Holthausen - Es brennt 1876-1882

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel
Der Steigerturm des Dorfes Holthausen 1906-1956

Die ehemalige Landgemeinde Holthausen – heute ein Ortsteil von Herne – wurde in den Jahren 1876 bis 1877 von einer außergewöhnlichen Serie schwerer Brände erschüttert. Die Ereignisse prägten das kollektive Gedächtnis der Bevölkerung über Jahrzehnte hinweg. Noch in den 1960er Jahren erinnerte der Heimatforscher Friedrich Hausemann daran, dass Holthausen im Volksmund zeitweise „Brandhusen“ genannt wurde. Die Bevölkerung vermutete hinter den wiederkehrenden Feuern vorsätzliche Brandstiftung und sprach sogar von einem „Geist“, der aus dem Emscherbruch oder von den Holthauser Höhen komme und Unglück bringe.

Holthausen war damals eine kleine bäuerlich geprägte Gemeinde im Amt Castrop. Erst der beginnende Bergbau der Zechen Erin in Castrop und der Zeche Friedrich der Große leitete in den 1870er Jahren den Wandel ein.[1]

Die ersten bekannten Großbrände

Bereits im Dezember 1876 häuften sich die Brandfälle in den Bauerschaften rund um Holthausen. Die Zeitung berichtete am 23. Dezember 1876:

„Am Samstage den 16. d. Mts., Abends gegen 8 Uhr, brannte die Scheune des Herrn Lueg in Börsinghausen, und Sonntag den 17. d. Mts., fast um dieselbe Stunde, das Wohnhaus und Oeconomiegebäude des Herrn Türich in Holthausen.“

Weiter hieß es:

„Allgemein ist man aber der Ansicht, daß eine ruchlose Hand im Spiele steht, welche die Fackel der Brandstiftung von einem Orte zum andern trägt, Elend und Tod nicht achtend.“

Besonders tragisch war der Tod des Castroper Bürgers Joseph Schürholz, der beim Versuch, Hausrat aus dem brennenden Gebäude zu retten, von einer einstürzenden Wand erschlagen wurde:

„Fast den letzten Gegenstand der verheerenden Gluth noch entrissen, eilt der Gute, zur eigenen Rettung den sicheren Ort zu finden und wird von einer nachstürzenden Wand erreicht und erdrückt.“[2]

Die damaligen Berichte zeigen zugleich die Schwierigkeiten der Brandbekämpfung auf dem Land. Eine organisierte Feuerwehr existierte in Holthausen noch nicht. Kritisiert wurde die mangelnde Koordination der Helfer:

„Die Menge [habe] mehr dem Bilde einer zusehenden Schaar als dem einer rettenden Nachbarschaft ähnlich gewesen.“[3]

Dankanzeigen der Betroffenen

Die Brandopfer veröffentlichten kurz darauf öffentliche Danksagungen. G. Türich schrieb:

„Für die große Theilnahme und Hülfeleistung bei dem mich betroffenen Brandunglücke statte ich hiermit meinen wärmsten Dank ab.“[4]

Auch W. Eckmann vom Gut Graßkamp dankte den Helfern:

„Allen Denen, welche mir beim Brande der Türich'schen Besitzung so thätige und erfolgreiche Hülfe geleistet haben, spreche hiermit meinen herzlichsten Dank.“[5]

Angst vor Brandstiftern

Die Furcht der Bevölkerung nahm Anfang 1877 dramatische Ausmaße an. Im Protokoll der Gemeindeversammlung vom 6. Januar 1877 heißt es wörtlich:

„Seit dem 1. Oktober sind in dieser Gemeinde 6 Brände vorgekommen, wodurch 10 Gebäude total in Asche gelegt sind.“

Weiter wurde festgehalten:

„Da bei dem letzten Brande vom 31. Dezember auf den 1. Januar noch an 2 anderen Stellen Feuer zu legen versucht wurde, vermutet man, daß böswillige Hand gesonnen ist, die ganze Gemeinde in Asche zu legen.“

Sogar konkrete Drohungen sollen kursiert haben:

