Stadtverordnetenversammlungen und Rat der Stadt Herne

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.

Die kommunale Selbstverwaltung der Stadt Herne entwickelte sich mit der Verleihung der Stadtrechte am 1. April 1897. Mit der Stadtwerdung entstand eine Stadtverordnetenversammlung als politische Vertretung der Bürgerschaft. Die Verwaltung wurde zunächst durch den Magistrat unter Leitung des Bürgermeisters beziehungsweise Oberbürgermeisters geführt. Die Entwicklung der kommunalen Vertretung ist eng mit dem Wachstum Hernes von der Landgemeinde zur Großstadt und mit der Industrialisierung des Ruhrgebiets verbunden.

Eine besondere Entwicklung nahm die kommunale Selbstverwaltung nach dem Zweiten Weltkrieg. Nach britischem Vorbild wurde die bisherige Verbindung von politischer Vertretung und Verwaltungsleitung aufgelöst. An die Stelle des bisherigen Magistratssystems trat die sogenannte kommunale Doppelspitze aus dem ehrenamtlichen Oberbürgermeister als politischem Repräsentanten und dem hauptamtlichen Oberstadtdirektor als Leiter der Verwaltung.

Mit der kommunalen Neuordnung von 1975 wurde die Stadt Wanne-Eickel mit der Stadt Herne zusammengeschlossen. Seitdem gibt es eine gemeinsame Vertretung für das gesamte Stadtgebiet.

Herne bis 1975

Mit der Stadtwerdung Hernes 1897 wurde eine Stadtverordnetenversammlung eingerichtet. Die ersten Wahlen fanden im Januar 1897 noch nach dem damals geltenden preußischen Dreiklassenwahlrecht statt. 30 Stadtverordnete sollten das neue Stadtparlament bilden. Das Wahlrecht war dabei stark vom Steuer- beziehungsweise Einkommen abhängig und entsprach damit nicht heutigen demokratischen Vorstellungen.

Zu den frühen prägenden Kommunalpolitikern gehörte Jean Vogel, der nach der Stadtwerdung 1897 in das Stadtparlament gewählt wurde. Er war über viele Jahre Stadtverordnetenvorsteher beziehungsweise dessen Stellvertreter und wurde 1924 zum unbesoldeten Stadtrat ernannt. [1]

Die politische Arbeit der Stadtverordnetenversammlung umfasste unter anderem Stadtplanung, Straßenbau, Wohnungsbau, Versorgungseinrichtungen, Schulwesen und die Entwicklung der kommunalen Betriebe. Die Bedeutung des Gremiums wuchs mit der raschen Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklung der Stadt.

Die nationalsozialistische Machtübernahme 1933 beendete die demokratische kommunale Selbstverwaltung. Die Stadtverordnetenversammlung verlor ihre politische Eigenständigkeit und wurde in das nationalsozialistische Herrschaftssystem eingegliedert. Auch die Zusammensetzung des Magistrats und der kommunalen Verwaltung wurde verändert.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die kommunale Selbstverwaltung durch die britische Besatzungsmacht neu organisiert. 1946 entstanden wieder gewählte kommunale Vertretungen. Die Stadt Herne erhielt dabei die für Nordrhein-Westfalen typische kommunale Doppelspitze mit Oberbürgermeister und Oberstadtdirektor.

Eine Übersicht der Oberbürgermeister und der Verwaltungsleitung für diese Zeit bietet die Seite Bürgermeister und Oberbürgermeister Stadt Herne 1897-1974. Dort werden neben den Oberbürgermeistern auch Bürgermeister, Beigeordnete und Oberstadtdirektoren aufgeführt.

Zeitraum / Wahlperiode Vereinswiki
1897 Stadtverordneten-Versammlung Herne 1897
1908 Stadtverordneten-Versammlung Herne 1908
1910 Stadtverordneten-Versammlung Herne 1910
1914 Stadtverordneten-Versammlung Herne 1914
1922–1924 Stadtverordneten-Versammlung Herne 1922-1924
1924–1928 Stadtverordneten-Versammlung Herne 1924-1928
1928–1929 Stadtverordneten-Versammlung Herne 1928-1929
1929–1933 Stadtverordneten-Versammlung Herne 1929-1933
1933 Stadtverordneten-Versammlung Herne 1933
1945–1946 Stadtverordneten-Versammlung Herne 1945-1946
1946–1948 Stadtverordneten-Versammlung Herne 1946-1948
1948–1952 Stadtverordneten-Versammlung Herne 1948-1952
1952–1956 Stadtverordneten-Versammlung Herne 1952-1956
1956–1961 Stadtverordneten-Versammlung Herne 1956-1961
1961–1964 Stadtverordneten-Versammlung Herne 1961-1964
1964–1969 Stadtverordneten-Versammlung Herne 1964-1969
1969–1975 Stadtverordneten-Versammlung Herne 1969-1975

Wanne-Eickel

Auch die spätere Stadt Wanne-Eickel entwickelte eine eigene kommunale Vertretung. Wanne erhielt 1926 die Stadtrechte. Aus der bisherigen Amtsverwaltung entstand eine selbstständige Stadt mit eigener Stadtvertretung und eigener Verwaltung.

