Einigkeit, Recht, Freiheit

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.

Einigkeit, Recht, Freiheit ist ein 1961 geschaffenes Denkmal des Herner Künstlers Jupp Gesing. Das Mosaik entstand im Auftrag bzw. mit Unterstützung der Bergwerksgesellschaft „Friedrich der Große“ und wurde auf dem Schulhof der Grundschule an der Langforthstraße im Herner Stadtteil Horsthausen aufgestellt.

Einigkeit, Recht, Freiheit †
SodingenHorsthausen
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StadtbezirkOrtsteil


WAZ vom 14. Juni 1961

Das Denkmal thematisierte ursprünglich die deutsche Teilung und den politischen Anspruch auf die Wiederherstellung der deutschen Einheit. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde es 1992 politisch aktualisiert. Nach dem Abriss der Grundschule im Jahr 2016 wurde das inzwischen ummantelte Kunstwerk auf das Gelände des Heimatmuseums Unser Fritz gebracht und dort eingelagert.

2021 führte der weitere Verbleib des Kunstwerks zu einer ungewöhnlichen kommunalpolitischen Auseinandersetzung. Das Denkmal lag auf dem Gelände, auf dem eine neue Jugendverkehrsschule eingerichtet werden sollte, und musste deshalb entfernt werden. Als möglicher neuer Standort wurde das Ruhr Museum auf dem Gelände der Zeche Zollverein in Essen genannt.[1]

Entstehung und Aufstellung

Das Denkmal wurde am 15. Juni 1961 - kurz vor dem Tag der Deutschen Einheit auf dem Hof der Grundschule an der Langforthstraße in Horsthausen enthüllt. Gestiftet wurde es von der Bergwerksgesellschaft „Friedrich der Große“. Der Entwurf stammte von dem Herner Künstler Jupp Gesing.[2] Oberbürgermeister Robert Brauner nahm an dem Festakt teil.

Die Entstehung des Denkmals fällt in eine politisch besonders angespannte Phase der deutschen Nachkriegsgeschichte. Nur wenige Wochen nach der Enthüllung begann am 13. August 1961 der Bau der Berliner Mauer.

Für die Schülerinnen und Schüler der Grundschule gehörte das Denkmal über Jahrzehnte zum vertrauten Bild des Schulhofes. Bei Einschulungen wurde es auch als Hintergrund für Erinnerungsfotos genutzt. Eine Aufnahme aus dem Jahr 1981 zeigt das Denkmal bei einer Einschulung.[3]

Gestaltung und ursprüngliche Aussage

Das Werk war als farbiges Mosaik in den Farben Rot, Gelb und Grün ausgeführt.

Die Darstellung zeigte die politische Vorstellung von Deutschland, wie sie in der Bundesrepublik während der deutschen Teilung verbreitet war. Dargestellt wurde Deutschland in den Grenzen von 1937. Die Darstellung umfasste die damalige Bundesrepublik Deutschland, die Deutsche Demokratische Republik sowie die nach dem Zweiten Weltkrieg unter polnischer beziehungsweise sowjetischer Verwaltung stehenden deutschen Ostgebiete.

Besonders auffällig war ein Strahlenkranz von Berlin zu den jeweiligen Landeshauptstädten. Berlin nahm damit eine zentrale symbolische Stellung innerhalb der Darstellung ein.

Am unteren rechten Rand befand sich die Inschrift:

„Einigkeit, Recht, Freiheit“

Die Worte entsprechen der Schlusszeile der dritten Strophe des Deutschlandliedes und waren zugleich die offizielle politische Leitformel der Bundesrepublik Deutschland.

Das Denkmal war somit unmittelbar mit der politischen Situation des Kalten Krieges verbunden. Es stellte nicht lediglich ein abstraktes Bekenntnis zu Freiheit und Einheit dar, sondern bezog sich konkret auf die deutsche Teilung und den Anspruch auf eine Wiedervereinigung Deutschlands.

Politische Aktualisierung 1992

Mit der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 veränderte sich die politische Bedeutung des Denkmals grundlegend.

Nach rund zweijährigen Verhandlungen wurde das Kunstwerk 1992, zwei Jahre nach der Wiedervereinigung, politisch aktualisiert. Die ursprüngliche Gestaltung wurde vollständig mit Holz ummantelt. Auf diese Ummantelung wurde eine Folie mit einer Darstellung des wiedervereinigten Deutschlands aufgebracht.[4]

Die Folie enthielt neben einer Karte der Bundesrepublik Deutschland mit den neuen Ländern, Ländergrenzen und Landeshauptstädten auch die Bezeichnungen Berlin und Bonn sowie den Text:

'Deutsche Einheit 1990'
Karte der BRD mit den neuen Ländern,
Ländergrenzen und Landeshauptstädten und Berlin und Bonn.

