Evangelischer Gesellenverein Crange-Eickel / Wanne-Eickel


Der Evangelische Gesellenverein Wanne-Eickel war ein Zusammenschluss evangelischer Handwerksgesellen im Raum Bickern, Crange und Eickel. Seine Entstehung fällt in das Frühjahr 1896 und damit in eine Zeit tiefgreifender Veränderungen des Handwerks und der Gesellschaft im westfälischen Industriegebiet. Der Verein verband christlich-sittliche Erziehung, berufliche Fortbildung, Geselligkeit und die Förderung des Zusammenhalts zwischen Gesellen und Meistern.
Die Vereinsgeschichte lässt sich zunächst unter der Ortsbezeichnung Bickern verfolgen. Eine erhaltene Vereinsfahne bezeichnet den Zusammenschluss später als „Evang. Gesellenverein Wanne-Eickel“ und trägt die Jahreszahlen 1896 und 1926. Für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und insbesondere nach der Bildung der Stadt Wanne-Eickel ist außerdem ein Evangelischer Gesellenverein Wanne-Eickel nachweisbar. Die genaue institutionelle Verbindung zwischen dem 1896 gegründeten Verein und dem späteren Wanne-Eickeler Verein ist bislang nicht abschließend geklärt.
Entstehung in Bickern 1896
Die Gründung des Vereins steht im Zusammenhang mit der evangelischen Vereinsbewegung, die sich im Zuge der Industrialisierung auch in den Gemeinden des westlichen Ruhrgebiets entwickelte. Neben evangelischen Arbeitervereinen entstanden Vereinigungen für Handwerker, Gesellen und junge Männer. Sie sollten ihren Mitgliedern in einer zunehmend industrialisierten und sozial veränderten Gesellschaft religiöse Orientierung, Gemeinschaft und berufliche Unterstützung bieten.
In Bickern wurde die Gründung eines Evangelischen Gesellenvereins im März 1896 vorbereitet. Ein zeitgenössischer Bericht vom 16. März 1896 erwähnt zunächst eine Versammlung des bereits bestehenden Evangelischen Arbeitervereins. Im Anschluss wird ausdrücklich mitgeteilt, dass am Vortag die Anregung zur Gründung eines Evangelischen Gesellenvereins gegeben worden sei. Eine Anzahl von Mitgliedern sei bereits vorhanden gewesen; eine größere Versammlung sollte die weiteren Schritte zur Vereinsgründung veranlassen.
Damit lässt sich der Beginn des Vereins auf das Frühjahr 1896 datieren. Die Gründung war offenbar keine zufällige Einzelinitiative, sondern erfolgte innerhalb des bereits bestehenden evangelischen Vereinsmilieus von Bickern.
Bereits im September desselben Jahres war der Verein organisatorisch gefestigt. Ein am 3. September 1896 veröffentlichter Bericht bezeichnet den Evangelischen Gesellenverein ausdrücklich als einen Verein, der „seit einigen Monaten“ in der Gemeinde bestand. Für Sonntag, den 6. September, wurde eine Generalversammlung im Lokal von Schulte-Berge angekündigt. Damit ist für das Gründungsjahr nicht nur eine Gründungsabsicht, sondern bereits ein regelmäßig organisierter Verein mit Generalversammlung nachgewiesen.
Ziele und Aufgaben
Die zeitgenössische Berichterstattung vermittelt ein ungewöhnlich deutliches Bild vom Selbstverständnis des jungen Vereins. Die Gründung wurde als Antwort auf die veränderte Lage des Handwerks und insbesondere der jungen Handwerker verstanden.
Der Verein sollte der evangelischen Jugend eine Gemeinschaft bieten und ihr helfen, sich „frisch und fröhlich“ zusammenzuschließen. Im Mittelpunkt standen dabei nicht allein religiöse Fragen. Vielmehr verband der Verein religiöse Erziehung mit sozialen und beruflichen Anliegen.
