Kunst statt Kohle

Aus "Herne - unsere Stadt - Ausgabe 1 1975"[1]
Mit freundlicher Genehmigung der Stadt Herne, Pressebüro und des Stadtarchivs Herne
Der Originaltext dieser Seite stammt von Helmuth von der Gathen und entstand 1975.
Er wurde wortwörtlich aus "Herne - unsere Stadt" Ausgabe 1/1975 übernommen (sic!). 
Die Fotos sind von Helmut Orwat. (Mit freundlicher Genehmigung)
Der seltene Fall, daß sich Künstler zu einem Gruppenfoto beschwatzen ließen; es zeigt von links nach rechts: Winfried Labus (Fotograf), Schorsch Fritz (Maler), Jens Blome (Musiker), Günter Dworak (Maler), Helmut Bettenhausen (Maler und Objektemacher), Peter Grzan (Hans Dampf in allen Gassen). [2]
Ungekrönter Vorsitzender auf Zeche „Unser Fritz II/III" ist Helmut Bettenhausen. [2]
Die Zeche selbst zeigt in voller Schönheit das Foto oben. [2]

Wenn Ihnen herkömmliche Kunstausstellungen und Galerien, ewig gleich anmutendes Avantgarde-Spektakel oder nie verstandene Künstler-Marotten zum Hals heraushängen, dann sollten Sie mal unseren Fritz besuchen. Unseren Fritz? Ja genau, „Unser Fritz", die inzwischen 100 Jahre alte Ruhrkohlezeche an der Dorstener Straße im alten Wanne-Eickel.

Warum? Ganz einfach: es lohnt sich. Nicht allein deshalb, weil Sie kein Eintrittsgeld berappen müssen. Auch nicht deswegen, weil Sie genau vor der Eingangstür zum Kauengebäude Ihr Auto parken, also nach drei oder vier, zur Abendzeit aber (Vorsicht, Schlaglöcher) möglichst umsichtigen Schritten am Ort des Geschehens sein können. Was nämlich dort geschieht, sucht selbst im weiteren Umkreis seinesgleichen: hier wird statt Kohle Kunst gefördert.

Sieben junge und jung gebliebene Individualisten, Profi-Maler, Hobby-Maler, Fotografen und Objektemacher im Alter zwischen 22 und 45 Jahren ziehen am selben Strang und richten sich nach Feierabend in der pensionierten Zeche gemütliche Ateliers ein. Hier wollen sie eigene, aber auch gemeinschaftliche Projekte in Angriff nehmen.

Schon das, was sie unter Gemütlichkeit verstehen, läßt Rückschlüsse auf das Kunstverständnis und den weiten Aktionsradius der Gruppe zu. Während einer zum Beispiel eine Reihe phallistisch orientierter Farbarbeiten in sorgsam verputzter, also eher anspruchsvoll nüchtern erscheinender Umgebung ins rechte Licht zu rücken sucht, braucht ein anderer, um Schwarzweißfotos entwickeln zu können, nostalgisch durchwachsenes Interieur und akustisch Zahrah Leanders „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt", um seine Welt, und sonst gar nichts, zu finden.

Wo aus dieser an die drei Meter hohen Welt der Putz herausbröckelt, werden die nackten Steine und Fugen mit feinem Pinsel und lichtechter Binderfarbe liebevoll akkurat nachgezeichnet.

Helmut Bettenhausen (38), tagsüber von der Stadtverwaltung in Herne als Grafiker angestellt, initiierte vor jetzt vier Jahren die „Kunstgemeinschaft Zeche Unser Fritz". Seine Gründe: „Wir sind nun mal gezwungen, hier im Kohlenpott zu wohnen, und wollten etwas daraus machen."

Was sie machen, könnte letztlich darauf hinzielen, ein Stückchen mitzuhelfen, daß auch andere nicht mehr schlecht als recht im Revier wohnen müssen, sondern hier ein bißchen leichter und vielleicht auch besser leben können.

Diese Pläne haben sich auch jenseits lokaler Grenzen schon herumgesprochen. Selbst dort, wo die früheren Städte Herne und Wanne-Eickel in den Augen mancher eher als Kunst-Provinz denn als -Metropole galten, fanden die Gedanken und darauf bauenden Vorschläge der Gruppe, über die Gestaltung von Fassaden in den Cities, für Schulen und auch Bunker, bereits positive Resonanz.

„Uns geht es aber nicht in erster Linie darum, Fassaden anzustreichen und damit Geld zu verdienen", gibt Bettenhausen zu verstehen, „sondern um ein sinnvolles kommunales Engagement im Rahmen unserer Möglichkeiten." Und dieser Rahmen ist nach Meinung von Jens Blome, Günter Dvorak, Georg Fritz, Peter Grzan, Wolfgang Konakowski und Winfrid Labus, den weiteren Mitgliedern der Zechengruppe, noch ausbaufähig.

Weil sie in Erfahrung gebracht haben, daß „es auch in Herne und Wanne-Eickel junge Leute gibt, die mit ihrer Freizeit nicht viel anzufangen wissen", suchen sie nach geeigneten Mitteln für einen Brückenschlag. Helmut Bettenhausen: „Wir denken da an die Musik und das Theater."

So stellt die Künstlergruppe Überlegungen an, ob es gelingen kann, mit in der Zeche veranstalteten Jazz- und Jugendtheaterabenden die ins Auge gefaßte Zielgruppe anzusprechen und ein längerfristiges Konzept zu entwickeln.

Orientierungshilfe hat ihnen der Norddeutsche Rundfunk gegeben, dessen sporadische TV-Übertragungen aus der Hamburger „Fabrik", dem Vernehmen nach einer Art Kunst- und Musik-Workshop, bei den Hernern auf einiges Interesse gestoßen ist Auch das eigene Knowhow wurde vor Ort schon hinreichend diskutiert. Letzter Stand der Ermittlungen: Zu den Veranstaltungen sollen keine Eintrittspreise erhoben werden. „Nur aus dem Getränkeverkauf müßte etwas übrigbleiben", wünscht sich die Gruppe. Helmut Bettenhausen: „Zwar zahlen wir nur eine Miete von 50 Pfennig je Quadratmeter, aber die Heizungskosten gehen ziemlich ins Geld."

Doch schon zeigen wohlwollende Mäzene wie die Ruhrkohle AG immer mehr Einsehen in die Aktivitäten der kommunalen Hobby-Planer. Sichtbares Zeichen: Die Stolper-Gefahr vor dem Kaueneingang konnte fast vollständig gebannt werden. Zwar nicht gleich mit Teer oder Asphalt, aber immerhin richtet jetzt abends ein großer Scheinwerfer sein lichtes Augenmerk auf die Schritte des Besuchers.

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Quellen

  1. Herne - unsere Stadt - 01 / 1975
  2. 2,0 2,1 2,2 Foto mit freundlicher Genehmigung von Helmut Orwat