Damit wurde die ursprüngliche politische Aussage des Denkmals an die inzwischen eingetretene staatliche Realität angepasst.

Vom politischen Denkmal zum problematischen Schulhofobjekt

Denkmal mit Holz ummantelt und bemalt

Mitte der 1990er Jahre änderte sich die Bewertung des Kunstwerks erneut. Nach Angaben der Stadt Herne kam man zu der Auffassung, dass es sich bei dem Objekt nicht um ein „grundschulgerechtes Monument“ handele und die Skulptur an einer Grundschule „fehl am Platze“ sei.[5]

Zwei Monate später hatten Schulkinder die Ummantelung mit einem farbenfrohen Elefanten auf der einen und zwei putzigen Katzen auf der anderen Seite bemalt, unter anderem mit einer Figur in der Mitte, die zu den Strichmännchen des amerikanischen Pop-Art-Künstlers Keith Haring große Ähnlichkeit aufweist.

Damit erhielt das ursprünglich politisch-historische Denkmal eine zusätzliche, kindlich geprägte Gestaltungsebene.

Die bemalte Ummantelung blieb über viele Jahre erhalten. Generationen von Schülerinnen und Schülern kannten das inzwischen stark veränderte Kunstwerk.

Interesse des Hauses der Geschichte

1996 zeigte das Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland Interesse an einer Übernahme des Denkmals. Zu einer Umsetzung nach Bonn kam es jedoch nicht, da die hierfür erforderlichen Kosten als zu hoch angesehen wurden.[6]

Das Denkmal verblieb deshalb weiterhin in Herne.

Aufgabe der Schule und Einlagerung

Im November 2013 wurden die Regenbogenschule an der Diedrichstraße und die Grundschule an der Langforthstraße zusammengeschlossen. Gemeinsamer neuer Standort wurde das Gebäude der ehemaligen Hauptschule am Jürgens Hof 61.

Das alte Schulgebäude an der Langforthstraße wurde im September 2016 abgerissen.[7]

Damit verlor das Denkmal seinen ursprünglichen Standort. Das ummantelte Kunstwerk wurde auf das Gelände des Heimatmuseums Unser Fritz gebracht und dort auf dem Hinterhof beziehungsweise Außengelände eingelagert.[8]

Eine dauerhafte museale Präsentation erfolgte zunächst nicht.

Die Holzverkleidung wurde später entfernt, so dass das eigentliche Objekt wieder sichtbar wurde.

Jugendverkehrsschule und erneute Standortfrage 2021

Im Frühjahr 2021 wurde der weitere Verbleib des Denkmals erneut öffentlich thematisiert.

Auf dem Gelände des Heimatmuseums Unser Fritz war eine neue Jugendverkehrsschule eingerichtet worden. Der Verkehrsübungsplatz war bereits fertiggestellt und mit kleinen Straßen, Markierungen und den notwendigen Verkehrseinrichtungen ausgestattet. Die Eröffnung verzögerte sich jedoch unter anderem, weil das Kunstwerk noch auf dem Gelände lag.[9]

In einem Bericht der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung vom 16. April 2021 wurde das Denkmal als „politisch nicht mehr korrektes Kunstwerk“ bezeichnet. Hintergrund war insbesondere die ursprüngliche Darstellung Deutschlands in den Grenzen von 1937 sowie die inzwischen mehrfach veränderte politische Aussage des Werkes.[10]

Das Denkmal lag zu diesem Zeitpunkt auf dem Hinterhof des Heimatmuseums. Die Holzummantelung war inzwischen entfernt worden.

Die Stadt suchte deshalb nach einer Möglichkeit, das Werk an einen anderen Standort zu verbringen.

Verbleib nach 2021

Im Frühjahr 2021 stand das Denkmal noch auf dem Gelände des Heimatmuseums Unser Fritz. Da auf dem Gelände eine neue Jugendverkehrsschule eingerichtet werden sollte, musste das Kunstwerk entfernt werden. Nach Angaben der Stadt Herne zeigte das Ruhr Museum auf dem Gelände der Zeche Zollverein in Essen Interesse an einer Übernahme. Im April 2021 liefen hierzu Gespräche.[11]

Die neue Jugendverkehrsschule wurde am 6. April 2022 eröffnet. Sie befindet sich hinter dem Heimatmuseum Unser Fritz.[12] In den nachfolgenden öffentlich zugänglichen Berichten und Informationen über die Jugendverkehrsschule wird das Denkmal nicht mehr erwähnt.

Eine tatsächliche Übernahme des Denkmals durch das Ruhr Museum ist bislang nicht nachgewiesen. Auch in den öffentlich zugänglichen Informationen zu den Sammlungen des Ruhr Museums findet sich kein eindeutiger Hinweis auf das Werk „Einigkeit, Recht, Freiheit“ von Jupp Gesing.

