Susanne Peters-Schildgen (1963) Historikerin

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.

Dr. phil. Susanne Peters-Schildgen (* 1963 in Herne) ist eine deutsche Kunsthistorikerin, Historikerin und Museumsfachfrau. Sie gehört zu den profiliertesten Vertreterinnen der regionalgeschichtlichen Migrationsforschung im Ruhrgebiet und hat sich zugleich als Kunsthistorikerin, Ausstellungskuratorin und Museumsleiterin einen Namen gemacht. Zuletzt leitet sie das Museum der Stadt Gladbeck. Zuvor war sie mehr als zwei Jahrzehnte am Oberschlesischen Landesmuseum in Ratingen tätig, zuletzt als stellvertretende Museumsdirektorin.
Besondere Bedeutung besitzt ihre Arbeit für die Stadtgeschichte Hernes. Mit der wissenschaftlichen Konzeption der Ausstellung Auf dem Weg ins Paradies? Wanderungsbewegungen im Ruhrgebiet am Beispiel Herne (1997) und der daraus hervorgegangenen Monographie „Schmelztiegel“ Ruhrgebiet. Die Geschichte der Zuwanderung am Beispiel Herne bis 1945 legte sie eine der ersten umfassenden Darstellungen der Migrationsgeschichte einer Ruhrgebietsstadt vor. Ihre Untersuchungen gelten bis heute als Grundlagenwerke der Herner Stadtgeschichtsforschung.

Dr. Susanne Peters-Schildgen
Kunsthistorikerin, Historikerin und Museumsleiterin
Geboren1963
in Herne

Herkunft und Ausbildung

Susanne Peters-Schildgen wurde 1963 in Herne geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Die Erfahrungen einer vom Bergbau, von industriellem Wandel und kultureller Vielfalt geprägten Region beeinflussten später ihre wissenschaftlichen Interessen nachhaltig. Insbesondere die Geschichte von Migration, Industrialisierung und regionaler Identität wurde zu einem Schwerpunkt ihrer historischen Arbeiten.

Nach dem Abitur studierte sie Kunstgeschichte, Philosophie und Archäologie an der Ruhr-Universität Bochum. Während des Studiums beschäftigte sie sich zunächst vor allem mit der italienischen Renaissancekunst und der Kunsttheorie des 15. Jahrhunderts.

1989 promovierte sie mit einer Dissertation über den Florentiner Maler Filippino Lippi. Unter dem Titel Die Bedeutung Filippino Lippis für den Manierismus. Unter besonderer Berücksichtigung der Strozzi-Fresken in Santa Maria Novella zu Florenz untersuchte sie die Stellung des Renaissancekünstlers innerhalb der Entwicklung der italienischen Malerei. Die Arbeit erschien als Band 3 der Reihe Kunstwissenschaft in der Blauen Eule und wurde in der kunsthistorischen Forschung positiv aufgenommen.

Wissenschaftliche Anfänge

Nach Abschluss ihrer Promotion absolvierte Peters-Schildgen von 1990 bis 1992 ein wissenschaftliches Volontariat am Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Hansestadt Lübeck. Dort arbeitete sie an zahlreichen Ausstellungen sowie an deren wissenschaftlichen Katalogen mit.

Bereits in dieser frühen Phase ihres Berufslebens zeigte sich die außergewöhnliche thematische Bandbreite ihrer Interessen. Neben der italienischen Renaissance veröffentlichte sie Beiträge zur norddeutschen Kunstgeschichte, zur Museumsgeschichte, zum Historismus, zur Denkmalpflege und zur zeitgenössischen Kunst.

Zu ihren wichtigsten kunsthistorischen Arbeiten dieser Jahre zählen Untersuchungen über den Lübecker Maler Johann Wilhelm Cordes, das Gemälde Brustbild zweier Knaben von Michael Sweerts sowie Beiträge zu den Ausstellungskatalogen Zwischenbilanz, Die neue Pracht und Faber in Italien. Darüber hinaus verfasste sie zahlreiche Künstlerbiographien für das Allgemeine Künstlerlexikon sowie später für das Lexikon der Düsseldorfer Malerschule.

Diese kunsthistorische Ausbildung prägte auch ihre spätere Tätigkeit als Ausstellungskuratorin. Charakteristisch für ihre Arbeit wurde die Verbindung wissenschaftlicher Forschung mit einer anschaulichen musealen Vermittlung. Historische Zusammenhänge sollten nicht ausschließlich wissenschaftlich dokumentiert, sondern für ein breites Publikum verständlich und erfahrbar gemacht werden.

