Schwarze Kunstwerke der Bergbaugeschichte - Kohlekeramische Medaillen
Kohlekeramische Medaillen
Schwarze Kunstwerke der Bergbaugeschichte – mit Schwerpunkt Wanne-Eickel
Einleitung
Viele Bürgerinnen und Bürger werden sie noch kennen: die oftmals handtellergroßen schwarzen Plaketten und Medaillen aus einem ungewöhnlichen Werkstoff – der Kohlekeramik. Wegen ihrer meist geringen Auflage waren und sind diese hochkünstlerischen Kostbarkeiten begehrte Sammlerobjekte, nicht nur bei Bergleuten, sondern auch bei heimatgeschichtlich interessierten Bürgern.
Gerade im ehemaligen Wanne-Eickel spiegeln kohlekeramische Medaillen in besonderer Weise die bergbauliche Entwicklung und das kulturelle Leben der Stadt wider.
Historische Entwicklung der Kohlekeramik
Die Geschichte der Keramik aus Kohlenstaub reicht bis in die Not- und Inflationszeit nach dem Ersten Weltkrieg zurück. In jener Zeit wurden sogar Münzen aus Kohlenstaub gepresst und als gesetzliche Zahlungsmittel in Umlauf gebracht. Allerdings wanderten diese rasch als Kuriositäten in Sammlerhände.
Danach erlahmte das Interesse an dem außergewöhnlichen Werkstoff – bis zu seiner Wiedergeburt im Jahr 1947.
Im selben Jahr wurde die „Kohlekeramische Anstalt“ des Steinkohlenbergwerks Hannover-Hannibal AG gegründet. Sie befand sich auf dem Zechengelände in Bochum-Hordel und bestand bis zu ihrer Schließung im Jahr 1967. Dort entstanden:
- künstlerische Plaketten
- Reliefbilder
- Plastiken
- Schalen
Wand- und Ehrengaben für zahlreiche Städte des Ruhrgebiets
Noch im Gründungsjahr entwickelte man ein neues Herstellungsverfahren. Es erlaubte erstmals die Verwendung jeder Steinkohlensorte, selbst minderwertiger Kohle und Kohlenstäube. Bis dahin durften nur bestimmte Kohlen mit definierter Dichte und Fettgehalt unmittelbar nach der Förderung verarbeitet werden.
Das Herstellungsverfahren
Bedeutend für das neue Verfahren war die außergewöhnliche Feinheit des Ausgangsmaterials. Die Korngröße betrug lediglich 0,06 Millimeter – fein genug, um ein Sieb mit 10.000 Maschen pro Quadratzentimeter zu passieren.
Der Herstellungsprozess umfasste:
- Feinmahlung des Kohlenstaubs
- Pressung unter hohem Druck
- Brennvorgang bei 1.000 bis 1.300 °C
- Prägung mit schweren Stahlstempeln
Diese Feinheit ermöglichte die Wiedergabe selbst kleinster Konturen und Zeichnungen. Gleichzeitig wurde dadurch die Härte und Festigkeit des Materials erheblich gesteigert.
In der Festschrift „Hundert Jahre Zechen Hannover-Hannibal“ aus dem Jahr 1947 heißt es enthusiastisch:
„Der neue Werkstoff wird treffend durch das Wort Kohlekeramik gekennzeichnet. Die Entwicklung steht durchaus noch am Anfang, und es dürfte der Zeitpunkt nicht mehr fern sein, wo die Kohle als schwarzes Porzellan mit dem weißen Porzellan auf dem kunstgewerblichen Markt konkurriert.“
Rückblickend erwies sich diese Aussage als visionär – doch der große kunstgewerbliche Durchbruch blieb aus.
Kohlekeramik in Wanne-Eickel
Wanne-Eickel war nicht nur Standort bedeutender Zechen, sondern auch ein aktiver Ort der Präsentation und Nutzung kohlekeramischer Kunstwerke.
Im Frühjahr 1963 fand in den Räumen der Sparkasse Wanne-Eickel die letzte große kohlekeramische Ausstellung statt. Anlässlich dieser Ausstellung veranstaltete die Bank eine Tombola, bei der zahlreiche Kohlekeramik-Produkte verlost wurden.
Mit der Stilllegung vieler Schächte endete jedoch auch dieses Kapitel. 1967 stellte die Kohlekeramische Anstalt in Bochum ihren Betrieb ein. Die patentrechtliche Nutzung wurde verkauft; unter Leitung der Bergwerksverband GmbH in Essen-Frillendorf wurden die Erzeugnisse noch bis 1986 hergestellt. Damit schloss sich ein weiteres Kapitel der reichen bergbaulichen Vergangenheit des Ruhrgebiets.
