Die Strünkeder Schloßkapelle - Reiners 1934

Die Strünkeder Schlosskapelle[1]
Das älteste erhaltene Bauwerk Hernes.— Wahrscheinlich aus dem Jahre 1272.— Kleinod gotischer Baukunst. Ihr Jetziger Zustand unhaltbar.
Die Dionysiuskirche auf dem Alten Markt, die in der Zeit von 1100-1150 entstanden sein muss, ist bis auf die jetzt wieder ausgegrabenen Fundamente verschwunden. Mancher hat in diesen Tagen seinem Bedauern über die Verständnislosigkeit für kulturelle und historische Werte, die den Abbruch vor 60 Jahren zuließ, Ausdruck gegeben, ohne zu wissen, dass uns doch ein kleiner Trost geblieben ist. Dieser Trost ist die Strünkeder Schlosskapelle. Jeder kennt dieses Backsteingebäude an der Schloss Straße, aber niemand ahnt, wenn er die verunstaltete Straßenseite sieht, dass es sich um ein sehr altes, wahrscheinlich aus dem 13. Jahrhundert stammendes Bauwerk handelt. Es ist also wichtig genug, endlich einmal dieser „Kirchenscheune" stärkere Beachtung zu schenken. Betrachten wir zunächst das Äußere.
Die Kirche, ein einschiffiger Bau, der mit Chor 16,68 Meter lang und 7 Meter breit ist, steht etwas schräg zur Schloss Straße (die früher nur der Zugangsweg zum Schloss war) und ist aus Backstein in gotischem Stil erbaut (im Gegensatz zur Dionysiuskirche, die romanisch und aus Bruchstein errichtet war). Die beiden Spitzenbogenfenster und zwei Chorfenster sind zugemauert, die beiden Strebepfeiler der Straßenseite in roher Weise weggeschlagen (siehe Abbildung). An dem Chor vor dem zugemauerten Fenster ist ein steinerner Anbau (Hundestall) zu sehen Ist so die Ansicht von der Straße aus stark abschreckend, so ändert sich das Bild wesentlich, wenn man sich die Kirche von der Gartenseite besieht. (Das ist leider nur mit besonderer Genehmigung gestattet, denn die Kirche ist in den Garten der Villa einbezogen, die früher von Frau v. Forell bewohnt wurde und die gegenwärtig Bergassessor Hilgenstock innehat.) Nähert man sich der Kirche von der Gartenseite, so ist man überrascht und entzückt zugleich. Zwar verdecken Weinlaub und Grün etwas die Bauformen, zwar ist auch der Zustand des Baues erschreckend schlecht, verunstaltet und verwittert, aber es ist doch zu erkennen, dass ein Kleinod gotischer Baukunst vor dem Beschauer steht. Wir haben mit Hilfe einer Zeichnung, die vor rd. 30 Jahren für die „Kunstdenkmäler Westfalens“ angefertigt wurde, versucht, dem Leser etwas von diesem starken Eindruck zu vermitteln. Man sieht zunächst, dass die schönen Strebepfeiler auf dieser Chorseite noch erhalten sind und dass sie aus zwei Absätzen bestehen, die oben pultdachartig mit eingefügten Sandsteinplatten, die übrigens die Farbe ehrwürdigen Alters haben, abgedeckt sind. Auch das herrliche gotische Maßwerk der Fenster, das aus Sandstein gehauen ist, ist teilweise noch da. Ein Sandsteinband, das in das Backsteinwerk eingefügt ist, läuft waagerecht - allerdings heute sehr stark mit Lücken durchsetzt - um das Chor herum bis um den letzten Strebepfeiler (auch auf der Straßenseite ist es noch vorhanden und man kann am Ende der Gartenmauer noch ein Stück davon sehen). Vorher umrahmt es einen spitzbogigen Türeingang, der auf der Zeichnung fast ganz vermauert, heute aber wieder offen ist. Vom letzten Strebepfeiler bis zum Ende der Längswand sind noch mehrere Spitzbogenfenster angedeutet. Hier ist die Zeichnung aber nicht ganz richtig. Die Fenster sind noch offen, und man kann deutlich erkennen, dass zuerst ein großes Spitzbogenfenster (s. die obere Linie) da war, dass später verkleinert wurde. Die zwei kleinen Fensterchen daneben entsprechen den beiden, die auf der anderen Seite des Strebepfeilers sich befinden. Eins von diesen hat noch ganz alte Sandsteinumrahmung mit Dreipassmuster, was auf Frühgotik hinweist, die anderen Fenster haben gemauerte Spitzbogen. In ursprünglicher Form erhaltenes Maßwerk hat nur noch das einzige nicht ganz vermauerte Chorfenster an der Gartenseite.