Die politische Entwicklung Wanne-Eickels wurde zunächst durch die Bürgermeister und später durch die Oberbürgermeister geprägt. Für die Zeit von 1926 bis zur Eingemeindung nach Herne 1975 führt das Vereinswiki eine eigene Übersicht der kommunalen Verwaltung.

Von besonderer Bedeutung sind dabei die Jahre 1946 bis 1974. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde auch in Wanne-Eickel das System der kommunalen Doppelspitze eingeführt. Die politische Vertretung lag beim Oberbürgermeister beziehungsweise bei den gewählten Vertretern, während der Oberstadtdirektor die Verwaltung leitete.

Eine Übersicht der Bürgermeister, Oberbürgermeister und Oberstadtdirektoren findet sich im Vereinswiki unter Oberbürgermeister, Bürgermeister und Dezernenten. Wanne-Eickel bis 1974.

Stadtverordneten Wanne-Eickel 1946

Die Stadtvertretung nach 1945

Nach 1945 entwickelte sich die Stadtverordnetenversammlung zunehmend zu einem zentralen politischen Entscheidungsorgan. Sie beschloss unter anderem Haushaltsfragen, Bauvorhaben, Straßenbenennungen, kommunale Einrichtungen und Maßnahmen des Wiederaufbaus.

Das Vereinswiki dokumentiert beispielsweise für 1953 zahlreiche Beschlüsse der Stadtverordnetenversammlung der Stadt Herne. Dazu gehörten die Benennung zahlreicher Straßen sowie die Gründung der Herner Gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaft. Gleichzeitig werden für Wanne-Eickel Beschlüsse des Rates dokumentiert. [2]

Mit der kommunalen Neugliederung zum 1. Januar 1975 endete die eigenständige kommunale Vertretung der Stadt Wanne-Eickel. Die neue Stadt Herne erhielt einen gemeinsamen Rat.

Stadtverordnetenversammlungen und Rat seit 1975

Seit der kommunalen Neuordnung wird die politische Vertretung der Gesamtstadt durch den Rat der Stadt Herne wahrgenommen. Im Vereinswiki wird dieser – entsprechend der historischen Bezeichnung der einzelnen Seiten – weiterhin als „Stadtverordneten-Versammlung“ bezeichnet.

Die vorhandenen Seiten dokumentieren die einzelnen Wahlperioden:

Wahlperiode Kommunalwahl Ergebnis / Inhalt Vereinswiki
1975–1979 4. Mai 1975 SPD 57,8 %, CDU 30,5 %, FDP 3,4 %, BG 7,1 % Stadtverordneten-Versammlung Herne 1975-1979
1979–1984 30. September 1979 SPD 58,4 %, CDU 32,0 %, FDP 2,6 %, BG 5,8 % Stadtverordneten-Versammlung Herne 1979-1984
1984–1989 30. September 1984 SPD 56,7 %, CDU 28,0 %, GRÜNE 8,8 %, FDP 1,1 %, BG 4,9 % Stadtverordneten-Versammlung Herne 1984-1989
1989–1994 1. Oktober 1989 SPD 56,6 %, CDU 26,7 %, GRÜNE 8,6 %, FDP 2,2 %, BG 4,3 % Stadtverordneten-Versammlung Herne 1989-1994
1994–1999 16. Oktober 1994 SPD 58,0 %, CDU 28,8 %, GRÜNE 9,3 %, FDP 1,3 %, REP 2,6 % Stadtverordneten-Versammlung Herne 1994-1999
1999–2004 12. September 1999 SPD 44,5 %, CDU 40,1 %, GRÜNE 6,4 %, LINKE 3,4 %, FDP 1,8 %, REP 3,7 % Stadtverordneten-Versammlung Herne 1999-2004
2004–2009 26. September 2004 SPD 44,6 %, CDU 31,2 %, GRÜNE 8,4 %, LINKE 3,4 %, FDP 3,3 %, REP 4,7 % Stadtverordneten-Versammlung Herne 2004-2009
2009–2014 30. August 2009 SPD 45,4 %, CDU 25,9 %, GRÜNE 9,3 %, LINKE 7,4 %, FDP 6,4 % Stadtverordneten-Versammlung Herne 2009-2014
2014–2020 25. Mai 2014 SPD 44,8 %, CDU 25,9 %, GRÜNE 9,3 %, LINKE 6,2 % Stadtverordneten-Versammlung Herne 2014-2020
2020–2025 13. September 2020 SPD 44,14 %, CDU 20,01 %, GRÜNE 15,81 %, AfD 8,49 % Stadtverordneten-Versammlung Herne 2020-2025
2025–2030 14. September 2025 SPD 37,02 %, AfD 22,44 %, CDU 17,84 %, GRÜNE 8,46 % Stadtverordneten-Versammlung Herne 2025-2030