Wechsel zur Regionalgeschichte

Mit ihrer Tätigkeit im Stadtarchiv Herne vollzog Peters-Schildgen Anfang der 1990er Jahre einen bemerkenswerten fachlichen Perspektivwechsel. Während ihre bisherigen Arbeiten vor allem der Kunstgeschichte galten, rückten nun Stadtgeschichte, Sozialgeschichte und Migrationsgeschichte des Ruhrgebiets in den Mittelpunkt.

Dieser Wechsel bedeutete jedoch keinen Bruch, sondern vielmehr eine Erweiterung ihrer wissenschaftlichen Arbeitsweise. Die Erfahrungen aus der Museumsarbeit und der Ausstellungskonzeption flossen unmittelbar in ihre historischen Projekte ein und führten zu einer Verbindung archivischer Forschung mit moderner Geschichtsvermittlung.

Tätigkeit im Stadtarchiv Herne (1993–1996)

1993 wechselte Susanne Peters-Schildgen als wissenschaftliche Mitarbeiterin an das Stadtarchiv Herne. Die Stelle war im Zusammenhang mit den Vorbereitungen zum hundertjährigen Stadtjubiläum eingerichtet worden und sollte ein größeres Forschungsprojekt zur Sozial- und Migrationsgeschichte der Stadt wissenschaftlich begleiten.

Während sich die Herner Stadtgeschichtsschreibung bis dahin vor allem mit der Entwicklung der Gemeinden, der Industrialisierung, dem Bergbau und der Kommunalpolitik beschäftigt hatte, rückte Peters-Schildgen erstmals die Geschichte der Zuwanderung als zentrales Element der Stadtentwicklung in den Mittelpunkt ihrer Forschungen. Sie vertrat die Auffassung, dass die Geschichte Hernes ohne die verschiedenen Einwanderungsbewegungen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht angemessen verstanden werden könne.

Die Arbeiten stützten sich auf eine außergewöhnlich breite Quellenbasis. Neben den Beständen des Stadtarchivs wurden Meldeunterlagen, Adressbücher, Einwohnerverzeichnisse, Kirchenbücher, Standesamtsregister, zeitgenössische Zeitungen, Fotografien, Firmenarchive sowie zahlreiche private Dokumente ausgewertet. Ergänzend führte Peters-Schildgen Zeitzeugeninterviews und sammelte Erinnerungen von Familien, die seit mehreren Generationen in Herne lebten oder erst nach dem Zweiten Weltkrieg zugezogen waren.

Die Untersuchungen machten deutlich, dass Herne bereits seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine ausgesprochene Zuwanderungsstadt gewesen war. Mit dem Ausbau der Steinkohlenzechen und der Eisen- und Stahlindustrie stieg der Arbeitskräftebedarf erheblich an. Zunächst kamen Arbeitskräfte aus den ländlichen Regionen Westfalens, des Sauerlandes und des Münsterlandes, später in wachsender Zahl aus den preußischen Ostprovinzen, insbesondere aus Posen, Westpreußen, Ostpreußen und Oberschlesien. Hinzu kamen Zuwanderer aus den Niederlanden, Belgien und anderen Teilen Europas.

Peters-Schildgen untersuchte dabei nicht nur die statistische Entwicklung der Bevölkerungsbewegungen, sondern fragte nach den Lebensbedingungen der Zugewanderten. Sie rekonstruierte Wohnverhältnisse, Arbeitsbedingungen, religiöse Bindungen, Vereinswesen, Schulbesuch, sprachliche Integration und den Aufbau neuer sozialer Netzwerke. Damit verlagerte sich der Blick von der reinen Verwaltungsgeschichte auf die Alltagsgeschichte der Bevölkerung.

Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Forschungen war die Entwicklung nationaler und konfessioneller Identitäten. Sie zeigte, dass viele Konflikte im rasch wachsenden Herne weniger auf ethnische Gegensätze als auf soziale Unterschiede, Konkurrenz um Wohnraum und Arbeitsplätze sowie konfessionelle Spannungen zurückzuführen waren. Gleichzeitig arbeitete sie heraus, wie schnell sich viele Zuwanderer wirtschaftlich und gesellschaftlich integrierten und damit entscheidend zur Entwicklung der Stadt beitrugen.

