coesfeld; † 11.12.1914 Herne)
Dr. jur. Ludwig Wittkamp (* 27.021880 Herne; ✠ 15.05.1915)
Dr. med. Wilhelm Wittkamp (* 12.02.1843 Dortmund; † 27.06.1919 Herne) , Sanitätsrat
Ludwig Wittkamp (*19.5.1927; ✠ 28.3.1945 Frankfurt/Main)
Dr. med. Franz Wittkamp (19.2.1882; † 21.12.1948)
Grete Wittkamp, geb. Driever (30.4.1885; † 21.7.1950)
Elisabeth Wittkamp, geb. Wippo (* 26.6.1892; † 17.2.1973)
Liesel Wittkamp (* 5.1.1925; † 15.6.1973)
Zusammenfassend:
Dieses Grabmal ist ein "Kind seiner Zeit" – es verbindet den Stolz des akademischen Bürgertums mit der strengen Ästhetik des beginnenden Industriezeitalters und der schmerzhaften Zäsur des Ersten Weltkriegs. Es ist kein Ort privater Sentimentalität, sondern ein monumentales Gedächtnis aus Stein.

