Bahnhofstraße 6b
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Bahnhofstraße 6b – Vom Kirchenkotten zum Europaplatz
Das Haus Bochumer Straße 3 und ab 1908 Bahnhofstraße 6b nahm über Jahrhunderte hinweg eine besondere Stellung in der Geschichte Hernes ein. Seine Entwicklung spiegelt exemplarisch den Wandel von der kirchlich geprägten Siedlungsstruktur über die aufstrebende Geschäftsstraße der Industrialisierung bis hin zur tiefgreifenden Stadterneuerung des 20. Jahrhunderts wider.
Vom Kirchenkotten zum Bürgerhaus
Ursprünglich befand sich auf dem Grundstück ein sogenannter Kirchenkotten, der im Besitz der Kirche stand. Die Familie Kortnack erhielt das Haus im Rahmen eines lebenslänglichen Leibgewinns. Als Gegenleistung waren jährlich 27 Stüber (bzw. 10 Silbergroschen und 5 Pfennige) sowie ein Pfund Wachs an die Kirche abzuführen – eine im vormodernen Rechts- und Besitzsystem übliche Form der Nutzung kirchlichen Eigentums.
Abbruch und Neubeginn im Jahr 1901
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Bochumerstraße zu einer der wichtigsten Geschäftsachsen Hernes.

Im Jahr 1901 wurden die alten Gebäude abgebrochen, um Platz für größere und modernere Geschäftsneubauten zu schaffen. So entstanden die Häuser 6, 6a-c. Dieser Umbruch stand im Zeichen des wirtschaftlichen Aufschwungs Hernes zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Noch im selben Jahr, am 1. September 1901, eröffnete der Kaufmann und gelernte Buchhändler Friedrich Schulte-Kortnack (1874 - n. 1950) gemeinsam mit seiner Frau Gertrud geb. Bongert, im neuen Haus an der Bahnhofstraße 6b eine Buchhandlung – die älteste Buchhandlung der Stadt Herne. Der Eintrag ins Handelsregister erfolgte am 19. Mai 1903.
Die Schulte-Kortnackschen Gebäude beherbergten zeitweise ein Papierwarengeschäft, ein Weißwarengeschäft sowie später das Geschäft „Leder-Padberg“. Diese Nutzungen zeugen von der zunehmenden Urbanisierung und der wachsenden Kaufkraft in der Stadt.
Hernes älteste Buchhandlung
Das Haus mit seinen Erkern, Stuckverzierungen und Schnörkeln lag zwischen der Kreuzkirche, gegenüber der Einmündung der Schmiedestraße und dem Durchgang zum Alten Markt, einem Übergang zum sogenannten „Dorf“ rund um die Rosenstraße und zum späteren Haranni-Platz. Zunächst verkaufte die Buchhandlung ausschließlich Bücher, später kamen Schreib- und Bürobedarf sowie Künstlerbedarf für Federzeichnungen und Aquarelle hinzu.
Während des Ersten Weltkriegs wurde Friedrich Schulte-Kortnack eingezogen, jedoch nicht als Soldat eingesetzt, sondern als Feldbuchhändler in Frankreich. Nach dem Zweiten Weltkrieg führten Viktor-Valentin Schulte-Kortnack und Anneliese Zyder, geborene Schulte-Kortnack, das Geschäft weiter. Unterstützt wurden sie von Tochter Traute, ebenfalls ausgebildete Buchhändlerin, die von 1957 bis 1972 im Betrieb tätig war.
Das Ende des Hauses – nicht der Tradition
Im Zuge der großflächigen Stadterneuerung, die auch das ehem. historische Dorfzentrum betraf und den autonahen Umbau der Innenstadt vorbereitete, fiel im Frühjahr 1972 auch das Haus Bahnhofstraße 6b dem Abbruch zum Opfer. Am 8. März 1972 wurde die Buchhandlung offiziell aus dem Handelsregister gelöscht.
Die Tradition jedoch lebte weiter: Wolf Siebert, der das Geschäft bereits ein Jahr zuvor übernommen hatte, führte die Buchhandlung im City Center fort.
Heute: Europaplatz
Wo einst der Kirchenkotten der Familie Kortnack und später eines der prägendsten Geschäftshäuser Hernes stand, befindet sich heute der Europaplatz. Damit ist Bahnhofstraße 6b aus dem Stadtbild verschwunden – nicht jedoch aus der Erinnerung an die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung Hernes.[1]
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Quelle
- ↑ WAZ Artikel vom 1. September 2001: Buchhandlung öffnete vor 100 Jahren - Gründer war F. Schulte-Kortnack.