Überraschend ist auch die Giebelseite. Sie hat im Gegensatz zu der seinen mit behauenem Sandstein geschmückten Backsteingotik der Chor= und Längswandpartie nicht ein einziges gotisches Bauelement. Die drei rundbogigen Blendfenster unten und das einzelne gleichartige darüber sind ebenso wie der eckige Giebelabschluss und die mit einem Sandsteinbalken gedeckte viereckige Türöffnung, die heute bis auf eine Hühnerklappe zugemauert ist, stilistische Fremdkörper. Der Verwitterungscharakter des Backsteins, der dem der sonstigen Gartenseite entspricht, lässt aber erkennen, dass es sich nicht um jüngere Gebäudeteile handeln kann, vielmehr macht gerade die Giebel= und Gartenseite den Eindruck allerhöchsten Alters. In dem obersten Blendfenster der Giebelseite war früher ein kleines, sandsteinumrahmtes Fenster, das jetzt zugemauert ist. Etwas höher sind links und rechts ein mehreckiger und ein rechteckiger durchlöcherter Sandsteinblock eingelassen. Sehr schön und alt ist auch der um das Gebäude herumlaufende, aus Sandstein profilierte Tragbalken des Daches.
Über das Innere der Kirche soll später gesprochen werden. Die äußere Bauform genügt, um die Frage nach
Geschichte des Baues
in den Vordergrund zu drängen. Diese Geschichte muss sich zunächst darauf stützen, was wir von einer Strünkeder Schlosskirche überhaupt wissen. Wertvolle Quelle dafür war das Archiv des Hauses Strünkede, von dem leider nichts mehr vorhanden ist, das aber von Steinen um die Mitte des 18. Jahrhunderts noch eingehend durcharbeiten konnte, wobei ihm die fleißigen familiengeschichtlichen Studien des damaligen Besitzers von Haus Strünkede, des Freiherrn Conrad vom Hause Dorneburg, der 1753 starb, eine wichtige Stütze waren. In diesem Archiv hat nun von Steinen festgestellt, dass „im Jahre 1272 Herr Bernd v. Strünkede neben seinem Schloss, zu seiner und seiner Burgmänner, auch ihrer Angehörigen Gebrauch eine Kapelle gestiftet und mit Renthen versehen“ hat. Danach ist also schon 1272, d. h. vor 662 Jahren, eine Kapelle nicht wie oft üblich im Schloss, sondern neben dem Schloss entstanden. Nun ist natürlich die entscheidende Frage, ob die jetzige Kirche dieselbe ist wie die 1272 errichtete. Darüber soll aber erst nach Abschluss der Schilderung der Geschichte der Strünkeder Schlosskirche gesprochen werden.
Zunächst etwas über jenen
Bernd von Strünkede, der 1272 eine Kapelle stiftete
und mit Renten versah. Er spielte zu jener Zeit eine wichtige Rolle, denn er erscheint 1270 als Zeuge, als Graf Diederich von Cleve der Stadt Wesel Freiheiten gab, 1284 und 1287 soll er Zeuge gewesen sein in Briefen, die dem Kloster Starckerad von Graf Diederich von Cleve gegeben wurden (Hinsen will diese Briefe 1687 selbst gelesen haben), 1280 siegelte er mit anderen Verwandten einen Vertrag, mit dem Gottfried, Herr von Gehmen, sein Schloss und seine Güter zu Gehmen dem Grafen von Cleve als Lehen übertrug, 1290 erscheint er als Zeuge in einem Freiheitsbriefe, den der Graf von Cleve der Stadt Duisburg gegeben hat. Bernd von Strünkede scheint auch über aus wohlhabend gewesen zu sein, denn er hat 1275 der Pastorei zu Mengede den dortigen Osthof geschenkt. In der Urkunde darüber, die zu v. Steinens Zeiten in Scheda vorhanden war, führt Bernd v. Strünkede den Titel Eques Auratus, der „goldgeschmückte Ritter“. Es ist also nicht verwunderlich, dass ein so hochvermögender Mann bei seiner Burg nicht nur eine Kapelle bauen ließ, sondern diese Kapelle auch schön, schmuckvoll und nach dem „modernsten“, Stande der damaligen Baukunst ausgestalten ließ. Seine starken Beziehungen zum Niederrhein dürften bei der Verwendung des Backsteins und der von Frankreich herübergekommenen gotischen Bauform mitgewirkt haben.
