Das Cranger Laurentius-Luftschiff 1847

Das Laurentius-Luftschiff war eine im Jahr 1847 in Crange vorgestellte Flugmaschine des Cranger Bauern und Gastwirts Heinrich Funcke senior (1828-1894). Das als vogel- beziehungsweise adlerähnliches Luftfahrzeug beschriebene Konstruktionsprojekt wurde während der Cranger Kirmes 1847 öffentlich zur Schau gestellt. Eine tatsächliche Fahrt oder ein Abheben des Luftschiffs ist nach den vorliegenden Quellen jedoch nicht nachgewiesen. Vielmehr wurde die Erfindung bereits zeitgenössisch in der Presse kritisch und spöttisch beurteilt.
Vorgeschichte
Mitte des 19. Jahrhunderts waren der Cranger Pferdemarkt und die damit verbundene Kirmes bereits ein bedeutender Anziehungspunkt für Besucher aus der weiteren Umgebung. Mit einer ungewöhnlichen technischen Attraktion sollte offenbar zusätzliche Aufmerksamkeit auf Crange gelenkt werden.
Heinrich Funcke senior arbeitete nach zeitgenössischen Berichten etwa zwei Jahre an einem Luftfahrzeug. Die Ankündigungen bezeichneten ihn als Erfinder und Erbauer des sogenannten „Laurentius-Luftschiffes“. Das Luftschiff sollte sich nach seinen Angaben ohne Gas, Feuer oder Wasser fortbewegen und eine erhebliche Last transportieren können.
Das Laurentius-Luftschiff
Nach einer am 31. Juli 1847 veröffentlichten Zuschrift sollte das Luftschiff die Gestalt eines Adlers mit beweglichem Kopf und Schwanz besitzen. Durch diese beweglichen Teile sollte es nach Funckes Vorstellung möglich sein, in verschiedene Richtungen und in unterschiedlichen Luftschichten zu fahren. Selbst eine Fahrt gegen starken Sturm wurde angekündigt.
Besonders spektakulär waren die angekündigten Leistungen: Das Luftschiff sollte eine Geschwindigkeit von fünf Meilen pro Minute erreichen und bei einer Ladung von 1000 Zentnern eingesetzt werden können. Funcke stellte außerdem Fahrten nach Berlin, Petersburg, London und Paris innerhalb eines Tages in Aussicht. Die Kosten einer solchen Fahrt sollten nach seiner Ankündigung praktisch bei null liegen.
Für ein später zu bauendes größeres Luftschiff wurde ein Preis von etwa 10.000 Talern genannt. Funcke soll außerdem ein Patent beantragt und die Gründung einer Aktiengesellschaft geplant haben. Einzelheiten des Antriebs und der Konstruktion hielt er nach dem Zeitungsbericht geheim.
Präsentation auf der Cranger Kirmes

Die angekündigte Probefahrt sollte während der Laurentiuskirmes am 10. August 1847 stattfinden. Das Bochumer Kreisblatt hatte bereits am 18. Juli 1847 auf die geplante „erste Probefahrt“ aufmerksam gemacht.
Tatsächlich wurde das Luftschiff auf der Kirmes öffentlich gezeigt. Nach der späteren Überlieferung stand das imposante Fluggerät in einer eigens errichteten Scheune und konnte gegen Eintrittsgeld besichtigt werden. Funcke erläuterte den Besuchern die angeblich komplizierte Konstruktion. Zu einer tatsächlichen Vorführung des Fluges kam es jedoch nicht.
Die zeitgenössische Presse reagierte entsprechend kritisch. In einer am 20. September 1847 veröffentlichten Zuschrift wurde bemängelt, dass Funcke nach der Schaustellung sein Luftschiff wieder eingeschlossen habe. Der Verfasser bezweifelte ausdrücklich, dass die Konstruktion überhaupt in der Lage sei, vom Boden abzuheben. Auch die von Funcke genannten technischen Prinzipien wie „Preßluft“ und „Schwungkraft“ wurden in Zweifel gezogen.
Der Spott ging so weit, dass der Verfasser Funcke vorwarf, dem Publikum und dem „hohen Adel“ lediglich eine lange Nase gedreht zu haben. Zugleich wird deutlich, dass die ungewöhnliche Konstruktion tatsächlich für Aufmerksamkeit sorgte und zahlreiche Menschen interessierte.