Die Seiten zeigen zugleich die Entwicklung der Parteienlandschaft. Während die kommunale Politik nach 1945 zunächst stark durch SPD und CDU geprägt war, kamen seit den 1980er Jahren weitere Parteien und Wählergruppen hinzu. Seit den 1990er Jahren ist die Zusammensetzung des Rates zunehmend vielfältig.

Von der Stadtverordnetenversammlung zum Rat

Die Bezeichnung „Stadtverordnetenversammlung“ ist historisch und wird im Vereinswiki vor allem zur Benennung der einzelnen Wahlperioden verwendet. Rechtlich handelt es sich seit der kommunalen Neuordnung und insbesondere nach der Einführung der nordrhein-westfälischen Kommunalverfassung um den Rat der Stadt Herne.

Die Entwicklung lässt sich daher vereinfacht in mehrere Phasen gliedern:

Zeitraum Kommunale Vertretung Charakter
bis 1897 Gemeindliche Vertretung Landgemeinde Herne
1897–1933 Stadtverordnetenversammlung und Magistrat kommunale Selbstverwaltung der Stadt Herne
1933–1945 kommunale Vertretung unter nationalsozialistischer Herrschaft Ende der demokratischen Selbstverwaltung
1945/46–1975 Stadtverordnetenversammlung und Oberbürgermeister/Oberstadtdirektor kommunale Doppelspitze
1926–1974 Stadtvertretung Wanne-Eickel eigenständige Stadt Wanne-Eickel
ab 1975 Rat der Stadt Herne gemeinsame kommunale Vertretung für Herne und Wanne-Eickel

Bedeutung für die Stadtgeschichte

Die Geschichte der Stadtverordnetenversammlungen ist zugleich ein Spiegel der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung Hernes. An den Zusammensetzungen der Stadtvertretungen lassen sich Industrialisierung, Arbeiterbewegung, politische Umbrüche, Nationalsozialismus, Wiederaufbau, Strukturwandel und die Entwicklung der Parteienlandschaft nachvollziehen.

Für die Stadtgeschichte besonders interessant sind deshalb nicht nur die Wahlergebnisse, sondern auch die einzelnen Stadtverordneten, Bürgermeister, Oberbürgermeister, Stadträte und Beigeordneten. Zahlreiche dieser Personen sind im Wiki des Historischen Vereins in eigenen Artikeln dokumentiert.

Weiterführende Seiten im Wiki des Historischen Vereins

Thema Seite im Vereinswiki
Bürgermeister und Oberbürgermeister Herne 1897–1974 Bürgermeister und Oberbürgermeister Stadt Herne 1897-1974
Bürgermeister und Oberbürgermeister Wanne-Eickel 1926–1974 Oberbürgermeister, Bürgermeister und Dezernenten. Wanne-Eickel bis 1974
Herne 1975–1979 Stadtverordneten-Versammlung Herne 1975-1979
Herne 1979–1984 Stadtverordneten-Versammlung Herne 1979-1984
Herne 1984–1989 Stadtverordneten-Versammlung Herne 1984-1989
Herne 1989–1994 Stadtverordneten-Versammlung Herne 1989-1994
Herne 1994–1999 Stadtverordneten-Versammlung Herne 1994-1999
Herne 1999–2004 Stadtverordneten-Versammlung Herne 1999-2004
Herne 2004–2009 Stadtverordneten-Versammlung Herne 2004-2009
Herne 2009–2014 Stadtverordneten-Versammlung Herne 2009-2014
Herne 2014–2020 Stadtverordneten-Versammlung Herne 2014-2020
Herne 2020–2025 Stadtverordneten-Versammlung Herne 2020-2025
Herne 2025–2030 Stadtverordneten-Versammlung Herne 2025-2030
Kommunalpolitische Entwicklung Wahlen in Herne
Kommunalpolitiker Jean Vogel Jean-Vogel-Straße
Historische Stadtentwicklung Gegen alle Widerstände
Stadtgeschichte 1953 1953

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Historischer Verein Herne/Wanne-Eickel: Jean-Vogel-Straße.
  2. 1953.