Das Bauerhaus und sein Hausrat (Hartmann 1921) Gestaltung b: Schmuckformen

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel
Bauernhaus und sein Hausrat (Hartmann 1921)
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Schmuckformen im Äußeren und im Inneren.


Das äußere Gepräge der ländlichen Fachwerksbauten unserer Gegend ist, wie bereits an anderer Stelle ausgeführt wurde, durch das Material bedingt. Bestimmend für die Wirkung dieser Häuser sind in erster Linie die hohen Dächer, die mit roten S-Pfannen eingedeckt, sich reizvoll von der grünen Umgebung abheben. Die Führung der Schornsteine durch den First, sowie das Fehlen jeglicher Dachaufbauten trägt zu dem ruhigen Eindruck dieser Dächer wesentlich bei. Der wurde überdies gehoben durch die Einheit des Deckmaterials.

Die Gesamt- und Einzelformbildung dieser Fachwerkhäuser ist zu allen Zeiten schlicht gewesen. Handwerksbrauch und Anhänglichkeit an die Überlieferung wirkten bestimmend bei der Gestaltung. Das Torgebälk erfreute sich einer besonders sorgfältigen und feinen Behandlung. Hier zeigte der ländliche Meister seine Gestaltungskunst. Hier fand er Gelegenheit, dem Hause, welches sich von den so ziemlich gleichartig gebildeten Nachbarhäusern kaum unterschied, etwas Eigenartiges und Persönliches zu geben. Im Gegensatz zum echten Sachsenhause, bei welchem Torholm und Giebelbalken dicht zusammengefügt sind und bei dem in dieser Höhe zur Belichtung der Deele beiderseits des Tores ein kleines Fensterchen angebracht ist, trifft man bei uns zwischen Torsturz und Giebelbalken metopenartige Öffnungen, die mit einem Netzwerk von diagonal, senkrecht oder waagerecht gestellten Zierhölzern in gefälligen Formen gefüllt sind.

Von der Verschiedenartigkeit dieser Schmuckformen legen die in den Abb. XLI, XLIII/1-3, XLIV/1 u.4, XLV/1, 3 & 5, XLVI/1,2,4 u. 5, XLVII/1, XLIX/3 gegebenen Darstellungen Zeugnis ab. Allen gemeinsam ist der breite tragende Balken und die kurzen gedrungenen Kopfbänder. In kühnen Linienfluss sind die Innenseiten der Balken und Kopfbänder ausgeschnitten und mit reichen, derb eingehauenen Schriftzeichen versehen. Nicht selten ist das Torgebälk noch mit Flachschnitzereien, so mit geometrischen Gebilden, sowie Ranken und Blattwerk geschmückt. In fast allen Fällen hat man die Namen des Erbauers und seiner Ehefrau sowie die Jahreszahl in den Torholm eingeschnitzt. Auch finden sich hier häufig Sinnsprüche, vorwiegend frommen Inhalts, oder solche, die über besondere den Besitzer betreffende Ereignisse berichten. Eine schien mir besonders merkwürdig, da sie erkennen lässt, dass es mit der Eintracht unter unseren Altvordern nicht immer so erfreulich stand, wie man das der sogenannten guten alten Zeit nachrühmt. Die Inschrift lautet:

"Wenn ich von Mißgunst würde vergehn,
so würde ich hier nicht lange stehn,
wann ich Missgunst und Liebe thue nennen,
so wir ein jeder sich selber kennen."


An die über dem eigentlichen Torbalken vielfach befindlichen fachwerkartig aufgeteilten Felder schließt sich die Verbreiterung des Giebels an.[1] Blatt LVII/3 zeigt eine besonders reiche Ausbildung des Torbalkens. Eine wesentliche Wandlung hat die Ausstattung der Torbalken im Wechsel der Zeiten nicht erlebt.

Die als Radabweiser dienende Verdickung des unteren Endes der Torpfosten ist in allen Fällen profiliert.[2] Ein eigenartiges, bei allen Bauernhäusern unseres Gebietes anzutreffendes Ziermotiv ist der Kerbschnitt mit dem man die Verbreiterung des Giebels in ihrer unteren Grenzlinie bestimmte. Die Sucht, sich bei der Ausbildung des äußeren Fachwerkes in allen erdenklichen Holzzusammenstellungen auszuleben, macht sich bei uns nicht bemerkbar. Der einzige Schmuck bestand in der Verwendung von krummen Streben, die, wie bereits auf Seite 40 dargetan, in Höhe der Decke des Erdgeschosses gabelförmig von den Ständern ausgingen, sowohl nach oben zu, als auch gleichzeitig nach oben und unten. Auch findet man hier und da Zwergstreben sowie Andreaskreuzstreben in willkürlicher Fügung. Die Giebelsparrenenden sind an ihrer Vereinigungsstelle glatt abgeschnitten. Übergabelungen, wie man sie in Niedersachsen an Bauernhäusern oft vorfindet, bei denen die Endigungen in Gestalt von Pferdeköpfen ausgebildet sind, wies von den Gebäuden unseres Gebietes, soweit ich mich erinnere, nur das Werth'sche Haus auf. [3]

