Gewerkschaft des Erz- und Kali-Bergwerks Justenberg

Justenberg bezeichnet sowohl ein historisches Bergwerk bei Sundern-Hagen im Sauerland als auch die daraus hervorgegangene bergrechtliche Gesellschaft Gewerkschaft des Erz- und Kali-Bergwerks Justenberg mit Sitz in Herne. Während der ältere Bergbau auf dem Justenberg dem Abbau von Kupfererz diente, richteten sich die späteren bergbaulichen Aktivitäten der Gewerkschaft auf die Erkundung und Gewinnung von Kali- und Steinsalzvorkommen im Raum Weetzen und Lemmie bei Hannover. Die Verbindung beider Bergbauzweige macht die Gewerkschaft Justenberg zu einem bemerkenswerten Beispiel für die Entwicklung bergbaulicher Unternehmen im späten 19. Jahrhundert.
Der Kupferbergbau am Justenberg
Der Justenberg liegt bei Hagen, heute einem Ortsteil der Stadt Sundern im Hochsauerlandkreis. Auf dem Berg befinden sich Pingenfelder, die auf einen sehr frühen Bergbau hinweisen. Der Beginn des Bergbaus ist nicht eindeutig geklärt; möglicherweise reichen die bergbaulichen Aktivitäten bis ins Mittelalter zurück. Sicher belegt ist der Betrieb seit dem 17. Jahrhundert.
Die Lagerstätte führte vor allem Kupferkies und Buntkupfererz, die gangartig im Lenneschiefer auftraten. Der Bergbau wurde zunächst durch Pingen und Schächte, später durch Stollen betrieben.
Eine erste schriftliche Nachricht stammt aus dem Jahr 1664. Zu dieser Zeit bestand am Justenberg bereits ein kurfürstliches Kupferbergwerk. Die Belegschaft bestand aus einem Steiger und drei Bergleuten. In einem Bericht des Bergmeisters Engelhardt von 1668 wird die Notwendigkeit eines tieferen Stollens für den weiteren Betrieb hervorgehoben.
Nach mehreren Unterbrechungen kam es im 18. Jahrhundert erneut zu bergbaulichen Aktivitäten. Teile der Rechte lagen unter anderem bei den Häusern Fürstenberg und Plettenberg-Lenhausen. Auch im 19. Jahrhundert wurden wiederholt Versuche unternommen, den Kupferbergbau wirtschaftlich zu betreiben.
1860 erfolgte eine erneute Mutung durch Anton Hoppe. 1862 wurde eine Gewerkschaft gebildet. Bis 1868 entstand ein etwa 140 Meter langer Stollen. Der Bergbau wurde 1868 erneut eingestellt; die bergrechtliche Gesellschaft bestand jedoch weiter. Noch 1890 berichtete das Oberbergamt, dass der Bergbau am Justenberg vollständig ruhte.
Die Gewerkschaft des Erz- und Kali-Bergwerks Justenberg
In den 1890er Jahren erhielt die alte Bergwerksgesellschaft eine neue Bedeutung. Sie trat nun als Gewerkschaft des Erz- und Kali-Bergwerks „Justenberg“ auf. Ein wichtiger Hinweis auf ihre Organisation und ihre Verbindung zu Herne sind die erhaltenen Kuxscheine.
Ein Kuxschein vom 20. Juli 1896, handschriftlich auf den 12. August 1896 geändert, weist die Gewerkschaft ausdrücklich mit Sitz in Herne aus. Die Gewerkschaft war in 1.000 Kuxe eingeteilt; der einzelne Kux entsprach somit einem Tausendstel der Gewerkschaft.
Die Gerechtsame umfasste nach den Angaben auf den historischen Kuxscheinen Grubenfelder in der Gemeinde Hagen, Amt Allendorf, Kreis Arnsberg sowie in den Gemarkungen Weetzen und Lemmie in der damaligen Provinz Hannover. Damit erstreckte sich das Tätigkeitsgebiet der Gesellschaft über zwei weit voneinander entfernte Bergbauregionen.
