Die Wittewiwerkuhle: Unterschied zwischen den Versionen

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Aus dem '''Heimatbuch der Stadt Herne - Für Schule und Haus''' von [[Johannes Decker]], Rektor in Herne. (Mit freundlicher Genehmigung von Elisabeth Röttsches)
==Die Wittewiwerkuhle==
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Am Tippelsberg ist eine Kuhle, die ist so tief, wie ein Haus
hoch ist. In der Kuhle entspringt ein reiner, klarer Quell. An
dieser Kuhle wohnten vor vielen, vielen Jahren die „'''witten'''
'''Wiwer''''' oder weißen Frauen. Un selten ließen sich diese sehen.
Niemand mochte aber auch mit ihnen etwas zu tun haben, denn
sie taten den Leuten Böses, wo und wie sie nur konnten. Man
wagte sich deshalb auch nicht zu nahe an die Kuhle heran, sondern
umging sie in weitem Bogen.


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Sieben Steinwürfe weit von der Wittewiwerkuhle stand ein
<div class="hv-infobox-kopf">Sage</div>
Bauernhäuschen. Darin lebte ein Bauer mit seiner Frau schon
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<div class="hv-infobox-zeile"><span class="hv-label">Genehmigung</span><span class="hv-wert">Elisabeth Röttsches</span></div>
</div>


Die Sage von der Wittewiwerkuhle stammt aus dem ''Heimatbuch der Stadt Herne – Für Schule und Haus'' von [[Johannes Decker]], Rektor in Herne. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von Elisabeth Röttsches.
Eines schönen Frühlingstages war der Bauer auf dem Felde
und arbeitete fleißig; die Kinder spielten im kleinen Obstbaum=
garten, und die Bäuerin war im Hause und kochte am Feuerherd
das Essen. Gerade als die Frau den Brei im Kessel umrührte,
erschienen schnell und wie schwebend zwei witte Wiwer am Feuer=
herd. Die Bäuerin erschrak heftig, ließ den Kochlöffel in den
Breitopf fallen und steckte abwehrend beide Hände gegen die
witten Witwer aus. Diese aber Fasten schnell die beiden Arme
der Bäuerin und zogen mit Gewalt die vor Schreck sprachlos ge=
wordene Frau vom Feuerherd weg, und im Nu waren alle drei
an der Wittewiwerkuhle. In demselben Augenblick, als sie da
ankamen, tat sich eine Höhlentür auf. Schnell zogen die beiden
Witten Witwer die noch immer vom Schreck wie gelähmte Frau in
die Höhle hinein. Ein Krach wie ein heftiger Donnerschlag —
und die Höhle war hinter ihnen geschlossen. Sofort fielen der
Bäuerin die Kleider vom Leibe, und nur Lumpen legten sich um
ihre zitternden Glieder. In der Höhle sah es schaurig aus. Drei
Öllämpchen aus Ton erlittene den Höhlenraum. Von der
Decke fielen Tropfen herunter, und an den Wänden lief Flüssig=
seit herab wie an schwitzenden Fensterscheiben. Totengebeine
lagen umher, und eine Kröte mit einem funkelnden Krönchen auf
dem Kopfe humpelte schwerfällig über einen Totenschädel.


Erzählt wird von einer Bäuerin, die von zwei „witten Wiwern" – weißen Frauen – in eine Höhle am Tippelsberg verschleppt wird und erst nach sieben Jahren zu ihrer Familie zurückfindet, wo inzwischen eine zweite Frau ihren Platz eingenommen hat. Die Motive – die weißen Frauen, der Berg mit der sich öffnenden Tür, die sieben Jahre, die Kröte mit dem Krönchen und der Glockenklang als Rettung – gehören zum verbreiteten Bestand der Sagenüberlieferung und begegnen in ähnlicher Form auch andernorts.
Die Bäuerin verfiel aus einem Schrecken in den anderen, als sie
das alles sah. Die witten Wiwer sahen sie an und freuten sich so
recht von Herzen über die große Furcht und Angst der armen
Frau. Diese sah umher und suchte nach einem rettenden Ausgang
aus dem schrecklichen Gefängnis. Die witten Wiwer aber merkten
wohl die Gedanken der gefangenen Frau. Die eine der Unholden
sagte zu ihr: „Wage nicht, jemals unser Schloß zu verlassen!“
Und die andere setzte hinzu: „Wer flieht, dem wird das Genick ge=
brauchen!“ Bekräftigend sprachen dann beide zusammen: „Denke
daran, wir sind die witten Wiwer!“ Die Arme Frau wußte wohl,
daß es die witten Wiwer mit ihren Worten sehr ernst nahmen.
Deshalb wagte sie nicht, die Höhle jetzt zu verlassen.


