Erhard Goldbach (1928–2004) – Der „Ölkönig von Wanne“

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel

Erhard Goldbach (geboren am 25. Juni 1928; gestorben am 9. Mai 2004), war ein deutscher Unternehmer, Sportmäzen und Drahtzieher des bis heute größten Steuerskandals in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Als Gründer der Tankstellenkette Goldin stieg er in den 1970er Jahren zum „Ölkönig von Wanne“ auf, bevor sein Firmenimperium 1979 in einem spektakulären Kriminalfall zusammenbrach.

Erhard Goldbach
Goldbach Erhard-1977.jpg
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Abkürzung: „Ölkönig von Wanne“
Geboren am: 25. Juni 1928
Gestorben am: 9. Mai 2004
Beruf: Kaufmann
Letzte Änderung: 15.02.2026
Geändert von: Andreas Janik


1. Aufstieg: Vom Kohlenhändler zum Tankstellen-Tycoon

Goldbach begann seine Karriere im Wanne-Eickel der Nachkriegszeit als einfacher Kohlenhändler. Mit dem einsetzenden Strukturwandel und der Umstellung von Kohle- auf Ölheizungen in den 1960er Jahren bewies er unternehmerisches Gespür und wechselte in den Mineralölhandel.

Gründung von Goldin: 1956 eröffnete er seine erste freie Tankstelle an der Heerstraße in Crange. Unter dem Markennamen Goldin (ein Kofferwort aus Goldbach und Benzin) baute er in den folgenden zwei Jahrzehnten ein Imperium von über 260 Tankstellen mit rund 1.300 Beschäftigten auf.

Der „Robin Hood der Zapfsäule“: Goldbach erlangte Kultstatus, indem er Markenbenzin deutlich unter den Preisen der großen Ölkonzerne anbot. In der Zeit der Ölkrise wurde er für viele Autofahrer zum Helden, der sich gegen die „Ölmultis“ behauptete. Um die Nachfrage decken zu können, ließ er am Rhein-Herne-Kanal, im westlichen Teils des Wanner Osthafens, einen eigenen Hafen anlegen, den „Ölhafen Goldbach“.

2. Wirken in Herne: Der Mäzen von Westfalia Herne

Goldbachs Verbundenheit zu seiner Heimatstadt zeigte sich vor allem in seinem massiven Engagement für den Sport.

SC Westfalia Herne: Er rettete den Verein vor dem finanziellen Ruin und führte ihn als Mäzen bis in die 2. Bundesliga Nord. 1977 wurde der Verein zeitweise sogar in SC Westfalia Goldin 04 Herne umbenannt.

Großmannssucht: Unter Goldbachs Ägide wurden hochkarätige Spieler und Trainer (wie Ivica Horvat) verpflichtet. Das Ziel war klar: Die 1. Bundesliga. Legendär blieb der 2:1-Sieg gegen Borussia Dortmund vor 27.000 Zuschauern im Stadion am Schloss Strünkede.

3. Das System Goldbach: Betrug und Manipulation

Der Erfolg von Goldin basierte jedoch nicht allein auf kaufmännischem Geschick, sondern auf einem großangelegten Betrugssystem. Um die Billigpreise zu halten und seinen luxuriösen Lebensstil zu finanzieren, hinterzog Goldbach systematisch die Mineralölsteuer.

Methoden: Er verkaufte am Zoll vorbeigeschmuggeltes Benzin und fingierte Belege. Mitarbeiter manipulierten Messlote an den Tanks oder füllten diese teilweise mit Wasser auf, um Prüfer zu täuschen.

Schwarzgeld: Tageseinnahmen wurden im großen Stil von Kurieren direkt an den Tankstellen abgeholt und in Koffern ins Ausland – vornehmlich in die Schweiz – geschafft.

4. Das Scheitern: Flucht und Verurteilung

Im Juli 1979 kollabierte das Kartenhaus. Die großen Raffinerien drehten Goldbach den Hahn zu, da er Rechnungen nicht mehr begleichen konnte.

Die Razzia: Am 24. Juli 1979 stürmten Zoll- und Steuerfahnder die Firmenzentrale an der Heerstraße. Goldbach gelang zunächst die Flucht ins Ausland. Er wurde weltweit per Interpol und via „Aktenzeichen XY … ungelöst“ gesucht.

Festnahme und Haft: Im Februar 1980 wurde er in Boppard gefasst. In zwei Prozessen wurde er zu insgesamt 18,5 Jahren Haft verurteilt – die höchste Strafe, die in Deutschland bis dahin wegen Steuerhinterziehung verhängt worden war. Er hatte den Staat um mindestens 345 Millionen DM (nach heutigem Wert weit über 400 Mio. Euro) betrogen.

