Forsthaus Gysenberg - Vom Jagdpfleger zu den Waldgeschwister
Das Forsthaus Gysenberg ist ein historisches Gebäude am Rand des Gysenberger Waldes in Herne-Sodingen. Es entstand vermutlich zwischen 1800 und 1827 als Forsthaus des adeligen Gutes Gysenberg und entwickelte sich im Laufe des 20. Jahrhunderts von einer Försterei zu einer Ausflugsgaststätte und schließlich zu einem bedeutenden Gastronomiebetrieb am Revierpark Gysenberg. Seit 1986 steht es unter Denkmalschutz (Nr. 20) und beherbergt heute (2026) das Restaurant "Waldgeschwister".
Lage
Das Forsthaus liegt an der heutigen Gysenbergstraße 79 unmittelbar am Gysenberger Wald und in Nachbarschaft des Revierparks Gysenberg. Historisch gehörte es zum Besitzkomplex des adeligen Hauses Gysenberg beziehungsweise später der Grafen von Westerholt-Gysenberg.


Entstehung und Zugehörigkeit zum Gut Gysenberg
Der Gysenberg ist seit dem Mittelalter als Sitz des Adelsgeschlechts von Gysenberg nachweisbar. Nach dem Aussterben der Familie im Jahre 1725 gingen die Besitzungen an die Grafen von Westerholt über. Zum Gutsbezirk gehörten neben dem Gutshaus, der Wasser- und Ölmühle und umfangreichen Waldflächen auch die spätere Försterei. Das heute noch bestehende Forsthaus wird von der Forschung auf die Zeit zwischen 1800 und 1827 datiert. Es gehörte zur Verwaltung des gräflichen Forstbesitzes.
Die Försterei im Gysenberger Wald

Über viele Jahrzehnte war das Gebäude Dienst- und Wohnsitz der Förster des gräflichen Waldes. Besonders eng mit dem Haus verbunden ist Wilhelm Heinrich Lindemann (1881–1961), der als letzter gräflich Westerholt-Gysenberger Förster gilt.

Lindemann stammte aus einer Försterfamilie und trat bereits 1895 in den Forstdienst der Grafen von Westerholt-Gysenberg ein. Am 1. Oktober 1908 wurde er in den Gysenberg versetzt. Sein Dienst- und Wohnsitz war das damalige Forsthaus mit der Adresse „Gysenberg 2“.
Während seiner Dienstzeit überwachte er die Bewirtschaftung des Waldes, die Jagd und die Pflege der Wege. Nach dem Ankauf des Gysenberger Waldes durch die Stadt Herne im Jahr 1927 wechselte er in den städtischen Dienst. Unter seiner Mitwirkung entstanden neue Wanderwege, Aufforstungen und landschaftliche Verbesserungen, die den Wald zu einem Naherholungsgebiet für die Bevölkerung machten.
Vom Forsthaus zur Ausflugsgaststätte

Mit dem Ankauf des Waldes durch die Stadt Herne begann die Umwandlung des Gysenbergs in ein Freizeit- und Erholungsgebiet. Bereits in den 1930er Jahren entstanden der Tierpark und weitere touristische Einrichtungen. Das Forsthaus verlor zunehmend seine Funktion als reine Dienststelle der Forstverwaltung und entwickelte sich zu einer Gastwirtschaft für Ausflügler. Die lokale Überlieferung fasst diesen Wandel knapp zusammen: „Das Forsthaus wandelte sich zur Gaststätte. Der letzte Förster im Gysenberger Wald war Wilhelm Lindemann.“

Im Zusammenhang mit dem Tierpark bestanden in den 1930er Jahren Planungen für Terrassenanlagen und eine umfangreiche Freizeitgastronomie. Der Ausbau der Zufahrt zum Forsthaus als Autostraße verdeutlicht die wachsende Bedeutung des Standortes als Ausflugsziel. Ursprünglich stand hinter dem Haus eine große Scheune (siehe Bild oben), die aber bei den Umbaumaßnahmen zur Gaststätte abgerissen wurde. Stattdessen wurde dort eine große heute nicht mehr erhaltene Treppenanlage angelegt.
Gastronomische Entwicklung nach 1945
Nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte sich das Forsthaus endgültig als Ausflugslokal. Durch seine Lage zwischen Wald, Tierpark und später dem Revierpark Gysenberg wurde es zu einem beliebten Ziel für Spaziergänger, Vereinsfeiern und Familienfeste. Bekannt waren die Gastronomen Waffler und Kamp.
Das Gebäude blieb als historisches Fachwerkhaus erhalten und wurde in den 1990er Jahren grundlegend saniert. Gleichzeitig erfolgte eine gastronomische Neuausrichtung.
Im Juni 1995 wurde durch die Gastronomen Peter Kamp (Bochum) und Uwe Speetzen (Witten) und dem Koch Otto Steffens (Bochum) die B. G. BIBER Gastronomie GmbH (HRB 924/HRB 9385) gegründet.

Die Ära Fahri Toku
Eine prägende Phase begann Mitte der 1990er Jahre. Der Gastronom und Koch Fahri Toku übernahm die GmbH im Jahre 1997 und damit das Forsthaus im Alter von 21 Jahren und führte den Betrieb über Jahrzehnte. Unter seiner Leitung entwickelte sich das Restaurant zu einer festen Größe der Herner Gastronomieszene. Neben regionalen Klassikern etablierte sich eine mediterran geprägte Küche.
Während dieser Zeit wurde das Forsthaus überregional bekannt und mehrfach in Presseberichten sowie Fernsehbeiträgen vorgestellt.
Betreiberwechsel und „Waldgeschwister“
Nach dem Ende der langjährigen Toku-Ära erhielt das denkmalgeschützte Haus neue Betreiber. Im Jahr 2025 erfolgte ein gastronomischer Neustart. Sebastian Hackforth übernahm zusammen mit Vojislav Maksimovic, und Jörg Rau die GmbH und das Restaurant mit Denise Hackforth als Geschäftsführerin. Das traditionsreiche Restaurant wurde unter dem Namen „Waldgeschwister“ neu positioniert. Die neuen Betreiber verbanden regionale Gastronomie mit Einflüssen der Tiroler Küche und einer stärkeren Ausrichtung auf Veranstaltungen und Ausflugsgäste.
2026 folgten umfangreiche Umbau- und Modernisierungsmaßnahmen. Trotz der Neuausrichtung blieb die historische Bezeichnung „Forsthaus Gysenberg“ als identitätsstiftender Bestandteil des Ortes erhalten.
Bedeutung
Das Forsthaus Gysenberg dokumentiert die Entwicklung des Gysenbergs vom adeligen Forst- und Jagdgebiet über die kommunale Wald- und Freizeitpolitik der Zwischenkriegszeit bis hin zur modernen Freizeit- und Gastronomielandschaft des Revierparks. Es zählt zu den wenigen erhaltenen baulichen Zeugnissen des historischen Gutes Gysenberg und erinnert zugleich an die Tätigkeit des letzten Försters Wilhelm Lindemann.