„Auch ist von einer gewissen Person gesagt worden, sie wolle ganz Holthausen in Brand stecken.“

Die Gemeinde bat deshalb den Landrat Freiherrn von Rynsch um die Entsendung eines Polizeiagenten sowie um militärische Unterstützung:

„Wir bitten den Landrat Freiherrn von Rynsch einen Polizeiagenten zu schicken, für den die Gemeinde 1000 Mark bewilligt. Auch bitten wir, uns 20 bis 30 Mann Militär auf unbestimmte Zeit zu lassen.“

Unterzeichnet wurde das Schreiben unter anderem von Eckmann, Türich, Lueg und Vetthake.

Im Februar 1877 wurde erneut festgestellt:

„Im Laufe von 3 Monaten [sind] 5 große Brände vorgekommen und 10 Gebäude und 2 Stallungen eingeäschert.“

Daraufhin beschloss die Gemeinde im März 1877 die Einrichtung von Feuerwachen.[6]

Der Brand vom Oktober 1877

Trotz aller Maßnahmen kam es im Herbst 1877 erneut zu einem schweren Feuer. Die Zeitung meldete am 5. Oktober 1877:

„Heute Abend gegen neun Uhr brannte die neue mit Frucht gefüllte Scheune des Oekonomen Herrn Türich hierselbst total nieder.“[7]

Wenige Tage später wurde die Meldung korrigiert. Tatsächlich war die alte Scheune abgebrannt:

„Daß auch hierbei wieder Brandstifter thätig gewesen sind, steht außer Zweifel.“

Der Bericht schildert außerdem die große Gefahr für das gesamte Dorf:

„Dieser Brand konnte bei etwas starkem Winde für einen großen Theil von Holthausen sehr verhängnißvoll werden.“

Und weiter:

„In Jahresfrist sind nun in der Gemeinde Holthausen 10 Brände vorgekommen und durch dieselben 16 Gebäude zerstört worden.“[8]

Feuerwachen statt Feuerwehr

Die Gemeinde reagierte vor allem mit Nachtwachen. Im Protokoll vom 12. Oktober 1877 wurde beschlossen, die Wachen bei Vetthake, Türich und Risse aus der Gemeindekasse zu bezahlen.

Bemerkenswert ist jedoch, dass die Gemeindevertretung noch Jahre später zögerte, moderne Löschtechnik anzuschaffen. Im Sitzungsprotokoll vom 7. Januar 1882 heißt es knapp:

„Die Anschaffung von Feuerlöschgerätschaften wird abgelehnt!“[9]

Erst im Jahre 1906 wurde eine Freiwillige Feuerwehr in Holthausen gegründet.

Historische Einordnung

Die Brandserie fiel in eine Zeit tiefgreifender Veränderungen. Holthausen war noch stark landwirtschaftlich geprägt, zugleich begann mit der Industrialisierung und dem Bergbau ein sozialer Wandel. Die verstreut liegenden Höfe, stroh- und holzreiche Wirtschaftsgebäude sowie fehlende organisierte Feuerwehren machten die Bauerschaften besonders anfällig für Großbrände.[10]<

Ob die Brandstiftungen jemals aufgeklärt wurden, ist nicht bekannt. Die Quellen deuten jedoch darauf hin, dass die Bevölkerung fest an vorsätzliche Taten glaubte. Die Ereignisse hinterließen einen solchen Eindruck, dass sich für Holthausen zeitweise der spöttisch-ängstliche Beiname „Brandhusen“ einbürgerte.

Dieser Artikel, diese genealogische oder textliche Zusammenstellung bzw. dieses Bild wird von Andreas Janik (ehem. Johann-Conrad) für das Wiki der Herner Stadtgeschichte zur Verfügung gestellt und unterliegt dem Urheberrecht. Bei einer Verwendung dieser Abbildung und/oder dieses Textes - auch als Zitat - außerhalb des Wikis der Herner Stadtgeschichte ist die Genehmigung beim Autor einzuholen.

Verwandte Artikel


Quellen