Ein wesentliches Ziel war die Zusammenarbeit von Gesellen und Meistern. Die Meister wurden ausdrücklich aufgefordert, den jungen Handwerkern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Zwischen beiden Gruppen sollte ein „festes Band der Eintracht“ entstehen. Der Verein verstand sich damit auch als Einrichtung zur Bewahrung handwerklicher Traditionen und zur Vermittlung zwischen den Generationen.
Die christliche Orientierung wurde zugleich deutlich hervorgehoben. Der Verein wollte seine Mitglieder gegen Erscheinungen stärken, die nach damaligem Verständnis als unchristlich, unsittlich oder gesellschaftlich schädlich betrachtet wurden. Die religiös-sittliche Erziehung bildete damit einen wesentlichen Bestandteil der Vereinsarbeit.
Berufliche Fortbildung
Eine besondere Bedeutung besaß die berufliche Bildung. Der Bericht vom September 1896 verweist ausdrücklich auf die Schwierigkeiten, mit denen das Handwerk der Neuzeit zu kämpfen habe. Die Fortbildungsschule sollte die jungen Handwerker für diese Veränderungen besser ausrüsten.
Damit stand der Verein in einer Entwicklung, die für die evangelischen Gesellenvereine des späten 19. Jahrhunderts charakteristisch war. Die Vereine beschränkten sich nicht auf religiöse Zusammenkünfte, sondern verstanden sich auch als Einrichtungen der persönlichen und beruflichen Weiterbildung.
Gerade im Umfeld von Bickern, Crange und Eickel war dieser Anspruch von Bedeutung. Die rasch fortschreitende Industrialisierung veränderte die überkommenen Strukturen des Handwerks. Junge Handwerker kamen zunehmend mit den großen industriellen Betrieben, neuen Arbeitsformen und einem veränderten sozialen Umfeld in Berührung. Der Gesellenverein bot ihnen eine organisierte Gemeinschaft, die religiöse, berufliche und gesellschaftliche Anliegen miteinander verband.
Der Verein im regionalen Zusammenhang
Der Evangelische Gesellenverein Bickern entstand nicht isoliert. Der zeitgenössische Bericht von September 1896 verweist ausdrücklich auf bereits bestehende evangelische Gesellenvereine in der näheren Umgebung. Genannt werden unter anderem Ückendorf, Bochum, Wattenscheid und Hörde.
Damit gehörte der Bickernsche Verein zu einem regionalen Netzwerk evangelischer Gesellenvereine. Diese standen wiederum in einem größeren Zusammenhang der evangelischen Vereins- und Jugendbewegung des Deutschen Kaiserreichs. Für die evangelischen Gesellenvereine bestand mit dem „Evangelischen Gesellenfreund“ seit 1895 sogar eine eigene Verbandszeitschrift des Verbandes evangelischer Gesellenvereine Deutschlands. Die Zeitschrift erschien in Dortmund und wurde bis 1933 herausgegeben.
Die regionale Vernetzung blieb auch in späteren Jahrzehnten erhalten. Für die Nachkriegszeit sind gemeinsame Veranstaltungen und der Austausch zwischen den evangelischen Gesellenvereinen des Ruhrgebiets dokumentiert.
Vereinsfahne
Ein wichtiges Sachzeugnis der Vereinsgeschichte ist die erhaltene Fahne des „Evang. Gesellenverein Wanne-Eickel“. Das dunkelblaue Tuch trägt neben der Vereinsbezeichnung die Jahreszahlen „1896“ und „1926“.
Die Jahreszahl 1896 entspricht dem durch zeitgenössische Berichte belegten Beginn des Vereins in Bickern. Dadurch erhält die auf der Fahne überlieferte Jahreszahl eine besondere historische Aussagekraft.