Eine Sensation ohne nachgewiesenen Flug
Nach der später überlieferten Darstellung war der Zweck der Aktion weniger die praktische Luftfahrt als die Erzeugung von Aufmerksamkeit für die Cranger Kirmes. Der bunt bemalte Holzvogel wurde zwar ausführlich erklärt, blieb aber unbewegt. Die Besucher hatten somit ein ungewöhnliches technisches Schaustück gesehen, ohne einen tatsächlichen Flug zu erleben.
Die Bezeichnung „Laurentius-Luftschiff“ geht dabei auf den Zusammenhang mit dem Laurentiustag und der Cranger Laurentiuskirmes zurück. Die zeitgenössische Ankündigung verband die geplante Vorführung ausdrücklich mit dem großen Pferdemarkt in Crange.
Ob Funcke tatsächlich ernsthaft an einer funktionsfähigen Flugmaschine arbeitete oder die Konstruktion in erster Linie als Kirmesattraktion diente, lässt sich anhand der vorliegenden Quellen nicht eindeutig entscheiden. Fest steht jedoch, dass eine erfolgreiche Probefahrt nicht nachgewiesen ist. Die zeitgenössischen Berichte sprechen vielmehr dafür, dass das Luftschiff lediglich ausgestellt wurde.
Überlieferung
Die Geschichte des Laurentius-Luftschiffs wurde später durch Heinrich Funcke junior (1864–1952) überliefert. Er war selbständiger Bäckermeister in Crange, sammelte Sprichwörter und plattdeutsche Redensarten und verfasste heimatgeschichtliche Beiträge. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er außerdem maßgeblich am Wiederbeginn der Gesellschaft für Heimatkunde Wanne-Eickel e. V. beteiligt. An ihn erinnert seit dem 18. Oktober 1960 die Heinrich-Funcke-Straße.
Bedeutung für die Geschichte der Cranger Kirmes
Das Laurentius-Luftschiff gehört zu den frühen überlieferten technischen Sensationen der Cranger Kirmes. Es zeigt zugleich, dass die Kirmes bereits im 19. Jahrhundert nicht ausschließlich vom Pferdemarkt geprägt war, sondern auch durch ungewöhnliche Schaustellungen und technische Neuheiten Besucher anzog.
Bemerkenswert ist zudem, dass bereits die zeitgenössische Berichterstattung die möglichen militärischen und wirtschaftlichen Folgen einer erfolgreichen Luftfahrt thematisierte. In der satirischen Zuschrift wurde beispielsweise davon fantasiert, dass Luftschiffe im Krieg Truppen transportieren oder gegen einen Feind eingesetzt werden könnten.
Rund 65 Jahre später erhielt die Geschichte eine bemerkenswerte Fortsetzung: In Crange entstand eine große Luftschiffhalle, in der das Parseval-Luftschiff „Charlotte“ untergebracht wurde. Damit wurde aus der nicht nachgewiesenen Flugidee des Jahres 1847 zwar keine direkte technische Entwicklungslinie, doch zeigt die spätere Luftfahrtgeschichte Cranges, dass der Ort tatsächlich mit der frühen Luftschifffahrt verbunden wurde.
Zeitgenössische Ankündigungen
Das Bochumer Kreisblatt kündigte 1847 an:
- Mit einer [...] eigenthümlichen [...] Konstruktion wird Herr Heinrich Funcke, Erfinder und Erbauer, [...] die erste Probefahrt machen.
In einer weiteren Zuschrift wurde das Projekt mit den Worten „Keine Eisenbahnen, keine Dampfschifffahrt mehr! Die Luftschifffahrt ist eröffnet!“ angekündigt. Die Zuschrift beschreibt zugleich die außergewöhnlichen Leistungsversprechen Funckes.
Literatur und Quellen
- Bochumer Kreisblatt, 1847, zeitgenössische Berichte und Zuschriften zum „Laurentius-Luftschiff“ und zur Cranger Kirmes.[1]
- Wolfgang Viehweger: Die Sensation der Cranger Kirmes im Jahre 1847. In: Der Bote, April 2021. Die Darstellung überliefert die Geschichte des Laurentius-Luftschiffs und die Familienüberlieferung der Familie Funcke.
- Zeitgenössische Zuschrift vom 20. September 1847, abgedruckt unter „Miscellen“.[2]