Der weitere Verbleib des Denkmals ist daher ungeklärt.

Für die weitere Erforschung sind insbesondere die Unterlagen der Stadt Herne, des Emschertal-Museums sowie des Ruhr Museums zu prüfen. Von besonderem Interesse wären dabei die Übergabe- beziehungsweise Transportakten aus den Jahren 2021 und 2022.

Rezeption

Die Geschichte des Denkmals ist ungewöhnlich, weil sich seine Bedeutung innerhalb von sechs Jahrzehnten mehrfach wandelte.

Bei seiner Entstehung 1961 war es ein politisches Denkmal der deutschen Teilung. Die Darstellung Deutschlands in den Grenzen von 1937 entsprach der damaligen politischen Zielsetzung der Bundesrepublik und dem Anspruch auf deutsche Einheit.

Nach 1990 war die ursprüngliche politische Aussage überholt. Die 1992 vorgenommene Umgestaltung versuchte, das Werk an die neue Situation anzupassen.

Die anschließende Einordnung als für einen Grundschulstandort ungeeignetes Monument führte zu einer weiteren Veränderung: Das historische Kunstwerk wurde mit Holz verkleidet und von Kindern bemalt. Nach dem Abriss der Schule wurde es schließlich lediglich eingelagert.

Die Auseinandersetzung von 2021 zeigt exemplarisch, wie schwierig der Umgang mit Kunstwerken sein kann, deren ursprüngliche politische Aussage an eine bestimmte historische Situation gebunden ist.

Der Künstler Jupp Gesing

Das Denkmal „Einigkeit, Recht, Freiheit“ stellt innerhalb seines Werkes ein Beispiel für seine Beschäftigung mit Mosaik und Kunst im öffentlichen Raum dar.

Bedeutung für die Herner Stadtgeschichte

Das Denkmal besitzt heute vor allem einen zeitgeschichtlichen Dokumentationswert. Es veranschaulicht mehrere Phasen der deutschen Nachkriegsgeschichte und deren Auswirkungen auf den öffentlichen Raum:

  • 1961: deutsche Teilung und politischer Anspruch auf Wiedervereinigung;
  • 1990: deutsche Wiedervereinigung;
  • 1992: politische Aktualisierung des Denkmals;
  • Mitte der 1990er Jahre: Entfernung aus dem unmittelbaren schulischen Kontext und kindliche Übermalung der Ummantelung;
  • 2016: Aufgabe des Schulstandortes und Einlagerung auf dem Gelände des Heimatmuseums;
  • 2021: Konflikt mit der Einrichtung der Jugendverkehrsschule und Suche nach einem neuen Standort.

Gerade diese Veränderungen machen das Objekt zu einem bemerkenswerten Beispiel für den Umgang mit politisch geprägter Kunst im öffentlichen Raum.

Literatur

  • "...bey den spätesten Nachkommen in beständig gutem Andenken zu erhalten..."-Denkmäler in Herne und Wanne-Eickel, Manfred Hildebrandt, Der Emscherbrücher Band 14 (2008/09), Seiten 57 bis 77, herausgegeben von der Gesellschaft für Heimatkunde Wanne-Eickel e. V., Herne 2008


Verwandte Artikel

Quellen

  1. Michael Muscheid: Herne: Skulptur verhindert Start der Jugendverkehrsschule. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 16. April 2021.
  2. Michael Muscheid: Herne: Skulptur verhindert Start der Jugendverkehrsschule. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 16. April 2021.
  3. Michael Muscheid: Herne: Skulptur verhindert Start der Jugendverkehrsschule. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 16. April 2021.
  4. Michael Muscheid: Herne: Skulptur verhindert Start der Jugendverkehrsschule. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 16. April 2021.
  5. Michael Muscheid: Herne: Skulptur verhindert Start der Jugendverkehrsschule. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 16. April 2021.
  6. Michael Muscheid: Herne: Skulptur verhindert Start der Jugendverkehrsschule. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 16. April 2021.
  7. Artikel auf halloherne: Abbruch der Grundschule Langforthstraße
  8. Michael Muscheid: Herne: Skulptur verhindert Start der Jugendverkehrsschule. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 16. April 2021.
  9. Michael Muscheid: Herne: Skulptur verhindert Start der Jugendverkehrsschule. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 16. April 2021.
  10. Michael Muscheid: Herne: Skulptur verhindert Start der Jugendverkehrsschule. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 16. April 2021.
  11. Michael Muscheid: Herne: Skulptur verhindert Start der Jugendverkehrsschule. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 16. April 2021.
  12. Radio Herne: Jugendverkehrsschule eröffnet, 6. April 2022.