Die zweite Jahreszahl 1926 liegt genau 30 Jahre nach 1896. Es liegt daher nahe, in ihr einen Hinweis auf das 30-jährige Bestehen des Vereins zu sehen. Ob die Fahne anlässlich eines Jubiläums neu beschafft, erneuert oder zu diesem Anlass besonders gestaltet wurde, lässt sich ohne weitere Vereinsunterlagen jedoch nicht sicher bestimmen.
Die Gestaltung verbindet die Vereinsbezeichnung mit handwerklich-symbolischen Elementen. Im Mittelpunkt befindet sich ein emblematisches Motiv, das unter anderem handwerkliche Werkzeuge beziehungsweise geometrische Formen und ein Handschlagmotiv erkennen lässt. Ein Kranz aus Blättern umgibt das zentrale Zeichen. Die Gestaltung verweist damit sowohl auf das Handwerk als auch auf Gemeinschaft und gegenseitige Verbundenheit.
Die Fahne ist zugleich ein Hinweis darauf, dass der Verein spätestens in der Zwischenkriegszeit unter der Bezeichnung „Crange-Eickel“ auftrat. Für die unmittelbare Gründungszeit ist dagegen die Ortsangabe Bickern überliefert.
Vom Kaiserreich zur Zeit nach dem Ersten Weltkrieg
Über die Entwicklung des Vereins zwischen seiner Gründung 1896 und der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg liegen bislang nur wenige zusammenhängende Quellen vor. Die gesellschaftlichen Veränderungen nach 1918 dürften jedoch auch für die evangelischen Gesellenvereine von erheblicher Bedeutung gewesen sein.
Besonders die Umwälzungen des Handwerks, die wirtschaftlichen Krisen und die Veränderungen des Vereinswesens stellten die traditionellen Gesellenvereine vor neue Herausforderungen. Gleichzeitig blieb das Bedürfnis nach Gemeinschaft, beruflichem Austausch und sportlicher sowie geselliger Betätigung bestehen.
Die auf der Vereinsfahne überlieferte Jahreszahl 1926 zeigt, dass der Zusammenschluss zu diesem Zeitpunkt weiterhin in irgendeiner Form bestand und seine 1896 gesetzten Ursprünge erinnerte.
Die Angabe des Gründungsjahres 1927
In einer später veröffentlichten Zusammenstellung evangelischer Gesellenvereine wird für „Wanne-Eickel“ das Jahr 1927 als Gründungsjahr angegeben.
Diese Angabe kann jedoch nicht ohne weiteres als Gründungsjahr des älteren Bickern-Crange-Eickeler Vereins übernommen werden. Denn bereits für 1896 sind sowohl die Gründungsinitiative als auch wenige Monate später der bestehende Verein in Bickern zeitgenössisch dokumentiert.
Daraus ergibt sich eine noch offene quellenkritische Frage: Bei dem für 1927 genannten Wanne-Eickeler Verein könnte es sich um eine Neugründung, eine Wiedergründung, eine Umorganisation oder eine eigenständige Vereinsbildung gehandelt haben. Ebenso ist eine Umbenennung oder organisatorische Zusammenführung des älteren Vereins in der damals neuen Stadt Wanne-Eickel denkbar.
Der Evangelische Gesellenverein Wanne-Eickel nach 1945
Für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein Evangelischer Gesellenverein Wanne-Eickel eindeutig nachweisbar. Er gehörte zum Verband evangelischer Gesellenvereine und stand mit anderen Vereinen im Ruhrgebiet in Verbindung.
Für 1950 liegt ein Rundschreiben des Verbandes vor, das an die angeschlossenen Vereine gerichtet war und ausdrücklich den „Evgl. Gesellenverein“ in Wanne-Eickel als Vereinsort ausweist. Das Rundschreiben wurde am 13. April 1950 in Wanne-Eickel, Vereinsstraße 7, ausgestellt. Es behandelt unter anderem das Verbandsfest, Mitgliedsbeiträge, Vereinsnadeln, Sportabteilungen und regelmäßige Tätigkeitsberichte.
