Die Amerika-Anleihe der Stadt Herne 1922-1926

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.

Der nachfolgende Artikel im Herner Anzeiger vom 3. August 1926 beschreibt eine skurrile kommunalpolitische Episode der Stadt Herne aus der Zeit nach der Inflation. (Siehe auch: Notgeld) Aufgrund unglücklicher Umstände gerieten Anleihe-Wertpapiere über Jahre hinweg in Vergessenheit und landeten schließlich bei einer öffentlichen Versteigerung in New York. Die Stadtverwaltung sah sich daraufhin mit der Gefahr konfrontiert, für die Wertpapiere in Millionenhöhe haften zu müssen, konnte die Papiere jedoch letztlich durch diplomatische Bemühungen und eine vergleichsweise geringe Zahlung wieder zurückerwerben.

Da die Anleihen der Stadt Herne verloren gingen: Hier eine 5%-ige Schuldverschreibung über 1000 Mark der Stadt Dortmund vom 21. Juni 1922

Die Amerika-Anleihe der Stadt Herne.

Eine kommunalpolitische Tragikomödie mit glücklichem Ausgang.

Die Annahme in Amerika verweigert. — Die Versteigerung der Wertpapiere in New-York. — Die Jagd der Stadt Herne nach den Obligationen. — Der geglückte Rückkauf.

Die Stadt Herne hatte in der Inflationszeit unseligen Angedenkens gleich vielen anderen Städten versucht, im Auslande eine größere Anleihe aufzunehmen. Einigen Städten ist das Experiment damals geglückt, während Herne, man kann sagen, Gott sei Dank, mit seiner Auslandsanleihe keinen „Erfolg“ gehabt hat. Herne hatte 1922 mit Zustimmung der damaligen städt. Kollegien[1] versucht, einen großen Pump im Lande des Dollars, in Amerika aufzunehmen. 250 Milliarden Obligationen wurden in Stücken von hundert, tausend und mehr Mark in feinstem Kunstdruck bei der Firma Fredebeul & Koenen bestellt und von dort auch prompt geliefert. Vermittlerin zur Unterbringung der Obligationen war ein kleines Elberfelder Bankhaus, das Beziehungen zu der New-Yorker Maklerfirma von Polenz hatte. Eine amerikanische Bank, die die Anleihe in Amerika absetzen wollte, war auch bald gefunden. In 3 mächtigen, festesten, gutverklebten Kisten verpackt, wanderten die Obligationen nebst Zinsscheinen über den großen Teich, während man auf dem Herner Rathaus mit großen Hoffnungen in die Zukunft sah.

Die Anleihe lautete, wie gesagt, auf insgesamt 250 Milliarden Mark, ein Betrag, der 1924 an sich einen Wert von 25 Goldpfennigen darstellte. Nur aber kommt der Pferdefuß: Die Stadt Herne hatte sich auf den Obligationen verpflichtet, die Anleihe mindestens in der Weise zurückzuzahlen, daß für nominell 1 Million Mark 1 Dollar gezahlt würde. Insgesamt verspätete man sich also zur Rückzahlung von 1 Million Goldmark gleich rund 250.000 Dollar. In gleicher Weise sollte auch die Zinsberechnung erfolgen. Welchen Gegenwert aber die Stadt erhalten sollte, darüber war nichts vereinbart.

Die Sache wickelte sich nun wie folgt ab: Die Stücke kamen in Amerika glücklich an, aber der Adressat verweigerte die Annahme. Die Kasselemente jedoch wurden der amerikanischen Bank ausgehändigt. Die drei schweren Kisten mit den Obligationen lagerten nun irgendwo auf dem New-Yorker Zoll- bezw. Waren-Speicher. Eine besondere Sorgfalt brauche ja nicht angewandt zu werden, denn der Inhalt der Kisten war als „Wertpapier-Formulare“ bezeichnet.

Inzwischen teilte die Vermittlerin der Stadt Herne mit, dass die Papiere in der Form die sie hatten, nicht untergebracht werden konnten, da sie nicht ganz den amerikanischen Gesetzesvorschriften entsprachen. Es wurden daher neue Obligationen angefertigt, die aber die Reise über den Ozean nicht mehr anzutreten brauchten. Mehrere Mitglieder der Stadtkassenprüfungs-Kommission haben sie nachher im Schweiße ihres Angesichts in der Heizung des Herner Rathauses verbrannt.

Die abgesandten Kisten mit den zuerst gedruckten Wertpapieren träumten nun in dem Warenspeicher in New-York dahin, Woche um Woche, Monat um Monat, Jahr um Jahr. Man wusste in Herne überhaupt nicht mehr, was sie eigentlich lagerten, man machte sich auch keine Sorge mehr darüber. Mittlerweile war auch ein Wechsel im städt. Finanzdezernat eingetreten, der frühere Oberbürgermeister, der die Sache eingedelt hatte, war auch nicht mehr in Herne. Kein Wunder, daß die allmählich von Staub und Spinnweben bedeckten, irgendwo in Amerika lagernden Kisten schriftlich vergessen wurden. Wer sich vielleicht flüchtig noch einmal an die Obligationen erinnerte, dachte ohne Zweifel, daß die ganze Sache durch die nachher in die Billionen gestiegene Markentwertung nichts mehr auf sich habe. Dem war aber leider nicht so.

