Orgelschichte der Kreuzkirche (Herne)
Die Orgel der Kreuzkirche in Herne gehört zu den bedeutendsten historischen Kirchenorgeln der Stadt und stellt zugleich ein bemerkenswertes Zeugnis der deutschen Orgelbaugeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts dar. Das heutige Instrument vereint erhaltene Bestandteile der ursprünglichen Orgel von Johann Friedrich Schulze & Söhne aus dem Jahr 1877 mit Erweiterungen der Firma E. F. Walcker & Cie. von 1902 sowie späteren Umbauten und einer umfassenden Restaurierung im Jahr 2010.
Durch den ungewöhnlich hohen Anteil erhaltener historischer Pfeifenbestände besitzt die Orgel nicht nur für die Kirchengemeinde, sondern auch für die regionale Kultur- und Musikgeschichte des Ruhrgebiets besondere Bedeutung.
Geschichte
Erste Orgel
Die Orgelbauanstalt Johann Friedrich Schulze & Söhne aus Paulinzella in Thüringen stellte der neuen Kreuzkirche kurzzeitig eine kleine 6 Register umfassende Orgel zu Verfügung. Diese wurde noch 1877 an die neue Christus Kirche in Castrop-Rauxel verkauft.
Neubau 1877
Mit der Fertigstellung der neugotischen Kreuzkirche erhielt die Gemeinde 1877 eine neue Orgel der renommierten Orgelbauanstalt Johann Friedrich Schulze & Söhne aus Paulinzella in Thüringen.[2]
Die Werkstatt Schulze gehörte im 19. Jahrhundert zu den bedeutendsten deutschen Orgelbauunternehmen. Das Instrument war dem romantischen Klangideal verpflichtet und verfügte über kräftige Grundstimmen sowie einen für den Gemeindegesang geeigneten Gesamtklang.[3]
Erweiterung durch Walcker 1902
1902 wurde die Orgel durch die Ludwigsburger Firma E. F. Walcker & Cie. erweitert.[4]
Dabei blieb ein großer Teil des vorhandenen Schulze-Bestandes erhalten. Die Erweiterung vergrößerte die klanglichen Möglichkeiten erheblich und orientierte sich am spätromantischen, symphonischen Orgelideal der Zeit.
Umbauten im 20. Jahrhundert
1954 führte die Firma Alfred Raupach aus Hattingen Veränderungen am Instrument durch.[5]
Einen tiefgreifenden Umbau nahm 1979 Klaus Becker aus Kupfermühle vor. Dabei wurden die ursprünglichen Kegelladen durch Schleifladen ersetzt, die Spieltraktur mechanisiert und ein Rückpositiv eingebaut.[6] Die Eingriffe veränderten den historischen Charakter des Instruments erheblich. Zahlreiche originale Pfeifen wurden entfernt oder an andere Gemeinden abgegeben.
Restaurierung 2010
Von Mai bis November 2010 erfolgte eine umfassende Restaurierung durch die Werkstatt Schumacher aus Baelen (Belgien) und den Orgelbauer Björn-Daniel Reich.[7]
Ziel war die Wiedergewinnung des historischen Klangbildes unter weitgehender Erhaltung der vorhandenen Substanz. Besonderes Aufsehen erregte die Rückführung zahlreicher Pfeifen, die bei früheren Umbauten ausgebaut worden waren. Durch Spenden und Rückgaben aus Gemeindebesitz konnten mehrere historische Register teilweise rekonstruiert werden.[8]
Die Wiedereinweihung fand am 28. November 2010 statt.[9]
Technische Daten
Erbauer: Johann Friedrich Schulze & Söhne (1877) Erweiterung: E. F. Walcker & Cie. (1902) Umbauten: Alfred Raupach (1954), Klaus Becker (1979) Restaurierung: Schumacher / Björn-Daniel Reich (2010) 3 Manuale Pedal 35 Register Mechanische Spiel- und Registertraktur
„Disposition und Registergeschichte“
Entwicklung der Disposition
Die heutige Orgel stellt kein Instrument eines einzelnen Baujahres dar. Vielmehr vereint sie Register und Pfeifenmaterial aus mehreren Bauphasen. Nach Angaben der Restaurierung von 2010 waren noch Register aus sämtlichen wichtigen Umbauphasen vorhanden.[10]
| Bauphase | Orgelbauer | Erhaltene Register bzw. Registeranteile (2010) |
|---|---|---|
| 1877 | Johann Friedrich Schulze & Söhne, Paulinzella | 16 Register |
| 1902 | E. F. Walcker & Cie., Ludwigsburg | 10 Register |
| 1954 | Alfred Raupach, Hattingen | 9 Register |
| 1979 | Klaus Becker, Kupfermühle | 2 Register |
| 2010 | Schumacher (Baelen) / Björn-Daniel Reich (Köln) | Rekonstruktionen und Ergänzungen nach historischem Vorbild |