5. Nachklang und Erbe

Nach neun Jahren Haft wurde Goldbach vorzeitig entlassen und lebte bis zu seinem Tod im Jahr 2004 zurückgezogen.

Verschollene Millionen: Ein Großteil des hinterzogenen Geldes blieb bis heute unauffindbar. Suchaktionen (selbst ein 2010 entdeckter Geheimtresor in seinem ehemaligen Wohnhaus) blieben erfolglos.

Folgen für den Sport: Mit dem Fall Goldbach endete die Glanzzeit von Westfalia Herne abrupt. Der Verein musste aus der 2. Bundesliga zurückziehen und stürzte in eine tiefe Identitäts- und Finanzkrise.

Für Herne und Wanne-Eickel bleibt Erhard Goldbach eine ambivalente Figur: Einerseits der kriminelle Millionenbetrüger, andererseits der charismatische Macher, der seiner Heimatstadt für einen kurzen Moment den Glanz der großen Fußballwelt bescherte.

Familie

Goldbach war mit Erika Pallhuber (* Antholz-Mittertal, Bozen, Trentino-Alto Adige, Italien; † Friedberg, Hessen) verheiratet.


Wolfgang Berke

Der „Ölkönig“ fand seinen Prozess zum Kotzen

Als was wurde er nicht alles gefeiert: als einer der erfolgreichsten Unternehmer Wanne-Eickels, als Ölkönig, als Robin Hood der Freien Tankstellen, als Fußball- Mäzen, als treffsicherer Großwildjäger. Erhard Goldbach gab 28 Jahre lang den Strahlemann und Hansdampf in allen Gassen, bis 1979 sein Imperium mit heftigem Getöse zusammenstürzte.

1951 begann er als 23-Jähriger in Wanne-Eickel mit einem Kohlenhandel. 1956 stieg er um auf Benzin, baute an der Heerstraße seine erste Tankstelle und ließ weitere folgen. Gegen Ende der 1970er Jahre hatte er über 200 Stationen unter seiner Goldin-Flagge, mehrere Autohäuser, Baufirmen und ein Mineralölwerk. Das Einzige, was ihm noch fehlte zu seinem unternehmerischen Glück, war ein eigenes Bordell, das er allen Ernstes an der Heerstraße bauen wollte – aber das ist eine andere Geschichte.

1973, lange bevor in Deutschland das Wort „Entsorgung“ überhaupt erfunden wurde, gründete er seine Gesellschaft für Umweltschutz, ließ altes Öl und Schmierstoffe ankarren, um sie zu vernichten oder wieder zu verwerten. Zm Beispiel so, dass er den Abfall in sein ursprünglich blitzsauberes Benzin mixte, bis dieses gerade noch die gesetzlich geforderte Oktanzahl hatte. Oder auch nicht. Manch Autofahrer schwört heute noch, dass der vorzeitige Exitus seines Motors auf das „gute“ Goldin zurückzuführen war.

Mindestens 145 Millionen Mark Steuern soll er zudem noch hinterzogen haben, es werden wohl ein paar Millionen mehr gewesen sein. Dabei arbeitete er mit derart simplen Taschenspielertricks, dass die Steuerfahnder eigentlich rote Ohren hätten bekommen müssen. Um einige weitere Millionen zockte er einen blinden Geschäftspartner ab. 1979 flog er auf und türmte mit seiner Geliebten, bevor seine Häscher zugreifen konnten. Trotz Vollbart und abenteuerlicher Maskerade wurde er 200 Tage später aber erkannt und gefasst.

Vor Gericht entwickelte Goldbach völlig neue Qualitäten: Er erbrach sich täglich und kam schließlich mit einem Eimer zur Verhandlung. Allerdings reichte das nicht zur Prozess- oder Haftunfähigkeit, zumal er das Unwohlsein durch übermäßigen Verzehr von Gänseschmalz und Kartoffelsalat mutwillig provozierte. Der Ölkönig wurde zu 12 Jahren verurteilt, saß neun davon ab und lebt seit 1988 wieder in Wanne-Eickel. Die Mutmaßungen der Staatsanwaltschaft, dass Goldbach einen Teil seiner Millionen in die Schweiz gebracht hätte, konnten nie bewiesen werden.


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors [1]
Der Text wurde für das Wiki redaktionell bearbeitet. Er stammt aus dem Jahr 2002

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Quellen und Literatur

WDR-Dokumentation „Der große Benzinbetrug“. https://www.youtube.com/watch?v=4BhFUYBMpvg Dokumentation über den Ölkönig Erhard Goldbach Dieser Film beleuchtet den Aufstieg und Fall von Erhard Goldbach sowie das Schicksal der Goldin-Tankstellen im Detail.

Erhard Goldbach (1928–2004) – Der „Ölkönig von Wanne“