Hausbau im alten Herne - Herner Anzeiger 1934

Folgender Artikel wurde am 13. September 1934 im Herner Anzeiger veröffentlicht.[1]
Hausbau im alten Herne
Wie 1793 das Vikarienhaus Bahnhofstraße 2b entstand.
- Die Finanzierung und Bauausführung.
- Allerlei Interessantes über Sitten beim Hausbau.
Neben dem 1766 erbauten Pfarrhaus am Alten Markt, das heute noch steht [seit 1967 nicht mehr] und eins der ältesten Gebäude Hernes ist, besteht ein zweites aus Backstein errichtetes zweistöckiges Pfarrhaus am Beginn der Bahnhofstraße, das in den Jahren 1869/70 für 4500 Taler erbaut wurde. Dieses Haus Bahnhofstraße 2b, das zuerst von Pfarrer Dransfeld, dann von seinem Nachfolger Pfarrer Heinrich bewohnt wurde, ist entstanden an der Stelle eines älteren Vikarienhauses, in dem der Vikar der evangelischen Kirchengemeinde wohnte.
Das alte Vikarienhaus war im Jahre 1793 aus Fachwerk erbaut. An der Südseite war damit eine Scheune verbunden. Außerdem gehörte dazu ein Gärtchen mit Baumhof. Das Haus hatte ein sehr spitzes Dach, dessen Pfannen bei jedem Windsturm abgedeckt wurden und dadurch, wie auch durch sonst häufig notwendige Reparaturen der Gemeinde große Kosten verursachte. Das Haus muß auch sehr schlecht gebaut gewesen sein, denn als nach einer 44jährigen vikarlosen Zeit Dransfeld im Jahre 1868 als Vikar nach Herne kam – er war der letzte Vikar, da 1872 aus der Vikariestelle eine selbständige Pfarrstelle gemacht wurde –, war das Haus kaum mehr bewohnbar. Die Gemeindeverwaltung beschloß daher, es auf Abbruch zu verkaufen und an seiner Stelle das jetzige Pfarrhaus zu erbauen.
Ueber den Bau des (1793 erbauten) alten Vikarienhauses ist die Rechnung noch im Kirchenarchiv vorhanden. Sie enthält manche interessante Einzelheiten, die sie damaligen Verhältnisse und Sitten, die Finanzierungsmethoden (wieder mußte die Armenkasse herhalten) usw. ein aufschlußreiches Licht werfen. Die Rechnung ist aufgestellt von dem damaligen Kirchrat Siepmann zu Hiltrop und Provisor Claas in Herne.
Unter dem Titel „Einnahme“ heißt es wörtlich so: In Gefolge Rescr.: Clem.: de dato Cleve den 23. August 1793 sollen Vorläufig die Bestands Gelder aus der Kirchen- und Armen-Rechnung zum Aufbau des alten Prediger Hauses mit Verwandt werden. Es könnt also hiehin und zwarn:
| Thlr | Stbr | Pf | |
|---|---|---|---|
| a) der Bestand aus der Kirchen Rechnung pro 1792 laut Abschlusses de 14. Junii 1796 mit | 148 | 12 | 11 3/5 |
| b) der Bestand aus der Armen Rechnung laut Abschlusses de 14. Junii 1796 mit | 235 | 25 | 11 2/5 |
| Auf Gutfinden des Consistorii und Bewilligung der Gemeindeglieder ist bei Aufhebung des Hauses ein sogenanntes Kirchenfest gehalten worden, darauf laut attestirten Heebedettel eingekommen: | 245 | 33 | 9 |
| Vermöge Rescript: Element: de 23. Mai 1794 ist zwarn Consistor: authorisiret worden nur 400 Thlr. negotiren (verwenden, ausgeben) zu können, weilen aber in der Folge damit bei weitem nicht aus zu kommen gewesen, Bedauet hat, und die Bau- und Zimmer-Leute bei der theuren Zeit stark auf ihre Befriedigung gedrungen; So ist Consist. in die größte Noth, und Verlegenheit Versetzt worden, die, bei dem Armen Fonds Rentlog gelegene Capitalien noch hinzuzunehmen, und Beträgt solchem nach das ganze Capital nach Copeillich anliegender Obligation de 28. Jun. 1794 zu 529 Thlr. 47 Stbr. 6 Pf. B. C. so in gemein Geld hiehin Kommen mit | |||
