Grabdenkmal Familie Siepmann-Hiltrop (Bergelmanns Park) Herne
Das Grabdenkmal der Familie Siepmann (Hiltrop) befindet sich im heutigen Bergelmanns Park, dem im späten 19. Jahrhundert unweit der Bahnhofstraße angelegten Friedhof in Herne. Die mehrteilige, monumentale Stele aus dunklem Naturstein ist ein bedeutendes zeithistorisches Dokument. Sie spiegelt die bürgerliche Repräsentation der Industrialisierungsphase sowie die tragischen Facetten der damaligen Lebensrealität (hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit) über einen Belegungszeitraum von vier Jahrzehnten wider.
Beschreibung und Gestaltung
Das Grabdenkmal bricht mit der strengen, nadelartigen Geometrie klassischer Obelisken und vertritt einen monumentalen, blockhaften Stil des späten Historismus mit spürbaren Einflüssen des Jugendstils bzw. der beginnenden Reformarchitektur nach 1900.
Material: Das Monument besteht aus geschliffenem und poliertem dunklen (schwarzen) Syenit bzw. Diabas. Diese Gesteinsart kam in der sepulkralen Architektur ab den 1890er Jahren in Mode. Sie löste die bis dahin dominierenden hellen Sandsteine ab, da sie als besonders witterungsbeständig, edel und ausdrucksstark für die Trauerkultur galt. Die beiden untersten, gestuften Sockelsteine sind abweichend davon aus einem helleren, rauen Naturstein gefertigt, um aufsteigende Bodenfeuchtigkeit abzufangen.
Architektonischer Aufbau: Das Denkmal baut sich streng symmetrisch über einem zweistufigen Fundament auf. Darauf ruht ein breiter Sockelblock mit einem Bibelzitat, gefolgt von einem profilierten Zwischenstück, das zwei quadratische, bossierte Zierelemente an den Flanken aufweist. Den monumentalen Abschluss bildet die eigentliche Inschriftenstele.
Formgebung: Die Hauptstele schließt nach oben hin mit einem sanft geschweiften Segmentbogen mit geschwungenen Schultern ab. Im obersten Giebelbereich ist im Zentrum ein eingemeißelter, vergoldeter Stern (oft als Symbol für den Stern von Bethlehem oder die christliche Hoffnung auf Ewigkeit genutzt) erkennbar.
Inschriften und Typografie: Die Inschriften weisen eine stilistische Zäsur auf. Während die älteren Namen im oberen Drittel (Friederike & Friedrich) ursprünglich in feinen, vergoldeten Lettern ausgeführt waren, zeigen die späteren Inschriften (ab 1904) eine deutlich modernere, serifenlose Blockschrift (Grotesk), die tief und dauerhaft in den Stein eingearbeitet wurde.
Zeitliche Einordnung und Familienschicksal
Die Inschriften dokumentieren eine Belegungsphase von 1896 bis 1933. Die Chronologie offenbart eine tief tragische Familiengeschichte, bei der innerhalb weniger Jahre drei Generationen – darunter zwei Säuglinge und ein Kleinkind – in der gemeinsamen Familiengruft bestattet werden mussten:
| Name | Geburtsdaten | Sterbedatum | Analyse & biografische Einordnung |
|---|---|---|---|
| Friederike Siepmann geb. Schulte-Dönhof | 7. Sept. 1835 | 2. Juni 1896 | Erstbestattung. Ihr Tod markiert den Anlass zur Errichtung der Grabanlage. Der Name verweist auf die familiäre Verflechtung alteingesessener Familiendynastien der Region. |
| Friedrich Siepmann | 4. Jan. 1830 | 6. Mai 1905 | Ehemann von Friederike; er erlebte noch den frühen Tod seines ersten Enkelkindes. |
| Fritz Siepmann | 28. Juli 1903 | 18. Sept. 1904 | Enkelsohn; Sohn von Georg Siepmann und Christine Cremer. verstarb im Alter von nur 14 Monaten. |
| Walter Siepmann | 16. Dez. 1906 | 20. Dez. 1906 | Enkelsohn; Sohn von Georg Siepmann und Mathilde Behmer, verstarb tragischerweise nur vier Tage nach der Geburt. |
| Friedrich Siepmann | 18. Febr. 1868 | 15. Febr. 1908 | Sohn der Erstbestatteten. Er starb mit nur 39 Jahren. |
| Kläre Siepmann | 30. Okt. 1901 | 22. Juli 1933 | Jüngere Generation; die letzte dokumentierte Bestattung auf dieser Anlage. |
Das Sockelzitat
Auf dem unteren Hauptblock befindet sich gut lesbar der alttestamentliche Trostspruch aus Jeremia 31,3:
- „Jerem. 31, 3. Ich habe dich je und je geliebet, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.“
Dieser Vers war in der protestantischen Sepulkralkultur des Kaiserreichs ein fest stehendes Motiv bei Begräbnissen von Kindern und jung aus dem Leben Gerissenen, um dem Verlust eine tröstende, göttliche Fügung zuzusprechen.
Sepulkralkultur und historische Bedeutung
Das Denkmal ist ein Paradebeispiel für die Sozial- und Kulturgeschichte Hernes während des Kaiserreichs. Der wirtschaftliche Aufstieg durch den Bergbau erlaubte es Familien, ihren Wohlstand durch monumentale, langlebige Grabzeichen im Stadtbild sichtbar zu machen. Gleichzeitig erinnert das Grabmal an die Kehrseite dieser Epoche: Trotz des industriellen Aufschwungs blieben die medizinischen Möglichkeiten limitiert, was sich in der verheerenden Säuglings- und Kindersterblichkeit niederschlug, die auch vor wohlhabenden Bürgerhäusern nicht herrschte.
Der heutige Bergelmanns Park bewahrt als grüne Lunge der Innenstadt nur noch ein kleines Ensemble dieser historischen Monumente. Sie wurden aufgrund ihres historischen Werts bei der Umgestaltung des Friedhofs in eine Parkanlage bewusst an ihren Originalstandorten erhalten.
Bildmaterial und Dokumentation
Das Denkmal ist fotografisch umfassend dokumentiert:
Datei:Bergelmann Friedhof 166 Siepmann Andreas Janik 2014.jpg: Die Aufnahme zeigt das Grabmal in einer vollständigen Frontalansicht. Sie verdeutlicht die harmonischen Proportionen des Denkmals im Zusammenspiel mit dem umgebenden, von herbstlichem Laub bedeckten Parkgelände. Im Hintergrund rahmen alte Baumbestände die historische Anlage ein.