Von besonderer Bedeutung war die Einbeziehung der Zwangsarbeit während des Nationalsozialismus in die Migrationsgeschichte. Peters-Schildgen gehörte zu den ersten Historikerinnen in Herne, die dieses Thema systematisch in eine Gesamtdarstellung der Stadtgeschichte integrierten. Ebenso behandelte sie die Aufnahme von Flüchtlingen und Vertriebenen nach 1945 sowie die Anwerbung sogenannter Gastarbeiter seit den 1950er Jahren als Teil einer langfristigen Migrationsgeschichte.

Das Ausstellungsprojekt Auf dem Weg ins Paradies?

Den sichtbarsten Ausdruck fand das Forschungsprojekt in der Ausstellung Auf dem Weg ins Paradies? Wanderungsbewegungen im Ruhrgebiet am Beispiel Herne, die 1997 anlässlich des hundertjährigen Stadtjubiläums in den Flottmann-Hallen eröffnet wurde.

Die Ausstellung war weit mehr als eine klassische historische Dokumentation. Peters-Schildgen entwickelte eine moderne Präsentation, die originale Archivalien, großformatige Fotografien, Karten, statistische Auswertungen, persönliche Erinnerungsstücke, Hörstationen und biographische Fallbeispiele miteinander verband. Ziel war es, Geschichte nicht ausschließlich über Ereignisse und Institutionen zu erzählen, sondern aus der Perspektive der Menschen erfahrbar zu machen.

Inhaltlich gliederte sich die Ausstellung in mehrere Themenbereiche. Behandelt wurden die Industrialisierung und der enorme Bevölkerungszuwachs seit den 1870er Jahren, die Zuwanderung aus den preußischen Ostprovinzen, die Integration der katholischen Minderheit in einer überwiegend evangelisch geprägten Region, Migration und Vereinswesen, das Zusammenleben verschiedener Nationalitäten, die Situation während des Ersten Weltkriegs und der Weimarer Republik, die Verfolgung und Zwangsarbeit im Nationalsozialismus sowie Flucht, Vertreibung und Arbeitsmigration nach 1945.

Besonderes Gewicht legte Peters-Schildgen auf die Darstellung individueller Lebensgeschichten. Familienfotografien, Briefe, Ausweispapiere und Erinnerungsberichte machten deutlich, dass Migration stets mit persönlichen Hoffnungen, Verlusten und Neuanfängen verbunden war. Dieser biographische Zugang unterschied die Ausstellung von vielen früheren regionalhistorischen Präsentationen.

Die Ausstellung fand weit über Herne hinaus Beachtung. Sie wurde in Fachkreisen als beispielhaft für eine moderne Stadtgeschichtsausstellung gewürdigt, weil sie wissenschaftliche Forschung mit einer allgemein verständlichen Präsentation verband. Gleichzeitig regte sie zahlreiche Bürgerinnen und Bürger an, eigene Familiengeschichten und Dokumente zur Stadtgeschichte beizutragen. Damit trug das Projekt wesentlich zur Erweiterung der historischen Überlieferung des Stadtarchivs bei.

„Schmelztiegel“ Ruhrgebiet

Die wissenschaftlichen Ergebnisse des Forschungsprojektes veröffentlichte Peters-Schildgen 1997 unter dem Titel Schmelztiegel“ Ruhrgebiet. Die Geschichte der Zuwanderung am Beispiel Herne bis 1945.

Das Werk gehört bis heute zu den grundlegenden Darstellungen der Herner Stadtgeschichte. Erstmals wurde die Entwicklung der Stadt konsequent aus der Perspektive der Migration erzählt. Dabei verband die Autorin demographische Analysen, sozialgeschichtliche Fragestellungen und kulturhistorische Beobachtungen zu einer Gesamtdarstellung, die weit über eine reine Ausstellungspublikation hinausging.

Besondere Aufmerksamkeit widmete Peters-Schildgen der Frage, wie Migration die wirtschaftliche Entwicklung, das Vereinsleben, die Religionslandschaft, das Schulwesen und die politische Kultur Hernes nachhaltig veränderte. Sie zeigte, dass die Geschichte der Stadt seit dem Beginn der Industrialisierung ohne kontinuierliche Zuwanderung nicht denkbar gewesen wäre.

