Gemeindegasthäuser in Herne und Wanne-Eickel

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.

Gemeindegasthäuser in Herne und Wanne-Eickel

Die Gemeindegasthäuser gehörten zu den Einrichtungen, mit denen die Gemeinden des industrialisierten Ruhrgebiets um 1900 auf die tiefgreifenden sozialen Veränderungen ihrer Zeit reagierten. Auch im Gebiet des heutigen Herne entstanden solche Gastwirtschaften. Sie waren Teil der kommunalen Infrastruktur und zugleich Orte gesellschaftlichen Lebens.

Die Entwicklung ist im Herner Raum allerdings nur punktuell überliefert. Besonders gut lässt sich das ehemalige Gemeindegasthaus in Holsterhausen verfolgen. Daneben ist ein Gemeindegasthaus in Horsthausen für die Zeit vor der Eingemeindung nach Herne nachgewiesen. Beide Beispiele gehören in den Zusammenhang einer größeren, im mittleren Ruhrgebiet verbreiteten Gemeindegasthausbewegung.

Entstehung der Gemeindegasthäuser

Die Gemeindegasthäuser entstanden vor allem in den Jahrzehnten um 1900. Die rasch wachsenden Gemeinden des Ruhrgebiets mussten auf den Zustrom von Arbeitskräften und die damit verbundene Verstädterung reagieren. Gastwirtschaften waren dabei weit mehr als Orte der Bewirtung. Sie dienten als Treffpunkte, Vereinslokale, Versammlungsräume und Orte gesellschaftlicher Kommunikation.

Zugleich standen die Gemeindegasthäuser mit den zeitgenössischen Mäßigkeitsbestrebungen in Verbindung. In der öffentlichen Diskussion wurde der starke Alkoholkonsum insbesondere unter der Arbeiterschaft als soziales Problem betrachtet. Kommunale Gastwirtschaften sollten teilweise eine Alternative zu den zahlreichen privaten Schankwirtschaften bieten.

Für den benachbarten Kreis Recklinghausen hat Michael Zimmermann die Gemeindegasthausbewegung und ihre Verbindung mit dem „Verein zur Bekämpfung des Mißbrauchs geistiger Getränke“ untersucht. Die Bewegung erreichte dort vor dem Ersten Weltkrieg eine beträchtliche Verbreitung.[1]

Die kommunale Trägerschaft bedeutete allerdings nicht zwangsläufig einen dauerhaften Ausschankverzicht. Die Gebäude mussten unterhalten werden und waren vielfach an private Gastwirte verpachtet. Damit standen sozialpolitische Zielsetzungen und wirtschaftlicher Gaststättenbetrieb von Anfang an nebeneinander.

Das Gemeindegasthaus in Holsterhausen

Lage am Holsterhauser Markt

Der wichtigste konkret überlieferte Fall im heutigen Stadtgebiet ist das Gemeindegasthaus Holsterhausen an der Dorstener Straße 243. Das Gebäude befand sich unmittelbar am Holsterhauser Markt beziehungsweise an der damaligen Dorstener Chaussee.

Die Lage war für das Gasthaus besonders günstig. Der Bereich um den Holsterhauser Markt entwickelte sich zu einem örtlichen Mittelpunkt. Hier konzentrierten sich Geschäfte, Gastwirtschaften und später auch der öffentliche Verkehr.

Eine historische Ansichtskarte von 1918 bezeichnet das Gebäude noch ausdrücklich als „Gemeindegasthaus“.

Weitere Abbildungen sind in der Sammlung Ludwig Schönefeld zu sehen.[2]

Durch seine Ausarbeitung ist ein konkreter Adressnachweis verbunden, der für die weitere bau- und lokalgeschichtliche Forschung von erheblicher Bedeutung ist.

Die Gastwirte Jacobs

Das Holsterhauser Gemeindegasthaus wurde zunächst von Josef Jacobs bewirtschaftet. Später übernahm Paul Jacobs den Betrieb.[3]

Damit zeigt sich bereits die für Gemeindegasthäuser typische Verbindung zwischen kommunaler Einrichtung und privater Bewirtschaftung. Die Gemeinde beziehungsweise die kommunale Trägerschaft stellte das Gebäude bereit, während der eigentliche Gaststättenbetrieb durch einen Gastwirt erfolgte.