Der folgende Text gibt Deckers Fassung im Wortlaut wieder. Der Zeilenumbruch des Buchdrucks wurde aufgelöst und der Text in Absätze gegliedert; die dabei entstehenden Worttrennungen sind zusammengeführt. Offenkundige Lesefehler der Vorlage sind stillschweigend berichtigt und in einer Anmerkung aufgeführt.
Da die Frau nicht nach einem Jahre und nicht nach zwei
Jahren und nicht nach drei Jahren ins haus zurückkam und zu=
dem niemand wußte, wohin sie gekommen war, und da es im
Hause und im Stalle und auf dem Felde mehr rückwärts als vor=
wärst ging, und da den Kindern die Mutterpflege fehlte, so nahm
sich der Bauer eine andere Frau.


== Die Sage ==
An dem Tage, als für die arme Frau sieben Jahre der Ge=
fangenschaft vergangen waren, hatten die witten Wiwer ihre
Höhle einmal verlassen. Da konnte die Frau nicht länger an sich
halten: Sie ging nach der Tür, öffnete dieses sachte und sah hinaus
ins Freie. Ja, sie wagte sogar drei Schritte hinaus zu tun. Da
hörte sie ein seltsames Tönen. Sie horchte auf und traute ihren
Ohren kaum. — Das war das Getön der heimatlichen Glocken,
das sie vor ihrer Gefangenschaft so oft gehört hatte. Jetzt wußte
sie, wo sie eigentlich war. Da faßte sie sich ein Herz und lief
eiligst, wie vom Winde getragen, ihrem eigenen Hause zu, wo
sie ihre lieben drei Kinder und ihren Mann zu finden hoffte.
Aber siehe da, am Feuerherd stand eine fremde Frau und kochte
das Essen! Stillschweigend setzte sich die zurückgekehrte Frau an
den Herd. Kaum hatte sie sich gesetzt, so kamen die drei Buben
in die Stube gelaufen und stürmten sofort auf die rechte Mutter
zu und liebkosten sie. Und die Mutter herzte und küsste ihre
Kinder. Die Stiefmutter am Kochtopf aber sah böse drein und
rief den Kindern zu: „laßt das Bettelweib! Jag das Bettel=
weil hinaus! Das Bettelweib geht euch nichts an!“ Solche Worte
taten der rechten Mutter im tiefsten Herzen weh. Sie entgegnete:
„Sie gehen mich mehr an als dich!“ Gerade als sie diese Worte
sprach, trat der Mann in die Stube. Auch er erkannte sofort seine
erste Frau wieder, und sein Herz ward voller Freude. Er hat
seine erste Frau, die nach ihrer Rückkehr aus der Höhle bei der
Wittewiwerkuhle nur noch mürbe Äpfel als Speise zu sich nehmen
konnte, neben seiner zweiten im Hause behalten, bis jene nach
drei Monaten zu kränkeln anfing und am nächsten Julfest starb. <ref>[[Decker 1927/1980]], S. 13 ff.</ref>
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==Digitalisat==
Am Tippelsberg ist eine Kuhle, die ist so tief, wie ein Haus hoch ist. In der Kuhle entspringt ein reiner, klarer Quell. An dieser Kuhle wohnten vor vielen, vielen Jahren die „'''witten Wiwer'''" oder weißen Frauen.<ref group="A" name="textgestalt">'''Zur Textgestalt.''' Der Text folgt Deckers Wortlaut. Aufgelöst wurden die Trennstriche am Zeilenende (im Druck als „=" gesetzt), etwa bei ''ge=sunden'', ''Obstbaum=garten'', ''Feuer=herd'', ''Ge=fangenschaft'' und ''Bettel=weib''. Stillschweigend berichtigt wurden folgende Lesefehler der Vorlage: ''Un selten'' zu „Nur selten"; ''Witwer'' zu „Wiwer" (dreimal); ''Fasten'' zu „faßten"; ''erlittene'' zu „erhellten"; ''Flüssigseit'' zu „Flüssigkeit"; ''ge=brauchen'' zu „gebrochen"; ''Die Arme Frau'' zu „Die arme Frau"; ''ins haus'' zu „ins Haus"; ''vor=wärst'' zu „vorwärts"; ''öffnete dieses sachte'' zu „öffnete diese sachte"; ''Bettel=weil'' zu „Bettelweib"; ''laßt'' zu „Laßt" am Satzanfang.</ref> Nur selten ließen sich diese sehen. Niemand mochte aber auch mit ihnen etwas zu tun haben, denn sie taten den Leuten Böses, wo und wie sie nur konnten. Man wagte sich deshalb auch nicht zu nahe an die Kuhle heran, sondern umging sie in weitem Bogen.

