Die Hungerjahre 1816 und 1817 in Herne
Die Hungerjahre 1816 und 1817 waren eine schwere Hunger- und Teuerungskrise, die auch die Bevölkerung der damaligen Bürgermeisterei Herne traf. Nach mehreren schlechten Ernten verschärfte insbesondere das außergewöhnlich kalte und niederschlagsreiche Jahr 1816 die Versorgungslage. Die Lebensmittelpreise stiegen erheblich, Getreide wurde knapp und die ländliche Bevölkerung geriet zunehmend in Not. Erst durch staatliche Getreidebeschaffungen, örtliche Hilfsvereine und die Ernte des Jahres 1817 entspannte sich die Lage allmählich. Auch in Herne organisierten die Gemeinderäte eine gemeinschaftliche Versorgung der Bevölkerung mit Getreide.

Die klimatischen Ursachen: Das Jahr ohne Sommer
Die Hungerkrise von 1816/1817 war Teil einer europaweiten Versorgungskatastrophe. Ihre klimatischen Ursachen standen in Zusammenhang mit dem gewaltigen Ausbruch des Vulkans Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa am 5. April 1815. Durch den Ausstoß großer Mengen vulkanischer Asche und Schwefelverbindungen in die Atmosphäre wurde die Sonneneinstrahlung vermindert. Die Folge waren weltweit spürbare Klimaanomalien.
Das Jahr 1816 ging deshalb als Jahr ohne Sommer in die Geschichte ein. Besonders in Mitteleuropa waren die Witterungsverhältnisse ungewöhnlich. Auf einen bereits schlechten Herbst 1815 folgte ein nasses Frühjahr. Der Sommer 1816 blieb kalt und verregnet. Heftige Niederschläge, Überschwemmungen und Hagelschauer beeinträchtigten die Landwirtschaft. Die Getreideernte verzögerte sich erheblich, Kartoffeln und Gartenfrüchte litten unter den ungünstigen Witterungsbedingungen. In zahlreichen Regionen konnte das Getreide erst spät und teilweise nur in unzureichender Qualität eingebracht werden.[2]
Die Auswirkungen waren in einer Gesellschaft, deren Ernährung noch weitgehend von der örtlichen Landwirtschaft abhing, besonders schwerwiegend. Vorräte waren begrenzt. Eine schlechte Ernte bedeutete nicht nur einen vorübergehenden Engpass, sondern gefährdete unmittelbar die Ernährung bis zur nächsten Ernte.
Die Versorgungskrise in Westfalen

Die schlechten Ernten des Jahres 1816 führten in Westfalen zu einer schweren Hungersnot. Die Preise für Getreide und andere Grundnahrungsmittel stiegen stark an. Besonders betroffen waren Tagelöhner, kleine Kötter, Handwerker und Familien ohne ausreichenden eigenen Grundbesitz. Während größere landwirtschaftliche Betriebe teilweise noch über Vorräte verfügten, waren ärmere Bevölkerungsschichten unmittelbar auf den Einkauf von Lebensmitteln angewiesen.
Die Versorgung wurde zusätzlich durch die damals unzureichenden Transportmöglichkeiten erschwert. Die Straßenverhältnisse waren schlecht, und der Transport von Getreide über größere Entfernungen war aufwendig und teuer.
Die preußische Regierung reagierte auf die Krise mit umfangreichen Getreideankäufen. Für die notleidenden westlichen Provinzen wurden insgesamt zwei Millionen Taler zur Beschaffung von Getreide bereitgestellt. Insbesondere russisches Getreide sollte die Versorgungslage verbessern. Die Hilfslieferungen erreichten die Bedürftigen allerdings erst im Juli 1817 in größerem Umfang. Bis dahin hatte sich die Not vielerorts erheblich verschärft.[4]
Allein im Regierungsbezirk Münster waren nach den Angaben des LWL rund 47.000 Menschen auf die Unterstützung freiwilliger Hilfsvereine angewiesen, um nicht zu verhungern. Die Krise machte deutlich, wie wenig die staatlichen Versorgungsstrukturen auf eine derartige Notlage vorbereitet waren.