Direkt gegenüber des Gemeindegasthauses lag die ebenfalls bekannte Gastwirtschaft „Zur Post“. Sie wurde zunächst von der Familie Dingebauer und nach dem Zweiten Weltkrieg von der Familie Oelmann geführt.[4]

Das Nebeneinander zweier Gastwirtschaften am Holsterhauser Markt verdeutlicht die Bedeutung dieses Bereichs für das örtliche gesellschaftliche Leben.

Vom Gemeindegasthaus zur „Erholung“

Die ursprüngliche Bezeichnung blieb nicht dauerhaft bestehen. Josef Jacobs gab dem Gasthaus später den Namen „Zur Erholung“. Spätestens 1932 ist diese Bezeichnung auf einer historischen Aufnahme belegt.[5]

Der Namenswechsel ist zugleich ein Hinweis auf die veränderte Funktion des Hauses. Aus dem ausdrücklich als Gemeindegasthaus bezeichneten Gebäude war eine gewöhnliche Gastwirtschaft geworden. Die kommunale Bezeichnung verschwand, während die gastronomische Nutzung fortbestand.

Die Umwandlung entspricht der allgemeinen Entwicklung vieler Gemeindegasthäuser im Ruhrgebiet. Mit dem Wandel der kommunalen und gesellschaftlichen Verhältnisse verloren die ursprünglichen sozialpolitischen Zielsetzungen an Bedeutung. Die Gebäude wurden weiterhin als Gastwirtschaften genutzt, nun aber zunehmend unter privater Bewirtschaftung.

Das Gemeindegasthaus und der Verkehr

Die Geschichte des Holsterhauser Gemeindegasthauses ist eng mit der Entwicklung des örtlichen Nahverkehrs verbunden.

Die Dorstener Chaussee bildete eine wichtige Verkehrsachse zwischen Holsterhausen und Wanne. Die Straßenbahn ermöglichte eine schnelle Verbindung zum Bahnhof Wanne. In den 1920er Jahren wurden darüber hinaus verschiedene Erweiterungen und alternative Streckenführungen untersucht, durch die auch die nordöstlich der Dorstener Chaussee gelegenen Siedlungsgebiete erschlossen werden sollten.[6]

Die Gastwirtschaften am Holsterhauser Markt profitierten von dieser Verkehrslage. Die Quelle bezeichnet insbesondere die Gaststätten rund um den Markt als beliebte Anlaufpunkte der Fahrgäste.[7]

Das Beispiel zeigt damit anschaulich, wie eng Gastronomie, öffentlicher Verkehr und Ortsentwicklung im industrialisierten Herne miteinander verbunden waren.

Zerstörung und Abbruch

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude beschädigt. Der anschließende Wiederaufbau erfolgte nur noch in vereinfachter Form.[8]

Damit ging ein Teil der ursprünglichen Erscheinung des Gemeindegasthauses verloren. Die gastronomische Nutzung blieb jedoch bestehen. Unter dem Namen „Zur Erholung“ bestand die Gaststätte noch nach dem Zweiten Weltkrieg.

Das Ende kam erst im Zuge des Ausbaus der Dorstener Straße. In den 1960er Jahren wurden sowohl das ehemalige Gemeindegasthaus als auch die gegenüberliegende Gastwirtschaft „Zur Post“ abgebrochen.[9]

Damit verschwand ein markantes Gebäude des alten Holsterhauser Ortszentrums. Die Straßenbahn, die in den historischen Aufnahmen noch unmittelbar vor beziehungsweise neben dem Gasthaus zu sehen ist, war zu diesem Zeitpunkt ebenfalls bereits Geschichte.

Das Gemeindegasthaus in Horsthausen

Ein weiteres Gemeindegasthaus ist für das damalige Horsthausen nachgewiesen. Es ist die ehem. Gaststätte Lücking an der Straßenecke Lützowstraße / Scharnhorststraße 20 - dem heutigen "Bildung und Kulturzentrum Herne Horsthausen e.V. Selimiye Camii VIKZ"

Horsthausen entwickelte sich im Zuge des Bergbaus insbesondere im Umfeld der Zeche Friedrich der Große zu einer stark wachsenden Gemeinde. Die kommunale Selbstständigkeit endete 1908 mit der Eingemeindung nach Herne.

