Alte Fernverbindungen vor 1400 in Herne - Wahrheit oder Fiktion
Alte Fernverbindungen vor 1400 in Herne - Wahrheit oder Fiktion
Kurz und knapp: Jein.
Auch vor 1400 existierten in der Umgebung des heutigen Herne überregionale Verbindungen, jedoch keine unmittelbaren Anschlüsse direkt im Dorf. Herne und die Herrschaft Strünkede lagen eher abseits der großen Routen. Für die bäuerliche und handwerklich geprägte Bevölkerung bestand ohnehin kaum Bedarf an Fernhandel. Dennoch waren die nächstgelegenen Fernwege innerhalb eines halben Tagesmarsches erreichbar.
Überregionale Fernstraße (Hellweg) - Der Westfälische Hellweg (Königsweg / Heerweg / B1) war im Mittelalter eine der wichtigsten Fernhandelsstraßen zwischen Rhein und Weser (West-Ost); auch die Region nördlich des Ruhrgebiets war durch dieses Netz an überregionalen Handelsrouten angebunden.
Weitere Wege – Nord-Süd Verbindungen lagen etwas abseits, konnten aber ebenfalls erreicht werden.
Herrschaftliche / feudale Netzwerke (Burg/Schloss Strünkede) - In Herne standen verschiedene Burgen. Solche Burganlagen waren Knotenpunkte politischer, militärischer und administrativer Verbindungen (Lehensbeziehungen, Fehden, Geleitwesen).
Flussverbindungen und Binnengewässer - Die Region gehört zum Einzugsgebiet von Emscher und Lippe. Diese Flüsse und Nebengewässer spielten lokal eine Rolle für Transport und Mühlenwirtschaft; über die Lippe gab es in der Forschung Diskussionen, inwieweit sie im Mittelalter für größere Schifffahrt bedeutsam war (also eingeschränkte, aber vorhanden Fernverbindungen per Wasser).
Was das praktisch bedeutete: Personen, Waren und Nachrichten reisten im 12.–14. Jahrhundert per Fernstraße (Karren, Wagen, Pilger, Händler), per Fuß / Reiter-Kurier und lokal per Fluss. Diese Verbindungen waren langsamer, saisonabhängig und unsicherer (Räuber, Fehden) als moderne Fernverbindungen, aber sie funktionierten und Herne lag nicht ganz isoliert davon.
Hans-Claus Poeschel schreibt in seinem Buch: „Alte Fernstraßen in der mittleren Westfälischen Bucht" [1], Münster 1968, S. 47 f.:
„Im Zuge der im Abschnitt 41 beschriebenen Straße ([Bochum – Castrop] erreicht dieser Weg den Grümer Baum nordöstlich Bochum.[2] An diesem Schlagbaum bog der Fernweg im Zuge der heutigen Dietrich-Benking-Straße nach Nordwesten ab. Parzellen im UK heißen hier „Bochumer Weg" [3]. Auf dem Gelände der Zeche Lothringen IV ist die Verbindung natürlich heute völlig verschwunden; die Spuren tauchen erst wieder nördlich des Zechengeländes in einem Feldweg auf, der in Höhe der Zeche Constantin X auf die Wiescherstraße stößt. Diese quert einen Höhenrücken und passiert dann südlich Herne eine feuchte Niederung. Hier wurden unter der Chaussee Bohlwegpackungen gefunden [4]. Im Jahre 1389 wird vermutlich diese Straße, die über den Steinweg (!) Herne erreicht, genannt als „ … dem wege, dey get van Boykhem to Strünkede … " [5]. Vermutlich hat diese Verbindung von Bochum nach Herne schon im 8. Jahrhundert bestanden; denn es ist sehr wahrscheinlich, dass ein Weg zwischen dem Reichshof Bochum und der karolingischen Niederlassung in Herne [6] existierte. Ob darüber hinaus jedoch schon im Frühmittelalter oder in frühgeschichtlicher Zeit eine Verlängerung dieses Weges nach Recklinghausen und weiter nach Haltern und Münster bestanden hat, ist fraglich. Die Wallanlage westlich Haus Strünkede am Emscherübergang könnte die Aufgabe gehabt haben, eine Furt zu sichern. Allerdings wird diese Funktion von der Lokalforschung energisch bestritten [7]; zudem ist das Alter der Befestigung („ ... zwischen Ende des 9. und 12. - 13. Jahrhunderts“ [8] zu unsicher, um eine Datierung darauf aufzubauen.