Die Hungerjahre in der Bürgermeisterei Herne
Eine bereits geschwächte Bevölkerung
Auch das Gebiet der damaligen Bürgermeisterei Herne blieb von der Versorgungskrise nicht verschont. Die Bevölkerung lebte überwiegend von der Landwirtschaft und den mit ihr verbundenen Handwerken. Die spätere industrielle Entwicklung Hernes hatte noch nicht begonnen. Der Steinkohlenbergbau spielte als Arbeitgeber noch keine bedeutende Rolle.
Der Herbst 1815 hatte bereits eine Missernte gebracht. Die Vorräte waren deshalb schon vor dem Beginn des Jahres 1816 unzureichend. Im Juni 1816 stiegen die Lebensmittelpreise deutlich an. Die Ernteaussichten verschlechterten sich durch das nasse Frühjahr und den kalten, regenreichen Sommer weiter.
Eine ältere heimatgeschichtliche Darstellung beschreibt die Situation folgendermaßen: Im September hätten noch die kümmerlichen Roggenhaufen auf den Feldern gestanden. Ein früher Frost habe die wenigen Gartenfrüchte vernichtet. Starker Schneefall habe außerdem die Verbindungen zu den Städten erschwert.
Das Vieh konnte wegen des Futtermangels vielfach nicht mehr gehalten werden. Tiere mussten notgeschlachtet oder sich selbst überlassen werden. Damit verloren die betroffenen Bauern nicht nur einen Teil ihrer Nahrungsgrundlage, sondern auch wichtige Arbeits- und Wirtschaftsmittel für die folgenden Jahre.
Die Bevölkerung versuchte, sich mit wild wachsenden Kräutern und anderen verfügbaren Pflanzen zu ernähren. Die Lebensmittelknappheit führte zu einer erheblichen sozialen Anspannung.[5]
| Gutssorte | Juni 1815 | Juni 1816 | Preisveränderung | ||
|---|---|---|---|---|---|
| Menge (Malter) | Preuß. Courant (Rt. Gr. Pf.) | Menge (Malter) | Preuß. Courant (Rt. Gr. Pf.) | ||
| Weitzen (Weizen) | 1264 4/8 | 11 Rt. 19 Gr. 4 Pf. | 524 6/8 | 17 Rt. 3 Gr. 3 Pf. | +44,8 % |
| Roggen | 3702 | 7 Rt. 18 Gr. 1 Pf. | 1502 3/4 | 14 Rt. 3 Gr. 9 Pf. | +82,7 % |
| Gerste | 1495 1/8 | 4 Rt. 16 Gr. 4 Pf. | 658 7/8 | 10 Rt. 17 Gr. 8 Pf. | +129,5 % |
| Hafer | 1676 | 4 Rt. 1 Gr. 10 Pf. | 523 1/2 | 6 Rt. 19 Gr. 2 Pf. | +66,4 % |
| Erbsen | 66 | 8 Rt. 22 Gr. 8 Pf. | 17 5/8 | 14 Rt. 4 Gr. 8 Pf. | +59,6 % |
| Buchweißen (Buchweizen) | 33 | 7 Rt. 7 Gr. 8 Pf. | — | 10 Rt. 1 Gr. 4 Pf. | +38,4 % |
| Kartoffeln | — | 2 Rt. 5 Gr. 7 Pf. | — | 4 Rt. 4 Gr. — Pf. | +89,3 % |
Die Schwierigkeiten der Getreideversorgung
Die preußische Regierung versuchte, die Versorgung durch Getreideankäufe in den östlichen Provinzen und in Russland zu verbessern. Die Verteilung bereitete jedoch erhebliche Schwierigkeiten.
Nach der örtlichen Überlieferung wurde ein großer Teil des Getreides zunächst über die Weser transportiert. Die Bauern aus der Grafschaft Mark mussten deshalb teilweise bis nach Minden fahren, um die Lieferungen abzuholen. Für die ohnehin notleidende Bevölkerung bedeutete dies einen erheblichen zusätzlichen Aufwand.
