Haus Voss (Herne-Constantin)
Die Gaststätte „Haus Voss“ an der Mülhauser Straße 1 in Herne-Constantin gehörte über mehr als ein Jahrhundert zu den bekanntesten Treffpunkten des Stadtteils. Direkt gegenüber der Zeche Constantin der Große gelegen, war sie eng mit der Geschichte des Bergbaus, der Arbeiterkultur und des gesellschaftlichen Lebens in Constantin verbunden. Das Haus war nicht nur Schankwirtschaft, sondern Vereinslokal, Veranstaltungsort, Nachbarschaftstreff und über Generationen hinweg ein identitätsstiftender Ort für die Menschen des Quartiers.
Das gesellschaftliche Herz von Constantin
Lage und Umfeld
Das Haus Voss befand sich an der Ecke Mülhauser Straße / Landwehrweg im heutigen Herner Stadtbezirk Sodingen. Seine Lage war für die Entwicklung der Gaststätte entscheidend: In der Nähe lag die Zeche Vereinigte Constantin der Große, insbesondere der Schacht XI direkt gegenüber, dessen Bergleute über Jahrzehnte zu den wichtigsten Gästen der Wirtschaft gehörten.
Die heutige Mülhauser Straße trug ursprünglich den Namen „Querstraße“. Erst 1928 erhielt sie ihren heutigen Namen. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entwickelte sich rund um die Zeche Constantin eine typische Bergarbeitersiedlung mit Gaststätten, Vereinslokalen, Geschäften und Arbeiterhäusern. Haus Voss wurde zu einem der zentralen Orte dieser Siedlungsstruktur.
Ursprung der Familie Voß
Die Geschichte des Namens Voß reicht in Herne wesentlich weiter zurück als die Gaststätte selbst. Die Familie Voß gehörte zu den alten Bauernfamilien der Gegend und ist bereits im 16. Jahrhundert urkundlich nachweisbar. Im Schatzbuch der Grafschaft Mark erscheinen Namensträger wie „Thabe Voss“ und „Evert Voß“. Auch in Türkensteuerlisten des 16. Jahrhunderts wird die Familie erwähnt.
Der ursprüngliche Hof Voss lag im Bereich des Gysenbergs in der Gemarkung Herne, Flur III „Wiescherfeld“. Im Feuerstättenverzeichnis von 1664 wird der Hof als „halber Hof“ mit einer Feuerstätte genannt. Die Familie gehörte damit zu den alteingesessenen landwirtschaftlichen Familien im Osten Hernes.
Mit dem Vordringen des Bergbaus wandelte sich die Umgebung grundlegend. Die Zeche Constantin der Große erwarb 1913 den Hof Voß und nutzte Teile der Gebäude später als Ledigenheim. Der Name Voß blieb jedoch im Stadtbild erhalten – etwa in der Voßstraße und eben in der Gaststätte Haus Voss.
Gründung der Gaststätte 1901
Am 27. Juni 1901 erhielt der Landwirt Heinrich Voß vom Magistrat der Stadt Herne die offizielle Schankerlaubnis. Anschließend entstand an der damaligen Querstraße die Gastwirtschaft „Haus Voss“.[1]
Die Gründung fiel in die Hochphase des industriellen Wachstums Constantins. Um die Jahrhundertwende entstanden zahlreiche Zechenhäuser für die wachsende Zahl von Bergarbeitern. Gaststätten erfüllten damals weit mehr Funktionen als heute: Sie waren Treffpunkt nach der Schicht, Ort der Nachrichtenübermittlung, Vereinslokal, Veranstaltungsstätte und häufig auch politischer Diskussionsraum.
Die unmittelbare Nähe zur Zeche machte Haus Voss zu einer typischen Bergmannskneipe. Nach Schichtende trafen sich dort die Kumpel, um zu trinken, Neuigkeiten auszutauschen oder Vereinsleben zu organisieren. Zeitgenössische Erinnerungen beschreiben die enge Verbindung zwischen Förderschacht und Wirtschaft. In späteren Presseberichten wurde davon gesprochen, Constantin habe früher „zwei Herzen“ gehabt: die Zeche und das Haus Voss.
Die Straßenbahn vor der Tür

Eine besondere Bedeutung erhielt der Standort ab 1910 durch die Straßenbahnlinie C von Herne nach Gerthe. Die Bahn führte unmittelbar an der Gaststätte vorbei und verband Constantin mit den umliegenden Stadtteilen.
Historische Fotografien zeigen die Straßenbahn vor dem Haus Voss, dahinter die Anlagen der Zeche Constantin der Große. Diese Bilder zählen heute zu den bekanntesten historischen Ansichten des Stadtteils Constantin.