Wanne-Eickeler Motive und Exemplare
Bis heute können nach Heinrich Lührig für Wanne-Eickel 19 kohlekeramische Medaillen nachgewiesen werden. Ihre Motive sind vielfältig und spiegeln die bergbauliche Entwicklung sowie das kulturelle Leben der Stadt wider.
Beispiele:
1. „Stadt der Tausend Züge – Wanne-Eickel“
- Vorderseite: Stadt der Tausend Züge – Wanne-Eickel
- Rückseite: „Vollendung des 5000. elektrifizierten Kilometers.
- 2. Oktober 1963
- auf der Bundesbahnstrecke Wanne-Eickel Hbf. nach Haltern in Westf.“
Diese Medaille dokumentiert die verkehrstechnische Bedeutung Wanne-Eickels als Eisenbahnknotenpunkt.
2. 1. Europäische Amateur-Theatertage 1968
- Vorderseite: Wanne-Eickel – Wappen
- Rückseite: 1. Europäische Amateur-Theatertage 1968
Sie belegt, dass Kohlekeramik nicht nur bergbauliche Themen, sondern auch kulturelle Ereignisse würdigte.
3. Ruderverein Emscher Wanne-Eickel-Herten e.V.
- Vorderseite: „In Anerkennung rudersportlicher Leistungen
Ruderverein Emscher Wanne-Eickel-Herten e.V.“ - Rückseite: leer
Hier zeigt sich die Verwendung als sportliche Ehrenmedaille.
4. Stadt Wanne-Eickel – Wappen
- Vorderseite: Stadtwappen mit Balken – für Gravur frei
- Rückseite: leer
Diese Exemplare dienten häufig als persönliche Ehrengaben mit individueller Gravur.
Die letzte Wanne-Eickeler Kohlekeramik
Die letzte bekannte Wanne-Eickeler Kohlekeramik entstand 1975 anlässlich des 90-jährigen Jubiläums des TV Wanne. Zu diesem Zeitpunkt hatten bereits zahlreiche Kohleschächte ihre Förderung eingestellt – der Strukturwandel war in vollem Gange.
Mit dem Ende der industriellen Fertigung verschwand auch die Kohlekeramik zunehmend aus dem öffentlichen Bewusstsein. Heute sind die Medaillen seltene Zeugnisse einer Epoche, in der Kohle nicht nur Energieträger, sondern auch künstlerischer Werkstoff war.
Bedeutung für die lokale Erinnerungskultur
Kohlekeramische Medaillen sind weit mehr als dekorative Sammlerstücke. Sie sind:
- materielle Zeugnisse der Industriekultur
- Dokumente städtischer Selbstrepräsentation
- Spiegel des gesellschaftlichen Lebens
- Ausdruck bergmännischen Selbstbewusstseins
Für den Historischen Verein Herne-Wanne-Eickel bieten sie ein spannendes Forschungsfeld. Die systematische Erfassung der bislang bekannten 19 Exemplare, ihre fotografische Dokumentation sowie die Erforschung ihrer Entstehungskontexte könnten einen wichtigen Beitrag zur regionalen Geschichtsschreibung leisten.
Schlussbetrachtung
Die Kohlekeramik war ein Werkstoff mit Vision – „schwarzes Porzellan“, geboren aus dem industriellen Herz des Ruhrgebiets. In Wanne-Eickel hinterließ sie bleibende Spuren: als Ehrengabe, als Jubiläumsmedaille, als kulturelles Erinnerungszeichen. Heute sind diese schwarzen Kunstwerke stille Zeugen einer großen bergbaulichen Vergangenheit – und zugleich wertvolle Objekte regionaler Identität.
Weblinks
- https://www.medizin.uni-muenster.de/fakultaet/news/das-vergessene-schwarze-porzellan-juergen-huesmann-sammelt-seit-ueber-40-jahren-kohlekeramik.html
- https://www.lwl.org/pressemitteilungen/nr_mitteilung.php?urlID=37201
- https://www.lwl.org/pressemitteilungen/nr_mitteilung.php?urlID=25746
Literatur
- LWL-Industriemuseum (Hrsg.); Cordula Obergassel: Kohlekeramik - vom industriellen Werkstoff zum regionaltypischen Sammelobjekt. 1. Aufl.; Essen, 2011; S. 6-12 : Ill.[1]
- Jürgen Huesmann: Kohlekeramik: das "Schwarze Porzellan" des Ruhrgebiets. 2022. ISBN 9783923891252
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