Besonders bemerkenswert ist, dass die Gewerkschaft trotz ihrer Bezeichnung als Erz- und Kali-Bergwerk nicht auf den historischen Kupferbergbau am Justenberg beschränkt blieb. Im Zuge des allgemeinen Aufschwungs der deutschen Kaliindustrie wurden vielmehr auch die Salzlagerstätten im Raum Hannover untersucht.
Herne als Sitz der Gewerkschaft
Die Wahl von Herne als Sitz der Gewerkschaft ist ein Ausdruck der zunehmenden Bedeutung des Ruhrgebiets als Zentrum bergbaulicher Unternehmens- und Finanzierungstätigkeit. Herne selbst war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem bedeutenden Zentrum des Steinkohlenbergbaus geworden. Von hier aus wurden auch Beteiligungen an Bergwerken außerhalb des Ruhrgebiets organisiert.
Der Kuxschein der Gewerkschaft Justenberg von 1896 trägt ausdrücklich den Ausstellungsort Herne. Mehrere erhaltene Exemplare werden in Sammlerkatalogen beschrieben. Die dekorativ gestalteten Scheine zeigen neben floralen Ornamenten auch eine kleine Landschaftsdarstellung und enthalten mehrere Originalsignaturen.
Die historische Überlieferung der Kuxscheine ist deshalb für die Stadtgeschichte Hernes von Bedeutung: Sie dokumentiert, dass Herner Unternehmer und Kapitalgeber beziehungsweise in Herne ansässige Bergwerksgesellschaften nicht ausschließlich im Ruhrbergbau engagiert waren, sondern auch überregional in neue Rohstoffvorkommen investierten.
Vorstand
Als unterzeichnende Vorstandsmitglieder sind auf den Kuxenscheinen folgende Herner Persönlichkeiten zeichnend:
Vom Erz zum Kali
Das zweite Standbein der Gewerkschaft lag in der Erschließung von Kalisalzen in der damaligen Provinz Hannover. In der Umgebung von Weetzen wurden umfangreiche Bohrungen niedergebracht. Dabei wurden in großer Teufe Kalisalzvorkommen festgestellt.
Die späteren Untersuchungen zeigten unter anderem Hartsalz- und Sylvinitlager. Eine Beschreibung der Lagerstätte nennt ein Hartsalzlager, das in der Bohrung Justenberg I in etwa 720 bis 725 Meter Tiefe angetroffen wurde. Die Mächtigkeit lag je nach Sohle zwischen etwa sechs und 20 Metern; der Kaliumchloridgehalt wurde mit 20 bis 33 Prozent angegeben. Daneben wurden Sylvinitlager mit deutlich höheren KCl-Gehalten festgestellt.
Besonders hochwertige Sylvinitvorkommen wurden bei weiteren Bohrungen festgestellt. In einem Bericht von 1904 werden für Bohrungen im Bereich Justenberg II Sylvinite mit außergewöhnlich hohen Chlorkaliumgehalten genannt.
Damit verlagerte sich der Schwerpunkt der wirtschaftlichen Bedeutung der Gewerkschaft zunehmend vom historischen Kupfererzbergbau im Sauerland auf die zukunftsträchtige Kaliindustrie Norddeutschlands.
Verbindung mit der Gewerkschaft Deutschland
Eine entscheidende Entwicklung erfolgte um die Jahrhundertwende. Die 1898 gegründete Kalibohrgesellschaft Franzburg-Gerden wurde 1899 in Gewerkschaft Deutschland umbenannt. Im Jahr 1900 fusionierte die Gewerkschaft Deutschland mit der Gewerkschaft Justenberg.
Damit ging die bergbauliche Tradition der Herner Gewerkschaft in ein größeres Kaliunternehmen über. Die neue Gesellschaft setzte die Erkundung der Salzlagerstätten im Raum Weetzen und Ronnenberg fort.