Auch Jahrzehnte nach seinem Erscheinen gilt das Buch als Standardwerk zur frühen Herner Migrationsgeschichte. Es wird regelmäßig in wissenschaftlichen Arbeiten zur Geschichte des Ruhrgebiets sowie in regionalgeschichtlichen Veröffentlichungen zitiert und bildet bis heute eine wichtige Grundlage für Forschungen zur Sozial- und Bevölkerungsgeschichte Hernes.

Museumstätigkeit nach der Herner Zeit (1997–2026)

Nach dem Abschluss des Projektes im Stadtarchiv Herne und der Publikation ihrer grundlegenden Studie zur Migrationsgeschichte wechselte Susanne Peters-Schildgen in den musealen Bereich und erweiterte damit ihr Tätigkeitsspektrum deutlich. Ihre berufliche Laufbahn führte sie zunächst in das Ruhrlandmuseum Essen und anschließend über viele Jahre hinweg an das Oberschlesische Landesmuseum in Ratingen-Hösel.

Diese Phase ist geprägt durch eine zunehmende Verbindung von wissenschaftlicher Forschung, Ausstellungskonzeption, Öffentlichkeitsarbeit und kulturpolitischer Vermittlungsarbeit im deutsch-polnischen Kontext.

Ruhrlandmuseum Essen

Unmittelbar nach ihrer Tätigkeit in Herne war Peters-Schildgen am Ruhrlandmuseum Essen tätig. Dort arbeitete sie im Bereich der wissenschaftlichen Museumsarbeit und der Ausstellungsentwicklung. Die in dieser Zeit gesammelten Erfahrungen im Umgang mit großformatigen kulturhistorischen Präsentationen sowie mit interdisziplinären Sammlungen wirkten sich nachhaltig auf ihre spätere museale Arbeit aus.

Ein Schwerpunkt lag auf der Verbindung von Alltagskultur, Industriegeschichte und regionalhistorischer Vermittlung – Themen, die auch für ihre spätere Arbeit im Oberschlesischen Landesmuseum bestimmend wurden.

Oberschlesisches Landesmuseum (2000–2021)

Von den frühen 2000er-Jahren an war Peters-Schildgen über zwei Jahrzehnte hinweg am Oberschlesischen Landesmuseum in Ratingen-Hösel tätig, einer zentralen Einrichtung zur Kultur- und Geschichte Oberschlesiens in Deutschland. Sie übernahm dort verschiedene Funktionen, unter anderem in den Bereichen Kuratierung, wissenschaftliche Kommunikation, Öffentlichkeitsarbeit sowie stellvertretende Museumsleitung.

Das Museum widmet sich der Bewahrung, Erforschung und Vermittlung der Geschichte und Kultur Oberschlesiens sowie der deutsch-polnischen und deutsch-tschechischen Kulturbeziehungen. Peters-Schildgen war maßgeblich an der Weiterentwicklung dieser Aufgaben beteiligt und profilierte das Haus als Ort der historischen Bildung und internationalen Verständigung.

In ihrer Arbeit verband sie kulturhistorische Forschung mit museumspädagogischen Konzepten. Ein besonderer Schwerpunkt lag dabei auf der Vermittlung komplexer historischer Themen wie Industrialisierung, Migration, Grenzverschiebungen und Erinnerungskultur.

Zu ihren wissenschaftlichen und publizistischen Beiträgen aus dieser Zeit zählen zahlreiche Aufsätze in Fachzeitschriften und Sammelbänden, darunter Beiträge zur Museumsentwicklung, zur regionalen Identitätsbildung sowie zur deutsch-polnischen Kulturarbeit.

Darüber hinaus war sie an verschiedenen Ausstellungskatalogen beteiligt, etwa zu Themen wie Adel in Schlesien, Alltagskultur, religiöse Traditionen und Industriegeschichte der Region. Ein wiederkehrendes Thema ihrer Arbeit war die Frage nach kultureller Zugehörigkeit und historischer Erinnerung im Kontext eines durch politische Umbrüche geprägten Grenzraums.

Im Laufe ihrer Tätigkeit übernahm Peters-Schildgen auch die stellvertretende Museumsleitung und war zeitweise in die kommissarische Leitung des Hauses eingebunden. Damit war sie wesentlich an organisatorischen, konzeptionellen und strategischen Entwicklungsprozessen des Museums beteiligt.