Die Landgemeinden wurden zunächst nur unzureichend oder überhaupt nicht beliefert. Ein Scheffel Getreide soll zeitweise zehn Taler gekostet haben. Die hohen Preise machten den Erwerb für große Teile der Bevölkerung nahezu unmöglich.
Erst allmählich wurde dazu übergegangen, Getreide auch über den Rhein und die Ruhr in die westlichen Gebiete zu transportieren. Gleichzeitig entstanden örtliche Hilfsvereine, die sich um die Verteilung der Lebensmittel kümmerten.
Der Herner Hilfsverein vom 31. März 1817
Ein besonders aufschlussreiches Zeugnis für die örtliche Organisation der Hungerhilfe ist die Gründung beziehungsweise Zusammenkunft eines Hilfsvereins in der Bürgermeisterei Herne.
Am 31. März 1817 tagte ein solcher Hilfsverein in der Wirtschaft Fleigenschmidt, die in der älteren Darstellung mit der späteren Gaststätte Stork in Verbindung gebracht wird.
Die Gemeinderäte erklärten sich dabei bereit, das Anfahren des benötigten Getreides unentgeltlich zu übernehmen. Damit beteiligten sich die örtlichen Vertreter unmittelbar an der Organisation der Lebensmittelversorgung.
Die Vereinbarung zeigt, dass die Bekämpfung der Hungersnot nicht allein der staatlichen Verwaltung überlassen blieb. Vielmehr waren die Gemeinden darauf angewiesen, selbst organisatorische und praktische Aufgaben zu übernehmen.
Die unentgeltliche Übernahme der Transportleistungen war dabei von besonderer Bedeutung. In einer Zeit, in der die Straßenverhältnisse schwierig und die Transportmöglichkeiten begrenzt waren, stellte die Beförderung des Getreides eine wesentliche Voraussetzung für dessen Verteilung dar.[6]
Die Getreidelieferung vom 23. Juni 1817
Wie dringend die Versorgung benötigt wurde, verdeutlicht eine weitere überlieferte Nachricht.
Am 23. Juni 1817 erhielt die Bürgermeisterei Herne die Aufforderung, insgesamt 40 Scheffel Korn in Königssteele (Essen-Steele) abzuholen. Die Verteilung erfolgte nach den überlieferten Angaben auf die einzelnen Gemeinden. Herne und Baukau erhielten dabei folgende Mengen:
| Gemeinde | Einwohnerzahl | Zugewiesene Getreidemenge |
|---|---|---|
| Herne | 740 | 10 Scheffel |
| Baukau | 316 | 2 Scheffel |
| Übrige Gemeinden der Bürgermeisterei | – | 28 Scheffel |
| Gesamt | – | 40 Scheffel |
Die Zahlen verdeutlichen die Größenordnung der damaligen Hilfslieferungen. Herne erhielt mit zehn Scheffeln ein Viertel der gesamten Lieferung, Baukau zwei Scheffel. Die übrigen 28 Scheffel waren für die weiteren Gemeinden der Bürgermeisterei bestimmt.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass die genannten Mengen nicht als vollständige Versorgung der Bevölkerung verstanden werden dürfen. Sie stellten lediglich einen Beitrag zur Linderung der akuten Not dar.
In der Folgezeit setzte eine verstärkte Belieferung ein. Die örtlichen Hilfsmaßnahmen und die staatlichen Getreidelieferungen trugen dazu bei, die schlimmsten Auswirkungen der Hungersnot zu mildern.[7]
Das Ende der Hungersnot
Das Jahr 1817 brachte schließlich eine gute Ernte. Damit verbesserte sich die Versorgungslage grundsätzlich. Die Folgen der beiden Hungerjahre waren damit allerdings nicht sofort überwunden.
Die Preise blieben zunächst hoch. Viele Familien hatten ihre Vorräte aufgebraucht, Vieh verloren oder sich während der Krise verschuldet. Auch die Landwirtschaft benötigte Zeit, um sich von den Ernteausfällen zu erholen.