Das Baujahr 1272 fällt in eine Zeit, wo die romanische Bauform in Deutschland durch die gotische abgelöst wurde.
In Nordfrankreich kamen die Anfänge der Gotik schon in der Mitte des 11. Jahrhunderts auf, setzten sich aber erst im 12. selbständig durch, in Deutschland erscheint die Gotik erst im zweiten Drittel des 13. Jahrhunderts. (Das gotische Langhaus des Freiburger Münsters stammt z. B. aus dem Jahre 1240, 1235-83 entstand die frühgotische St. Elisabethkirche in Marburg, im 2. Drittel des 13. Jahrhunderts die Liebfrauenkirche in Trier, 1250-1275 das Langhaus des Straßburger Münsters.) Im Jahre 1272 ist also ein gut entwickeltes gotisches Bauwerk auf Strünkede durchaus nicht unmöglich, wenn man die weitreichende Bedeutung der Strünkeder Ritter berücksichtigt.
Die Strünkeder Kirche war indes zunächst nur eine Hauskapelle. Ob darin nur Andachten abgehalten oder auch hl. Messen gelesen wurden, ist nicht genau zu sagen, jedenfalls durften nicht die hl. Sakramente (Beichte, hl. Kommunion, Taufe) ausgeteilt werden. Diese Erlaubnis wurde erst
Im Jahre 1395
erwirkt. Wieder war es ein Bernd von Strünkede, der hier handelnd in die Erscheinung trat. Er bat den Erzbischof von Köln. Friedrich von Saarwerden (1370 bis 1414), zu gestatten, dass in der Strünkeder Kapelle auch die Sakramente ausgeteilt werden dürften. (Damit war dann wohl die ständige Aufbewahrung des Allerheiligsten in der Kapelle verbunden.) Begründet wurde das Gesuch damit, dass das Schloss und Flecken (Castrum er Suburbium stand nach v. Steinen im Originalbrief, was beweist, dass zu der Burg ein relativ großer Wohnbezirk von Burgmannen, Knechten und anderem Personal gehörte) „fast weit von ihren Kirchspielskirchen, Castrop und Herne, gelegen seien und die Einwohner des Schlosses und Fleckens, derer sehr viel waren, nicht ohne Lebensgefahr bei den damaligen kriegerischen Zeiten zu ihren Kirchspielskirchen kommen könnten". Der Erzbischof gab dem Offizial Johan Hirtz, „beyder Rechten Doktor“, zu Cöln auf, die Sache zu untersuchen. Dieser wieder gab dem Pastor zu Linn (bei Krefeld), Diederich Stenraede, der des „Cölnischen Bischoftumes und des Cölnischen Hofes Prokurator“ war, den Befehl, sich nach Strünkede zu verfügen, „von der Sachen Beschaffenheit genaue Nachricht einzuziehen" und darüber zu berichten. „Wie nun dieser solchem Befehl gelebte(=nachkam), des Herrn von Strünkede Angeben gegründet funde, und solches dem Erzbischof anzeigete, hat dieser mit Willen der Pastoren zu Castrop und Herne den 5. Januarius 1395 dem Suchen des Herrn v. Strünckede Platz gegeben, und obgedachter maßen erlaubet, daß auch in der Kapellen der ordentliche Gottesdienst, mit Austeilung der Sakramenten geschehen möchte.“ Die seelsorgliche Betreuung der Strünkeder Kapelle hatte der Vikar der Herner Kirche, der ständig zugleich Hauskaplan von Strünkede war und von den Strünkedern als Patron bestellt wurde.