Wissenschaftliche Vermittlung und Publikationen

Neben der kuratorischen Tätigkeit veröffentlichte Peters-Schildgen kontinuierlich wissenschaftliche Beiträge. Dazu zählen kunsthistorische Aufsätze ebenso wie Arbeiten zur Museumsdidaktik und zur Kulturgeschichte Oberschlesiens.

Ihre Publikationen thematisieren unter anderem:

  • die Rolle von Museen als Orte kultureller Erinnerung,
  • grenzüberschreitende Kulturvermittlung zwischen Deutschland, Polen und Tschechien,
  • die Darstellung industrieller Kulturen im musealen Kontext,
  • sowie Fragen der regionalen Identität in postindustriellen Räumen.

Besonders hervorzuheben ist ihre Mitarbeit an Sammelbänden und landeskundlichen Reihen, in denen sie die museale Vermittlung historischer Themen mit theoretischen Überlegungen zur Geschichtskultur verband.

Museum der Stadt Gladbeck (2022-2026)

Im Mai 2022 übernahm Susanne Peters-Schildgen die Leitung des Museums der Stadt Gladbeck. Damit kehrte sie erneut in den kommunalen Museumsbereich des Ruhrgebiets zurück.

Das Museum versteht sich als regionalgeschichtliche Einrichtung mit Schwerpunkten auf Stadtgeschichte, Alltagskultur und gesellschaftlichem Wandel. Unter ihrer Leitung wurden sowohl die Dauerausstellungen als auch das Sonderausstellungsprogramm weiterentwickelt und stärker auf Vermittlungsarbeit, kulturelle Bildung und aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen ausgerichtet.

Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Tätigkeit lag auf der Verbindung von historischer Forschung und zeitgemäßer Ausstellungspraxis. Dazu gehören auch innovative museumspädagogische Formate, die historische Inhalte für unterschiedliche Zielgruppen zugänglich machen.

Am 28. April 2026 wurde Dr. Peters-Schildgen offiziell als Museumsleiterin verabschiedet. Die Bürgermeisterin Gladbecks, Bettina Weist, würdigte dabei ihr Fachwissen und Engagement.

Neben ihrer Leitungsfunktion ist Peters-Schildgen weiterhin in der wissenschaftlichen Vermittlung aktiv und moderiert regelmäßig Veranstaltungen, Vorträge und Gesprächsformate zu historischen und erinnerungskulturellen Themen.

Wirkung, Rezeption und Bedeutung für die Herner Stadtgeschichtsforschung

Die Arbeiten von Susanne Peters-Schildgen im Stadtarchiv Herne sowie ihre daraus hervorgegangene Publikation „Schmelztiegel“ Ruhrgebiet. Die Geschichte der Zuwanderung am Beispiel Herne bis 1945 markieren einen wichtigen Einschnitt in der neueren Herner Stadtgeschichtsschreibung. Erstmals wurde die Geschichte der Stadt systematisch aus der Perspektive langfristiger Wanderungsbewegungen und Migrationsprozesse interpretiert.

Während ältere Darstellungen der Herner Geschichte vor allem die Industrialisierung, den Bergbau, kommunalpolitische Entwicklungen und die Stadtwerdung in den Mittelpunkt stellten, verschob Peters-Schildgen den Fokus auf die Bevölkerungsgeschichte selbst. Migration wurde nicht mehr als Randphänomen verstanden, sondern als konstitutives Element der Stadtentwicklung.

Diese Perspektivverschiebung wirkte sowohl in der lokalen Geschichtsforschung als auch in der öffentlichen Geschichtskultur nachhaltig. Insbesondere das Stadtarchiv Herne griff die Ergebnisse des Projektes in späteren digitalen und analogen Vermittlungsformaten auf und stellte die Migrationsgeschichte der Stadt in einen breiteren europäischen Kontext.

Wissenschaftliche Einordnung

In der Fachwelt wurde das Projekt als Beispiel für eine gelungene Verbindung von Archivarbeit, regionalhistorischer Forschung und musealer Vermittlung wahrgenommen. Charakteristisch war die enge Verzahnung von empirischer Quellenarbeit und narrativer Darstellung. Neben klassischen archivalischen Quellen wurden auch Fotografien, statistische Daten sowie Interviews und Erinnerungsberichte systematisch einbezogen.