Im Zusammenhang mit der Erweiterung des Stadtkreises Herne wird 1908 ausdrücklich ein „Gemeindegasthaus“ in Horsthausen genannt. Das Gesetz über die Erweiterung des Stadtkreises führt bei der Gemeinde Horsthausen unter den örtlichen Einrichtungen neben der Gewerkschaft Friedrich der Große auch das Gemeindegasthaus auf.[10]

Hermann Schaefer schrieb über diese Institution 1912 folgendes:

Das Gemeinde=Gasthaus.
Die auch heute noch umstrittene Frage, ob es aus verschiedenen Gesichtspunkten heraus angezeigt erscheint, kommunale Schankwirtschaften zu errichten, wurde von der damaligen Gemeinde=Vertretung Horsthausen bejaht. So entstand an der Scharnhorststraße eine derartige Anlage, welche 1908 in Betrieb kam und rund 100000 Mk. kostete. Die Verwaltung erfolgt durch eine städtische Deputation, deren Vorsitzender bis 1911 Stadtrat Dr. Krauß war und jetzt Stadtverordneter Sudkamp[11] ist. Der frühere Kastellan des Hauses betrieb die Wirtschaft als Pächter selbständig. Sein Nachfolger zahlt jetzt an die Stadt einen Aufschlag auf die Getränke. Auf dem rund 1/4 Hektar großen, zugehörigen Grundstück soll später ein für die Gäste bestimmter Garten, vielleicht auch ein Saalbau errichtet werden. [12]

Eickel und Holsterhausen

Die Gemeindegasthäuser sind auch im Zusammenhang mit der kommunalen Entwicklung von Eickel und Holsterhausen zu betrachten.

Holsterhausen gehörte seit 1891 zum Amt Eickel. Zum 1. April 1910 wurde die Gemeinde Holsterhausen nach Eickel eingemeindet.[13]

Das Holsterhauser Gemeindegasthaus bestand somit in einer Zeit, in der sich die kommunalen Strukturen des späteren Wanne-Eickeler Raumes grundlegend veränderten. Die Bezeichnung „Gemeindegasthaus“ auf der Karte zeigt, dass die ältere Bezeichnung auch nach der Eingemeindung Holsterhausens zunächst weiterlebte.

Die spätere Umbenennung in „Zur Erholung“ erfolgte damit bereits innerhalb der Gemeinde Eickel beziehungsweise nach deren Eingliederung in die 1926 entstandene Stadt Wanne-Eickel.

Regionale Einordnung

Die Herner Beispiele waren Teil einer größeren Entwicklung im mittleren Ruhrgebiet. Auch im benachbarten Recklinghausen, Herten und Bochum entstanden um 1900 kommunale Gastwirtschaften. Besonders im damaligen Kreis Recklinghausen ist eine größere Zahl von Gemeindegasthäusern archivalisch nachgewiesen.[14]

Ein erhaltenes Beispiel ist das 1908 eröffnete Gemeindegasthaus im Katzenbusch in Herten, das Bestandteil eines von der Gemeinde geschaffenen Volksparks war.[15]

Diese Beispiele verdeutlichen den regionalen Hintergrund, dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Herner Gemeindegasthäuser eigenständige Bestandteile der kommunalen Entwicklung von Herne, Eickel und Holsterhausen waren.

Bedeutung

Die Geschichte der Gemeindegasthäuser macht einen heute weitgehend verschwundenen Bereich kommunaler Politik sichtbar. Gemeinden des industriellen Ruhrgebiets versuchten um 1900, auf die gesellschaftlichen Folgen des raschen Bevölkerungswachstums und der Industrialisierung Einfluss zu nehmen.

Das Gemeindegasthaus war dabei zugleich soziale Einrichtung, Gaststätte und öffentlicher Treffpunkt. Seine ursprüngliche kommunale Funktion konnte jedoch nicht dauerhaft erhalten werden. Am Beispiel Holsterhausen lässt sich dieser Wandel besonders deutlich verfolgen: Aus dem Gemeindegasthaus an der Dorstener Straße 245 wurde die Gaststätte „Zur Erholung“, die nach Kriegsschäden vereinfacht wiederaufgebaut wurde und bis zu ihrem Abbruch in den 1960er Jahren als Gastwirtschaft fortbestand.[16]

Von den Gebäuden selbst ist im heutigen Stadtbild nur wenig erhalten. Umso größer ist der Wert der historischen Fotografien und Ansichtskarten. Sie dokumentieren nicht nur die Gaststätten, sondern auch die inzwischen weitgehend veränderte Bebauung, den Straßenbahnverkehr und die räumliche Struktur der ehemaligen Gemeinden.

Das Holsterhauser Gemeindegasthaus steht damit beispielhaft für den Wandel der alten Ortszentren im Herner Raum: entstanden als kommunale Einrichtung der Vorkriegszeit, später zur privaten Gaststätte „Zur Erholung“ geworden, durch den Krieg verändert und schließlich im Zuge des modernen Straßenausbaus der 1960er Jahre beseitigt.

