Emilie Engel

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel

Emilie Engel ((* 6. Februar 1893 in Husten/Drolshagen; † 20. November 1955 in Koblenz-Metternich)) war von 1915 bis 1926 Lehrerin in Sodingen.

Leben

Emilie Engel gründete 1926, zusammen mit Pater Josef Kentenich die Gemeinschaft der Schönstätter Marienschwestern.


Der Engel von Sodingen

Leben und Wirken der Lehrerin Emilie Engel in Zeiten der Not. (1915 -1926)

Von
Gerd E. Schug

Herkunft, Kindheit und Ausbildung

Emilie Engel wurde am 6. Februar 1893, als viertes von insgesamt 12 Kindern, auf einem Bauernhof in Husten, im Kreis Olpe geboren. Zwei Tage später empfing sie die Taufe in der ehemaligen Zisterzienserinnenklosterkirche St. Clemens, in Drolshagen. Das Elternhaus war, nicht untypisch für das Sauerland, streng religiös, was sich z.B. daran zeigt, dass die Familie das gemeinsame Gebet pflegte. Als Frucht wurden in späterer Zeit insgesamt vier Schwestern Schönstätter Marienschwestern.
1904, als Emilie 11 Jahre alt war, starb ihr kleiner Bruder Albert, mit nur fünf Monaten.
Ihre sich schon früh zeigenden Selbstzweifel mussten in ihr die Frage aufkommen lassen, ob sie seinen Tod hätte verhindern können. In späterer Zeit , 1917, fiel ihr Bruder Josef im Felde; eine weitere Leiderfahrung in der Familie.
Nachdem sie am 30. April 1905 die Erste heilige Kommunion in der Antoniuskapelle in Iseringhausen empfangen hatte, wurde sie am 2. September 1908 in ihrer Taufkirche gefirmt. Dieses Jahr sollte eine Weichenstellung in ihrem Leben bedeuten, denn sie widersetzte sich den Eltern, welche Emilie auf dem Hof halten wollten und die Vorstellung hatten, ihr Aufgaben in der Hausarbeit zu überantworten. Emilie jedoch wollte Lehrerin werden, wohl angeregt durch das Beispiel zweier älterer Schwestern, die sich bereits in der Lehrerinnenausbildung befanden. Das mit dem Lehrerinnenberuf damals verbundene Pflichtzölibat nahm sie dafür gerne in Kauf, zumal sie sich auch mit der Frage nach einer Klosterberufung beschäftigt hatte. Sie setzte sich mit mutigen Geist und ihrer zähen Westfalennatur, wie sie von sich selbst sagte, gegen ihre Eltern durch und kam 1908 für ein Jahr auf die höhere Töchterschule bei den Armen Schulschwestern Unserer Lieben Frau in Arnsberg. Ihre Einsatzfreude verwendete sie jedoch nicht bloß in eigenen Interessen, sondern mit hohem Engagement vertrat sie als Klassensprecherin die Belange ihrer Mitschülerinnen vor den Lehrautoritäten.
Emilie vertiefte ihre von Haus aus mitgebrachte Religiosität zusehends. Mit nachlassender Einbindung in die familiäre Gebetspraxis schloss sie sich mehreren Gebetsvereinigungen, meist marianischer Prägung, an. So bereits 1909 der Marianischen Kongregation, 1911 der Erzbruderschaft v. Heiligsten Herzen Jesu, 1915 als Mitarbeiterin der Pallotiner und 1918 der Ehrenwache Mariens, dem ewigen Rosenkranz-Apostolat der göttlichen Liebe. Dieser Zug zur Vereinsbildung mit Mehrfachmitgliedschaften ist auch im katholischen Bereich durchaus zeittypisch. So sind für unsere Heimatpfarrei Peter und Paul für diese Zeit im Jahre 1913 bspw. 25 Vereine vom Kindheit-Jesu-Verein bis zum Immerwährenden Kreuzweg, mit insgesamt 5666 Mitgliedern belegt. Emilie Engel will heilig werden. So schreibt sie 1920 in ihr Tagebuch. Auffällig ist, dass sie sich jeweils an Eck- und Wendepunkten ihres Lebens, jedenfalls in neuen Lebenssituationen, einem neuen Verein eintritt. Man sieht, dass Emilie Engel noch Suchende ist, ihren Platz noch nicht gefunden hat.
Doch zurück zum Ausbildungsgang. An die Höhere Töchterschule anschließend, bereitete sie sich zwei Jahre auf der Königlichen Seminar Präparandie auf die Lehrerinnenausbildung vor. Diese drei jährige Ausbildung erhielt sie ebenfalls in Arnsberg im dortigen Königlichen Lehrerinnenseminar. Nach dem Abschluss, 1914, war sie bis 1915 Schulamtsbewerberin bei Neuss, um schließlich im gleichen Jahr ihre Stelle an der Marienschule, eine Volksschule an der Händelstraße in Sodingen anzutreten, die sie über elf Jahre innehatte.
Die Not der Zeit von 1916 bis 1926