Sieben Steinwürfe weit von der Wittewiwerkuhle stand ein Bauernhäuschen. Darin lebte ein Bauer mit seiner Frau schon sieben Jahre in Glück und Zufriedenheit. Das häusliche Glück der beiden Bauersleute wurde vervollständigt durch ihre drei gesunden, munteren und lustigen Knaben.

Eines schönen Frühlingstages war der Bauer auf dem Felde und arbeitete fleißig; die Kinder spielten im kleinen Obstbaumgarten, und die Bäuerin war im Hause und kochte am Feuerherd das Essen. Gerade als die Frau den Brei im Kessel umrührte, erschienen schnell und wie schwebend zwei witte Wiwer am Feuerherd.

Die Bäuerin erschrak heftig, ließ den Kochlöffel in den Breitopf fallen und steckte abwehrend beide Hände gegen die witten Wiwer aus. Diese aber faßten schnell die beiden Arme der Bäuerin und zogen mit Gewalt die vor Schreck sprachlos gewordene Frau vom Feuerherd weg, und im Nu waren alle drei an der Wittewiwerkuhle.

In demselben Augenblick, als sie da ankamen, tat sich eine Höhlentür auf. Schnell zogen die beiden witten Wiwer die noch immer vom Schreck wie gelähmte Frau in die Höhle hinein. Ein Krach wie ein heftiger Donnerschlag — und die Höhle war hinter ihnen geschlossen. Sofort fielen der Bäuerin die Kleider vom Leibe, und nur Lumpen legten sich um ihre zitternden Glieder.

In der Höhle sah es schaurig aus. Drei Öllämpchen aus Ton erhellten den Höhlenraum. Von der Decke fielen Tropfen herunter, und an den Wänden lief Flüssigkeit herab wie an schwitzenden Fensterscheiben. Totengebeine lagen umher, und eine Kröte mit einem funkelnden Krönchen auf dem Kopfe humpelte schwerfällig über einen Totenschädel.

Die Bäuerin verfiel aus einem Schrecken in den anderen, als sie das alles sah. Die witten Wiwer sahen sie an und freuten sich so recht von Herzen über die große Furcht und Angst der armen Frau. Diese sah umher und suchte nach einem rettenden Ausgang aus dem schrecklichen Gefängnis.

Die witten Wiwer aber merkten wohl die Gedanken der gefangenen Frau. Die eine der Unholden sagte zu ihr: „Wage nicht, jemals unser Schloß zu verlassen!" Und die andere setzte hinzu: „Wer flieht, dem wird das Genick gebrochen!" Bekräftigend sprachen dann beide zusammen: „Denke daran, wir sind die witten Wiwer!" Die arme Frau wußte wohl, daß es die witten Wiwer mit ihren Worten sehr ernst nahmen. Deshalb wagte sie nicht, die Höhle jetzt zu verlassen.

Da die Frau nicht nach einem Jahre und nicht nach zwei Jahren und nicht nach drei Jahren ins Haus zurückkam und zudem niemand wußte, wohin sie gekommen war, und da es im Hause und im Stalle und auf dem Felde mehr rückwärts als vorwärts ging, und da den Kindern die Mutterpflege fehlte, so nahm sich der Bauer eine andere Frau.