Diese methodische Kombination aus sozialhistorischer Analyse und Elementen der „oral history“ entsprach einem damals zunehmenden Trend der Geschichtswissenschaft, der die Perspektive der historischen Akteure stärker in den Mittelpunkt rückte. Die Herner Studie gilt in diesem Zusammenhang als frühes Beispiel einer lokalgeschichtlich ausgerichteten Migrationsforschung im Ruhrgebiet.

Besonders hervorgehoben wurde in der Rezeption die langfristige Perspektive der Untersuchung, die Migration nicht auf einzelne historische Phasen beschränkte, sondern als kontinuierlichen Prozess von der Industrialisierung bis in die Nachkriegszeit darstellte.

Bedeutung für die Herner Erinnerungskultur

Über den wissenschaftlichen Kontext hinaus hatte das Werk auch erhebliche Auswirkungen auf die lokale Erinnerungskultur. Die Ausstellung Auf dem Weg ins Paradies? machte Migrationsgeschichte erstmals in größerem Umfang öffentlich sichtbar und trug dazu bei, dass sich unterschiedliche Bevölkerungsgruppen stärker in der Stadtgeschichte repräsentiert sahen.

Die Präsentation in den Flottmann-Hallen verband historische Forschung mit einem partizipativen Ansatz. Bürgerinnen und Bürger wurden eingeladen, eigene Dokumente, Fotografien und Erinnerungen beizusteuern, wodurch das Stadtarchiv zusätzliche Bestände erhielt und die öffentliche Wahrnehmung der Stadtgeschichte erweitert wurde.

Die Darstellung der Zwangsarbeit im Nationalsozialismus sowie der Vertreibung und Flucht nach 1945 führte zudem zu einer stärkeren Integration bislang randständiger Themen in die lokale Geschichtsschreibung. Dadurch wurde ein breiterer Begriff von Stadtgeschichte etabliert, der auch problematische Kapitel der Vergangenheit einschließt.

Langfristige Wirkung

Die von Peters-Schildgen entwickelte Perspektive hat die Herner Stadtgeschichtsforschung nachhaltig beeinflusst. Spätere Publikationen, Ausstellungen und digitale Vermittlungsprojekte wie dieses Wiki greifen zentrale Fragestellungen ihrer Arbeiten auf, insbesondere die Rolle von Migration als strukturbildendem Faktor der Stadtentwicklung.

Auch im schulischen und museumspädagogischen Bereich fanden ihre Ansätze Eingang in die Vermittlung lokaler Geschichte. Die Verbindung von wissenschaftlicher Forschung, anschaulicher Präsentation und biographischem Zugang gilt heute als ein prägendes Merkmal moderner Herner Geschichtsarbeit.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass Susanne Peters-Schildgen mit ihrer Arbeit im Stadtarchiv Herne einen wesentlichen Beitrag zur Neubewertung der Stadtgeschichte geleistet hat, der weit über den ursprünglichen Projektkontext hinausreicht.

Schriften (Auswahl)

Die Publikationen von Susanne Peters-Schildgen umfassen kunsthistorische, regionalgeschichtliche und museumswissenschaftliche Arbeiten. Ein vollständiges Verzeichnis ihrer Veröffentlichungen würde mehr als hundert Titel umfassen und ist in verschiedenen Bibliographien (u. a. Clio-online, Oberschlesisches Landesmuseum) dokumentiert.

Monographien

  • Die Bedeutung Filippino Lippis für den Manierismus. Unter besonderer Berücksichtigung der Strozzi-Fresken in Santa Maria Novella zu Florenz. Dissertation, Essen 1989 (Kunstwissenschaft in der Blauen Eule, Bd. 3).
  • „Schmelztiegel“ Ruhrgebiet. Die Geschichte der Zuwanderung am Beispiel Herne bis 1945. Klartext Verlag, Essen 1997.