Literatur und Quellen

  • Michael Zimmermann: „Gemeindegasthaus-Bewegung und der ‚Verein zur Bekämpfung des Mißbrauchs geistiger Getränke‘. Mäßigkeitsbestrebungen im Bereich des Amtes Recklinghausen vor dem Ersten Weltkrieg“, in: Vestische Zeitschrift, Band 79/80, 1980/81, S. 19–38.
  • Stadt Herne: Die Zeit von 1900 bis 1928.
  • Gesetz, betreffend Erweiterung des Stadtkreises Herne vom 13. April 1908.
  • ZWISCHEN KOHLE UND KIRMES – Zur Geschichte des Nahverkehrs in Herne und Wanne-Eickel, Abschnitt „Große Pläne / Beliebte Gasthäuser“.
  • Stadt Recklinghausen: Findbuch Amtsarchiv Recklinghausen.
  • Stadt Herten: Veröffentlichungen zur Geschichte des Gemeindegasthauses Katzenbusch.

Verwandte Artikel


Einzelnachweise

  1. ↑ Michael Zimmermann: „Gemeindegasthaus-Bewegung und der ‚Verein zur Bekämpfung des Mißbrauchs geistiger Getränke‘. Mäßigkeitsbestrebungen im Bereich des Amtes Recklinghausen vor dem Ersten Weltkrieg“, in: Vestische Zeitschrift, Band 79/80, 1980/81, S. 19–38.
  2. ↑ „Herne – Nahverkehr – Netzergänzung – Holsterhausen – GROSSE PLÄNE“, Abschnitt „Beliebte Gasthäuser“, mit Abbildung des Gemeindegasthauses Dorstener Straße 245, Sammlung Ludwig Schönefeld.[1]
  3. ↑ „Herne – Nahverkehr – Netzergänzung – Holsterhausen – GROSSE PLÄNE“, Abschnitt „Beliebte Gasthäuser“.[2]
  4. ↑ „Herne – Nahverkehr – Netzergänzung – Holsterhausen – GROSSE PLÄNE“, Abschnitt „Beliebte Gasthäuser“.[3]
  5. ↑ „Herne – Nahverkehr – Netzergänzung – Holsterhausen – GROSSE PLÄNE“, Abbildungen des Gemeindegasthauses von 1918 und der Gaststätte „Zur Erholung“ von 1932.[4]
  6. ↑ „Herne – Nahverkehr – Netzergänzung – Holsterhausen – GROSSE PLÄNE“, Darstellung der Planungen des Siedlungsverbandes Ruhrkohlenbezirk und der Westfälischen Straßenbahn.[5]
  7. ↑ „Herne – Nahverkehr – Netzergänzung – Holsterhausen – GROSSE PLÄNE“, Abschnitt „Beliebte Gasthäuser“.[6]
  8. ↑ „Herne – Nahverkehr – Netzergänzung – Holsterhausen – GROSSE PLÄNE“, Abschnitt „Beliebte Gasthäuser“.[7]
  9. ↑ „Herne – Nahverkehr – Netzergänzung – Holsterhausen – GROSSE PLÄNE“, Abschnitt „Beliebte Gasthäuser“.[8]
  10. ↑ Gesetz, betreffend Erweiterung des Stadtkreises Herne vom 13. April 1908, Preußische Gesetz-Sammlung Nr. 10885.[9]
  11. ↑ Georg "Heinrich" SUDKAMP gen. Punge, Ev. geboren am 29.12.1859 in Herne-Horsthausen, gestorben am 21.06.1938 in Herne.. Sein Sohn war der spätere Bürgermeister Heinrich Sudkamp
  12. ↑ Schaefer 1912
  13. ↑ Stadt Herne: Die Zeit von 1900 bis 1928.[10]
  14. ↑ Stadt Recklinghausen: Findbuch Amtsarchiv Recklinghausen, Bestände zu den Gemeindegasthäusern in Hochlarmark, Hochlar, Löntrop/Hüls, Suderwich und Nieder-Röllinghausen.[11]
  15. ↑ Stadt Herten: „Neustart für das ‚Katzenbuschschlösschen‘“, 22. Oktober 2020.[12]
  16. ↑ „Herne – Nahverkehr – Netzergänzung – Holsterhausen – GROSSE PLÄNE“, Abschnitt „Beliebte Gasthäuser“ und Bilddokumentation.[13]
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