In diesem Zusammenhang sind jedoch die Funde einer merowingischen und einer römischen Münze nahe dieser Straße auffällig [9].
Im Mittelalter befand sich bei Haus Strünkede ein Freistuhl der Herren von Strünkede. 1464 fand „... op de Emscher inde scemme to Struntkede ..,“ eine Besprechung zwischen den Recklinghäusern und den Herren von Haus Strünkede statt [10]. Die Strünkeder waren offenbar zum Brückenbau berechtigt, um ihr Vieh von der Burg in das Emscherbruch treiben zu können. Hier auf der Brücke errichteten die Burgleute einen Schlagbaum, um Recklinghäuser Bürgern die Benutzung des Emscherüberganges zu verwehren. 1497 zerstörten die Bewohner Recklinghausens diese Brücke. Auch im I6. Jahrhundert war der Übergang häufig Gegenstand von Streitereien. Sieht man jedoch die Urkunden über diese Auseinandersetzungen durch [11], so gewinnt man den Eindruck, dass die Brücke nie eine besondere Bedeutung besessen hat. Eine wichtige Straße von Recklinghausen über Herne nach Bochum wird ebenfalls nicht erwähnt. Auf einen Handelsweg deutet nur eine Bemerkung von Pennings [12] hin, nach der Bernd von Strünkede im 14. und beginnenden I5. Jahrhundert Handel und Gewerbe der Recklinghäuser schädigte.
AIIes in allem möchte ich der Verbindung Herne - Strünkede – Recklinghausen den Charakter einer frühmittelalterlichen Fernstraße absprechen.
Erst im Spätmittelalter mag eine Lokalverbindung [13] zwischen Bochum und Recklinghausen über Strünkede aufgekommen sein. Offenbar war in frühgeschichtlicher und frühmittelalterlicher Zeit die feuchte Emscherniederung ein zu großes Hindernis für einen Übergang an dieser Stelle.“
Resümee
Die Wiescherstraße ist als älteste Verbindung nach Süden gesichert. Das märkische Bochum bildete das wichtigste Handelszentrum für die Bewohner von Herne und Eickel. Die Verbindung zwischen dem Dorf Herne und dem Schloss Strünkede erscheint in diesem Zusammenhang nur folgerichtig. Weitere Wege in Richtung Eickel, Crange und Castrop dienten nicht dem Fernverkehr, sondern der alltäglichen Geschäftstätigkeit unserer Vorfahren. Auch der Weg von Crange über Eickel nach Bochum ist in diesem Rahmen zu verstehen. Erst später erhielt er mit dem Ausbau zur Kohlenstraße in Richtung Dorsten eine überregionale Bedeutung.
Weblinks
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Einzelnachweise
- ↑ Band 17 des SPIEKER Landeskundliche Beiträge und Berichte. Herausgegeben von der Geographischen Kommission für Westfalen.
- ↑ [Am Grümer Baum sperrte ein Schlagbaum die Straße; dort stieß von Nordwesten eine Straße von Herne und Recklinghausen auf den Castroper Hellweg. An der Hiltroper Landwehr zweigt der „Bövinghäuser Hellweg“ vom „Castroper Hellweg“ ab und erreicht über Mengede und Groppenbruch den Lippeübergang Lünen.]
- ↑ (608) KA Bochum, Gern. Hiltrop, FL. II, 22 f.f..
- ↑ (609) "Frdl. schriftl.:1. Mitt. von Herrn Brandt, Herne, vom 30.9.1965
- ↑ (610) BKD, Kreis Bochum-Land, 1907, S. 29
- ↑ (611) Brandt, I952, S. 48 ff. Nach frdl. schriftl. Mitt. vom 30.9.1965 hält Herr Brandt diese Straße für „uralt“, ohne eine Datierung zu geben.
- ↑ (612) Frdl. schriftl. Mitt. von Herrn Brandt, vom 30. 9.1966
- ↑ (613) Brandt,1952, S. 39 f.f.
- ↑ (614) Fundakte Prof. Dr. Berghaus.
- ↑ (6I5) Pennings, 1925, S. 1 ff. und 1926, S. 1 ff., danach auch das Folgende.
- ↑ (6I6) Pennings, 1926
- ↑ (617) Pennings, 1930, S. 284 f.. und S. 300 ff.
- ↑ (618) Dorider, 1948, S. 18.