Ein neuer Abschnitt begann für die Schlosskirche rd. 180 Jahre später mit dem
Einzug der Reformation.
1561 fing der bis dahin katholische Pastor von Herne Crafft Messing an zu reformieren, er predigte „gegen die römischen Irrlehren“, führte Luthers Katechismus ein und heiratete. In der Folgezeit wurde zwar mehrfach versucht, katholische Geistliche nach Herne zu bringen und die Reformation rückgängig zu machen, aber Göddert von Strünkede († 1584) und sein Sohn Jobst, der „gelehrte" Jobst († 1602) sorgten dafür, dass die Reformation endgültig siegte. Der Herner lutherische Viker war auch weiterhin zugleich Pastor von Strünkede.[2])
Die Schloßkapelle war damit eine Stätte des lutherischen Gottesdienstes geworden. Das ewige Licht erlosch und die kirchlichen Paramente und Meßopfergeräte wurden überflüssig. Bald ist der Gottesdienst für viele Jahrzehnte überhaupt nicht mehr in der Schlosskapelle abgehalten worden. Pfarrer Friedrich Victor zu Crange, der zugleich Vikar in Herne war, berichtet nämlich am 24. Mai 1666, dass „schon zur Zeit des seit über 60 Jahren verstorbenen Jobst von Strünkede (es handelt sich um den 1602 verstorbenen „gelehrten" Jobst) in einem bequemen, großen Saale des Hauses Strünkede ununterbrochen bis jetzt gepredigt worden" sei. Danach wäre der lutherische Gottesdienst im Schloss selbst abgehalten worden. Zu des „gelehrten" Jobst Zeiten aber wurde das Schloss neu gebaut, weshalb es wiederum unwahrscheinlich klingt, dass man, wenigstens unter ihm, statt der Kapelle einen Schloss Saal benutzt hat. Für die Zeit nach ihm dürfte es jedoch stimmen, denn 20 Jahre nachdem der Pfarrer Victor sich also geäußert hatte, trat eine neue Wandlung auf Strünkede ein.
Im Jahre 1686 wurde die Kapelle eine reformierte Kirche.
Eingeführt wurde der reformierte Gottesdienst von der Witwe des 1681 verstorbenen Freiherrn Gottfried v. Strünkede, der den Westflügel des Schlosses erbaut hat. Diese Witwe, Sybilla Gertrud von der Reck zu Horst, war der reformierten Lehre zugetan, ließ ihre Kinder darin erziehen und richtete auch in der Kapelle reformierten Gottesdienst ein. Das geschah am 1. Januar 1686 durch den reformierten Prediger Johann Friedrich Hoffmann aus Essen. Darüber berichtet das Strünkeder Kirchenbuch folgendes:
„Anno 1686 den 1. Januar ist durch Gottes gnädige Regierung, aus sonderbarem gottseligen Trieb und Eiser der Hochwohlgebornen gnädigen Freifrau Sybillen Gerkrud, damaligen verwittibte Frey- und GerichtsFrauen von und zu Strünkede die Kirch- oder HausCapell daselbsten wiederum zu der Ehre Gottes geheiligt, zur Verrichtung des Gottesdienstes eingeräumt und von Sr. Wohlehrwürden Herrn Hoffmann, reformirten Pastoren in Essen, mit Beten und Singen und mit einer Predigt über Johannes 10 Vers 22—29 inaugurirt worden.“
Dieser Bericht stimmt mit der Äußerung des Pfarrers Victor überein, denn durch die bisherige Benutzung des Schloss Saales zum Gottesdienst erklärt sich die Wiedereinräumung und Neuheiligung der Schlosskapelle.
