Jazz Wanne

Der kleine Club mit dem legendären Ruf

Wolfgang Berke

Am Anfang waren es drei. Der Pianist Conny Wyludda, Schlagzeuger Horst Offergeld und Bassist Hartmut Krowarz sahen Ende der 1950er Jahre kaum eine Möglichkeit, ihren Jazz in Wanne-Eickel so zu spielen, wie sie eigentlich wollten. Probten sie in einem städtischen Jugendheim, mussten sie um 22 Uhr aufhören. Probten sie in Wyluddas Wohnung, gab es Ärger mit den Nachbarn. Und in den Kneipen gab es auch wenig Möglichkeiten. Irgendwann kam dann der Vierte dazu: Heinz Oelmann hatte sich als Pianist im Ruhrgebiet bereits einen Namen gemacht, erweiterte das Trio zum Quartett, gab damit Wyludda die Gelegenheit, das Vibraphon für sich zu entdecken, und brachte eine Idee ins Rollen. Diese Idee bescherte Wanne-Eickel ein kleinen, aber ungemein feinen Club, der für mehrere Jahre die erste Adresse des Jazz im Ruhrgebiet sein sollte.

Auf der Suche nach Räumlichkeiten wurden die Jazzer und einige Freunde, die sie unterstützten, in der allerletzten Ecke fündig: Am Bahndamm in Wanne-Süd (heute: Heitkampsfeld) mieteten sie Räume im ersten Stock eines alten Backsteinbaus an. Ihr Nachbar im Parterre: ein Bierverlag, mit dem praktischerweise nie ein Getränkeengpass auftreten konnte. Im Januar 1960 zogen die Musiker dann ein. Nicht um zu wohnen, sondern um zu musizieren. Für sich, für ihre Freunde, für Publikum. Die Jazz Wanne hatte kein Programm, sie war Programm. Wer des abends in die engen, dunklen Räume kam, wurde Zeuge einer Probe oder einer Jam-Session oder eines Konzertes. Oder einer der vielen Diskussionen über kulturelle und politische Themen.

Der Zufall bestimmte meist, wer auf der Bühne stand. Immer mehr Musiker aus dem ganzen Ruhrgebiet kamen abends in die Jazz Wanne, brachten ihre Instrumente mit, nahmen die musikalischen Herausforderungen an oder stellten selbst welche. Bald wurde es international am Bahndamm. Durch den guten Ruf des Clubs neugierig geworden, ließen sich die in Dortmund stationierten Briten Tony Watson, Tom Harris und John Donally gerne nach Wanne-Süd einladen. Mit Saxofon und Trompete erweiterte sich das Klang- und Ausdrucksspektrum des ursprünglichen Wanne-Eickeler Modern Jazz Quartetts. Die musikalischen Abenteuer dieser Modern Jazz Group lockten über Monate Scharen von Musikfans zum Bahndamm, die winzigen Räume waren meist brechend voll. Eintritt wurde nicht erhoben, die Jazz Wanne war pure Leidenschaft. Wenn die Musiker mal ein paar Mark brauchten, spielten sie eben „draußen“ in Tanzcombos oder auf Jazz-Konzerten.

Statt auf ihr ungemein kreatives Aushängeschild stolz zu sein, ließen Stadt und Lokalpolitiker kaum etwas unversucht, um der Jazz Wanne den Saft abzudrehen. Die Musiker und ihre Freunde waren autonom, selbstbestimmt und selbstbewusst. Zudem versündigten sie sich an nahezu allem, was Ordnungsbehörden und Gastronomen heilig ist. Der Club hatte angeblich zu wenig Toiletten, ignorierte die Sperrstunde, nahm keinen Eintritt und verzichtete auf einen Gewinn aus dem Getränkeverkauf. Aber alle Drohungen und Schließungsversuche fruchteten nicht, schließlich war die Jazz Wanne rein rechtlich ein privater Verein, auf den diese Gesetze nicht angewendet werden konnten.

Während von draußen mal versucht wurde, den Clubbetrieb zu stören oder ihn für eigene (politische) Zwecke zu vereinnahmen, kam es drinnen zu weiteren spektakulären musikalischen Begegnungen. Gäste aus England, Belgien, Schweden und Polen jazzten mit den Wannern, Albert Mangelsdorff machte durch bis zum Morgengrauen und auch „Branchenfremde“ scheuten den Weg zum Bahndamm nicht. So kam der Düsseldorfer Kabarettist und Schauspieler Ernst H. Hilbich der Einladung nach Wanne ebenso gerne nach wie in der Schlussphase des Clubs der Schriftsteller Günther Grass.

Kurz nach dem Besuch des späteren Nobelpreisträgers kam das Aus für die Jazz Wanne. Die Stadt verfügte im Herbst 1966, dass nach 22 Uhr nicht mehr live gespielt werden durfte und schickte kurz darauf die Kündigung hinterher, weil das Haus für eine Straßenerweiterung abgerissen werden sollte. Der Zeitpunkt für diese bösartige Attacke war günstig gewählt. Es hatte sich etwas Jazz-Müdigkeit in Wanne-Eickel eingestellt, und dementsprechend schwach fiel die Gegenwehr der Musiker und Jazzfreunde aus. Diesmal fehlte die Kraft, wie im Frühjahr 1961 die drohende Schließung abzuwenden. Ende 1966 erklang der letzte Ton am Bahndamm 3. Im Januar 1967 rückten die Bagger an. Seitdem können Lastwagen die Straße viel bequemer passieren.


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