Disposition seit 2010
Legende:
- S = Schulze (1877)
- W = Walcker (1902)
- R = Raupach (1954)
- B = Becker (1979)
- N = Neubau bzw. Rekonstruktion 2010
| Rückpositiv | Herkunft | Hauptwerk | Herkunft |
|---|---|---|---|
| Gemshorn 8′ | W | Bordun 16′ | S |
| Lieblich Gedackt 8′ | S | Prinzipal 8′ | W |
| Prinzipal 4′ | B | Hohlflöte 8′ | S |
| Gedackt 4′ | B | Gambe 8′ | teilweise W |
| Oktave 2′ | N | Oktave 4′ | S/B |
| Flöte 2′ | N | Rohrflöte 4′ | W |
| Sesquialter II | R | Quinte 2⅔′ | S |
| Quinte 1⅓′ | R | Oktave 2′ | R |
| Zimbel III | N | Mixtur IV | R |
| Dulzian 8′ | N | Trompete 8′ | teilweise W |
| Schwellwerk | Herkunft | Pedal | Herkunft |
|---|---|---|---|
| Lieblich Gedackt 16′ | S | Prinzipal 16′ | W |
| Geigenprinzipal 8′ | W | Subbass 16′ | S |
| Salicional 8′ | S | Oktavbass 8′ | S/N |
| Voix céleste 8′ | W | Violoncello 8′ | W/N |
| Oktave 4′ | W | Gedacktbass 8′ | S |
| Flûte harmonique 4′ | W | Choralbass 4′ | W |
| Viola 4′ | S | Posaune 16′ | S |
| Harmonia aetheria III | W | Trompete 8′ | N |
| Oboe 8′ | W | Clarion 4′ | R |
Disposition des Becker-Umbaus (1979–2010)
| Rückpositiv | Hauptwerk | Schwellwerk | Pedal |
|---|---|---|---|
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Wiederbeschaffung historischen Pfeifenmaterials
Eine Besonderheit der Restaurierung von 2010 war die Rückführung historischer Pfeifen. Während der Umbauten der 1950er und 1970er Jahre waren zahlreiche Pfeifen als entbehrlich angesehen und verkauft oder verschenkt worden. Nach einem Aufruf der Kirchengemeinde konnten zahlreiche dieser ursprünglich verloren geglaubten Bestandteile zurückgewonnen werden. Besonders betroffen waren die Register Trompete 8′ und Gambe 8′ des Hauptwerks aus dem Walcker-Umbau von 1902.[11]
Bedeutung
Die Kreuzkirchenorgel nimmt innerhalb der Herner Orgellandschaft eine herausragende Stellung ein. Sie bewahrt wesentliche Teile zweier bedeutender deutscher Orgelbauwerkstätten des 19. Jahrhunderts und dokumentiert zugleich die wechselnden Auffassungen der Orgeldenkmalpflege im 20. Jahrhundert.
Durch die Restaurierung von 2010 konnte ein großer Teil des historischen Klangmaterials erhalten und wieder nutzbar gemacht werden. Das Instrument gilt heute als eines der wichtigsten historischen Zeugnisse des Orgelbaus in Herne.
Einzelnachweise
- ↑ https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Schulze-Orgel_Kreuzkirche_Herne_03.jpg
- ↑ Orgel-Information.de: Herne, Kreuzkirche, abgerufen am 6. Juni 2026.
- ↑ Pfadenhauer, Björn: Die Orgeln der Kreuzkirche Herne. In: Die Orgel der Kreuzkirche zu Herne. Festschrift zur Wiedereinweihung am 28. November 2010, Herne 2010.
- ↑ Orgel-Information.de: Herne, Kreuzkirche, abgerufen am 6. Juni 2026.
- ↑ Wikipedia: Kreuzkirche (Herne), abgerufen am 6. Juni 2026.
- ↑ OrganIndex: Herne, Kreuzkirche, abgerufen am 6. Juni 2026.
- ↑ Pfadenhauer, Björn: Die Orgeln der Kreuzkirche Herne. In: Die Orgel der Kreuzkirche zu Herne. Festschrift zur Wiedereinweihung am 28. November 2010, Herne 2010.
- ↑ Orgel-Information.de: Herne, Kreuzkirche, abgerufen am 6. Juni 2026.
- ↑ Historisches Wiki Herne/Wanne-Eickel: Kreuzkirche, abgerufen am 6. Juni 2026.
- ↑ OrganIndex: Herne, Kreuzkirche, abgerufen am 6. Juni 2026.
- ↑ Daniel Kunert: Die Orgel der Kreuzkirche in Herne, Orgel-Information.de, abgerufen am 6. Juni 2026.
Literatur
Pfadenhauer, Björn: Die Orgeln der Kreuzkirche Herne. In: Die Orgel der Kreuzkirche zu Herne. Festschrift zur Wiedereinweihung am 28. November 2010. Herne 2010. Evangelische Kreuzkirchengemeinde Herne (Hrsg.): Die Orgel der Kreuzkirche zu Herne. Festschrift zur Wiedereinweihung am 28. November 2010. Herne 2010. OrganIndex: Herne, Kreuzkirche. Orgel-Information.de: Herne, Kreuzkirche. Historisches Wiki Herne/Wanne-Eickel: Kreuzkirche.
Weblinks
Kreuzkirche Herne Orgel-Information.de – Herne, Kreuzkirche OrganIndex – Herne, Kreuzkirche
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