Von jetzt ab hatte die Strünkeder Kirche eigene Prediger, deren Wohnhaus am jetzigen Alten Markt lag bzw. noch heute liegt. Die Personalunion der Vikarstelle von Herne mit der Pastorenstelle in Strünkede hörte auf, es blieb aber noch lange dem Vikar von Herne die Pastoratstelle in Crange bzw. umgekehrt dem Pastor in Crange die Vikarstelle in Herne. Die ersten reformierten Prediger holten sich die Strünkeder aus dem Lande Zwinglis und Kalvins, aus Basel. Der erste war Johann Jakob Schrotberg, der am 1. September 1686 sein Amt antrat. Die ersten Prediger waren aber nicht lange hier, weil die Stelle sehr schlecht bezahlt wurde. Schließlich (1806) wurde die reformierte Pfarrstelle von Strünkede mit der gleichfalls nur gering dotierten reformierten Predigerstelle in Castrop vereinigt. Der neue Prediger, der seit 1803 in Castrop war, hieß Küper. Er war nach dem Vereinigungsvertrag nur verpflichtet, jeden Sonntag Nachmittag, einmal im Monat aber vormittags, in Strünkede zu predigen. Während der Sommermonate Juli und August sowie während der Wintermonate November bis Februar brauchte er nur alle 14 Tage in Strünkede zu predigen. Im Anschluss an den Nachmittagsgottesdienst war Katechesanten=Unterricht zu halten.
Dieser Zustand war aber nicht von langer Dauer. Als Küper 1821 starb, erstrebte Hauptmann v. Forell, der mittlerweile in den Besitz des Hauses Strünkede gekommen war, eine Loslösung von Castrop und
Vereinigung mit der lutherischen Gemeinde zu Herne
Im Jahre 1826 kam ein Vertrag zustande, wonach das Strünkeder Pfarrgehalt geteilt wurde. Die eine Hälfte sollte der Castroper reformierte Prediger behalten, bis dort die Vereinigung der reformierten und lutherischen Gemeinde zustande kam, die andere Hälfte sollte der Herner Pastor bekommen, der dafür die Strünkeder Pfarrstelle mit verwalten sollte. Am 29. April 1 845 kam die endgültige Vereinigung der lutherischen und reformierten Gemeinde in Herne bzw. Strünkede zustande. Damit hatte die Schlosskapelle ausgedient.
Nach diesem Gang durch die religiöse Geschichte des Bauwerkes wenden wir uns wieder ihm selbst zu. Neben gottesdienstlichen Zwecken diente es den Strünkedern als
Begräbnisstätte.
Wir wissen, dass 1529 der „dolle" Jobst, der von seinem Schmied erschlagen wurde, in der Schlosskapelle beigesetzt wurde. Ebenso sein Vater Reinert, der nach ungebärdigen Streichen in seiner eigenen Burg gefangen gehalten wurde und im Alter von 90 Jahren 1535 starb. Der „dolle" Jobst hatte in der Schlosskapelle auch einen Grabstein. Darüber schreibt der reformierte Prediger Voget im Strünkede Kirchenbuche:
Wie die Kirche zu Strünkede 1785 den 12. September angefangen zu repariren, neu Dach, Boden, Fenster, wir auch den Fußboden vor der Kanzel aufnahmen, da fand sich ein sehr langer dicker Leichenstein, darauf geschrieben stund in alten Buchstaben, so nachschreiben lassen, Folgendes:„1529 Ist Jost von Strünkede begraben an den 21. dach in den Meimont dem Gott genadiche in awe (od. Ewigkeit). Amen.“
Die Kirche ist also zweifellos als Begräbnisstätte der Strünkeder benutzt worden und zwar bis in die 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts. Die erste, die nach den Nachrichten in Herne beigesetzt wurde, war Jobsts Witwe Margareta v. Asbeck († 1587).[3]) [4]
Unter dem „gelehrten" Jobst ist um 1602 wahrscheinlich der Strünkeder Keller gebaut worden. Es fragt sich nun, ob auch unter der Schlosskirche ein Begräbniskeller ist. Wenn man den Boden betrachtet, sieht es wohl so aus, als befinde sich ein solcher unter dem Chore. Dransfeld hält es für selbstverständlich, dass eine Gruft da war, denn er meint, der Strünkeder Keller in der Herner Kirche sei erst gebaut worden, als „die Gruft in der Kirche zu Strünkede die Familienmitglieder nicht mehr fasste".
Ist es die Kapelle von 1272?
