Gedenktafel der Gefallenen der Jüd. Gemeinde Wanne 1920-1938

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.
Gedenktafel für die jüdischen Gefallenen aus Wanne-Eickel, Aufnahme veröffentlicht 1925 in der Zeitschrift Der Schild[1]

Die Gedenktafel der jüdischen Gemeinde Wanne-Eickel für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs erinnerte an die jüdischen Männer aus Wanne und Eickel, die im Ersten Weltkrieg als Soldaten des Deutschen Reiches gefallen waren. Die Gedenktafel wurde im Jahr 1920 von dem Wanner Bankier und Gemeindevorsitzenden Bernhard Rose gestiftet. Sie befand sich seit 1922 im Eingangsbereich der Synagoge der Synagogengemeinde Wanne-Eickel an der damaligen Heinrichstraße, die nach der Vereinigung von Wanne und Eickel zur Stadt Wanne-Eickel 1926 die Bezeichnung Langekampstraße erhielt.

Die Tafel war Ausdruck des Selbstverständnisses der jüdischen Gemeinde nach dem Ersten Weltkrieg: Die gefallenen jüdischen Soldaten sollten als deutsche Kriegsteilnehmer und Mitglieder der örtlichen Gemeinde öffentlich gewürdigt und dauerhaft im Gedächtnis bewahrt werden. Zugleich stand sie für die Hoffnung vieler deutscher Juden, ihre im Kaiserreich gelebte Zugehörigkeit zu Staat und Gesellschaft werde auch nach dem Krieg Bestand haben.

Diese Hoffnung wurde durch die Entwicklung der 1920er und insbesondere der 1930er Jahre bitter enttäuscht. Die Tafel wurde während des Novemberpogroms vom 9. auf den 10. November 1938 zusammen mit der Synagoge zerstört. Damit verschwand nicht nur ein Denkmal für die jüdischen Gefallenen des Ersten Weltkriegs, sondern zugleich ein sichtbares Zeugnis der Verwurzelung der jüdischen Gemeinde in Wanne und Eickel.

Jüdische Soldaten im Ersten Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg stellte auch für die jüdische Bevölkerung von Wanne und Eickel einen tiefen Einschnitt dar. Die örtlichen jüdischen Gemeinden verstanden sich – wie große Teile des deutschen Judentums – als Bestandteil der deutschen Gesellschaft und des Kaiserreichs.

Bei Kriegsbeginn 1914 wurde in der Synagoge Wanne-Eickel ein Gottesdienst für „Kaiser und Reich“ abgehalten. Anschließend stellte die Gemeinde ihr gesamtes Barvermögen zur Linderung der Kriegsfolgen zur Verfügung. Auch der Israelitische Frauenverein sowie die jüdischen Männer-Wohltätigkeitsvereine beteiligten sich an der Unterstützung.[2] Aus Wanne und Eickel nahmen insgesamt 87 jüdische Männer am Ersten Weltkrieg teil. Dies entsprach etwa einem Drittel der damaligen jüdischen Bevölkerung. Nach den Angaben der Historischen Kommission für Westfalen fielen 13 von ihnen; drei weitere blieben vermisst.[3] Die jüdischen Soldaten aus Wanne und Eickel waren damit Teil jener großen Zahl deutscher Juden, die im Ersten Weltkrieg für das Deutsche Reich kämpften. Zahlreiche jüdische Soldaten erhielten Kriegsauszeichnungen. Die jüdischen Gemeinden sahen in ihrem Kriegsdienst auch einen Beweis ihrer patriotischen Verbundenheit mit Deutschland.

Die Stiftung von Bernhard Rose

Die Erinnerung an die Gefallenen erhielt nach dem Krieg eine besondere Bedeutung. Der Wanner Bankier Bernhard Rose war seit den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg in der jüdischen Gemeindeverwaltung engagiert. Nach der Bildung der selbständigen Synagogengemeinde Wanne-Eickel im Jahr 1907 wurde er deren Vorsitzender.[4]

Rose gehörte zugleich zu den politisch und gesellschaftlich engagierten jüdischen Bürgern Wannes. Bereits während des Ersten Weltkriegs hatte er sich für Kriegsanleihen eingesetzt. 1918 gründete er außerdem die sogenannte Rose-Stiftung. Deren Erträge sollten unter anderem „zu Ehren gefallener Krieger“ verwendet werden und der Ausbildung begabter Kinder dienen, deren Väter im Krieg gefallen waren.[5]

Vor diesem Hintergrund ist auch die 1920 von Rose gestiftete Gedenktafel zu verstehen. Sie sollte die Namen der gefallenen jüdischen Gemeindemitglieder sichtbar bewahren und ihnen einen festen Platz im religiösen und gesellschaftlichen Gedächtnis der Gemeinde geben.

Die Gedenktafel war damit nicht lediglich ein privates Erinnerungszeichen. Sie war ein öffentliches Bekenntnis der jüdischen Gemeinde zu den gefallenen Soldaten und zugleich ein Ausdruck des damaligen Selbstverständnisses vieler deutscher Juden, die ihre Teilnahme am Krieg als Beweis ihrer Zugehörigkeit zu Deutschland verstanden.