Bevor wir im Leben Emilie Engels weitergehen, wollen wir kurz die Not der Bevölkerung im Ruhrgebiet, im betrachteten Zeitraum, beschreiben. Die Entbehrungen in allen Bereichen der Lebensführung gingen über die — arbeitende — Bevölkerung in mehreren Wellen hinweg. Vereinfacht lassen sich folgende drei Notzeiten unterscheiden:
Zum einen die Not während des ersten Weltkrieges. Waren die Lebensmittel beispielsweise bereits ab dem Jahre 1915 nur auf Karten erhältlich, reichte der Sold und der Verdienst der arbeitenden Frauen, die oft nur den halben Lohn ihrer männlichen Kollegen bekamen, nicht aus, so dass beispielsweise die Bergleute der Zechen 4% ihres ebenfalls kargen Lohnes für die betreffenden Familien spendeten. Den Angestellten der Stadt und des Staates wurden im Vergleich dagegen für die Dauer des Kriegsdienstes 50% des Gehaltes zum Sold hinzukommend weitergezahlt. Da die wegen der Abwesenheit der Familienväter arbeitenden Mütter sich nicht mehr um die Erziehung der Kinder kümmern können, verwahrlosen zahlreiche Kinder.
Ab 1916 gibt es auf einigen Zechen im Revier bereits Streiks, als Protest gegen den Hunger. Kriegsküchen lindern die Not, bis auch dort Lebensmittelmarken abgegeben werden müssen. Die Kirchen frohlocken in dieser Zeit. Die Gottesdienste werden gut besucht, wird doch zum Teil gepredigt: »Wer die Generalbeichte ablegt und zur Generalkommunion geht, der kommt sofort in den Himmel, wenn ihn der Heldentod trifft.« 
Im Steckrübenwinter 1917 ist die Versorgung mit Textilien und Brennmaterial völlig zusammengebrochen. Die Lebensmittelrationen decken nur noch die Hälfte des Energiebedarfs. So bekommen viele Bergleute nur 25g Margarine pro Woche, da ihnen der Status als Schwer- und Schwerstarbeiter verweigert wird. Die Lebensmittel sind häufig ungenießbar, die notwendige Seife überteuert: Die Inflation beginnt bereits. Brot wird mit Sägemehl und Rinde gestreckt, die Familien sammeln Bucheckern und Eicheln, um zu überleben.
Wegen des Mangels an Brennstoffen im Kohlenrevier werden für die Bevölkerung Wärmehallen gebaut. Der Schwarzmarkt blüht auf. Denn da die Lebensmittel des Ruhrgebietes hauptsächlich aus Russland, Polen und Übersee importiert wurden, waren diese ausgefallen. Nun versucht man im Umland zu tauschen. Das Gold und der Schmuck, der noch nicht zur Finanzierung des Kriegs abgegeben wurden (»Gold gab ich für Eisen«), wird nun den Bauern angeboten. Diese nutzen die Gunst der Stunde und verlangen für ein Pfund Butter 30 Mark, also den Lohn dreier Wochen einer Gleisbauerin (z. B. 1,90 Mark für 12 Stunden Arbeit in einer Gleisbaurotte). Außerdem geben sie die Ernteflächen und Erträge falsch an, um auf dem lukrativeren Tauschmarkt mehr Gewinn aus der Not erzielen zu können. Gewinne aus dem Krieg erzielte aber auch Krupp. Bei 900 Millionen Mark Umsatz mit Kriegsgütern erzielte er einen Gewinn von 400 Millionen Mark, finanziert durch »Gold für Eisen« und Kriegsanleihen der Bevölkerung. Was diese wohl nicht wusste: Durch Lizenzabkommen mit dem englischen Rüstungshersteller Vickers bekam Krupp für jeden gefallenen deutschen Soldaten an der englischen Front 3 Pfd. Sterling Lizenzgebühr …
Die Rezepte ihrer Hinterbliebenen und der Arbeitsfamilien dieser Zeit weisen durch Marienschule, Sodingen 18 Der Bote im April 2020 den Fleischwolf gedrehte Kartoffelschalen, Spinat aus Brennnesseln oder Steckrübenmarmelade, auch Hindenburgbutter genannt, auf. Die Moral verfällt in dieser Zeit, notbedingt. In Essen wird der Schlachthof geplündert, in Bochum das Bergmannsheil, um Lebensmittel zu ergattern.
1918 streiken auf 31 Zechen des Ruhrgebietes die Bergleute für den Frieden, im August sind es 60.000. Viele werden in der Folge mit 48stündiger Frist zum Militärdienst einberufen. Doch der ersehnte Waffenstillstand bringt keine Besserung, als er endlich eintritt. Die Not verschärft sich noch, der im Kriege ausgebliebene Wohnungsbau bringt Wohnraummangel und dazu kehren die Truppen heim, welche dann keine Arbeit mehr finden, da die Stellen von den halb entlohnten Frauen besetzt sind. Nur in der Montanindustrie gibt es noch Arbeitsplätze.