Die Hungerkrise hatte außerdem gezeigt, wie verwundbar die ländliche Bevölkerung gegenüber länger anhaltenden Witterungsanomalien war. Fehlende Vorratshaltung, schlechte Verkehrsverbindungen und eine unzureichend organisierte überregionale Lebensmittelversorgung verschärften die Auswirkungen der Missernten.
Für Herne bedeutete die Krise eine weitere Belastung in einer Zeit, die ohnehin durch die politischen und wirtschaftlichen Umbrüche nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft geprägt war.
Historische Bedeutung
Die Hungerjahre 1816 und 1817 gehören zu den schweren Versorgungskrisen der westfälischen Geschichte des frühen 19. Jahrhunderts. Sie zeigen, wie unmittelbar die Lebensbedingungen der Bevölkerung von den natürlichen Erntebedingungen abhängig waren.
Für die Geschichte Hernes sind insbesondere die Nachrichten über den Hilfsverein vom 31. März 1817 und die Getreideverteilung vom 23. Juni desselben Jahres von Bedeutung. Sie gehören zu den konkreten Hinweisen auf die örtliche Organisation öffentlicher und gemeinschaftlicher Hilfe in der damaligen Bürgermeisterei. Die überlieferten Einwohnerzahlen von 740 Personen für Herne und 316 Personen für Baukau ermöglichen zudem einen seltenen Einblick in die Größenordnung der damaligen Bevölkerung.
Die Ereignisse sind auch im Zusammenhang mit der politischen Neuordnung Westfalens nach dem Wiener Kongress zu betrachten. Herne war 1815 wieder preußisch geworden und gehörte als Bürgermeisterei zum Landkreis Bochum im Regierungsbezirk Arnsberg. Die staatliche Verwaltung musste sich in dieser Zeit erst neu organisieren. Die Hungerkrise verdeutlicht damit nicht nur die Abhängigkeit der damaligen Bevölkerung von der Landwirtschaft, sondern auch die Bedeutung kommunaler Selbsthilfe und überregionaler Versorgungsmaßnahmen.
Literatur und Quellen
- Landschaftsverband Westfalen-Lippe: Hungerperiode in Westfalen 1816. Internetportal Westfälische Geschichte.
- Deutsches Historisches Museum: Die Hungersnot 1816/17. LeMO – Lebendiges Museum Online.
- Deutsches Historisches Museum: Preisentwicklung von Früchten in Zeiten der Hungersnot 1816/1817. Sammlungsobjekt, Inv.-Nr. 1988/779.
- Decker 1927/1980: Die Hungerjahre Anno 1816 und 1817, S. 48f.
- Stadtarchiv Herne: Überlieferung zur Geschichte der Bürgermeisterei Herne, insbesondere zu den Hilfsmaßnahmen und zur Getreideversorgung 1817. Die einschlägigen Originalakten siehe unten.
Einzelnachweise
Archive
- Stadtarchiv Herne - Best. 204 / Historischer Bestand III, Nr. A 51
- Staatliche Getreidelieferungen für die Hilfsbedürftigen der Bürgermeisterei Herne
- Laufzeit1817 - 1818
- Bl. 11, 23, 25, 45: Zuteilungen für die einzelnen Gemeinden
Verwandte Artikel
Quellen
- ↑ https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1816_summer.png
- ↑ Deutsches Historisches Museum: Die Hungersnot 1816/17.
- ↑ https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Glatt-R%C3%A4uber8120.jpg
- ↑ Landschaftsverband Westfalen-Lippe: Hungerperiode in Westfalen, 1816.
- ↑ Decker 1927/1980: Die Hungerjahre Anno 1816 und 1817, S. 48f.
- ↑ Decker 1927/1980: Die Hungerjahre Anno 1816 und 1817, S. 48f.
- ↑ Decker 1927/1980: Die Hungerjahre Anno 1816 und 1817, S. 48f.