An dem Tage, als für die arme Frau sieben Jahre der Gefangenschaft vergangen waren, hatten die witten Wiwer ihre Höhle einmal verlassen. Da konnte die Frau nicht länger an sich halten: Sie ging nach der Tür, öffnete diese sachte und sah hinaus ins Freie. Ja, sie wagte sogar drei Schritte hinaus zu tun.

Da hörte sie ein seltsames Tönen. Sie horchte auf und traute ihren Ohren kaum. — Das war das Getön der heimatlichen Glocken, das sie vor ihrer Gefangenschaft so oft gehört hatte. Jetzt wußte sie, wo sie eigentlich war. Da faßte sie sich ein Herz und lief eiligst, wie vom Winde getragen, ihrem eigenen Hause zu, wo sie ihre lieben drei Kinder und ihren Mann zu finden hoffte.

Aber siehe da, am Feuerherd stand eine fremde Frau und kochte das Essen! Stillschweigend setzte sich die zurückgekehrte Frau an den Herd. Kaum hatte sie sich gesetzt, so kamen die drei Buben in die Stube gelaufen und stürmten sofort auf die rechte Mutter zu und liebkosten sie. Und die Mutter herzte und küßte ihre Kinder.

Die Stiefmutter am Kochtopf aber sah böse drein und rief den Kindern zu: „Laßt das Bettelweib! Jag das Bettelweib hinaus! Das Bettelweib geht euch nichts an!" Solche Worte taten der rechten Mutter im tiefsten Herzen weh. Sie entgegnete: „Sie gehen mich mehr an als dich!"

Gerade als sie diese Worte sprach, trat der Mann in die Stube. Auch er erkannte sofort seine erste Frau wieder, und sein Herz ward voller Freude. Er hat seine erste Frau, die nach ihrer Rückkehr aus der Höhle bei der Wittewiwerkuhle nur noch mürbe Äpfel als Speise zu sich nehmen konnte, neben seiner zweiten im Hause behalten, bis jene nach drei Monaten zu kränkeln anfing und am nächsten Julfest starb.<ref>[[Decker 1927/1980]], S. 13 ff.</ref>
</div>

== Erläuterungen ==

; Witte Wiwer
: Niederdeutsch für „weiße Frauen". Sagengestalten, die in Höhlen, Bergen oder Quellen hausen und den Menschen bald hilfreich, bald – wie hier – feindlich begegnen.

; Kuhle
: Im Ruhrgebiet gebräuchlich für eine Mulde, Grube oder Senke im Gelände.

; Tippelsberg
: Erhebung im Norden Bochums, nahe der Stadtgrenze zu Herne.

; Unhold
: Boshaftes übernatürliches Wesen.

; Steinwurf
: Volkstümliche Entfernungsangabe für eine kurze Strecke, so weit ein Mann einen Stein werfen kann.

; Julfest
: Alte Bezeichnung für das Weihnachtsfest beziehungsweise die Wintersonnenwende.

== Digitalisat ==

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== Lesen Sie auch ==


==Lesen Sie auch==
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==Quellen==
== Anmerkungen ==

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== Quellen ==

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[[Kategorie:Sagen]]
[[Kategorie:Digitalisat]]
[[Kategorie:Digitalisat]]

Aktuelle Version vom 23. Juli 2026, 07:36 Uhr

Sage
TitelDie Wittewiwerkuhle
VerfasserJohannes Decker, Rektor in Herne
AusHeimatbuch der Stadt Herne – Für Schule und Haus
FundstelleDecker 1927/1980, S. 13 ff.
SchauplatzTippelsberg
GenehmigungElisabeth Röttsches

Die Sage von der Wittewiwerkuhle stammt aus dem Heimatbuch der Stadt Herne – Für Schule und Haus von Johannes Decker, Rektor in Herne. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von Elisabeth Röttsches.