Damit sind wir in der Not der unmittelbaren Nachkriegszeit und den politischen Wirren dieser Tage angekommen, die die zweite Notphase mit sich brachte, im unmittelbaren Anschluss an den Krieg. Im Anschluss an die Meuterei der Flotte bildeten sich recht schnell auch im Revier Arbeiter- und Soldatenräte, die die drängendsten Probleme, nämlich die Sicherstellung der Ernährung der Bevölkerung, Aufrechterhaltung der Ordnung und die Demobilisierung lösen wollten. Doch wilde Streiks von revierweit bis zu 80.000 Bergleuten, die eine die Inflation der Kriegsjahre ausgleichende Entlohnung forderten, erschweren eine koordinierte Politik. Die Verwirrung einiger Politiker dieser Zeit zeigt sich am Projekt des Kölner Oberbürgermeisters (Adenauer), der mit anderen Zentrumspolitikern eine Abspaltung der sogenannten »Rheinisch-Westfälischen Republik« vom Reich betreibt, um den schädlichen Einfluss aus Preußen (Berlin und Hafenstädte) auf die Arbeiterschaft einzugrenzen.
Unter dem Schatten der drohenden Revolution, mit der erstmalig erhobenen Forderung nach Sozialisierung des Kohlenbergbaus, gelang es den Gewerkschaften, die Sieben Stunden Schicht durchzusetzen; doch der reale Lohn reichte nicht für die Existenz. Inflation und Hunger blieb, Mangelkrankheiten wie Tuberkulose und Ruhr grassierten an der Ruhr.
Die politische Lage bleibt angespannt. Die Bergleute kämpfen für gerechten Lohn und erträgliche Arbeitsbedingungen, demonstrieren mit 120.000 Mann. Doch die demokratisch gewählte Reichsregierung lässt die Reichswehr und Freikorps marschieren. Immerhin gelingt es, 1919 den ersten Tarifvertrag abzuschließen.
Als, zur Erfüllung der Reparationsforderungen, wieder Überschichten gefahren werden sollten und zeitgleich in Berlin der antidemokratische Kapp-Putsch die Vorkriegsverhältnisse wiederherstellen wollte, formierte sich zur Notwehr gegen die Freikorps die Rote Ruhrarmee. Ein Generalstreik wurde ausgerufen. Der folgende Bürgerkrieg im Revier mit zahlreichen Toten brachte wiederum Not und Elend für viele Familien. Obwohl im Anschluss die Reichsregierung im Bielefelder Abkommen auf die Forderungen der Arbeiterarmee eingeht, lässt sie bei Waffenstillstand sofort die Reichswehr marschieren, es kommt zu Erschießungen von Arbeiterinnen und Arbeitern; über 2.000 im gesamten Revier.
Nach einer Phase einer gewissen politischen Ruhe, besetzen Belgische und Französische Truppen 1923 das Ruhrgebiet, nachdem die Reparationsleistungen nicht im geforderten Umfang erbracht worden waren. Mit den Soldaten zogen auch wieder Hunger und Not ins Revier ein.
Diese resultiert aus der Abriegelung des besetzten Industriegebietes vom agrarischen Umland. Die Bauern innerhalb der Besatzungszone profitieren wiederum vom Schwarzmarkt und dem Tauschhandel, leiden aber auch selber unter Requirierungen und Plünderungen durch die hungernde Bevölkerung. Etwas gemildert wird die Not durch die Einrichtung von Suppenküchen durch französisches Militär.
Nebenbei sei bemerkt, dass den Besatzern an einer weiteren Spaltung der Bevölkerung gelegen ist; so unterstützen sie teilweise aktiv die Separatisten, die eine nunmehr nur »Rheinische Republik« auch mit Waffengewalt errichten wollen.
Der sogenannte passive Widerstand gegen die Besetzung führt zu einem Rückgang der Produktion, was wiederum die hohe Inflation in eine galoppierende verwandelt. Die zu hohen Preise führen darüber hinaus zu weiteren Streiks und Massenaussperrungen, welche die Lage nur verschärfen. Erste unrentable Zechen werden geschlossen, was die Arbeitslosigkeit verstärkt. Als 1925 die Besatzungstruppen wieder abziehen, erhält das Ruhrgebiet nun Zeit, seine Wunden heilen zu lassen. Doch die sozialen Verwerfungen haben sich eher verfestigt, die Lager radikalisieren sich …
Emilie Engels Zeit in Sodingen