An dieser Stelle kann nun etwas darüber gesagt werden, ob die jetzige Kapelle dieselbe ist, die 1272 gebaut wurde. Wir glauben nach Würdigung aller Umstände die Frage bejahen zu können. Das Vorhandensein einer Kapelle neben dem Schloss wird belegt 1272 (Stiftung), 1395 (Gewährung Pfarrkirchlicher Rechte), 1529 (Begräbnis des „dollen" Jobst), 1535 (Begräbnis des Reinert von Strünkede), 1573 (erster lutherischer Prediger für die Schlosskapelle) usf. Seit 1272 ist also, man darf kühn behaupten: ununterbrochen eine Schlosskapelle dagewesen. Der Baustil widerspricht, wie wir zeigten, nicht der Zeit von 1272. Auch wer den Alterszustand des Baues, der an mittelalterliche Backsteinruinen erinnert, und des Sandsteins an Ort und Stelle auf sich wirken lässt, muss zu der Überzeugung kommen, dass man in der Datierung nicht bloß etwa auf das 15., sondern sogar auf das 13. Jahrhundert zurückgehen kkann. (an darf sich dabei nicht von dem Eindruck leiten lassen, den das Gebäude von der Straße aus macht.)
Der Verfall der Kapelle
Aus der Eintragung des Predigers Voget aus dem Jahre 1785 geht hervor, dass damals die Schlosskapelle sehr schadhaft geworden war.
Man hat sie repariert, ein neues Dach darauf gesetzt, Boden und Fenster erneuert und den Fußboden, der doch wohl aus Steinplatten bestand, ausgenommen.
Die damaligen Reparaturen scheinen aber nur unzulängliche Abhilfe geschaffen zu haben, denn 1790 wandte sich die reformierte Gemeinde - sie war sehr klein und arm, sie zahlte 1845 9 Familien; auch die Schloss Herrschaft, damals v. Pallandt=Osterveen. war bis zum Konkursverfahren verarmt - an die Kgl. Regierung in Cleve mit der Bitte, ihr die Abhaltung einer Kollekte für das Gotteshaus zu gestatten. Aber sie wurde mit Rücksicht auf die vielen damals stattfindenden Kollekten abschlägig beschieden. Ebenso erfolglos war die Wiederholung der Bitte im Jahre darauf. Sehr bemerkenswert ist in dem Bittschreiben an die Regierung die Schilderung des Zustandes, in dem sich die Kirche befand. Es heißt:
Unser Kirchturm wird einstürzen, wenn er nicht durch schleunige Reparation gebessert wird. Die Orgel ist bereits durch den im vorigen Winter durch den Turm gestürzten Regen verdorden und durch die Tauben und sonstiges Gevögel wird die Kirche dergestalt verunreinigt, daß kein Mensch mehr sitzen kann“ Aus dieser Stelle geht hervor, dass die Schlosskapelle früher einen Kirchturm, eine Orgel und Sitzbänke besaß. Aus dem Zitat des Predigers Voget ist zu entnehmen, dass auch eine Kanzel vorhanden war.
Wo aber stand der Kirchturm?
Wenn man sich die Orgel wie üblich auf einer Empore denkt und dann liest, dass sie durch den durch den Turm gestürzten Regen verdorben wurde, so muss man annehmen, dass es sich um einen Dachreiter gehandelt hat, der sich an der Giebelseite erhob. Das stimmt auch damit überein, dass der Gemeinde auf ihre Kollekteneingaben hin die Erlaubnis gegeben wurde, den Turm abzubrechen und mit dem Material desselben die notwendigen Reparaturen vorzunehmen. Da zu diesen Reparaturen wohl weniger Backsteine als Holz und Dachbedeckung notwendig waren, dürfte die Erklärung des Kirchturmes als Dachreiter wohl zutreffend sein. Wann aber wurde der Turm abgebrochen? Nicht sogleich nach 1790. Er stand vielmehr noch im Jahre 1800. Im November dieses Jahres ließ nämlich die Freifrau von Pallandt
die Glocke