Die deutsche Mark war längst stabilisiert, man hatte in der heutigen schnellebigen Zeit die furchtbare Inflation mit all ihren Schrecken und Sorgen bald wieder vergessen. Ganz Deutschland hatte wieder seine Goldmarkwährung. Alle die Milliarden- und Billionenscheine der Papiermark hatten ihren Scheinwert eingebüßt; man konnte höchstens noch die Wände mit ihnen tapezieren. Das nahm man auch von den mittlerweile vollständig vergessenen Herner Amerika-Obligationen an. Doch man sollte bald aus diesem Wahn eines schönen Tages unangenehm geweckt werden. Und jetzt kommen wir zu den eigentlichen Vorgängen der Sache, die unserer Stadtverwaltung vor kurzem nicht geringe Sorge bereitet haben. Die längst in Vergessenheit geratenen, auf irgend einem Speicher in Amerika lagernden Stücke waren nämlich wirkliche Wertpapiere. Wurden sie gestohlen, oder kamen sie sonstwie in Gaunerhände, so hätte die Stadt Herne wohl oder übel für die Papiere haften und ihren Wert, festgesetzt von der Stadt Herne selbst, mit 1 Million Goldmark, ersehen müssen.

Dem neuen Herner Finanzdezernenten fiel nun eines Tages zufällig das Aktenstück mit der Amerika-Anleihe der Stadt Herne in die Hände. Er hielt es doch für gut, an verschiedenen Stellen in Amerika Erkundigungen über den Verbleib der damals abgesandten Obligationen einzuziehen.[2] Eine Antwort indes bekam man nicht, als endlich eine solche einlief, hieß es in dieser Antwort, man wisse nichts über den Verbleib der Stücke. Darauf wandte sich die Stadtverwaltung an das deutsche General-Konsulat in New-York, das der Stadt Herne mitteilte, es hätte festgestellt, daß die Herner amerikanischen Stadtobligationen im New-Yorker Zollhaus gelagert hätten und daß sie vor kurzem als „herrenloses Gut“ öffentlich versteigert worden seien. Ein Bankier Seemann in New-York habe sie, anscheinend zu Spekulationszwecken, aufgekauft. Nun wusste man zwar wo die Stücke waren; aber dafür war die Sorge um das Schicksal der Stücke bei der Stadt Herne, groß.

Man wusste zunächst nicht, ob es sich bei dem Aufkäufer um einen Schwindler oder eine ehrliche Firma handelte. Im ersten Falle konnte die Sache für die Stadt Herne fatal werden. Jedenfalls war rasches Handeln am Platze. Kabeltelegramme und Funkgespräche wurden nach Amerika gesandt, in welchen der Aufkäufer über den wahren Sachverhalt aufgeklärt wurde. Die deutsche Botschaft und amerikanische Regierung wurden um Unterstützung gebeten. Briefe folgten den Telegrammen. In den großen deutsch-amerikanischen und amerikanischen Zeitungen sowie im Reichsanzeiger und der Herner Lokalpresse erschienen Bekanntmachungen der Stadt Herne, die erklärten, daß die Anleihestücke ungültig seien und in denen vor dem Ankauf derselben gewarnt wurde. Mittlerweile kamen auch schon Anfragen aus Deutschland und New-York mit dem Ersuchen, die Herner Stadtverwaltung möge mitteilen, zu welchem Kurs die Obligationen gehandelt werden könnten usw. Kurz, die Sorgen der Stadtverwaltung und besonders die des Finanzdezernenten stiegen weiter. Groß war natürlich auch die Ueberraschung, als im Magistrat und Finanzkommission diese Dinge bekannt wurden. Man zog bereits in Erwägung, den Justitiar der Stadt Herne, oder sonst einen Juristen nach Amerika zu schicken, um persönlich mit Seemann zu verhandeln und die Stücke zurückzubringen. Man bot Seemann wiederholt an, die in seinem Besitz gelangten Stücke der Stadt Herne zurückzuerstatten gegen eine entsprechende Abfindung. — Allein, Seemann antwortete nicht.

Endlich kam die Befreiung von der Sorge. Das deutsche General-Konsulat in New-York, das sich der Sache energisch angenommen hatte, tabelte, daß Seemann jetzt bereit sei, die Herner Amerika Obligationen für 200 Dollars, also für 840 Goldmark wieder zu verkaufen. Und die Stadt kaufte sie mit einem Seufzer der Erleichterung zurück. Allerdings befanden sich einzelne Stücke bereits im Umlauf. Doch wird mit diesen jetzt kaum noch Schaden angerichtet werden können.

Damit wäre diese interessante Angelegenheit eigentlich erledigt. Man sagt sich nur, wie es möglich ist, daß man Wertpapiere von so hohem Wert, sorglos und mehrere Jahre hindurch irgendwo in Amerika lagern lassen konnte und daß kein Mensch mehr wusste, wo sie sich eigentlich herumtrieben. Jedenfalls hat die Stadt Herne in dieser Sache wirklich mehr Glück als sonst etwas gehabt. Denn wären die Stücke in richtige amerikanische Gaunerhände geraten, wäre die Stadt Herne ihre Sorge noch nicht los. Eine Flut von Prozessen hätten sich aus der Sache entwickeln und die Stadt vielleicht viel Geld zahlen können. Denn die Stadt Herne war für die Wertpapiere haftbar.

Icht gehört die Geschichte der Vergangenheit an. Sie hat es aber wohl verdient, nachdem sie glücklich abgelaufen ist, in ihrer ganzen Tragikomik der Öffentlichkeit bekannt zu werden."

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