In dieser Zeit nun wird Emilie Engel Lehrerin an der Sodinger Marienschule. An dieser Schule waren bereits ihre zwei älteren Schwestern, Anna und Maria Engel, als Lehrerinnen tätig. Das Lehrerkollegium sprach infolgedessen vom »Engelkleeblatt« und nannte Emilie »Engel 3«.
Emilie Engel war Lehrerin mit ganzem Herzen. Doch regten sich Zweifel, ob sie genug für die Kinder und vor Gott »leistete«. Das strenge Gottesbild des Katholizismus jener Tage wirkte sich darin bei ihr aus.
Sie war angerührt von der Not der Kriegszeit, vor allem von dem Hunger während des berüchtigten Steckrübenwinters 1917. Dazu waren viele Familienväter bei Grubenunglücken verunglückt oder gefallen oder infolge von Verwundung und Verstümmelung invalide. Sie fielen somit als Ernährer der Familien aus. Die Ruhrbesetzung durch Franzosen und Belgier und des darauf folgenden passiven Widerstandes, welcher die Wirtschaft fast gänzlich zum Erliegen brachte, machten das Maß der Not übervoll. Zusammen mit der galoppierenden Inflation galt es nur noch, zu überleben. In dieser Zeit blühten Städte wie Berlin, Industrielle und Bankiers feierten dort die goldenen Zwanziger! Doch wie konnte man das nur schaffen, ohne Lohn, noch nicht einmal Hartz IV, ja noch nicht einmal so etwas wie Grundsicherung! Ich weiß aus den Erzählungen meines Vaters, dass Steckrüben, Graupen und Stockfisch die Gaumenfreuden dieser Zeit waren. Ohne die Milch der Bergmannskuh, der Ziege, wären mehr als zwei seiner zehn Geschwister gestorben.
Emilie Engel und auch ihre Schwestern sahen sich aufgefordert, zu helfen. Sie hatten ja die ausgehungerten Kinder jeden Tag in der Schule vor Augen. »Die Kinder sind körperlich so unterernährt und krank, dazu mit vielem bösen Erbgut belastet, geistig abnorm und zudem einem fortwährenden Zwiespalt ausgesetzt, weil die Erziehung in der Schule so grundverschieden ist von der außerhalb der Schule, da zahllose Miterzieher das vernichten, was wir aufbauen.« So halfen sie den Waisen, den Halbwaisen, dann den Kinder der nicht mit Reichtum gesegneten Bergleute, indem sie sie in ihre gemeinsame Wohnung, der Mont-Cenis-Str. 284, einluden. Emilie spielte mit den Kindern, gab Nachhilfe, vor allem aber gab sie ESSEN. Auch wenn es oft nur Stullen waren. Aber Stullen waren der Braten jener Jahre. So bekam sie von den Kindern und den Eltern schnell den naheliegenden Namen »Engel von Sodingen«.
In besonderen Fällen, wo die familiäre Erziehung ausfiel oder stärkst beeinträchtigt war, ging die Hilfe über die Stullen hinaus. So gab es zwei Geschwister in der von Emilie betreuten Klasse, die Vollwaisen waren. Sie brauchten mehr als Essen, sie brauchten ein Zuhause. Das eine Kind, ein Mädchen, brachte sie zu ihren Eltern auf den Bauernhof im Sauerland, wo es wie ein Kind der Familie aufwuchs. Für das andere Kind, ein Junge, konnte sie eine Gärtnerausbildung bei den Pallotinern in Schönstatt vermitteln.
Aber neben der konkret-materiellen Hilfe, die sie durch ihr Lehrerinnengehalt und auch teilweise durch das ihrer Schwestern finanzierte, stand sie den leidenden Menschen geistlich zur Seite. So hielt sie Nachtwachen bei Sterbenden, die keine Angehörigen hatten. Die Kraft dazu bekam sie durch möglichst häufiges 17 Kommunizieren und die ergänzende kniende Anbetung vor dem Tabernakel unseres prächtigen Hochaltares in Peter und Paul. Auch die erwähnte Mitgliedschaft in den verschiedenen Gebets- und Apostolats Gemeinschaften wirkte sich stärkend auf die Arbeit Emilie Engels aus. Durch ihr Beispiel der Verantwortungsübernahme für andere gelang es ihr, unter den Lehrerinnenkollegen weitere Mitglieder für den apostolischen Bund der Schönstattbewegung zu gewinnen.
Emilie Engel und die Schönstattbewegung