Die Straßenbahn verstärkte die Funktion der Gaststätte als sozialer Mittelpunkt. Besucher aus benachbarten Stadtteilen konnten bequem anreisen, wodurch Vereinsveranstaltungen und Feiern zusätzliche Bedeutung erhielten.
Gesellschaftliches Zentrum des Stadtteils
Im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Haus Voss zu einem festen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens in Constantin.
Zum Gebäude gehörte später auch ein angebauter Saal, der für Tanzveranstaltungen, Familienfeiern, Vereinsfeste und Ausstellungen genutzt wurde. Besonders Kleintierausstellungen und Vereinsveranstaltungen zogen Besucher aus der Umgebung an. Viele Bewohner Constantins verbanden persönliche Erinnerungen mit Hochzeiten, Geburtstagen, Karnevalsveranstaltungen oder Stammtischen im Haus Voss.
Wie viele traditionelle Ruhrgebietsgaststätten lebte das Lokal von seiner Stammkundschaft. Alteingesessene Bergarbeiterfamilien, Vereinsmitglieder und Nachbarn bildeten über Jahrzehnte das Rückgrat des Betriebs. Gleichzeitig blieb das Haus offen für jüngere Besucher und galt bis zuletzt als Treffpunkt unterschiedlicher Generationen.
Wandel nach dem Niedergang des Bergbaus
Mit dem Ende des Steinkohlenbergbaus veränderte sich auch das soziale Umfeld des Hauses grundlegend. Die Zeche Constantin verschwand als wirtschaftliches Zentrum des Stadtteils. Viele traditionelle Kneipen in Arbeitervierteln verloren damit ihre wichtigste Kundschaft.
Auch Haus Voss blieb von dieser Entwicklung nicht verschont. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für klassische Ruhrgebietskneipen wurden zunehmend schwieriger. Mehrere Pächter hielten sich offenbar nur kurze Zeit.
Dennoch gelang es dem Lokal über Jahrzehnte hinweg, seine Bedeutung als Nachbarschaftstreff zu bewahren. In Presseberichten aus dem Jahr 2015 wurde Haus Voss als „das einzige Herz, das Constantin noch hat“ bezeichnet. Der damalige Wirt Christian Richter beschrieb die besondere Atmosphäre des Hauses als seltene Mischung aus älteren Stammgästen und jüngeren Besuchern.
Zugleich spiegelte die Geschichte der Gaststätte die Probleme vieler traditioneller Kneipen wider: sinkende Besucherzahlen, verändertes Freizeitverhalten, Konkurrenz durch neue Gastronomiekonzepte sowie wirtschaftliche Belastungen durch gesetzliche Regelungen und steigende Kosten.
Veranstaltungen und Kulturleben
Auch im 21. Jahrhundert blieb Haus Voss Veranstaltungsort. Neben Fußballübertragungen, Dartabenden und Stammtischen fanden dort weiterhin Konzerte und Musikveranstaltungen statt.
So trat beispielsweise 2014 die Band „RUB THE CAT“ im Haus Voss auf. Solche Veranstaltungen knüpften an die lange Tradition des Hauses als kultureller Treffpunkt an.
Die Gaststätte war damit bis in ihre letzten Betriebsjahre ein lebendiger Teil des Stadtteillebens.
Schließung
Nach mehr als einem Jahrhundert endete die Geschichte der traditionellen Gaststätte schrittweise in den 2010er Jahren. Verschiedene Quellen nennen unterschiedliche Zeitpunkte des endgültigen Endes des regulären Betriebs. Während lokale Erinnerungsseiten bereits von einer Schließung Ende Februar 2016 sprechen, verzeichnen andere eine endgültige Schließung im Jahr 2020.
Unabhängig vom exakten Datum markierte das Ende von Haus Voss den Verlust eines der letzten klassischen Bergmannslokale im Stadtteil Constantin.
Bedeutung für die Stadtgeschichte
Haus Voss steht beispielhaft für die Entwicklung vieler Ruhrgebietsgaststätten:
- Entstanden während der Hochindustrialisierung;
- eng verbunden mit einer Zeche und deren Arbeiterschaft;
- sozialer Mittelpunkt eines Arbeiterstadtteils;
- Wandel vom Vereins- und Tanzlokal zur klassischen Eckkneipe;
- Niedergang infolge des Strukturwandels nach dem Ende des Bergbaus.
Für Constantin besaß die Gaststätte jedoch eine besonders emotionale Bedeutung. Über Generationen hinweg war Haus Voss ein Ort der Begegnung, des Feierns und des Alltagslebens. Viele Bewohner verbanden mit dem Haus persönliche Erinnerungen und betrachteten es als identitätsstiftenden Bestandteil ihres Stadtteils.