Erzählt wird von einer Bäuerin, die von zwei „witten Wiwern" – weißen Frauen – in eine Höhle am Tippelsberg verschleppt wird und erst nach sieben Jahren zu ihrer Familie zurückfindet, wo inzwischen eine zweite Frau ihren Platz eingenommen hat. Die Motive – die weißen Frauen, der Berg mit der sich öffnenden Tür, die sieben Jahre, die Kröte mit dem Krönchen und der Glockenklang als Rettung – gehören zum verbreiteten Bestand der Sagenüberlieferung und begegnen in ähnlicher Form auch andernorts.

Der folgende Text gibt Deckers Fassung im Wortlaut wieder. Der Zeilenumbruch des Buchdrucks wurde aufgelöst und der Text in Absätze gegliedert; die dabei entstehenden Worttrennungen sind zusammengeführt. Offenkundige Lesefehler der Vorlage sind stillschweigend berichtigt und in einer Anmerkung aufgeführt.

Die Sage

Am Tippelsberg ist eine Kuhle, die ist so tief, wie ein Haus hoch ist. In der Kuhle entspringt ein reiner, klarer Quell. An dieser Kuhle wohnten vor vielen, vielen Jahren die „witten Wiwer" oder weißen Frauen.[A 1] Nur selten ließen sich diese sehen. Niemand mochte aber auch mit ihnen etwas zu tun haben, denn sie taten den Leuten Böses, wo und wie sie nur konnten. Man wagte sich deshalb auch nicht zu nahe an die Kuhle heran, sondern umging sie in weitem Bogen.

Sieben Steinwürfe weit von der Wittewiwerkuhle stand ein Bauernhäuschen. Darin lebte ein Bauer mit seiner Frau schon sieben Jahre in Glück und Zufriedenheit. Das häusliche Glück der beiden Bauersleute wurde vervollständigt durch ihre drei gesunden, munteren und lustigen Knaben.

Eines schönen Frühlingstages war der Bauer auf dem Felde und arbeitete fleißig; die Kinder spielten im kleinen Obstbaumgarten, und die Bäuerin war im Hause und kochte am Feuerherd das Essen. Gerade als die Frau den Brei im Kessel umrührte, erschienen schnell und wie schwebend zwei witte Wiwer am Feuerherd.

Die Bäuerin erschrak heftig, ließ den Kochlöffel in den Breitopf fallen und steckte abwehrend beide Hände gegen die witten Wiwer aus. Diese aber faßten schnell die beiden Arme der Bäuerin und zogen mit Gewalt die vor Schreck sprachlos gewordene Frau vom Feuerherd weg, und im Nu waren alle drei an der Wittewiwerkuhle.

In demselben Augenblick, als sie da ankamen, tat sich eine Höhlentür auf. Schnell zogen die beiden witten Wiwer die noch immer vom Schreck wie gelähmte Frau in die Höhle hinein. Ein Krach wie ein heftiger Donnerschlag — und die Höhle war hinter ihnen geschlossen. Sofort fielen der Bäuerin die Kleider vom Leibe, und nur Lumpen legten sich um ihre zitternden Glieder.

In der Höhle sah es schaurig aus. Drei Öllämpchen aus Ton erhellten den Höhlenraum. Von der Decke fielen Tropfen herunter, und an den Wänden lief Flüssigkeit herab wie an schwitzenden Fensterscheiben. Totengebeine lagen umher, und eine Kröte mit einem funkelnden Krönchen auf dem Kopfe humpelte schwerfällig über einen Totenschädel.

Die Bäuerin verfiel aus einem Schrecken in den anderen, als sie das alles sah. Die witten Wiwer sahen sie an und freuten sich so recht von Herzen über die große Furcht und Angst der armen Frau. Diese sah umher und suchte nach einem rettenden Ausgang aus dem schrecklichen Gefängnis.

Die witten Wiwer aber merkten wohl die Gedanken der gefangenen Frau. Die eine der Unholden sagte zu ihr: „Wage nicht, jemals unser Schloß zu verlassen!" Und die andere setzte hinzu: „Wer flieht, dem wird das Genick gebrochen!" Bekräftigend sprachen dann beide zusammen: „Denke daran, wir sind die witten Wiwer!" Die arme Frau wußte wohl, daß es die witten Wiwer mit ihren Worten sehr ernst nahmen. Deshalb wagte sie nicht, die Höhle jetzt zu verlassen.