| 635 | 45 | ||
| Summa der Einnahme | 1264 | 57 | 8 1/3 |
| Folget die Ausgabe. | |||
| Zuforderst wird hieselbst bemerket, daß die Kirchspiels Eingesessenen das benötigte Bau Holz, an Sohlen, Pföste und Balken, erpropriis (aus eigenem = umsonst) hergegeben haben, das übrige Bauholz an Ziegeln p. p. und sonstige Bau-Materialien hat baar angekaufet werden müssen, wo bei noch Besonders zu konsideriren ist, daß wenn der Bau dieses Hauses nicht in ao. 1792 Bewerkstelliget und in den folgenden 2 Jahren (!) vollführet worden wäre, es der gemeine aber 300 und mehreren Rthlr. würde mehr gekostet haben, weilen in den folgenden Jahren das Bauholz und sonstige Materialien fast über die hälfte scheid gestiegen sind. | |||
| Auch ist im Consistorio festgesetzt, daß denen Eingesessenen und Knechten, so das Holz p. p. ohnentgeltlich angefahren Bei der ablieferung eine kleine Erfrischung von Bier und Branntewein gereichet werden solle, zu diesem Behuef ist an den Gastwirth Fleigen Schmit Laut Rechnung u. Quittung de 1. Dez. 1794 Bezahlet | |||
| 17 | 2 | ||
| Auf dem Bei Heebung des 2. Predigerhauses, den 22. Mai 1793 gehaltenen Kirchenfest, ist an Bier und Brantewein Verzehret und laut Quittung bezahlet, und zwarn: | |||
| a) dem Wirth Fleigen Schmit (lt. Quittung) | 17 | ||
| b) dem Wirth Flasche (lt. Quittung) | 17 | 40 | |
| c) dem Wirth Kortnacke (lt. Quittung) | 8 | 45 | |
| d) dem Wirth Conrad Cremer (lt. Quittung) | 3 | 25 | |
| Dem Kortnacke für das vor und nach angelangte Bier für die Fuhrleute so die Materialien angefahren laut Quittung zalet | 2 | 8 | |
| Dem Musicanten Adam Lampmann für aufspielung auf dem Kirchfest laut Quittung | 2 | 12 | |
| Dem Peter Ellinger weclher die Gäste auf dem Kirchenfeste ein geladen laut Quittung gezahlet | 1 | 15 | |
| Dem Gerichts Herren v. Paland für Haltung des Kirchenfestes Bezahlet | 1 | 12 | |
| Dem Mstr. Knecht Bei aufhebung des Hauses einen neuen Schnupff tuch nach hiesiger Landessitte erhalten dafür gezahlet | 20 | ||
| Der Wittiben Overkamp, welche nach dem Accord mit dem Bau Meister, dem meister und Gesellen, Bei aufheebung des Hauses, Morgens und Mittags Eßen und trinken reichen müßen dafür ) | 5 | ||
| An Proclamations Gebühren wegen Verdingung der Schreiner Arbeit sind in Recklinghausen bezahlet | 18 | ||
| Dem Funkenberg für ein Anker Fusel so auf dem Kirchfest verzehret worden Bezahlet | 7 | 30 | |
| Dem Wirth Flasche für geliefertes Bier und Fusel laut Rechnung und Quittung gezahlet | 5 | 35 | |
| Dem Seiler Dörnemann für eine Repe oder sogenannte Zoge, so Bei aufheebung des Hauses erforderlich gewesen, gezahlet Nota Diese repe ist ex post zum Klokken Seil verbrauchet worden. |
50 | ||
| Der Vid: Hülsmann für 28 1/2 Kanne Fusel Laut Quittung gezahlet | 7 | 7 | 6 |
Es folgen dann noch die anderen Ausgaben von Materialien und Löhnen. Aus dem Angeführten aber geht hervor, daß das Trinken bei solchen Gelegenheiten von den Alten nicht vernachlässigt wurde. Die ganze Ausgabe belief sich auf 1322 Thlr. 4 Stbr. 6 Pf., so daß die Einnahme um rd. 58 Taler überschritten wurde. Immerhin kam der Hausbau recht billig, denn das alte Vikarienhaus war verhältnismäßig sehr groß. Als es 1869 im Frühjahr auf Abbruch verkauft wurde, wurde dafür noch ein Preis von 1018 Thlr. erzielt.