Ein reizendes Außendetail bildet das horizontale Bohlenwerk, welches man vielfach in dem unteren Fache der Außenwand der Schweine- und der Pferdeställe angeordnet hat. In diesem Falle wollte man damit dem Ausschlagen der Pferde begegnen. Als der Göpel noch nicht erfunden war und die Pferde in den Monaten fast unausgesetzt unbeschäftigt im Stalle standen, war das recht praktisch. Seit Einführung des Göpels fällt die Bedeutung dieser Sicherheitsvorkehrungen fort, da die Pferde nunmehr regelmäßig zu tun haben und die anstrengende Tätigkeit an der Maschine den Übermut zähmt.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts tritt eine wesentliche Vereinfachung des Holzbaues ein. So treten an Stelle der gekrümmten Streben gerade Hölzer und auch die Ausbildung des Torgebälkes wurde nüchterner. Die Gründe für diese Vereinfachung dürfte wirtschaftlicher Natur gewesen sein. Die fabrikmäßige Herstellung der Bauhölzer in Sägemühlen setzte sich durch und damit auch die geraden Konstruktionslinien. Die Balkendecken sind fast immer in einfachster Weise durchgebildet. Als einzige Schmuckform zeigen in vereinzelten Fällen die Balken abgerundete Kanten, die gegen ein kymaförmiges, den vollen Querschnitt begrenzendes Profil anlaufen.

An Haustüren findet man, wie bereits im Verlauf unserer bautechnischen Betrachtungen ausgeführt, 2 Arten bei uns vertreten, von denen die einen aus einem Ober- und Unterflügel bestehen und die anderen einflügelig sind. Beide Türarten weisen fast immer ein Oberlicht auf. Die Oberlichter hat man stets in Sprossenteilung aufgelöst und diese häufig mit hübschen Ziermotiven belebt. [4] Die Haustüren zeigen fast alle einfache aber geprägte Formen, die sich vielfach an städtische Vorbilder anlehnen. Ihre Wirkung beruht nur auf der Gliederung der in Füllungen aufgeteilten Holzflächen [5]und des Beschlages. Das Portal am Hause Callenberg in Obercastrop aus dem Jahre 1700[6] zeigt eine einfache Doppelbrettür mit sägeschnittartig verlaufenden Stoßfugen, Knopf- und Türklopfer. Beiderseitig sind steinerne Sitzbänke angeordnet, die an ihren Enden reich verzierte Wangen haben. Reichere Ausbildung der Füllungen zeigen die Türen auf BL. LI/1 und LIV/1-3, die zudem noch die bei ländlichen Außentüren beliebten Doppelflügel haben. Doppelt genagelte Türen mit diagonal geführten Brettern, die in den Stoßfugen profiliert sind, findet man in der Herner Gegend nur in vereinzelten Beispielen. Die Innentüren haben fast alle zwei Füllungen und sind im übrigen höchst primitiv durchgebildet. Nur wenige Innentüren weichen von dieser Regel ab. Originelle Linienführung findet sich bei den Treppenanfängern und Geländern, die meist aus dem vollen Brett ausgeschnitten sind. [7] Einige Geländer zeigen strengere Empire-Linien, das Geländer in Abb. LV/2 nähert sich barocken Formen. Holzvertäfelungen sind in unsern Häusern wenig oder gar nicht vorhanden. Die durch Abb. 2. Bl. LII gebotenen Beispiele sind die einzigen, die mir begegneten. Abb.1. Blatt LIII stellt einen eingebauten Wandschrank aus dem Haus Orange dar, der Formen der Renaissance aufweist. Der aus Schmiedeeisen bestehende Beschlag zeigt, von einigen dekorativ ausgebildeten Türbändern abgesehen, einfache Zweckformen.

Die Blätter LVI/2 u. LVII/1 veranschaulichen die Reichhaltigkeit der Formen bei den alten Feuerhaken. Ein aus dem Jahre 1794 stammender Feuerhaken ist reich graviert. Die Hochwand der alten Herdstätte war in Zeiten, als noch das offene Feuer unterhalten wurde, vielfach durch hübsch gegliedertes Steingetäfel geschützt, das in vielen Fällen neben ornamentalen Schmuck den Namen der Eheleute trägt, die das Haus gründeten. (2.) Von dem Anstrich der Holzteile war bereits die Rede. Den Urkunden nach war er bei Fenstern, wie auch heute, weiß, Futter und Bekleidung dagegen perlgrau. Die Haustüren wurden mit Ausnahme der weiß gehaltenen Oberlichter ebenfalls "perlgrau" gestrichen, ebenso die Stubentüren, sowie das Hand- und Brustgeländer der Treppe.

So hätten wir also das nüchterne Zweckgefüge des Fachwerkbaues. Die Ausstattungsmittel, namentlich die im Inneren verwandten, erscheinen bereits nach den Forderungen jenes unbewusst wirkenden Schönheitssinnes geformt, der dem bäuerlichen Hausbau sein charakteristisches Gepräge, der ländlichen Häuslichkeit den von keinem Grossstadtprunk übertroffenen Zauber gibt.

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Quelle

  1. S Bl. XLIII/1 & 2. XLVI/1,2, 4& 5
  2. S. Bl. XLVI/6 u. XLIII/5
  3. S. Abb. XI u. XII
  4. S. Abb. 2. Blatt XLV
  5. S. Abb. 2. Blatt XIV
  6. S. Anlage Abb. 1 Bl. XLVIII
  7. S. Blatt XXIX, XLIV/7, LI/2, LIV/4, LV/2, LVIII/2-3