Damit sind wir in Schönstatt. Dort lernte sie bei der ersten Frauentagung im August 1921 Pater Kentenich kennen, der ihr geistlicher Begleiter wurde. Ihr soziales Engagement und ihre gesamte Lebenseinstellung sowie ihre intellektuellen Fähigkeiten, die sie zu mehr berufen schienen als zum Lehrerinnendienst, brachten ihn auf den Gedanken, mit ihr zusammen eine Gemeinschaft aufzubauen, aus der in der Folge die Schönstätter Marienschwestern hervorgehen sollten.
Nachdem sie in ihrer und unserer Heimatgemeinde Peter und Paul im Dezember 1923 eine der ersten Frauentagungen organisiert hatte, weihte sie sich 1925 an Maria und gab im Oktober 1926 ihre Stellung als Lehrerin auf, die ihr immerhin persönliche Absicherung und Mittelerwerb zu tätigen Nächstenliebe und -Hilfe bedeutete, und ging nach Schönstatt-Vallendar, um gemeinsam mit ihrem geistlichen Führer, Pater Kentenich, die Schönstätter Marienschwestern zu gründen und aufzubauen. Pater Kentenich gelang es, sie von den im Katholizismus dieser Zeit nicht untypischen skrupulösen Selbst zweifeln ob des Genügens der eigenen Anstrengungen zu befreien. Ihr Gottesbild wandelte sich vom Richter zum lieben Vater.
Sie wird Generalvikarin, bietet Gott in einer weiteren Weihe ihr Leben und Leidensübernahme an. 1928 kehrt sie ins Ruhrgebiet zurück und leitet in Essen ein Fürsorgeheim. Sie kennt die Nöte der Revierbevölkerung. 1929 ist auch ihre Lehrerinnenausbildung wieder gefragt, sie wird Novizinnenmeisterin. Doch sie bildet nicht von oben herab aus, sondern sie sagt: »Ich muss Mutter sein .... keiner gehe unbefriedigt weg.« Sie redete schlicht, aber voll Wärme und Liebe und so überzeugend. Insgesamt gingen 340 Novizinnen der ersten Generation durch ihre Schule.
Auch anderen gibt sie im o.g. Sinne Rat, so einer Sozialarbeiterin für schwer erziehbare Jugendliche: »Sei nur gut zu den Kindern! Vergiss nicht: Sie haben ein armes oder gar kein Elternhaus genossen. Versuch es immer wieder mit dem Guten!« 
Ihr Stil war kreativ, sie war selten um eine pragmatische Lösung verlegen. Als sie einmal an einer Fronleichnamsprozession nicht teilnehmen konnte, ging sie betend durch einen Park. Am Erntedank fest ging sie einmal in den Vorratskeller und dankte dort Gott für die Gaben der Erde, wissend, dass es nicht selbstverständlich ist, genug zu essen zu haben, denn sie war in ihrer Sodinger Zeit zu vielen Hungernden begegnet. Daneben oktroyierte die ihren Novizinnen keine Aufgabe auf, sondern sah in den Wünschen der jungen Schwestern auch den Geist wirken - bis heute in Orden nicht immer so gesehen. Aber sie fand auch westfälisch-klare Worte. So traten nach einer Rede einige Schönstattmitglieder aus.