Die Gedenktafel

Die Gedenktafel war eine dunkle Steinplatte mit einer ornamentierten Gestaltung. Im oberen Bereich stand die Widmung für die im Weltkrieg gefallenen Gemeindemitglieder. Darunter folgten die Namen der Gefallenen.

Auf dem 1925 veröffentlichten Foto sind unter anderem folgende Texte und Namen zu erkennen:

Den
gefallenen Helden
der Synagogen-Gemeinde
Wanne-Eickel
Dr.med. Sally Behr
Fritz Blumenkohl
Hans Blumenkohl
Kurt Kadden
Artur Kaufmann
Alfred Marum
Josef Messinger
Moses Schutzmann
Alfred Seelig
Albert Wolff
Sally Zobel

Die historische Aufnahme der Tafel wurde in der Zeitschrift Der Schild – Zeitschrift des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten vom 15. März 1925, Nr. 6, auf Seite 119 veröffentlicht. Die Bildüberlieferung ist heute von besonderer Bedeutung, weil die Tafel selbst nicht erhalten ist.[6][7] Die neuere Forschung bezeichnet sie als „Wanne-Eickeler Ehrendenkmal jüdischer Frontsoldaten“. Sie befand sich von 1922 bis 1938 im Eingangsbereich der Synagoge.[8]

Genealogien

Name Geburtsdatum Geburtsort Todestag Truppenteil Dienstgrad
Dr.med. Sally Behr 24.06.1878 Karlsruhe 30.05.1915 Stab/2 . Ga . Ass. Arzt
Fritz Blumenkohl 11.04.1896 Salzkotten 17.08.1915 2/R. Pion . Btl . 10
Hans Blumenkohl 21.04.1893 Wanne 10.02.1917 2/1. R. 57
Kurt Kadden 14.05.1890 Wetter/Ruhr 17.07.1915 6/1. R. 46 Vizefeldwebel
Artur Kaufmann 02.04.1895 Cochem 11.05.1916 5/Felda . R. 99
Alfred Marum 04.07.1885 Bingen/Rh. 01.12.1917 9/1. R. 145 Leutnant
Josef M(o)essinger ? Wiesbaden 13.11.1914 Res.Inf.Reg. 81 Vizefeldwebel
Moses Schu(i)tzmann ? (nicht ermittelbar!)
Alfred Seelig 29.07.1895 Kempen/Posen 02.06.1918 8/Felda . R. 18
Albert Wolff 20.10.1888 Höchheim 30.04.1917 8/R. I. R. 16
Sally Zobel 02.03.1886 Kossabude/Westpr. 17.07.1915 leichte Mun . Kol. 971

Vom Zeichen der Zugehörigkeit zum Opfer nationalsozialistischer Gewalt

Die Geschichte der Gedenktafel zeigt in besonderer Weise den Wandel, der sich innerhalb von weniger als zwei Jahrzehnten vollzog.
Als die Tafel 1920 gestiftet wurde, stand die Erinnerung an die jüdischen Gefallenen noch im Zeichen der Integration. Die Männer waren als deutsche Soldaten in den Krieg gezogen. Ihre Namen sollten gemeinsam mit denen ihrer nichtjüdischen Kameraden im Gedächtnis bleiben.

Bereits nach dem Ersten Weltkrieg wurde dieses Selbstverständnis durch zunehmenden Antisemitismus erschüttert. 1916 hatte sich der Vorstand der Synagogengemeinde Wanne-Eickel bereits mit der Frage beschäftigt, wie antisemitischen Bewegungen entgegengetreten werden könne. Die Niederlage von 1918 und die politische Entwicklung der Weimarer Republik führten nicht zu dem von vielen jüdischen Deutschen erhofften Ende des Antisemitismus.[9]

Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 änderte sich die Situation grundlegend. Die jüdische Bevölkerung wurde systematisch entrechtet und aus dem öffentlichen Leben verdrängt. Bereits 1933 verließen zahlreiche jüdische Einwohner Wanne-Eickel. Die verbliebene Gemeinde versuchte, ihr religiöses und soziales Leben unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Verfolgung aufrechtzuerhalten.[10]

Die jüdische Gemeinde, die wenige Jahre zuvor noch öffentlich der im Weltkrieg gefallenen deutschen Soldaten gedacht hatte, wurde nun selbst zum Ziel nationalsozialistischer Verfolgung.

Zerstörung in der Reichspogromnacht

Das Ende der Gedenktafel kam in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938.

Im Rahmen des reichsweiten Novemberpogroms wurde die Synagoge Wanne-Eickel in Brand gesetzt und schwer beschädigt. Die im Gebäude untergebrachte jüdische Schule wurde ebenfalls zerstört. Die Gedenktafel im Eingangsbereich ging zusammen mit dem Synagogengebäude unter.[11]

Damit wurde ausgerechnet jenes Erinnerungszeichen zerstört, das die jüdische Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft und den Einsatz jüdischer Männer für Deutschland dokumentiert hatte.