aus der Kirche wegnehmen und als Alarm- und Hausglocke für die Benachrichtigung des Gesindes im Schloß über dem Zimmer ihres „Hausinformators“ aufhängen unter dem Vorwand, sie wolle den Turm reparieren lassen. Als dies am nächsten Sonntag bekannt wurde, gingen der Lehrer Balz, der im Dorf Herne wohnte, und zwei Glieder des Kirchenvorstandes in das Schloss, stiegen auf den Söller und holten in aller Stille die Glocke von dort wieder weg, um sie an ihren alten Platz zu hängen. Frau v. Pallandt beklagte sich über diese Rebellion und tumultuarische Gewalttätigkeit, wie sie das Vorgehen der Drei auffasste, bei dem Gericht zu Strünkede, aber ehe sie eine Entscheidung hatte, schickte der Kirchenvorstand eine Klageschrift an die Kgl. Regierung zu Cleve. in der Frau v. Pallandt des Eingriffs in das Eigentum der Kirchengemeinde - sie bestritten, dass die Schlossherrin, trotzdem sie Patronin der Kirche sei, ein persönliches Eigentumsrecht an der Kirche habe - beschuldigt wurde. In dieser Schrift wurde auch Klage darüber geführt, dass Frau v. Pallandt schon früher die Steine und Steinplatten [5], welche den früh zum Gottesdienst kommenden auswärtigen Gemeindemitgliedern zu Ausruh=Sitzen dienten, habe wegnehmen und verkaufen lassen. Der Streit zwischen Kirchengemeinde und Schlossherrin wurde vor dem Gericht von Strünkede in Bochum verhandelt, der von der Regierung gewünschte Vergleich kam aber nicht zustande, darauf erging von der Kgl. Preuß. Cleve=Märk. Landesregierung zu Emmerich unterm 27. März 1802 der Entscheid, dass „beiden Teilen ihre Factualitäten ernstlich verwiesen werden, was aber die Glocke betrifft, selbige an dem alten gewöhnlichen Orte, mithin in der Kirche verbleiben müßte".
Bis 1802 hat demnach der Kirchturm gestanden, wann er verschwand, ist nicht festzustellen.
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Quellen
- ↑ Leo Reienrs: Herner Anzeiger vom 13. Oktober 1934.https://zeitpunkt.nrw
- ↑ Anmerkung Reiners 1934: Als erster lutherischer Vikar und Hausprediger von Strünkede wurde durch Göddert im Jahre 1573 Philipp von Virmund, Herr zu Bladenhorst, berufen, der auch dort die lutherische Lehre eingeführt hatte und scheinbar gar kein Theologe war. Er starb 1584. Seine Tochter Anna Maria heiratete den „gelehrten" Jobst, starb aber beim ersten Kind.
- ↑ Anmerkung Reiners 1934: Nach v. Steinen hatte der 1389, also vor Gewährung pfarrkirchlicher Rechte an die Schlosskapelle, verstorbene bedeutende Strünkeder Ritter Heinrich in Herne ein Grabmal mit der Inschrift:
- Dusend drehunder
- Tachentigh 9. befunder.
- Die Doit nam bitter
- Henrich van Strünckede Ritter.
- Up Dagh Marten
- Vor Mitwinter benedyen.
- ↑ Anmerkung der Redaktion 2026: Tausend dreihundert
Achtundachtzig, [wie ich] befand. (Steht historisch für tachtentigh (achtzig) bzw. mit der Zahl 9 kombiniert vermutlich für ein konkretes Jahr um 1388–1389.)
Der Tod nahm gefangen (bitter = veralteter niederdeutscher Begriff für ergreifen, festnehmen / gefangennehmen)
Ritter Heinrich von Strünckede.
Am Martinstag (Am St.-Martins-Tag (11. November))
Vor der gesegneten Midwinterzeit. (benedyen = lat. benedictio, gesegnet/gebenezeit) - ↑ Anmerkung Reiners 1934: Sie dürften keine Grabsteine gewesen sein, denn ein Friedhof bestand bei der Kapelle nicht. Die toten Gemeindemitglieder von Strünkede wurden in Herne neben der Dionysiuskirche beerdigt. Als die Strünkeder reformiert geworden waren, gab es deshalb öfter bösen Streit. So wurde schon im ersten Jahre 1686 dem reformierten Prediger Schrotberg bei der Beerdigung eines Gemeindemitgliedes verwehrt, in der Herner Kirche die Leichenpredigt zu halten. Später ist dieses Verhältnis jedoch besser geworden, es wird öfter ausdrücklich hervorgehoben, dass auch Lutherische an der Leichenfeier teilgenommen hätten.