Das Angebot der Lebensweihe und Leidensübernahme zeigte Wirkung. Nach einer Rippenfellentzündung 1933 erkrankte Sr. Emilie 1935 sehr schwer an Tuberkulose. 6 Jahre lang lag sie in verschiedenen Heilstätten und Krankenhäusern darnieder und erlitt ein wahrhaftes Martyrium. Drei Operationen ohne Narkose ließ sie geduldig über sich ergehen, doch halfen sie alle nicht.
Eine Gesundung trat nicht ein. Dies bekümmerte sie jedoch nur insofern, als dass sie den Menschen nicht mehr mit der früheren vollen Kraft helfen konnte. Dennoch war sie von 1946 an Provinzoberin der Westprovinz, schied 1950 aber aus der Generalleitung aus. Sie schafft es noch im Jahre 1951, eine Ausbildungsstätte für Seelsorgehelferinnen zu er richten, aus der später das Seminar für Gemeindepastoral und Religionspädagogik werden sollte. Ab 1952 macht sich eine Wirbelsäulenverbiegung bemerkbar, als Spätfolge der Lungenoperationen der 1930er Jahre. Sie war fortan auf den Rollstuhl angewiesen.
Zuletzt war sie fast hilflos und gelähmt. Nachdem sie von ihrem leiblichen Bruder, Vikar Anton Engel, die Sterbesakramente erhalten hatte, starb sie am 20. November 1955 im Rufe der Heiligkeit.
Ihr Grab am Provinzhaus der Schönstätter Marienschwestern ist noch heute eine vielfach besuchte Gebets- und Pilgerstätte. Die von ihr mitgegründete Schwesterngemeinschaft wuchs indessen weiter. Heute gibt es weltweit über 2000 Schönstattschwestern in 29 Ländern der Erde. An 200 ihrer Standorte gibt es die bekannten Schönstattkapellen, so auch eine in Castrop-Frohlinde.
Doch auch in Sodingen finden sich Hinweise auf das Wirken Emilie Engels. So wurde im Oktober 2005 anlässlich des 50. Todestages von Sr. Emilie eine Gedenktafel am Haus Mont-Cenis-Str. 284, wo die Geschwister Engel wohnten und wirkten, angebracht und vom Pfarrer der Peter und Paul-Gemeinde, Heribert Zerkowski, gesegnet.
Bereits am 12. Oktober 1999 war in Trier der Seligsprechungsprozess eröffnet worden. Am 10. Mai 2012 hat Papst Benedikt der Emilie Engel den »Heroischen Tugendgrad« zuerkannt.
Diese Anerkennung bedeutet, dass ein Diener Gottes alle Tugenden, die göttlichen Tugenden von Glaube, Hoffnung und Liebe, die Kardinaltugenden: Gerechtigkeit, Klugheit, Mäßigkeit und Tapferkeit sowie die evangelischen Räte Armut, Keuschheit und Gehorsam in vorbildlicher Weise gelebt hat. Mit der Feststellung des »heroischen Tugendgrades« ist eine wichtige Etappe im Seligsprechungsprozess von Emilie Engel abgeschlossen.
Emilie Engel hat sich in den zwölf Jahren, in denen sie Bürgerin von Sodingen war, um die Menschen dort verdient gemacht!

Gerd E. Schug © Erstveröffentlicht in zwei Teilen in: Der Bote 2020-09 und Der Bote 2020-10



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Quellen