Die Bedeutung des Sports für die evangelischen Gesellenvereine wird in diesem Zusammenhang besonders deutlich. Der Verband stellte 1950 fest, dass die Mehrzahl seiner Vereine Sportabteilungen unterhielt, und wollte einen regelmäßigen sportlichen Leistungsvergleich zwischen den angeschlossenen Vereinen fördern.
Auch die Verbindung zum Evangelischen Gesellenverein Hattingen ist für diese Zeit belegt. 1949 wurden gemeinsame Unternehmungen evangelischer Gesellenvereine aus Herne und Wanne-Eickel erwähnt. 1950 stand der Wanne-Eickeler Verein mit Hattingen wegen eines Tischtennistreffens in Verbindung. Der Wanne-Eickeler Verein verfügte über eine Tischtennisabteilung „Blau-Weiß“. Diese Nachweise zeigen, dass der Verein nach dem Zweiten Weltkrieg nicht lediglich auf dem Papier bestand, sondern ein aktives Vereins- und Sportleben unterhielt.
Vereinsleben und Bedeutung
Die Entwicklung des Evangelischen Gesellenvereins ist beispielhaft für die evangelische Vereinsbewegung im industrialisierten Ruhrgebiet. Der Verein reagierte auf die Veränderungen des Handwerks und die zunehmende Bedeutung industrieller Arbeitsformen, ohne die traditionelle Bindung an Handwerk, Meister und Gesellen aufzugeben.
Zu seinen wesentlichen Elementen gehörten:
- die Pflege der evangelischen Gemeinschaft,
- die sittlich-religiöse Erziehung junger Handwerker,
- die Verbindung von Gesellen und Meistern,
- berufliche Fortbildung,
- gesellige Zusammenkünfte,
- gemeinschaftliche Veranstaltungen,
- später auch Sport und Vereinswettkämpfe.
Die Entwicklung vom ursprünglich handwerklich und religiös geprägten Zusammenschluss zu einem Verein mit ausgeprägtem Sport- und Gemeinschaftsleben nach dem Zweiten Weltkrieg zeigt zugleich die Anpassungsfähigkeit der Gesellenvereine an die veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse.
Quellenlage und offene Fragen
Die Frühgeschichte des Vereins ist durch die beiden zeitgenössischen Nachrichten aus dem Jahr 1896 besonders gut abgesichert. Sie ermöglichen eine klare Unterscheidung zwischen der Gründungsinitiative im März und dem bereits bestehenden Verein im September.
Weniger gut dokumentiert ist die weitere Entwicklung bis zur Vereinsfahne von 1926 und zur späteren Bezeichnung „Wanne-Eickel“. Ebenso bleibt die Beziehung zwischen dem älteren Verein und dem in späteren Quellen mit dem Gründungsjahr 1927 aufgeführten Evangelischen Gesellenverein Wanne-Eickel zu klären.
Literatur und Quellen
- Harri Petras: „Gott segne das ehrbare Handwerk“. 100 Jahre evangelischer Gesellenverein Hattingen 1906. Hattingen 2006. Die Veröffentlichung enthält zahlreiche Hinweise auf das Netzwerk evangelischer Gesellenvereine im Ruhrgebiet und dokumentiert unter anderem die Kontakte des Wanne-Eickeler Vereins in der Nachkriegszeit. Die Publikation wird vom Stadtarchiv Hattingen als Band 18 der Veröffentlichungen des Stadtarchivs angeboten.
- Evangelischer Gesellenfreund. Zeitschrift des Verbandes evangelischer Gesellenvereine Deutschlands, Dortmund, 1895–1933.
- Zeitgenössische Presseberichte aus Bickern vom 16. März und 3. September 1896.
- Erhaltene Vereinsfahne des „Evang. Gesellenverein Crange-Eickel“, datiert 1896/1926.
- Zusammenstellung der evangelischen Gesellenvereine nach Thomas Müller (1997), in der Wanne-Eickel mit dem Jahr 1927 aufgeführt wird.
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Einzelnachweise
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