Die Zerstörung war deshalb von besonderer symbolischer Bedeutung: Die Namen der jüdischen Gefallenen des Ersten Weltkriegs, die wenige Jahre zuvor noch in einer jüdischen Gemeinde öffentlich geehrt worden waren, wurden von den Nationalsozialisten gemeinsam mit dem religiösen und kulturellen Mittelpunkt dieser Gemeinde ausgelöscht.

Die Synagogenruine wurde 1939 endgültig abgebrochen. Die jüdische Bevölkerung Wanne-Eickels wurde in den folgenden Jahren nahezu vollständig vertrieben, deportiert oder ermordet.[12]

Erinnerung nach 1945

Die Zerstörung der Gedenktafel bedeutete nicht das endgültige Verschwinden der Erinnerung an die jüdische Gemeinde Wanne-Eickel.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde zunächst an anderer Stelle an die verfolgten und ermordeten jüdischen Bürger erinnert. 1976 wurde am Sportpark Wanne ein Gedenkstein mit einer Bronzetafel errichtet. Auf Initiative der Stadt Herne wurde dieser Erinnerungsort 2013 an den historischen Standort der ehemaligen Synagoge an der Langekampstraße verlegt.

Die heutige Gedenktafel an der Langekampstraße erinnert jedoch vor allem an die Synagogengemeinde und die jüdischen Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Die historische Gedenktafel von 1920 hatte dagegen einen anderen Charakter: Sie erinnerte an jüdische Männer aus Wanne und Eickel, die im Ersten Weltkrieg als deutsche Soldaten gefallen waren.

Gerade dieser Unterschied macht die alte Tafel zu einem bedeutenden historischen Dokument. Ihre Geschichte führt von patriotischem Selbstverständnis und gesellschaftlicher Zugehörigkeit über zunehmenden Antisemitismus bis zur vollständigen Zerstörung jüdischen Lebens in Wanne-Eickel.

Bedeutung

Die Gedenktafel steht damit für drei miteinander verbundene Abschnitte der Geschichte der jüdischen Bevölkerung von Wanne-Eickel:

  • 1914–1918: Jüdische Bürger kämpfen im Ersten Weltkrieg als deutsche Soldaten.
  • 1920–1933: Die Gemeinde erinnert an ihre Gefallenen und bekräftigt ihre Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft.
  • 1933–1938: Der nationalsozialistische Staat entrechtet und verfolgt dieselbe jüdische Bevölkerung und zerstört schließlich ihre Synagoge und die Gedenktafel.

Die Geschichte der Tafel macht damit sichtbar, wie tief der Bruch zwischen der gesellschaftlichen Realität der jüdischen Gemeinde nach dem Ersten Weltkrieg und ihrer Vernichtung während der nationalsozialistischen Herrschaft war.

Quellen und Literatur

  • Elfi Pracht-Jörns: Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Band V. Angaben zur Synagoge Wanne-Eickel.
  • Kurt Tohermes: Sie werden nicht vergessen sein – Geschichte der Juden in Herne und Wanne-Eickel. Dokumentation zur Ausstellung des Stadtarchivs Herne, Herne 1987.

Weblinks

Verwandte Artikel

Quellen

  1. „Der Schild - Zeitschrift des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten“ 15. März 1925 Nr. 6 S. 119.. Online auf: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/4911829
  2. Kurt Tohermes: Der Erste Weltkrieg und seine Auswirkungen auf die heimischen Juden. In: Sie werden nicht vergessen sein – Geschichte der Juden in Herne und Wanne-Eickel, Herne 1987, S. 20–22.
  3. Manfred Hildebrandt: Herne-Wanne-Eickel. In: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Westfalen und Lippe, Neue Folge, Band 12, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, Münster 2021, S. 452–459.
  4. Kurt Tohermes: Bernhard Rose – Bankier, Liberaler und Jude. In: Sie werden nicht vergessen sein – Geschichte der Juden in Herne und Wanne-Eickel, Herne 1987.
  5. Manfred Hildebrandt: Herne-Wanne-Eickel. In: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Westfalen und Lippe, Neue Folge, Band 12, Münster 2021.
  6. "Der Schild – Zeitschrift des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten", 15. März 1925, Nr. 6, S. 119.
  7. Ich danke Rüdiger Drees für die Abbildung und die Idee zu dieser Seite.
  8. Manfred Hildebrandt: Herne-Wanne-Eickel. In: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Westfalen und Lippe, Neue Folge, Band 12, Münster 2021, S. 453 und 459.
  9. Kurt Tohermes: Der Erste Weltkrieg und seine Auswirkungen auf die heimischen Juden, Herne 1987.
  10. Kurt Tohermes: Von der Machtübernahme bis zur „Kristallnacht“. In: Sie werden nicht vergessen sein – Geschichte der Juden in Herne und Wanne-Eickel, Herne 1987.
  11. Manfred Hildebrandt: Herne-Wanne-Eickel, Münster 2021, S. 455; Ralf Piorr (Hrsg.): Nahtstellen, fühlbar, hier … Zur Geschichte der Juden in Herne und Wanne-Eickel, Essen 2002.
  12. Manfred Hildebrandt: Herne-Wanne-Eickel, Münster 2021, S. 455.
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