Die Geschichte von Haus Voss zeigt exemplarisch, wie eng Gastronomie, Bergbau und Nachbarschaftskultur im Ruhrgebiet miteinander verbunden waren. Die Gaststätte war weit mehr als ein Ort zum Biertrinken: Sie war über Generationen ein sozialer Mittelpunkt des Stadtteils Constantin.
Originaltext aus: Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 11. Juni 2015[2]
Hier schlägt das Herz von Constantin
Herne. Das Haus Voss wurde 1901 errichtet, direkt gegenüber der Zeche. Zurzeit ist Sommerpause, danach zapft ein neuer Wirt.
Im Flur hängt ein Bild, es zeigt, dass Constantin früher zwei Herzen hatte: Die gleichnamige Zeche und die Kneipe direkt gegenüber des Fördergerüstes: Haus Voss. Seit der Schließung des Bergwerks besitzt die Siedlung nur noch ein Herz, und auch das steht zwischenzeitlich still. Wirt Christian Richter hat die Zapfhähne hochgedreht. Aber: Im September soll es weitergehen, der 41-Jährige hat einen Nachfolger gefunden für einen Treffpunkt, den es seit 114 Jahren gibt.
„1901“, so steht es im Giebel des Hauses Voss. Das war die Blütezeit in Constantin, als die ersten Zechenhäuser für die Bergleute gebaut wurden, die nach der Arbeit im dunklen Loch durstig ans Tageslicht zurückkehrten. Damals war es nicht unüblich, dass der Hauer seinen Wochenlohn an der Kneipe gegenüber des Schachtes wieder verjubelte. Was Frau und Kinder dann gar nicht zum Jubeln fanden.
Fotos erinnern in der Gaststätte mit dem später angebauten Tanzsaal an goldene Zeiten. Mit dem Verschwinden der Zeche wurde es schwieriger, und zeitweilig, so erzählt Christian Richter, „hielten es meine Vorgänger nur ein Jahr lang durch.“ Immerhin, er schaffte es fünf Jahre.
Vereinsfeste, Familienfeiern oder Kleintierausstellungen lockten früher Besucher aus der Umgebung an, aktuell war es vor allem Thekenkundschaft, die Christian Richter die Treue hielt. „Das waren alte und junge Leute gleichzeitig, die haben sich hier gut verstanden. Ich weiß nicht, ob ich so etwas in einer anderen Gastwirtschaft noch einmal erleben werde“, sagt der Gastronom. Er legt jetzt erst einmal eine Sommerpause ein, wie jedes Jahr, und fährt mit Frau und drei Kindern in den Urlaub. Danach hat er etwas neues Gastronomisches im Auge. „Das ist aber noch nicht spruchreif“, sagt Richter. Man darf gespannt sein, wie es ab September weitergeht, wenn sich die Rollläden wieder öffnen im Haus Voss. Die Zeiten für die Kneipenlandschaft seien schwierig, bemerkt Richter. Besonders seit dem Raucherschutzgesetz überlegten es sich viele Stammgäste, ob sie ihre Zigarette lieber draußen im Regen oder zuhause rauchen.
Auch die hohen Gebühren für den Bezahlsender Sky – zuletzt berappte Richter 800 Euro monatlich – mache es den Wirten schwer, die Live-Fußball anbieten wollen. Aber trotzdem: Wer abends ein Gespräch sucht, ob über Fußball oder Tagespolitik, oder einfach Pfeile auf die elektronische Dartscheibe werfen will: Das Haus Voss ist noch eine Kneipe, die ihren Namen verdient. Das einzige Herz, das Constantin noch hat, schlägt hoffentlich noch lange.
Martin Tochtrop
Leserkommentare Ein Auszug aus einem Original-Leserkommentar:
- "[...] Als der "Bauer" Walter Voss der Wirt war mit seiner Frau Hedwig als wunderbare Wirtin, mit Tante Lieschen in der Küche, als Sonntags abends die SCC-Fussballer im kleinen Saal sangen, hinten rechts in der Ecke der Taubenverein "Edeltaube II" saß, daneben ein paar Leute vom Skatverein, vom Schachverein, von den Kaninchenzüchtern.
Dreier-Reihen an der Theke: "Ey, Walla, mach noch einen!." Und gegen 19,00 Uhr kam der Anruf von der WAZ. Dann nahm einer die Fussballergebnisse auf, übertrug sie auf einen großen Bogen und hängte sie an die Wand. Dann konnte der Wirt erst mal 10 Minuten kein Bier verkaufen, weil alles erstmal auf die Ergbnisse schauten." [3]
Verwandte Artikel
Quelle und Anmerkungen
- Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ), 11. Juni 2015: „Hier schlägt das Herz von Constantin“ von Martin Tochtrop.
- Stadtarchiv Herne, verschiedene historische Fotografien und Familienunterlagen.
- Generalanzeiger für Dortmund, Bekanntmachung zur Schankerlaubnis vom 27. Juni 1901.