Da die Frau nicht nach einem Jahre und nicht nach zwei Jahren und nicht nach drei Jahren ins Haus zurückkam und zudem niemand wußte, wohin sie gekommen war, und da es im Hause und im Stalle und auf dem Felde mehr rückwärts als vorwärts ging, und da den Kindern die Mutterpflege fehlte, so nahm sich der Bauer eine andere Frau.

An dem Tage, als für die arme Frau sieben Jahre der Gefangenschaft vergangen waren, hatten die witten Wiwer ihre Höhle einmal verlassen. Da konnte die Frau nicht länger an sich halten: Sie ging nach der Tür, öffnete diese sachte und sah hinaus ins Freie. Ja, sie wagte sogar drei Schritte hinaus zu tun.

Da hörte sie ein seltsames Tönen. Sie horchte auf und traute ihren Ohren kaum. — Das war das Getön der heimatlichen Glocken, das sie vor ihrer Gefangenschaft so oft gehört hatte. Jetzt wußte sie, wo sie eigentlich war. Da faßte sie sich ein Herz und lief eiligst, wie vom Winde getragen, ihrem eigenen Hause zu, wo sie ihre lieben drei Kinder und ihren Mann zu finden hoffte.

Aber siehe da, am Feuerherd stand eine fremde Frau und kochte das Essen! Stillschweigend setzte sich die zurückgekehrte Frau an den Herd. Kaum hatte sie sich gesetzt, so kamen die drei Buben in die Stube gelaufen und stürmten sofort auf die rechte Mutter zu und liebkosten sie. Und die Mutter herzte und küßte ihre Kinder.

Die Stiefmutter am Kochtopf aber sah böse drein und rief den Kindern zu: „Laßt das Bettelweib! Jag das Bettelweib hinaus! Das Bettelweib geht euch nichts an!" Solche Worte taten der rechten Mutter im tiefsten Herzen weh. Sie entgegnete: „Sie gehen mich mehr an als dich!"

Gerade als sie diese Worte sprach, trat der Mann in die Stube. Auch er erkannte sofort seine erste Frau wieder, und sein Herz ward voller Freude. Er hat seine erste Frau, die nach ihrer Rückkehr aus der Höhle bei der Wittewiwerkuhle nur noch mürbe Äpfel als Speise zu sich nehmen konnte, neben seiner zweiten im Hause behalten, bis jene nach drei Monaten zu kränkeln anfing und am nächsten Julfest starb.[1]

Erläuterungen

Witte Wiwer
Niederdeutsch für „weiße Frauen". Sagengestalten, die in Höhlen, Bergen oder Quellen hausen und den Menschen bald hilfreich, bald – wie hier – feindlich begegnen.
Kuhle
Im Ruhrgebiet gebräuchlich für eine Mulde, Grube oder Senke im Gelände.
Tippelsberg
Erhebung im Norden Bochums, nahe der Stadtgrenze zu Herne.
Unhold
Boshaftes übernatürliches Wesen.
Steinwurf
Volkstümliche Entfernungsangabe für eine kurze Strecke, so weit ein Mann einen Stein werfen kann.
Julfest
Alte Bezeichnung für das Weihnachtsfest beziehungsweise die Wintersonnenwende.

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Anmerkungen

  1. Zur Textgestalt. Der Text folgt Deckers Wortlaut. Aufgelöst wurden die Trennstriche am Zeilenende (im Druck als „=" gesetzt), etwa bei ge=sunden, Obstbaum=garten, Feuer=herd, Ge=fangenschaft und Bettel=weib. Stillschweigend berichtigt wurden folgende Lesefehler der Vorlage: Un selten zu „Nur selten"; Witwer zu „Wiwer" (dreimal); Fasten zu „faßten"; erlittene zu „erhellten"; Flüssigseit zu „Flüssigkeit"; ge=brauchen zu „gebrochen"; Die Arme Frau zu „Die arme Frau"; ins haus zu „ins Haus"; vor=wärst zu „vorwärts"; öffnete dieses sachte zu „öffnete diese sachte"; Bettel=weil zu „Bettelweib"; laßt zu „Laßt" am Satzanfang.

Quellen

  1. Decker 1927/1980, S. 13 ff.