Ausgewählte Aufsätze und Beiträge

  • Zwischen Zufall und Planung. In: Ausstellungskatalog „Karin Witte – Bilder 1984–1991“, Lübeck 1991.
  • Die ersten beiden Toasts sind vorbehalten – Festdekorationen und Bankette im Historismus. In: Ausstellungskatalog „Die neue Pracht“, Lübeck 1991.
  • Von Rom nach Neapel. Das Itinerar Johann Joachim Fabers in Italien. In: Ausstellungskatalog „Faber in Italien“, Lübeck 1991.
  • Neues aus dem Oberschlesischen Landesmuseum. In: Schlesischer Kulturspiegel 3/2010.
  • Gemeinsames Kulturerbe und regionale Identität. In: Inter Finitimos 8/2010.
  • „Schlossgeschichten. Adel in Schlesien“ eröffnet. In: Schlesischer Kulturspiegel 2/2011.
  • 30 Jahre Oberschlesisches Landesmuseum in Ratingen. In: Globus 1/2013.
  • Ein wahrhaft edles Fräulein in Schlesien. In: Schlesien heute 7/2013.
  • Osterbrauchtum in Schlesien. In: Das schlesische Osterfest, Ratingen 2019.
  • Das goldene Ei – 10. Osterei-Ausstellung im Oberschlesischen Landesmuseum. In: ebd. 2019.

Museums- und landeskundliche Beiträge

  • Museumspädagogik im Oberschlesischen Landesmuseum. In: Schlesischer Kulturspiegel 3/2001.
  • Baustelle Museum: 25 Jahre Oberschlesisches Landesmuseum. In: Silesia Nova 3/2008.
  • Traditionsbewusste Inhalte modern präsentiert. In: Journal des Kreises Mettmann 29 (2009).
  • Lebendiger Dialog zwischen Ost und West. In: Die Quecke 83 (2013).

Ausstellungen (Auswahl)

Susanne Peters-Schildgen war an der Konzeption, wissenschaftlichen Begleitung oder Kuration zahlreicher Ausstellungen beteiligt.

Herne

  • 1997: Auf dem Weg ins Paradies? Wanderungsbewegungen im Ruhrgebiet am Beispiel Herne (Flottmann-Hallen, wissenschaftliche Leitung und Konzeption)

Ruhrgebiet / Rheinland

  • Projekte am Ruhrlandmuseum Essen (Ende 1990er Jahre, wissenschaftliche Mitarbeit)

Oberschlesisches Landesmuseum (2000–2021)

Mitwirkung an zahlreichen Sonderausstellungen, u. a.:

  • Schlossgeschichten – Adel in Schlesien
  • Grenzgänger. Alltag in einem geteilten Land
  • Silberfieber. Der Tarnowitzer Bergbau
  • Im Fluss der Zeit. Jüdisches Leben an der Oder
  • Vergessene Opfer der NS-Euthanasie
  • Oberschlesische Städte im Zweiten Weltkrieg
  • 1000 Kilometer westwärts – Geschichte des Oberschlesischen Landesmuseums

Museum der Stadt Gladbeck (2022-2026)

  • laufende Neukonzeption der Dauerausstellung
  • Entwicklung von Sonderausstellungsformaten zur Stadt- und Regionalgeschichte
    • "Von Schnittmustern, Nähmaschinen und Plätteisen"
    • "Vergessene Opfer der NS-Euthanasie"
    • "Busy Girl - Barbie macht Karriere"

Mitgliedschaften und Funktionen

  • Stellvertretende Vorsitzende des Forums Geschichtskultur an Ruhr und Emscher
  • Wissenschaftliche Netzwerke zur deutschen und polnischen Kulturgeschichte
  • Mitarbeit in kulturhistorischen Fachgremien (u. a. Museums- und Ausstellungswesen im Ruhrgebiet)

Würdigung

Susanne Peters-Schildgen zählt zu den Vertreterinnen einer historisch und museologisch vernetzten Regionalgeschichtsforschung im Ruhrgebiet, die wissenschaftliche Forschung, Ausstellungspraxis und öffentliche Geschichtsvermittlung miteinander verbindet.

Ihre frühen Arbeiten im Stadtarchiv Herne gelten als wichtiger Beitrag zur Etablierung der Migrationsgeschichte als zentralem Bestandteil der Stadtgeschichtsschreibung. Mit der Ausstellung Auf dem Weg ins Paradies? und der Publikation „Schmelztiegel“ Ruhrgebiet setzte sie in den 1990er Jahren neue Maßstäbe für die museale und wissenschaftliche Darstellung von Zuwanderungsgeschichte im Ruhrgebiet.

In ihrer späteren Tätigkeit am Oberschlesischen Landesmuseum und im Museum der Stadt Gladbeck setzte sie diese Verbindung von Forschung und Vermittlung konsequent fort und trug zur Weiterentwicklung moderner Ausstellungskonzepte im Bereich der Kultur- und Regionalgeschichte bei.

Literatur


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Quelle