Bei den Bohrungen wurden Kalisalzlager in teilweise mehr als 1.000 Meter Tiefe untersucht. Die Ergebnisse bildeten eine wichtige Grundlage für die spätere Entwicklung des Kaliwerks im Raum Ronnenberg.
Die spätere Entwicklung führte schließlich zum Kaliwerk Ronnenberg. Der Schacht Deutschland wurde ab 1904 in der Gemarkung Weetzen abgeteuft. Zwischen dem Schacht Deutschland und dem benachbarten Schacht Albert bestand später eine untertägige Verbindung.
Die Gewerkschaft wurde unter der Bezeichnung Gewerkschaft Deutschland (Justenberg) 1943 ein Tochterunternehmen der Kali-Chemi AG mit Sitz in Berlin.
Bedeutung für die Bergbaugeschichte Hernes
Die Gewerkschaft Justenberg steht beispielhaft für die überregionale Ausdehnung des Herner Bergbaukapitals am Ende des 19. Jahrhunderts. Herne war zu dieser Zeit nicht nur Standort zahlreicher Steinkohlenzechen, sondern auch Sitz von Gesellschaften, die sich an Bergbauvorhaben außerhalb des Ruhrgebiets beteiligten.
Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung vom Kupfererzbergbau des 17. bis 19. Jahrhunderts über die Herner Gewerkschaft des Erz- und Kali-Bergwerks Justenberg bis hin zur Kaliindustrie im Raum Ronnenberg. Die Geschichte verbindet damit drei unterschiedliche Bergbauregionen:
- den historischen Kupfererzbergbau am Justenberg bei Hagen im Sauerland,
- den Unternehmens- und Finanzplatz Herne,
- sowie das Kali- und Steinsalzrevier südwestlich von Hannover.
Die erhaltenen Kuxscheine stellen dabei eine wichtige Quelle für die bislang wenig bekannte Geschichte des überregional tätigen Bergbaukapitals in Herne dar.
Kuxscheine
Von der Gewerkschaft des Erz- und Kali-Bergwerks Justenberg sind mehrere Kuxscheine des Jahres 1896 überliefert. Sie lauten auf jeweils einen von 1.000 Kuxen. Ein Exemplar trägt die Nummer 421 und wurde am 20. Juli 1896 in Herne ausgestellt beziehungsweise am 12. August 1896 geändert.
Die historischen Wertpapierkataloge bestätigen mehrfach den Sitz der Gewerkschaft in Herne und die Verbindung mit den Grubenfeldern bei Hagen sowie den Gemarkungen Weetzen und Lemmie. Nach den Angaben eines Kuxschein-Katalogs befanden sich zuletzt 98,9 Prozent der Kuxe bei der Kali-Gewerkschaft Deutschland in Hannover.
Literatur und Quellen
- Wilfried Reininghaus / Reinhard Köhne: Berg-, Hütten- und Hammerwerke im Herzogtum Westfalen im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. Münster 2008, S. 393–394.
- Beschreibung der Bergreviere Arnsberg, Brilon und Olpe sowie der Fürstenthümer Waldeck und Pyrmont. Bonn 1890, S. 121.
- Rudolf Friedrich: Über den Kupferbergbau Justenberg in Sundern-Hagen. In: Bergbau im Sauerland. Schmallenberg 1996, S. 98.
- Historische Kuxscheine der Gewerkschaft des Erz- und Kali-Bergwerks Justenberg, Herne, 1896.
- Kataloge historischer Wertpapiere und bergbauhistorischer Sammlungen.
Weblinks
- Kupfergrube Justenberg – Übersicht über die Geschichte des Kupferbergbaus am Justenberg.
- Kaliwerk Ronnenberg – Geschichte der späteren Kaliaktivitäten im Raum Weetzen/Ronnenberg.
ⓘ Hinweis:



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Siehe auch
- Louis Lauten (1842-1899) Kaufmann & Lokalpolitiker (← Links)
- Otto Seher (1839-1917) Kaufmann (← Links)
- Gustav Daber (1848-1906) Industrieller (← Links)
